
➺ 8.✍︎
𝓜𝙰𝚉𝙴𝚁𝙾𝙽
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„🄾h, oh, erklär ihr das mit den Energien zuerst!"
„Ich habe meinen Unterricht bereits strukturiert und bitte um Ruhe."
Pikiert richtete der Bär in Weste mit einer Kralle sein Monokel, bemüht, sich nicht von der übereifrigen Schneiderfee aus dem Konzept bringen zu lassen, die an der Seite saß und ihre zweite Geige etwas zu laut spielte.
Ich saß in der Bibliothek, bereit für meinen ersten Unterricht als angehende Hüterin. Heute auf dem Stundenplan: Fiktion bei Ozias und später Verteidigung mit Atticus. Obwohl ich mir sicher war, es würde wie immer eine Verteidigung gegen Atticus werden. In vielerlei Hinsicht.
Für's Erste war allerdings der Bibliothekar an der Reihe, mir etwas beizubringen und wider seinem Vergnügen hatte sich prompt die neugierige Schneiderfee hinzugesellt. Sie hatte zwar beteuert, sich nicht einzumischen und die stille Beobachterin zu figurieren, doch schon nach wenigen Minuten hatte sie ihr Wort gebrochen. Nicht, dass ich von ihr etwas anderes erwartet hätte. Evelle und stille Beobachterin? Ein Widerspruch in sich.
Die Schneiderfee griff schmollend in eine Tüte Gummibärchen, nachdem Ozias ihr Zwischenfunken unterbunden hatte, und stopfte sich eine Handvoll in den Mund.
„Also, zu Beginn ist es wichtig, dass du verstehst, dass ein jedes Lebewesen und jeden Gegenstand Energie durchfließt", eröffnete Ozias seinen Unterricht und handelte sich sogleich wieder einen Kommentar unserer 'stillen Beobachterin' ein.
„Nun tust du es ja doch!", nuschelte sie laut hinter ihrem mit zuckriger Gelatine gefüllten Mund hervor und ließ Ozzy das Maul zu einer angestrengten Linie zusammenpressen.
„Ich habe nie behauptet, ich würde es nicht tun! So lasse mich doch einfach machen."
Mit geweiteten Augen und erhobenen Brauen zog sie eine Schnute, leistete dem Bären jedoch zunächst Folge. Ich schmunzelte bei ihrem Geplänkel, war nur froh, dass ich Ozias hatte ausreden können, mich ständig in der Höflichkeitsform anzureden.
„So, wo war ich... ach ja, Energie. Alles und jeden durchfließt Energie", sammelte sich der Bär und machte weiter, wo er aufgehört hatte, „und ganz wichtig: Jede Welt besitzt ihre spezifische Energiespur. Auch die Realität. Quasi eine bestimmte Form von Energie, an die alle Objekte und Lebewesen jener Welt angepasst sind. An dieser Energiespur kann man erkennen, zu welcher Welt jemand oder etwas gehört."
Ich versuchte, ihm zu folgen und bedeutete ihm durch ein Nicken mein aktives Zuhören.
„Aber nicht nur die Zugehörigkeit zu einer Welt wird durch die innere Energiespur festgelegt, sondern auch die Existenz", fuhr er fort und legte einen bedeutungsvollen Unterton in seine Stimme. Eine kunstvolle Pause folgte.
„Die Existenz? Inwiefern?", hakte ich nach und konnte an Ozias' zufriedenem Gesicht sehen, dass er genau diese Nachfrage hatte provozieren wollen.
„Insofern, dass etwas nur fortlaufend existieren kann, wenn die innere Energiespur mit der äußeren — also der Spur der umgebenden Welt — übereinstimmt. Denn nur dann kann die Energie die Materie durchfließen. Sind die Energiespuren nicht identisch, ist etwas in einer Welt gelandet, in die es nicht gehört, stoppt der Fluss. Die Materie muss so lange von ihren Reserven zehren, bis die Energiereserve aufgebraucht ist", erörterte er und malte mir zur Hilfe ein Bild: „Stell es dir wie dein Handy vor. Um es zu laden, braucht es einen bestimmten Typ Kabel, damit du es mit dem Strom verbinden kannst. Passt das verfügbare Kabel nicht in dein Handy, kommt der Strom nicht an und es muss von dem Rest leben, den sein Akku noch hergibt. Ist der Akku leer, schaltet es ab."
Ich glaubte, bisher alles verstanden zu haben. Auch ohne den Vergleich zu meinem Handy, aber ich ließ ihm das nette Sinnbild.
„Ist das außerhalb unseres Vergleichs der Fall, ist also die Energiereserve — wie wir den 'Akku' eines Objektes oder Lebewesens nennen — aufgebraucht und die umgebende Energie kann das Objekt oder Lebewesen nicht durchfließen, beginnt ein Prozess, der sich Vergängnis nennt. Der Fluss der Energie ist es nämlich, der Materie zusammenhält. Ohne Reserve oder Energiefluss vergeht der Körper. Die Materie löst sich auf, da sie nicht länger als Gefüge existieren kann."
Nun nahm ich mir einen Moment, um mir darüber klar zu werden, was das für meine heimlichen Pläne, den Ring der Macht, ein magisches Tierwesen oder ein Drachenei zu entführen, bedeutete.
„Wenn ich also etwas aus den Büchern in die Realität bringen würde — rein theoretisch — würde es sich irgendwann einfach... auflösen?", schloss ich aus seinen Erklärungen um die Energie, weniger begeistert über den Umstand, dass ich offenbar nicht das kleinste Souvenir mitbringen konnte.
„Ganz recht. Aber genau so steht es auch um dich selbst. Daher kommt ein zu langer Aufenthalt in der Fiktion dem Tode gleich, wenn nicht regelmäßig in die Realität zurückgekehrt wird."
In meinem Kopf ratterte es. Es musste doch einen Weg geben, sich eine nette Kleinigkeit aus der Fiktion zu stibitzen.
„Und wenn man die innere Spur irgendwie anpasst?"
Der Bibliothekar zögerte, meinte dann jedoch: „Sagen wir es so, in der Geschichte des Ordens gab es einst eine Familie, die dazu in der Lage war, doch das liegt weit in der Vergangenheit."
„Die Gründer?", schoss es aus mir heraus, da ich mich erinnerte, dass Silvius diesen beiden Hütergeschlechtern indirekt große Macht zugeschrieben hatte. Wenn noch weitere solcher Fähigkeiten hinzukämen, verstand ich langsam, warum sie für den dunklen Phantasten — sollte dieses filmepische Böse tatsächlich existieren — die größte Bedrohung darstellten. Gerade viel wichtiger für mich: es hieße, mein Souvenir rückte wieder ins Licht der Möglichkeit.
„Einer der beiden, ja", stimmte mir Ozzy zu, unterband mein Grinsen allerdings sogleich: „Aber nicht die Hazys, also komme ja nicht auf dumme Gedanken."
Schade. Die innere Energiespur ändern zu können, hätte bedeutet, leben zu können, wo auch immer man wollte. Die Fiktion stünde einem offen. Doch so, wie Ozias es formuliert hatte, hatte es schon lange kein Erbe des anderen Gründergeschlechts mehr gegeben. Vielleicht hatte der Orden sie ebenfalls gejagt, sie ausgelöscht. Jetzt wo ich darüber nachdachte, hatte Silvius mir nie von der Familie, die neben den Hazys im dyadischen Hütergespann gestanden hatte, erzählt.
„Wer war eigentlich die zweite Gründerfamilie? Gibt es noch Nachfahren so wie mich?"
„Wir schweifen ab", nahm Ozias sich seinen Magister zum Vorbild und wahrte Schweigen über das Thema, „kommen wir zur Energie zurück. Wo waren wir stehengeblieben..."
Warum wichen sie dem aus? Bei Silvius war es mir gar nicht aufgefallen, Ozias hingegen machte es fast schon zu deutlich. Vermutlich hatte der Orden sie tatsächlich ausgelöscht und man wollte mir keine Angst machen. Schließlich unterstrich es mit Nachdruck, auf welch gefährlichem Fuß ich als Hazy lebte.
„Wir waren bei Verschleppung von Materie stehengeblieben!", meldete sich Evelle eifrig, die bisher erstaunlich ruhig ihre Gummibärchen gemampft hatte. „Weißt du, um etwas dauerhaft in der Realität zu halten, muss das Buch dieselbe Energiespur wie die Realität besitzen."
„Richtig", frohlockte Ozias diesmal über Eves Grätsche, lenkte sie doch von dem unbequemen Thema ab, das ich angeschlagen hatte, „grundsätzlich ist eine Energiespur so komplex, dass es beinahe unmöglich ist, dass sich zwei gleichen. Wenn die Spur eines Buches der der Realität gleicht, dann in der Regel nur, wenn man es darauf angelegt hat. Bücher zum Zwecke der Erschaffung von Parallelitäten und eigenen Interessen zu konzipieren ist aber strengstens verboten und wird mit der Vergängnisstrafe geahndet. Die einzigen gesetzmäßigen Bücher, die zum Zwecke des Ordens geschrieben wurden, liegen tief in den Archiven der Zentrale, der obersten Detektei, verschlossen."
„Es sind genau drei", fügte Evelle hinzu und ploppte sich weitere Gummibären in den Mund. Bald hatte sie die Tüte leer.
So langsam hatte Ozias sich auf die Schneiderfee eingespielt. Flüssig knüpfte er an ihren Faden an: „Das Zellenwerk — ein Buch, dessen Welt aus dem Gefängnis des Ordens besteht und neben beständigen Insassen auch die Verließe für Vergängnis-Strafen führt.
Das Ätherwerk — es besitzt dieselbe Spur wie die Realität, da es für alle magischen Gegenstände der Detekteien geschrieben wurde. Beispielsweise die Portale entstammen dem Ätherwerk oder die Relikte der Bibliothekare.
Das dritte im Bunde ist das sogenannte Helferwerk — der Ursprung aller Fiktiven, die als Helfer in den Detekteien fungieren. Dazu zählen unter anderem die Schneiderfeen oder manche Bibliothekare, auch Evelle und ich. Es besitzt dieselbe Energiespur wie die Realität, damit wir hier existieren können. Allerdings mit dem Haken, dass es uns mit einem Siegel an energetische Knotenpunkte fesselt. Wir sind an Detekteien gebunden und können nirgendwo außerhalb bestehen."
„Ihr könnt dieses Gebäude hier nicht verlassen?", ignorierte ich den Schwall an Informationen und fokussierte mich auf das letzte Detail.
„Doch, in andere Detekteien können wir reisen", evaluierte Evelle, „nur nach draußen, über die Grenzen des Grundstücks, können wir nicht."
Sie legte ihre Süßigkeitentüte beiseite, öffnete mit einem Fingerschnipsen den Reisverschluss ihres Kleides und zeigte mir ihren Rücken. Unter ihren Schulterblättern, zwischen denen ihre Flügelansätze hervorsprossen, durchbrach eine Version des Ordenkreuzes das Karamell ihrer Haut.
„Das Helfersiegel", gab sie dem Emblem einen Namen, „Ozzy hat dasselbe am Rücken."
Mir kam es weniger wie ein Siegel, vielmehr wie ein Brandzeichen vor, mit dem man Vieh markierte. Ein Brandzeichen, das zugleich eine Fessel war, die ihre Freiheit im Leben begrenzte.
Evelles Finger wanderte nach oben, mit ihm der Reisverschluss, der ihr Kleid verschloss und das Siegel hinter dem samtigen, bunten Stoff verbarg. Ozias musste seines unter den Westen verstecken, die er immer trug.
Irgendwie fand ich es nicht richtig, Wesen zu erschaffen, nur um sie als unfreie Helfer abzurichten. Es kam mir unmoralisch vor.
„Schau nicht wie ein angeschossenes Reh, Chéri. Ich bin gerne Schneiderfee und freue mich, einer Detektei dienen zu können. Und wenn wir den Orden erst wieder aufgebaut haben, werde ich in einer ganz Großen arbeiten und viele viele Hüter einkleiden! Und Ozzy, du wirst Siegel im Archiv der Zentrale überwachen!", wusste Evelle die Laune aufzulockern und mein Lächeln wieder hervorzuholen. Ozias rückte verlegen sein Monokel zurecht und brummte bescheiden etwas vor sich hin, doch man sah ihm an, dass ihm die Vorstellung gefiel.
„In der Zentrale hättest du sicher einige Bücher mehr zu hüten", stellte ich fest und sah mich etwas um. Der rundliche Raum — ein Oktogon, um genau zu sein — mochte an den Wänden ausschließlich aus Bücherregalen bestehen, doch die Bibliothek Schloss Paulis war um ein Vielfaches größer gewesen. Selbst, wenn man das zweite Stockwerk mitzählte, zu welchem eine schmale Wendeltreppe zu führen schien. Wie viele Bücher in den Regalen des Hauptsitzes der Detekteien standen, konnte ich mir kaum ausmalen. Es mussten unzählige sein.
„Oh, in der Tat. Hier bei uns stehen nur ein paar Klassiker. Märchen, Alice im Wunderland, Peter Pan... Bücher, die schon so lange existieren und sich unvergänglicher Beliebtheit erfreuen, haben meist sehr stabile Welten, die kaum Vorfälle verursachen. Deswegen bringt man sie in kleinen Detekteien wie dieser unter", erwiderte Ozias.
„Aber es gibt schonmal Unregelmäßigkeiten?"
„Hin und wieder, doch bisher nichts gravierendes."
„Und wenn es welche gibt, siehst du das an... Siegeln?"
„Ganz recht. Dass Werke versiegelt sind, erkennst du an dem Büchersiegel auf ihrem Rücken", erklärte der Bär, holte dabei ein Buch aus dem Regal und zeigte mir das an einen Stern erinnernde Zeichen, das auf dem Rücken angebracht worden war. Es wirkte fast schon transparent, durchzöge es nicht dieses irisierende Schimmern.
„Momentan ruht das Siegel. Tauchen Unregelmäßigkeiten auf, wird es alarmiert und beginnt rot zu leuchten. Auch mein Relikt steht in Verbindung mit den Siegeln in meiner Obhut und warnt mich, sollten Siegel Alarm schlagen."
„Relikt... das hattest du eben schonmal erwähnt. Was genau ist das eigentlich?"
Der Bibliothekar holte aus seiner Westentasche eine antike Taschenuhr. Die Zeiger wirkten irgendwie merkwürdig und der Schimmer, der die verschnörkelten Gravuren der Goldhülle durchfloss, erinnerte mich an den der Buchsiegel.
„Jeder Bibliothekar besitzt ein Relikt, einen Gegenstand, den das Ätherwerk mit zwei besonderen Fähigkeiten ausstattet: Zum einen steht es, wie bereits erwähnt, in Verbindung mit den bewachten Siegeln und warnt vor Alarmen. Zum anderen kann es auf alarmierte Siegel aufgelegt werden, um auszulesen, welche Art Alarm vorliegt."
„Wow, echt cool", meinte ich und Ozias schmunzelte.
„Nun ja, für euch Hüter bedeutet es Arbeit, wenn Relikte anschlagen", gab er zu bedenken. „Die drei Unregelmäßigkeiten, die dir am häufigsten begegnen werden, sind der mediale Alarm und die beiden energetischen Ungleichgewichtszustände."
Ich hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte, und mein Blick sprach wohl Bände. Denn Ozias führte es hernach weiter aus: „In vielen Buchwelten gibt es einen oder mehrere Fiktive, die durch die Zentrale als Medium bewilligt wurden. Das bedeutet, sie wissen über den Orden Bescheid und arbeiten mit den Hütern zusammen. Fällt ihnen in ihrer Welt etwas Anormales auf oder benötigen sie Hilfe, können sie über eine Gravur ihr Buchsiegel alarmieren. Das nennt sich dann medialer Alarm, Alarm, der durch ein Medium ausgelöst wurde."
Der Bär stellte das zur Demonstration hervorgeholte Buch zurück an seinen Platz, während er fortfuhr: „Um das energetische Ungleichgewicht zu begreifen, solltest du zunächst das Prinzip der Energiekonstanz verstanden haben. Bei jeder Buchwelt handelt es sich nämlich um ein geschlossenes System, in dem im Normalzustand weder Energie hinzukommt noch verloren geht. Gerät nun etwas in eine Welt, in die es nicht gehört, kommt es zum energetischen Ungleichgewicht. Aufgrund der inneren Energiereserve wird dem System Energie zugeführt. Das Siegel detektiert diesen Umstand und mein Relikt würde mir zeigen, dass es sich bei dem Alarm um einen Energieüberschuss handelt. Dasselbe gilt für Lebewesen oder Objekte, die aus ihrer Welt herausgeraten. Ihre Energiereserve entzieht dem System mit ihrem Verschwinden Energie und der entstehende Alarm wäre ein Energiemangel."
Ich fühlte mich unangenehm in meinen Physikunterricht zurückversetzt. Oder war es Chemie gewesen? Sobald der Lehrer vorne von Energiesätzen, -systemen und -umwandlungen gefaselt hatte, war mein Kopf in den Stromsparmodus gefahren. Allerdings glaubte ich zu verstehen, was Ozias mir da vortrug.
„Das heißt, nicht nur die Energiespur wäre ein Problem, sollte ich etwas aus der Fiktion entwenden, das entsprechende Siegel würde auch gleich Alarm schlagen?"
Der Bär nickte und ich verzog den Mund. Das war es dann wohl endgültig mit meinem Souvenir.
„Den Hüteralltag erleichtert es ungemein. Entflohene lösen nämlich in der Regel zwei Alarme aus. Den Energiemangel ihres Ursprungs und den Überschuss ihres Reiseziels. Wenn nur ein Alarm ausgelöst wird, ist das wiederum kompliziert und meistens ein Fall für eine Spezialeinheit — die Division für Entflohene Fiktive. Denn entweder, der aufgetretene Entflohene stammt aus einer unbekannten Welt oder aus der Realität. Dasselbe gilt umgekehrt für verschwundene Fiktive. Entflohene werden außerdem in Gefährlichkeitsstufen eingeteilt und ab Stufe 3 ist es selbst bei einem Doppelalarmer Pflicht, die DEFs zu rufen."
„Lösen Hüter denn keinen Alarm aus, wenn sie in Bücher reisen?", wunderte ich mich und der Bibliothekar schüttelte den Kopf.
„Das Wappen sorgt dafür, dass kein Alarm ausgelöst wird. Das Siegel registriert lediglich den Aufenthalt und nach jeder Mission müssen sie vom Bibliothekar energetisch neu kalibriert werden, weil immer irgendetwas zurückbleibt und sei es nur ein Haar oder ein Tropfen Blut. Da Materie binnen weniger Tage vergeht, ist es kein Drama und solche Kleinigkeiten lösen kaum registrierbare Schwankungen aus. Größere Dinge wie Ausrüstung sollten im besten Falle nicht verloren gehen. Zwar kann sie von Wappenlosen eigentlichen nicht bedient werden, trotzdem gilt es als schlampig und wird nicht gern gesehen", klärte er auf. „Das Buchsiegel zeigt beim Einsatz eines Hüters übrigens ein grünes Leuchten. In ein Gelb wandelt es sich, wenn besagter Hüter langsam zurückkehren sollte, und in den roten Alarm schlägt es um, wenn bald die Vergängnis droht und es für die Rückkehr aller höchste Zeit ist."
Mit einem tiefen, ausgiebigen Seufzen ließ ich mich neben Evelle zu Boden sinken, schnappte mir ein Gummirbärchen aus ihrer Tüte und lehnte mich zurück. Den Kopf in den Nacken geworfen versuchte ich, diese ganzen neuen Dinge, mit denen man mich überhäufte, zu verarbeiten und hoffte, ich hätte genügend behalten. Hüter sein würde um einiges komplizierter werden als ein Kellnerjob in Köln. Interessant war es irgendwie trotzdem, so ungern ich das zugab. Ohne den Stress meines Erbes im Nacken hätte ich vielleicht sogar Gefallen daran gefunden, Hüter zu werden. So brannte immer eine unterschwellige Angst in mir, die Schatten auf diese magische Welt warf.
Mein Kopf richtete sich langsam auf und sah hinab auf den Ring, der seit gestern meine linke Hand zierte. Die geheimnisvollen, dunkelsilbernen Augen des Drachens fixierten einen undefinierten Punkt.
Hazy...
Was sich wohl noch alles hinter diesem Namen verbarg?
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In Leggins und T-Shirt trottete ich am Nachmittag über den Flur in Richtung der Treppen, die sich an seinem Ende befanden und nach unten in den Keller führten. Evelle zu Folge befand sich drunten neben dem Lager für Ausrüstung und Haushalt ein Trainingsraum, in welchem Atticus' Lehreinheit stattfinden würde.
Die alten, verblichenen Tapeten der Detektei begann graues, massives Gestein zu ersetzen, als ich meinen Weg nach unten fand. Wie ein Flickenteppich quoll wolliges Moos aus den Steinfugen, labte sich an der zunehmenden Luftfeuchtigkeit und trug seinen Teil zum eigentümlichen Geruch alter Kellergewölbe bei. An den Wänden des Abstiegs hingen antiquarische Öllampen, die ohne jeglichen Brennstoff zu leuchten schienen.
Ozias hatte mir ja bereits erzählt, dass das Ätherwerk Detekteien zu Orten machte, die mit den Regeln der Realität brachen, trotzdem war dieser Umstand noch gewöhnungsbedürftig.
Ab den letzten Stufen öffnete sich die Decke zu einem geräumigen Gewölbe, dessen Boden zentral von schwarzen Gummifliesen durchbrochen wurde, die mich an Fitnessstudios erinnerten. Eingelassene Trainingsmatten, ohne Zweifel.
Gleich als ich unten ankam und den schlanken, hochgewachsenen Hüter in der Mitte des Raumes stehen sah, seine Arme vor der Brust verschränkt, beschlich mich ein ungutes Gefühl. Diesmal würde es sicher keine Märchenstunde mit Gummibärchen geben, das stand fest.
Eben erst gegessen, steckte ich noch schwer in meinem Tagestief, als mir seine unbarmherzige Stimme entgegenschlug.
„Du bist zu spät."
„Ich musste mich noch umziehen und etwas essen", verteidigte ich mich, was den Hüter wenig zu kümmern schien.
„Wir überziehen nicht. Wenn du deinen vollen Unterricht willst, sei in Zukunft pünktlich."
Ich zwang mich, einmal tief durchzuatmen und seine kompromisslose Art nicht an mich heranzulassen. Wir würden noch häufiger miteinander zu tun haben, als uns lieb war. Streit war meiner Ausbildung nicht zuträglich. Ich würde mich daran gewöhnen müssen, seine bissigen Kommentare an mir abprallen zu lassen. An Elefantenhaut und dickem Fell arbeitete ich schließlich schon mein Leben lang.
„Als erstes werde ich mir ein Bild von meiner Arbeitsgrundlage machen. Dann werden wir deine Selbstverteidigung aufbauen, bevor wir an irgendetwas anderes gehen", fasste er mir kurz und knapp seinen Plan zusammen. „Wenn du allein in der Fiktion landen solltest, musst du dich so lange am Leben halten können, bis ich dich gefunden habe."
„Sir, ja, Sir", salutierte ich scherzhaft vor ihm, doch Atticus ignorierte meine Witzeleien. Er löste die Verschränkung seiner Arme auf, um eine bewegliche Position einzunehmen und gewährte mir das erste Mal freie Sicht auf die Gravuren seines linken Arms. Durch Evelles Gnade heute lediglich in ein schwarzes Shirt gesteckt, das guten Kontrast zu seiner geisterhaft blassen Erscheinung herstellte, war der halbe Porticus erkennbar. Von dem Ordenskreuz auf seiner verdeckten Handfläche zogen sich zwei verschlungene Ranken über seinen Unterarm, zumindest sah es von weitem so aus. Ihre Farbe passte perfekt zur Ästhetik seines Erscheinungsbildes: Ein glänzendes Gold tränkte all ihre Linien und verlieh ihnen einen edlen Anklang. Trotzdem war etwas komisch an ihnen. Irgendwie... verzerrt.
Seine linke Hand verdeckte noch immer ein feinlederner Handschuh. Mit einer Bewegung seiner Finger bedeutete er mir... näherzukommen?
„Greif mich an", stellte Atticus die Sache klar und ließ mich verdutzt an Ort und Stelle verharren.
„Äh... wie... angreifen?"
„Du träumst doch sicher davon, mir gehörig eine zu verpassen. Hier ist deine Chance."
Ich wurde das Gefühl nicht los, dass das eine Falle war. Meine Unsicherheit ließ mich zögern. Natürlich hatte er Recht — ihm einmal mit der Faust durch das schöne Gesicht zu fahren erklomm Tag für Tag die Liste meiner sehnlichsten Wünsche, doch mit einer Einladung hatte ich nicht gerechnet.
„Ich möchte sehen, wie du dich bewegst und reagierst", beschwichtigte er meinen Argwohn, „na los."
„Gut... dann..."
Ich ging etwas auf ihn zu, ballte meine Hand zur Faust und überlegte kurz, wie ich ansetzen und wo ich treffen wollte. Verbale Schlachten hatte ich schon oft geschlagen, körperlich sah das ganz anders aus. Mal ganz davon abgesehen, das Sport noch nie so mein Fall gewesen war.
Ich fixierte sein Gesicht. Den Punkt links direkt unter dem Jochbogen. Hielt dann aber doch nochmal inne.
„Willst du nicht die Brille weglegen? Hinterher geht sie kaputt."
„Das bezweifle ich. Deiner Performance im Wunderland nach, hast du das Körpergefühl und die Kraft eines Kleinkindes."
Das war die Motivation, der kleine Schubs, der mir gefehlt hatte.
Etwas unbeholfen und doch bestimmt hob ich meine Faust und schleuderte sie ihm entgegen. Bis zu seinem Gesicht aber kam ich nicht. Denn just im selben Moment schnellte seine linke Hand nach vorn und lenkte sie mit der offenen Fläche ab. Durch den umgelenkten Schwung strauchelte ich etwas zur Seite, war jedoch in der Lage, mein Gleichgewicht durch einen stolpernden Schritt auszubalancieren.
Sofort versuchte ich es erneut und spielte dasselbe Spiel von vorn, lediglich in entgegengesetzte Richtung.
Frustriert hielt ich inne, dann wurden meine Bewegungen energischer. Ich schlug zu, ließ mich absichtlich abwehren, um anschließend auf der anderen Seite anzugreifen. Diesmal packte Atticus mein Handgelenk, drehte meinen Arm nach unten und zog mir gleichzeitig mit einer kleinen Bewegung seines Fußes die Beine weg. In hohem Bogen landete ich mit einem unangenehmen Klatschen auf der Matte und sah finster zu dem Hüter auf, der sich kaum bewegt hatte. Autsch.
„War das schon alles?", fragte er provokant und ich rappelte mich auf. Es konnte doch nicht unmöglich sein, einen Treffer gegen ihn zu landen.
Ich versuchte es anders. Und wieder hatte er blitzschnell meinen Arm im Griff, setzte mir den seinen wie eine Absperrung vor die Körpermitte und dreht mich zu Boden.
„Aufstehen und weiter."
Ich stemmte mich hoch. Nur um im nächsten Moment sein Bein in die Kniekehle zu bekommen und rücklings auf die Gummifliesen zu prallen.
Verdammt! Ich dachte, bei bewegten Energien sähe er schlecht!
Zumindest war es das, was Evelle behauptet hatte, doch bisher saß für einen Blinden jede seiner Bewegungen lächerlich präzise. Ich echauffierte mich so gut ich konnte, während er kaum einen Finger krümmte, um mich abzuwehren. Routiniert und erfahren handelte er mich ab wie eine kleine, lästige Fliege.
„Nochmal."
Wieder landete ich auf den Matten.
„Nochmal."
Dann wieder.
„Nochmal."
Und wieder.
Und wieder.
Und wieder.
Am Ende des Unterrichts hatte er mich nach allen Regeln der Kunst zurechtgestutzt und ich blieb schwer atmend am Boden liegen.
„Ich kann nicht mehr", japste ich und fuhr mir über den schweißnassen Haaransatz die zerzausten Strähnen meiner Ponyruine aus der Stirn. „Mein Rücken tut auch weh."
Mein Rücken, meine Arme, mein Bauch, meine Brust... Wenn ich ehrlich war, tat mir alles weh. Aber zu ihm war ich nicht ehrlich.
„Auf mich hast du robuster gewirkt, als dich die Grinsekatze durch den Wald gejagt hat."
Ich zischte ungehalten und trat nochmal am Boden nach ihm, ohne zu treffen.
„Wenigstens bist du hartnäckig."
Da das das einzig Positive war, das ich je von ihm zu hören bekommen hatte, ließ ich das so stehen. In meiner Situation nahm ich, was ich kriegen konnte. Der Hüter öffnete eine Schublade der Kommode an der Wand und holte ein Handtuch heraus, dass er mir treffsicher entgegenwarf.
Kraftlos ließ ich es an meinen ausgestreckten Händen abprallen, ehe ich mich aufsetzte, es mir schnappte und über mein Gesicht fuhr.
„Deine Reflexe müssen besser werden, von deiner Kondition ganz zu schweigen. Derzeit würde dich selbst das weiße Kaninchen zu Boden ringen."
„Vielen Dank für diese fachmännische Expertise", triefte meine Erwiderung vor Sarkasmus, indes wetteiferte meine Atmung noch immer mit meinem Herzen um die schnellste Frequenz. Leider hatte er Recht. Einen Preis würde ich für meine heutige Leistung nicht gewinnen. Selbst die Teilnehmerurkunde wäre eine Mitleidsgeste.
„Nächstes Mal beginnen wir mit Selbstverteidigung. Zwischen den Einheiten solltest du auch etwas tun. Joggen, zum Beispiel."
„Krr, Joggen...", wiederholte ich lustlos und glaubte nicht, dass es noch schlimmer kommen konnte. Doch Atticus betätigte einen Hebel an der Wand und löste ein mechanisches Rattern unter dem Zentrum des Mattenbodens aus. Ich rutschte reflexartig zur Seite und sah, wie sich eine kreisrunde Aussparung bildete, aus der ein Gerät herausfuhr, das an einen Trainingsdummy erinnerte. Allerdings mit einigen beweglichen Elementen.
„In meiner Ausbildung haben wir das Teil Sparry genannt", begann Atticus und klopfte dem Ding auf die Schulter, „eine durch das Ätherwerk erweckte Sparring-Puppe, die seit langem für das Kampftraining benutzt wird. Das hier ist eine alte, unspektakuläre Version. Für dich genau richtig."
Ich drückte mich auf die Beine und trat vorsichtig näher.
„Und wie darf ich mir das vorstellen?"
„Du greifst an und der Dummy reagiert. Du wehrst ab und so geht es weiter."
Skeptisch beäugte ich das merkwürdige Teil und drückte mit meiner Hand gegen einen seiner armähnlichen Fortsätze. Sofort drehte sich das zugehörige Element seines Körpers und traf mich an der Schulter.
„Aua!", beschwerte ich mich und hätte am liebsten zurückgeschlagen, wusste jedoch, dass ich dadurch in einen Teufelskreis geraten würde, in welchem ich den Kürzeren zog.
„Er passt sich an dein Level an. Du solltest regelmäßig an ihm üben, wenn du dich verbessern willst und dir dein Leben lieb ist."
„Klingt nach großem Spaß", holte ich erneut meinen herzallerliebsten Sarkasmus hervor und verzog den Mund.
„Für Spaß bist du nicht hier", erinnerte mich der Hüter humorlos. Ich verdrehte die Augen. Das war mein Stichwort. Für heute hatte ich genug. Sowohl vom Kämpfen als auch von ihm.
Das Handtuch über die Schulter geworfen machte ich mich daher auf den Weg in mein Zimmer, um die definitiv nötige Dusche zu nehmen, die dort auf mich wartete. Die Treppen nach oben genommen stand ich bereits vor meiner Tür und zog sie auf, als ich bemerkte, dass Atticus mir gefolgt war. Und nicht nur das: Er trat vor mir in mein Zimmer, nahm sich den Stuhl von meinem Spiegeltisch und platzierte ihn draußen neben meiner Tür an der Wand.
„Äh, was soll das werden?", verlangte ich verwirrt blinzelnd eine Erklärung. Unterdessen hatte er ein Taschenbuch aus der Gesäßtasche seiner Hose hervorgeholt und es geruhsam aufgeschlagen.
„Ich habe heute die bedauernswerte Ehre, meine Nacht als deine Wache zu fristen, damit du nicht wieder einen Ausflug in die Bücher unternimmst."
Das hatte ich schon komplett vergessen. Oder einfach nur verdrängt. Mit oder ohne Röntgenblick: Atticus vor meiner Tür zu wissen stimmte mich nervös. Ich war mir immer noch nicht sicher, wieviel ihm sein Energiespürsinn nun wirklich offenbarte. Wer fühlte sich schon gerne beobachtet?
Außerdem wollte ich duschen. Ich war nicht verklemmt oder so, aber vor diesem Idioten war mir Privatsphäre in dieser Hinsicht heilig.
„Muss das jetzt schon sein? Kannst du nicht später wiederkommen?", nörgelte ich, doch es brachte nichts.
„Ich befolge nur die Anweisungen meines Magisters. Mit Beschwerden wendest du dich an ihn."
Ich seufzte und kaute auf meiner Unterlippe herum, während ich zögerlich im Türrahmen herumlungerte.
„Na schön", meinte ich irgendwann, „ich gehe jetzt duschen, also... begrenz deinen Röntgenblick auf... dein Buch da."
Ungelenk fuchtelte ich mit der Hand in seiner Richtung herum und untermalte meine prüde Befürchtung.
Mit erhobenen Brauen und einem für meinen Geschmack viel zu amüsierten Gesichtsausdruck sah er zu mir auf. Zuvor noch ein Lachen verkniffen senkte er seine Lektüre und nahm sich die Brille ab. Die geisterhaften Iriden verschleierten matt den Blick, als er entgegnete: „So verklemmt, dass du nicht einmal duschen kannst, wenn ich dich als energetischen Schemen wahrnehmen könnte?"
Ich spürte brennende Hitze in meine Wangen steigen. Zum Glück sah er nicht, wie rot ich wurde.
„Nein...!", versank meine Schlagfertigkeit in nervöser Verlegenheit.
„Ich habe Besseres zu tun, als dich wie ein Perverser beim Duschen auszuspionieren, Missy", beruhigte er meine genierliche Sorge und zog seine Brille wieder auf. „So genau sehe ich da eh nichts, nicht einmal, wenn du direkt vor mir stehen würdest. Und selbst wenn: Ich bin nicht interessiert."
Ein gekünsteltes Lächeln bildete sich um seine Lippen und mir war, als hätte er mich erneut im Handumdrehen zu Boden geworfen. Ich hörte den dumpfen Aufprall meines Stolzes regelrecht in meinen Ohren stampfen.
„Arsch", fauchte ich betont giftig, wirbelte herum und knallte ihm mit Wucht die Tür entgegen.
Dieser Mistkerl brachte mich der Weißglut echt jedes Mal gefährlich nahe. So dick mein Fell auch sein mochte, er besaß das Talent, mich zu häuten und daraus schicke Echtledermäntel für sein Ego zu basteln.
Misslaunig kühlte ich meinen vor Scham glühenden Körper im Wasser der Dusche. In meiner Wut klatschte ich mir einen Tick zu viel Shampoo auf die Haare und bekam sogleich die Quittung, als der übermäßige Schaum in meine Augen lief.
„Shit!", fluchte ich vor mir her und rieb mir die brennenden Lider.
Als ich aus der Dusche kam mochten meine Wangen wieder eine normale Farbe angenommen haben, meine Augen hingegen wirkten wie drei Tage durchgeweint. Dieser ganze Tag würde nicht mehr besser werden. In Socken und Shirt, das Haar lediglich handtuchtrocken, schmiss ich mich ins Bett und begrub mich unter der weichen Decke.
Und obwohl meine Muskeln schwer und mein Körper müde waren, wollte mich der Schlaf nicht finden. Eine Stunde verging. Dann noch eine. Ich wälzte mich von der einen Seite des Bettes zur anderen, doch keine Position brachte den ersehnten Schlummer.
Ich drehte mich auf den Rücken und starrte mit wie ein Seestern von mir fortgestreckten Gliedern an die Decke.
Vielleicht half ja ein Tee, mich zur Ruhe zu bringen. Dem Gedanken folgend schlüpfte ich aus den Laken, zog mir eine kurze Pyjama-Hose über und trippelte zur Tür. Draußen war nichts zu hören. Ob Atticus noch dasaß? Vermutlich.
Langsam drückte ich die Klinke runter, öffnete die Tür gerade genug, dass ich hindurchpasste und wollte just einen Schritt auf den Flur machen, da packte eine Hand gegen das Holz und fixierte mich wie eine Bratwurst in der Zange zwischen Tür und Rahmen.
„Atticus, ich bin wach!", beschwerte ich mich gequetscht und das Gewicht der Tür lockerte sich. Genervt stieß ich sie von mir, trat hinaus und zupfte mein Shirt zurecht. Der Hüter saß gemach an Ort und Stelle auf dem Stuhl, den er mir gestohlen hatte, das Buch auf seinen übereinandergeschlagenen Beinen. Ich stellte fest, dass er schon eine beachtliche Menge an Seiten vorangekommen war.
„Wo willst du hin?", wollte er trocken von mir wissen und ich erlaubte mir, ihm mal wieder mit Sarkasmus zu begegnen.
„Ins Wunderland mit der Grinsekatze spielen."
Auch er blieb bei seiner üblichen Ignoranz meinen Scherzen gegenüber und meinte grimmig: „Ich stehe nicht vor einem leeren Raum Wache. Mit der Zeit, in der du nicht schläfst, verlängert sich auch die Zeit, in der ich nicht schlafe. Also verarsch mich nicht."
„Herrgott, ich mache mir nur einen Tee!", brummte ich und stakste, ohne auf eine weitere Antwort zu warten, davon.
Stille herrschte in der Detektei. Durch die hohen Fenster des Esszimmers flutete Mondlicht durch die geöffnete Tür in den Wohnbereich und warf lange Schatten in die Dunkelheit. An Couches und Kamin vorbei flog ich wie eine Motte dem Licht entgegen. In silbernen Glanz getaucht lag das Esszimmer da und ließ mich einen Moment verharren, ehe ich meinen Weg zur Küche fortsetzte. Altmodische Theken wurden von modernem Sanitär durchbrochen und verliehen ihr einen eigenen Charme. In einer rustikalen Holzkiste bot sich mir allerlei frisches Obst an, doch mein Fokus lag auf dem ursprünglichen Ziel. Glücklicherweise erkannte ich einen Wasserkocher neben dem Herd. Ich hatte schon befürchtet, ich hätte in einem Kessel oder sowas aufkochen müssen, doch so weit in der Vergangenheit steckten die hier wohl nicht.
Nachdem ich mehrere Schränke auf der Suche nach Tassen und Teebeuteln geöffnet hatte, fand ich hinter einer Tür ein Angebot vor, das mich schon fast an einen Teeladen erinnerte. In etlichen Fächern lagerten die verschiedensten getrockneten Blätter, Früchte und Mischungen und schickten mir ein herrliches Geruchsmenü entgegen. Ich wusste ja, dass Atticus und Silvius gerne Tee tranken, aber dass ihre Leidenschaft so weit reichte, hatte ich nicht ahnen können.
Beeindruckt schnappte ich mir ein Teesieb und füllte es mit etwas, dass nach Kamille und Lavendel roch. Anschließend stellte ich es in meine Tasse und kippte das in der Zwischenzeit gekochte Wasser darüber. Zufrieden sog ich den wohligen Wasserdampf in meine Nase. Mmmh...
Ja, das würde mich sicherlich entspannen.
Gegen die Theke gelehnt rührte ich ein wenig am Sieb und wartete, dass die Mischung durch das Wasser zog, da glaubte ich auf einmal, im Augenwinkel eine Bewegung auszumachen. Mein Blick huschte zur Tür, doch da war nichts. Ich konnte hinüber zum Esszimmer sehen. Auch das schien noch in verlassener Seelenruhe leerzustehen. Vielleicht nur eine Fliege oder die kleinen Staubpartikel, die wie feiner Schnee im Schein des Mondes durch die Luft tanzten.
Kopfschüttelnd widmete ich mich wieder meinem verführerisch nach Lavendel duftenden Beruhigungstrunk, kippte den Teesatz über dem Müll aus und spülte das Sieb einmal durch, ehe ich mich mit der Tasse auf den Rückweg machte.
Vorsichtig nippte ich an der heißen Flüssigkeit, unterdessen trugen mich meine Beine durch das Esszimmer.
Plötzlich, ohne einen Mucks oder eine Vorwarnung, tauchte vor mir eine Gestalt im Türrahmen auf und versperrte mir den Weg in den Wohnbereich. Der Schreck blitzte zuckend durch meine Glieder. Ich fuhr dermaßen zusammen, dass ich den heißen Tee über mein Shirt kippte.
„Aah!", erklomm ein schmerzlicher Laut meine Kehle und reflexartig beugte ich mir vor, um Abstand zwischen den nassen Stoff und meine Haut zu bringen.
„Was zur Hölle...!", grantelte ich böse und hob scharf den Blick.
Nun erkannte ich, dass es sich bei der Gestalt um einen Jungen handelte. Sein Alter war schwer einzuordnen. Seinem Äußeren nach schätzte ich ihn auf Achtzehn oder Neunzehn, doch in seinen großen, runden Augen lag die Unschuld eines Kindes.
Bei Silvius und Atticus waren mir ihre Gravuren nie wirklich aufgefallen. Von Kleidung bedeckt lag auch der Portkey auf der Handinnenfläche recht verborgen, doch bei dem Fremden mir gegenüber waren sie nicht zu übersehen. Jede freie Stelle seiner Arme durchzogen silbrig graue Gravuren, denen der Mondschein mystischen Anklang verlieh. Selbst seinen Hals erklommen sie und reichten bis hinauf an seine rechte Schläfe. Die Strähnen seines Haars, deren Wurzeln besagte Gravur dort berührte, hatten dasselbe silbrig schimmernde Grau angenommen. Der Rest seiner braunen Locken fiel ihm leicht zerzaust über Kopf und Stirn. Ich starrte in seine dunklen Rehaugen. Vor allem das Rechte hielt meinen Blick gefangen. Denn auch hier lief eine Linie seiner Gravuren aus und platzierte silbergraue Sprenkel am Rande seiner Iris. Diese geringfügige Heterochromie reichte bereits aus, um den Anschein zu erwecken, eine kleine Galaxie wäre in jener Hälfte seiner Iris gefangen. Der schlichte Ohrring, den er ebenfalls lediglich zu seiner Rechten trug, bewegte sich, als er seinen Kopf sacht zur Seite legte.
„Wer bist du?", fragte er mit behutsamer Stimme, die seine harmlos sanftmütige Ausstrahlung untermauerte.
Scheiße, dasselbe könnte ich ihn fragen!
Mal abgesehen davon, dass sich Typen dieser Detektei gerne mit Überschütten eines Getränkes bei mir vorstellten, pochte mein Herz noch immer in Aufruhr. Erst schlich er sich mucksmäuschenstill an mich heran und nun spielte er das unschuldige Lamm.
„Wer bist du?!", stellte ich die Gegenfrage.
Der Junge blinzelte aufrichtig perplex.
„Ich habe zuerst gefragt..."
Ein helles Maunzen unterbrach uns, als sich ein schlankes, schwarzes Kätzchen um seine Beine wickelte. Ihre weißen Samtpfoten tapsten über seine Füße und ihr Köpfchen rieb gegen seine Wade. Es gab hier eine Katze? Warum hatte ich sie bisher noch nie gesehen? So wie sie an dem Fremden hing, wohl aus demselben Grunde, warum ich ihn noch nie gesehen hatte.
„Du hast vor allem eines: mich zu Tode erschreckt", nahm ich den Faden wieder auf. Der Unbekannte streichelte der Katze zu seinen Füßen zärtlich das Köpfchen. Durch sein Vorbeugen erhaschte ich einen kurzen Blick auf ein Medaillon oder Amulett, das er unter seinem Shirt versteckt an einer dünnen Kette um den Hals trug. Der schwach irisierende Schimmer, der innerhalb der fließenden Maserung waberte, erinnerte mich an Ozias' Taschenuhr. Ein Relikt?
„Shiva hat Hunger. Ich wollte sie füttern, da habe ich dich in der Küche stehen sehen... Noch nie hat Besuch nachts in unserer Küche gestanden. Du hast mich zuerst erschreckt."
„Besuch?", wiederholte ich verwirrt und ignorierte mal die Tatsache, dass sein Schrecken dem meinen nicht annähernd gleichkam.
„Ich kenne dich nicht. Bist du nicht zu Besuch?", fragte er und ließ in mir die Vermutung aufkommen, dass es sich bei ihm um einen Bewohner dieser Detektei handelte. Den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Merkwürdigerweise.
Wo hatte er sich die ganze Zeit versteckt?
Ich hatte gedacht, so langsam kannte ich die Räume dieses Ladens.
„Naja, nicht ganz", meinte ich, „ich bin Lorien. Silvius hat mich hergeholt. Er bildet mich zur Hüterin aus."
„Oh...", kam es aus seinen feinen Stimmbändern, ehe er sich nachdenklich in die Locken fasste und leise zu sich selbst sprach: „Wie lange war ich denn schon nicht mehr unten...?"
In seinen Gedanken versunken ging er in die Küche, holte eine Dose Katzenfutter und kam wieder zurück.
„Komm, Shiva. Du kannst bei mir oben essen", murmelte er zerstreut zu dem Kätzchen, das hungrig miaute und ihm auf Schritt und Tritt folgte.
Weltverloren schien er mich schon gar nicht mehr wahrzunehmen, als er an mir vorbei ging.
„Warte! Du hast mir nicht gesagt, wer du bist!", hielt ich ihn noch einmal auf.
„Mazeron. Whitlock", antwortete er mir im Gehen. Dann war er auf dem Flur verschwunden, das Kätzchen mit ihm.
Whitlock...? Wie Silvius Whitlock? War das etwa sein Sohn? Ich erinnerte mich dunkel, dass er erwähnt hatte, Ozias würde seinen Sohn zum Bibliothekaren ausbilden, doch da ich ihn noch nie zu Gesicht bekommen hatte, war ich davon ausgegangen, er wäre zurzeit nicht im Haus. Ein eigenartiger Junge. Allerdings ergäbe dann das Relikt um seinen Hals Sinn.
„Missy, ich sagte doch, du sollst mich nicht verarschen."
Wow. Der Kontrast zwischen der weichen Stimme Mazerons und dem frostigen Blizzard, der mir nun entgegenschlug, war gewaltig. Atticus war im Türrahmen aufgetaucht, die Arme vor der Brust verschränkt und eindeutig nicht erfreut darüber, dass er nach mir hatte suchen müssen.
Sein Energiespürsinn schien scharf genug, um zu erkennen, dass ich mich mit Tee bekleckert hatte, denn sein nächster Kommentar spielte spöttisch auf unsere Historie von Getränkeduschen an: „Getränke festzuhalten ist für dich eine schwierige Angelegenheit, hm?"
„Es war auch diesmal nicht meine Schuld", brummte ich.
„Klar."
Mein Kiefer wanderte angesichts seiner Ungläubigkeit genervt zur Seite.
„Wie aus dem nichts steht plötzlich dieser... Mazeron... vor mir. Der Schreck hat mich sicher einige Jahre meiner Lebenszeit gekostet."
„Maze?", wunderte sich der Hüter. „Ist schon eine Weile her, dass er sich hier unten hat blicken lassen."
„Ach ja?"
„Maze verschanzt sich meist tagelang in seinem Raum über der Bibliothek, geht durch Forschungen und arbeitet an seinem Kram", erklärte er sich. „Er hat kaum etwas, das man als Biorhythmus bezeichnen könnte. Ohne Ozias würde er noch komplett vergessen, zu essen und zu schlafen."
„Klingt anstrengend", stellte ich fest und Atticus erwiderte: „Das merkt er kaum. Maze lebt in seiner eigenen Welt."
Ja, das hatte ich gemerkt. Selten hatte ich einen geistig so zerstreuten Menschen getroffen. Sein friedfertiges Wesen und sein mystisches Äußeres ließen ihn beinahe feenhafter wirken als Evelle.
„Warum hat er eigentlich so viele Gravuren?", erinnerte mich der letzte Gedanke an die ganzen silbergrauen Zeichnungen, die sicherlich nicht nur seine Arme dominierten.
„Obwohl er Silvius' erster und einziger Sohn ist, erbte er kein Wappen", ging Atticus auf meine Frage ein, sein Tonfall ausnahmsweise neutral. „Die Gravuren kompensieren künstlich seine fehlende Verbindung zur Energie. Zum Bibliothekar hat es dadurch gereicht, doch den Wunsch, Hüter zu werden, sollte er aufgeben."
„Traurig."
„So ist das eben, Missy. Leider versteift er sich immer noch hoffnungslos auf den Gedanken, Wappenlosen den Zugang zu den Büchern zu ermöglichen."
„Vielleicht schafft er es ja?", hauchte ich Hoffnung in einen mir völlig Fremden, in einem Thema, das ich nur oberflächlich verstand. Einfach, weil ich es ihm wünschte.
„Wenn du mich fragst, gibt es Dinge, die kein Labor ersetzen kann. Er wird noch sein ganzes Leben an diesen Irrsinn verschwenden", begegnete Atticus diesem Hoffnungsfunken mit direkter Härte, die, so ehrlich sie auch sein mochte, meist einfach nur wehtat.
Ich setzte mich in Bewegung, ging an ihm vorbei, hinaus auf den Flur, und trank dabei einen Schluck des halben Tees, der in meiner Tasse zurückgeblieben war.
„Etwas Feingefühl würde dir echt nicht schaden."
Der Hüter stieß sich mit der Schulter vom Türrahmen ab und folgte mir.
„Geh einfach endlich schlafen, Missy."
„Könntest du damit aufhören, mich ständig Missy zu nennen?", beklagte ich mich, als ich an meinem Zimmer ankam.
„Kann ich."
Verdutzt drehte ich mich zu ihm. Gemächlich setzte er sich zurück auf seinen Wachposten und schlug sein Buch auf.
„Gute Nacht. Lila", versetzte er mir verbal einen Schubs in Richtung Bett und hatte das 'Missy' gegen ein genauso bescheuertes Äquivalent getauscht. Natürlich. Was hatte ich auch anderes erwartet?
Verfluchte Starbucks-Tante...
Ich stöhnte genervt, wandte mich ab und hätte die Tür am liebsten wieder vor seine Nase geknallt, hätte der Rest des Hauses nicht schon geschlafen.
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