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➺ 10.✍︎


𝓕𝙸𝚂𝙲𝙷 𝙰𝚄𝙵 𝙳𝙴𝙼 𝓣𝚁𝙾𝙲𝙺𝙴𝙽𝙴𝙽
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🅅or Evelles Tür machte ich Halt. Ihr Zimmer lag zwei Wände von meinem entfernt, rechts am Ende des Flurs kurz vor dem Holzrahmen, der den diagonalen Eingang zur Bibliothek markierte. Aufgrund der jüngsten Ereignisse, die zukünftige Einsätze erfordern würden, hatte Silvius den Unterricht der Schneiderfee dem seinen vorgezogen. Ich sollte schleunigst etwas über Kleidung und Ausrüstung lernen, um mich wenigstens grob auszukennen, wenn es zurück in die Bücher ging.

Atticus, Ozias und Silvius berieten sich schon den ganzen Morgen über den aus dem Wunderland mitgebrachten Fremdkörper. Selbst Maze war dafür aus seiner Kammer gekrochen, ausnahmsweise geistig wach und interessiert. Die Tatsache, dass der Fremdkörper keinen Alarm ausgelöst hatte und dieselbe Spur besaß wie das Wunderland, schien äußerst ungewöhnlich zu sein. Es schwirrte eine allgemeine Anspannung durch die Detektei, die mich auch ohne näheren Kenntnisstand einnahm.

„Ah, Chéri, komm herein", öffnete die Schneiderfee mir die Tür, nachdem ich angeklopft hatte, und flatterte sogleich geschäftig weiter. Auf einem Schreibtisch bereitete sie ein Klemmbrett vor und wühlte ein Maßband aus der Schublade darunter.

Mein Blick glitt neugierig durch das Zimmer, das, obwohl es im Grundriss recht geräumig war, wenig begehbaren Platz bot. Es lag an all den Dingen, die es füllten und ihm eine emsig schöpferische Atmosphäre verliehen. Links säumte die komplette Wand ein Regal mit etlichen Fächern, die die verschiedensten Stoffe führten, aufgerollt auf langen Holzspindeln. Auf den Fenstersimsen standen Modellköpfe mit Hüten, davor präsentierten Mannequins einige ihrer Kreationen. Eine der Puppen erinnerte mich der Mode nach stark an Atticus, trug sie doch eine seiner üblichen Hemd-Weste-Kombinationen in buntem Muster. Selbst von der Decke hingen neben rohen Lampen schmale, säulenförmige Netze mit unendlichen Accessoires. Auf Beistelltischen standen Nadelkissen, Scheren, Kämme, Pinsel, Glitzer, Perlen und mehr herum, aus Schubladen quollen Fäden und die geöffnete Tür zum Nebenzimmer zeigte einen kleinen Vorgeschmack auf den Rest des überfüllten Lagers der Schneiderfee. Den Schreibtisch, an dem sie stand, übersäten unzählige Zeichnung von Entwürfen, ebenso die Wand darüber. Ich befand mich in einem Sammelsurium der Modeschöpfung und kam nicht drum herum, bei dem herrlichen Anblick zu lächeln.

„Hier arbeitest du?", staunte ich nicht schlecht und Eve sah von ihrem Klemmbrett auf.
„Ich weiß, es ist nicht viel, aber ich mache das Beste daraus", verstand sie mich falsch, setzte die Brille mit silbernem Halteband — von der ich sicher war, sie trug sie allein zur Schau — auf, die zuvor auf ihrem Kopf geruht hatte, und schob sie sich gen Nasenspitze.
„So, Chéri. Wir haben viel Arbeit vor uns. Lass uns ans Werk gehen."

„Arbeit?", wiederhole ich verwirrt, worauf die Schneiderfee schnippte und das Maßband in die Luft beförderte. Es war wie Magie, dasselbe Spiel, das sie am Vortag mit der Bürste gespielt hatte. Das Klemmbrett unter ihrem Arm und einen Stift hinterm Ohr zog sie mich in die Mitte des Raumes und sagte: „Hopp hopp, ausziehen. Wir nehmen jetzt Maße."

Maße? Na das konnte heiter werden. Ich schämte mich nicht für meinen Körper, nur besaß ich nicht gerade dürre Modelmaße. Meine Größe war Durchschnitt und auch sonst war da nichts, das man mit einem Topmodel vergleichen könnte. Naja, meine Hüften vielleicht, die hatten ganz nette Kurven. Die Körbchengröße war adäquat. Ich war prinzipiell nicht dick, nur eben auch keine ausgehungerte Kleidergröße Zweiunddreißig. Wie hatte Atticus es so schön despektierlich ausgedrückt? Ich war gewöhnlich.

Die Fee schien allerdings zuversichtlich, mit meinem Material arbeiten und alles, was ging, herausholen zu können.

In Unterwäsche stand ich schließlich da und beobachtete skeptisch das schwebende Maßband, wie es sich Evelles Finger folgend an meine Haut legte, während sie sich die Werte notierte.
Kopf-, Hals-, Schulter-, Brust-, Bauch-, Hüftumfang. Wahrscheinlich hatte ich die Hälfte der ganzen Umfänge, die Evelle mir abnahm, in meiner Aufzählung vergessen. Ebenso die ganzen Längen und Breiten. Ich wusste nur eines: nachdem sie gefühlt jeden Millimeter meines Körpers vermessen hatte, stand die Sonne hoch am Himmel und mein Magen grummelte dumpf.

„Sind wir endlich fertig? Ich habe Hunger...", beschwerte ich mich, den anfänglichen Enthusiasmus für ihre Arbeit allmählich verloren.
„Haute Couture braucht gründliche Planung, Chéri!", schimpfte sie über meine schwache Ausdauer und piekste meinen Arm mit einer Nadel, damit ich ihn wieder anhob.
„Du machst dir zu viel Mühe. Das Kleid gestern war doch vollkommen okay. Das reicht mir."
„Meine Hüter tragen nichts von der Stange! Außerdem habe ich schon ewig kein Kleid mehr zaubern dürfen und werde das nun, wo ich es endlich kann, gründlich auskosten", fertigte sie mich ab. „Wenn ich deine Maße einmal habe, brauche ich sie schließlich nicht ständig neu zu nehmen. Wenn du es nicht mit dem Kakao und der Schokolade übertreibst, wohlgemerkt."
Provokant drückte sie mir das stumpfe Ende ihres Bleistifts in den Bauch und ich kräuselte zerknittert die Lippen. „Ey..!"

Evelle kicherte, legte das Maßband ein letztes Mal an und flatterte dann für einen abschließenden Überblick nach hinten. Ihr Blick glitt immer wieder durch die schmalen Gläser der Brille auf das Klemmbrett und zurück über den Rand auf mich.
„Ich denke, wir haben es", war sie zufrieden und ich atmete erleichtert auf. „Mit deinen Maßen werde ich mir nachher ein Mannequin herstellen, an dem ich arbeite. Schau, da drüben steht Atty."

Sie deutete tatsächlich auf die Puppe in Hemd und Weste, die mir heute Morgen aufgefallen war. Nun, wo sie es sagte, die hochgewachsene, drahtig schlanke Figur war der seinen zum Verwechseln ähnlich. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich es praktisch oder skurril finden sollte.

„Meinetwegen kannst du jetzt etwas essen gehen. Ich habe alles, was ich brauche", schwenkte sie geschäftig ihre Hand und kritzelte auf ihrem Klemmbrett herum. Noch dabei, mich wieder anzuziehen, fragte ich: „Was ist mit der Ausrüstung? Ich dachte, du solltest mir etwas über die Ausrüstung erzählen. Atticus lässt sie mich sonst nicht mitnehmen."

Die Schneiderfee sah zerstreut auf. „Ach ja! Richtig, Chéri, das habe ich glatt vergessen."

Sie flatterte in den Nebenraum und kam mit einem Beutel wieder, dessen Inhalt sie mir auf einem Beistelltisch ausbreitete, den sie sich zuvor hatte leer räumen müssen. Die Scheren und Nadelkissen landeten in einer Schublade, ihren Platz nahmen zwei handliche Geräte und ein flaches Siegelzeichen aus Eisen, im Durchmesser etwa so groß wie ein Apfel, ein.

„So, hier hätten wir den Spurleser...", begann sie und hob eines der Geräte an, das aussah wie jenes, das Atticus im Rahmen seiner Untersuchung vor Ort an die Oberfläche des Fremdkörpers gehalten hatte. „Spurleser können, wie ihr Name schon sagt, Energiespuren erkennen und sie Welten zuordnen. Die meisten Hüter besitzen eine Standart Version wie diese. Der Radius für Energiebrüche — das sind Schwankungen, die Lebewesen oder Objekte verursachen, wenn ihre innere Spur nicht zur äußeren passt — ist bei der Standart Version eher beschränkt und nicht so deutlich. Es gibt Divisionen, die ausgeklügeltere Modelle benutzen, aber die hier reicht in der Regel für uns."

Evelle gab mir das Gerät in die Hand und nahm sich selbst das nächste. Im Gegensatz zum Spurleser war ich mir sicher, sowas schonmal gesehen zu haben. In Krimis, wenn der Gerichtsmediziner die Leiche untersuchte und es sprachlich aufnahm. Der Spurleser hatte ein Display besessen. Dieses war kleiner und hatte nur Lautsprecher und ein paar Knöpfe.
„Ein Aufnahmegerät", bestätigte Evelle meine Vermutung, „für eigene Notizen oder das Aufnehmen von Beweisen. Diese Dinger stellen in der Fiktion die einzige Kommunikationsmöglichkeit zur Realität dar. Aufnahmen können hierüber verschickt werden, ähnlich wie diese... Memos... in euren Smartphones. Es dauert ein paar Minuten, bis die Nachricht ankommt, dann kann sie über den Empfänger in der Bibliothek abgehört und darauf geantwortet werden."

Das nächste Gerät landete in meinen Händen. Ich hatte keine Zeit, sie mir genauer anzusehen, denn Eve sprang zum letzten Gegenstand auf dem Tischchen. Zu dem, der aussah, als hätte man ein flaches, rundes Siegelzeichen in Eisen ausgegossen.
„Das hier ist ein Fesselsiegel. Belädst du deine Fessel mit Energie, kannst du sie jemandem aufdrücken und sie entlädt sich in Form von energetischen Ketten für eine Festnahme. Am effektivsten platziert man sie hinten zwischen den Schulterblättern."

„Spurleser, Aufnahmegerät, Fesselsiegel...", zählte ich die drei Ausrüstungsgegenstände zum Verständnis nochmal auf und die Schneiderfee nickte. Ich legte alles vor mir ab und nahm sie mir einzeln, um die Knöpfe und Funktionen auszuprobieren. Alles erklärte sich schnell von selbst, wenn man wusste, welcher Knopf für was war, nur das Fesselsiegel blieb für mich nichts als ein totes Stück Metall. Mit Energie beladen... Atticus hatte das gestern bereits von mir verlangt. Ich hatte den Porticus mit Energie beladen sollen für die Rückreise aus der Fiktion. Noch immer war mir nicht klar, wie das funktionieren sollte.

„Ähm, Eve? Wie belade ich eigentlich etwas mit Energie?"
Der Gedanke, Atticus damit zu überraschen, morgen nach dem Fest im Wunderland selbstständig zurückreisen zu können, gefiel mir irgendwie. Ihm zu zeigen, dass ich doch etwas allein auf die Reihe bekam und mir Mühe gab mit diesem Hüter-Ding. Nicht, dass ich seine Bestätigung brauchte, allerdings würde es mir die Ausbildung angenehmer gestalten, respektierte er mich als Partnerin. Momentan dackelte ich ihm hinterher wie ein ahnungsloses Hündchen und reizte seine Unlust über nutzlose Begleiter.

„Jeder Hüter ist in der Lage, die eigene innere Energie zu spüren. Sie durchfließt deinen Körper, nährt deine Kräfte und deinen wachen Geist. Hast du einmal Verbindung zu deinem inneren Energiefluss gefunden, hast du Zugriff darauf und brauchst lediglich einen Teil in das gewünschte Objekt fließen zu lassen", erklärte mir die Fee. „Manche Hüter spüren ihre innere Energie seit Kindheitstagen, andere brauchen eine Weile, bis sie sie finden."

Na super. Da ich nicht das Geringste von meiner 'inneren Energie' spürte, hatte ich mich schnell in letztere Kategorie eingeordnet.
Sie finden... Sie spüren... Das klang alles so vage und esoterisch. So schwer zu greifen.

„Keine Sorge, Chéri. Du hast diese Welt gerade erst kennengelernt. Gib deinem Gespür etwas Zeit", machte Evelle mir Hoffnung und schob ihre Brille hoch in ihr Haar, das heute in einem Pastellrosa knapp über ihren zierlichen Schultern endete. „Übe an deinem Porticus, wenn du Zeit findest. Auch ihn kannst du beladen."

„Ich weiß... für die Rückreise aus der Fiktion, richtig?"

„Unter anderem, ja. Doch dein Portkey kann noch mehr. Deine wichtigste Ausrüstung ist dein Porticus."
Die Schneiderfee trat an mich heran, nahm sich meine linke Hand und drehte die entschlüsselte Gravur zu uns nach oben.
„Bringe ihn zum Leuchten und er spendet dir Licht in der Dunkelheit. Benutze ihn als Schild und er bewahrt dich vor Schaden. Verbinde ihn mit deinem Portal und er bringt dich zurück nach Hause."

„Leuchten? Schild?", blinzelte ich verdutzt und die Fee lächelte.
„Wie du ihn zu deiner Verteidigung nutzt, wird dir Atticus noch beibringen, Chéri. In dem Gebiet hört meine Fachkenntnis auf. Ebenso beim Thema Waffen, damit habe ich nichts am Hut", meinte sie, „aber ich weiß, dass junge Hüter die Suche nach ihrem inneren Fluss beginnen, indem sie üben, ihren Porticus zum Leuchten zu bringen. Wenn du in deinen Gravuren genügend Energie konzentrierst, leuchten sie. Und da es im Vergleich zum Beladen lediglich eine Umverteilung deiner Energie benötigt, keine Energieabgabe, ist es eine harmlose Übungsmethode."

„Okay, umverteilen... Das heißt aber, beim Beladen einer Sache verliere ich Energie?", hakte ich nach, da ich mich dann vielleicht doch nicht traute, es zu üben. Wäre schon eine Posse des Schicksals, würde ich nicht durch den Orden oder die Fiktion sterben, sondern beim Versuch, auf der Couch meinen Porticus zu beladen.

„Richtig, immer, wenn du einen Gegenstand mit Energie belädst, gibst du einen Teil deiner eigenen Energie an ihn ab. In der Realität brauchst du dir da keine Sorgen machen, schließlich besitzt du hier einen konstanten Energiefluss, der die Differenz direkt wieder auffüllt. Doch in der Fiktion, wenn Hüter von ihrer Reserve leben, ist Energiemanagement das A und O", schlug ihre Stimme nun doch in tieferen Ernst um, nachdem sie mit mir die Ausrüstung leichtfertig abgehandelt hatte. „Du hast deine ganze tolle Ausrüstung und deinen schicken Portkey, aber bedenke: alles, was Energie erfordert, entzieht Kraft aus der Reserve — wie groß die eigene Energiereserve ist, ist individuell und hängt von Gewicht, Körpergröße und der Stärke der Verbindung zur Energie ab. Im Durchschnitt, sagt man, hält sie bei Menschen 4-5 reale Tage. Pumpt man jetzt jedoch ständig Energie in den Porticus für Schilde, in die eigene Waffe, in Fesseln oder verschickt Nachrichten mit dem Aufnahmegerät — ja, auch das kostet Energie, schließlich muss die Nachricht durch das Portal befördert werden — werden es schnell weniger und du brauchst am Ende immer noch Energie für die Rückreise in die Realität."

Ich schluckte. Das klang alles komplizierter, als ich mir das zunächst vorgestellt hatte. Hüter hatten das durch ihre Ausbildung von klein auf im Blut, wie sollte ich nur lernen, auf all das Acht zu geben?

Oh Gott, ich würde tatsächlich durch eigenes Versagen draufgehen. Ich sah mich schon meine letzte Energie in irgendeinen Schwachsinn pumpen und in Blödheit abnippeln.

„Du bist ja auf einmal ganz blass, Chéri", stellte Evelle erschrocken fest. „Pardon, ich wollte dir keine Angst machen! Auch das gibt sich von selbst, du wirst schnell ein Gefühl für die Stärke und Größe deiner eigenen Reserve entwickeln. Wird sie schwächer, spürst du es deutlich, das verspreche ich."
Ihre zart lackierten Finger tätschelten vitalisierend meine blutleeren Wangen, ehe sie ihre heiß ersehnten Maße für mein Mannequin samt den Entwurfideen für's Erste liegen ließ und mit den beruhigenden Worten zur Tür flatterte: „Na komm, ich mache dir einen Kakao."

Die Schneiderfee verschwand auf dem Flur und ich war im Begriff, ihr hypnotisiert von der Aussicht auf heiße Schokolade zu folgen. Doch kurz bevor ich mich in Bewegung setzte, wanderten meine Finger zu dem eisernen Fesselsiegel, das neben mir auf dem Beistelltisch ruhte und geradezu danach schrie, dass ich es ausprobierte. Und so war es, als ich mich zu der Schneiderfee gesellt hatte, unauffällig in den Tiefen der Tasche meines grauen Pullovers verschwunden.

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Zähne geputzt und fertig für die Federn kreisten meine Gedanken am Abend um die morgige Reise ins Wunderland. Das Wunderland hatte mir bisher eher Angst gemacht, doch nachdem unser letzter Aufenthalt relativ harmlos verlaufen war, hatte meine Neugierde die Oberhand gewonnen. Vor allem, was Kreuzkönig Caspian anbelangte.

Von welchen Hazy-Geheimnissen hatte er gesprochen? Was waren seine Motive, wenn er sagte, er wolle sie mir anvertrauen? Es klang, als wüsste er mehr, als Silvius mir aktuell zumutete, nur bezweifelte ich, dass er sie mir aus reiner Herzensgüte anbot.

Und dann war da noch dieser seltsam düstere Fremdkörper, der im Wunderland aufgetaucht war. Ich wusste nichts darüber, nicht einmal, was die Konferenz zu seinen Ehren — aus der man mich bewusst herausgehalten hatte — ergeben hatte. Als ich zu Bett gegangen war, hatte man sich gerade aufgelöst und mir keinen Input darüber gegeben. Ozias, der heute vor meiner Tür Wache stand, meinte, es gäbe nichts, womit ich mich belasten müsste. Sie wüssten zurzeit selbst nicht, was von dem Fremdkörper zu halten wäre.

So saß ich nun im Pyjama in meinem Bett, den Unterarm aufgedreht und versuchte, eine 'Verbindung zu meiner inneren Energie' zu finden. Die Augen geschlossen forschte ich nach einem Gefühl oder einer Macht in mir, doch alles, was ich wahrnahm, war die leichte Übelkeit, die zurückgeblieben war, nachdem ich zu viel von Evelles köstlichem Abendessen in mich hineingestopft hatte. Urgh.

Komm schon Quelle, zeig dich. Ich hab' gehört, du bringst Gravuren zum Leuchten. Nur wie bring ich dich dazu?, sprach ich in Gedanken mit mir selbst, bekam aber wie erwartet keine Antwort.

Wie stellten das die Jedi an? Das musste doch ein ähnliches Prinzip sein. Ich nahm einen großen Atemzug und ließ anschließend resigniert den Kopf hängen. Wieso war eigentlich nichts im Leben ein Selbstläufer? Nur einmal.

Mein Blick wanderte zur Tür und vor meinem inneren Auge malte ich mir die Bibliothek aus mit all ihren Büchern und Bänden. Mit dem Portal und seinem endlosen Nebeltor und dem transparenten, irisierenden Schimmer der Siegel, die wie unendliche Augen auf den Rücken der Bücher saßen und ihre Welten mit Sorgfalt bewachten.

Schon auf Pauli waren mir die reich besetzten Palisaden an Regalen unheimlich lebendig vorgekommen. In meiner Unwissenheit hatte mir das Angst gemacht — tat es eigentlich noch immer.
Aber dieses Gefühl... dieses Gefühl aus jener Nacht, das mich in meinen Träumen heimgesucht und wie in Trance zu den Büchern hatte schlafwandeln lassen... Das an meinen Gliedern gezerrt, sie festgewurzelt und wieder befreit hatte... Das musste es sein. Das Gefühl, nach dem ich suchte. Was sonst hätte es sein können, als die gruselige innere Energie in mir?

Ich schloss die Augen und versuchte, jenes Gefühl wiederzuerwecken. Es mir zurück in meine Muskeln und unter meine Haut zu rufen. Zurück in jede einzelne Zelle meines Körpers wie in der Nacht, die mein Leben verändert hatte.

Mit jedem Atemzug schien ich schwerer darin zu versinken. In einem Strom, der durch die Tiefen meiner Substanz zu fließen schien, hell, lebendig, unaufhörlich. Ich meinte sogar, es Rauschen zu hören. Ein Rauschen, das dem Sturm der Schwerelosigkeit ähnelte, nur harmonischer und koordinierter. Je weiter ich darin versank, desto deutlicher wurde es. Lauter und immer lauter, bis ich aufschrecke und meine Arme schwer atmend auf die Matratze stützte. Meine Hand fuhr durch mein Haar, dann senkte ich sie vor mich und sah auf den Porticus in ihrer Fläche.

Von Entschlossenheit gepackt klappten meine Lider erneut zusammen und ich konzentrierte mich auf das Rauschen und das Gefühl der quellenden Strömung, die durch meine Adern floss. Ich stellte mir vor, ich stünde darin und hätte die Macht, sie zu lenken wie eine Bändigerin ihr Element. Ich leitete es den Hügel meiner Schulter hinauf, hinab ins Tal des Unterarms, in die Rinnen, das Flussbett, das meine Gravur dort aushob. Dann öffnete ich meine Augen. Und ich sah, wie ein Leuchten in die Schwanzspitzen der Drachen trat, strahlend klar. Langsam breitete es sich aus, erfasste ihre schuppigen Körper, ihre Köpfe und schließlich das Ordenskreuz, das sie krönte.

Ich begann triumphierend zu lachen. Ich hatte es geschafft! Mein Portkey leuchtete!
Am liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte es Evelle gezeigt, doch ich zügelte mich, in dem Wissen, dass ich sie nur wecken würde. Ich würde es ihr morgen zeigen.

Eine ganze Weile konnte ich nur auf meinen leuchtenden Unterarm starren, lächelnd vor innerem Jubel und Eukolie. Irgendwann begann ich, herumzuexperimentieren. Nur einzelne Teile des Portkeys leuchten zu lassen, mal heller, mal dunkler und meine Hand wie eine Taschenlampe im Raum herumzuschwenken. Mit strahlendem Ordenskreuz hatte ich gerade noch die Couch ins Spotlight gestellt, da schweifte ich hinüber zum Spiegeltisch und sah das Fesselsiegel, dass ich aus Evelles Schneiderei hatte mitgehen lassen.

In meinem Kopf erwachte der Schabernack. Die Anfänger-Übung, Energie umzuverteilen, hatte ich gemeistert. Warum sollte ich mich nicht an der nächsten probieren? Das Beladen konnte doch nicht viel schwerer sein, oder?
Ich glitt aus dem Bett, schnappte mir die Fessel und betrachtete das dünne Stück Metall. Es war nicht sonderlich schwer, war klein und handlich. Eigenschaften, die es mir leicht gemacht hatten, es klammheimlich einzustecken. Keine Ahnung, ob die Fee es mir auf Nachfrage nicht einfach überlassen hätte, aber wo wäre da der Reiz? Vermutlich hatte sie längst bemerkt, dass es fehlte. Gefährlich war es demnach nicht, wieso es nicht testen?

Ich schloss die Augen und konzentrierte mich. Ich schickte den Fluss durch meinen Arm in meine linke Hand und wollte ihn auf die gehaltene Fessel übertragen, doch er begann sich lediglich wie vor einem Staudamm in meinen Fingerspitzen zu sammeln. Ich ließ los und probierte es erneut. Wieder dasselbe.

Kurz dachte ich nach. Dann tat ich es nochmal, bewies diesmal mehr Geduld. Ich ließ die Energie sich in meiner Hand sammeln. Weiter und immer weiter, bis ich ihr plötzlich einen Stoß versetzte, der mich aus meinem gedankenversunkenen Zustand riss. Mit einem Schritt nach hinten hielt ich mein Gleichgewicht, während mein Blick blinzelnd zum Fesselsiegel wanderte. Hatte es funktioniert? Ich drehte das Metall in meinen Fingern und konnte keine große Veränderung feststellen.

Blödes Teil.

Ich beschloss, es mit der anderen Hand ein weiteres Mal zu probieren — vielleicht störte ja der Porticus —, doch in dem Moment, in dem das Siegel meine Haut berührte, begann sie sich zu erwärmen und wie ein fluoreszierender Stoff Licht zu emittieren.

Leider nicht nur das. Aus seinen Rundungen traten an vier Stellen ebenso glänzende Ketten aus, gläsern wie ein Geist und stabiler als hochfester Stahl. Bevor ich etwas dagegen tun konnte, hatten sie sich meinen Arm hinaufgeschlängelt und um meinen Körper gewickelt. Selbst meine Beine wurden zusammengezogen, sodass ich prompt das Gleichgewicht verlor und seitlich umfiel wie ein nasser Sack.

Uff. Keine angenehme Landung. Meine Versuche, mich zu wehren, waren aussichtslos. Ein Fisch auf dem Trockenen — genau das Bild musste ich abgeben. Geschlagen drehte ich mich auf den Rücken und pustete mir die Strähnen meines früheren Ponys aus dem Gesicht. Der Triumph, dass ich es geschafft hatte, die Fessel mit Energie zu beladen, wurde von der misslichen Lage, in die es mich gebracht hatte, grotesk überschattet.

Zur Abwechslung war ich einmal froh, dass jemand vor meiner Tür Wache stand, vor allem, weil es nicht Atticus war. Müsste ich den hämischen Hüter zur Hilfe rufen, würde ich vermutlich im Erdboden versinken.

So scheute ich mich nicht davor, erst etwas zögerlich, dann aber doch recht brünstig nach Ozias zu rufen, der kurz darauf besorgt den Kopf ins Zimmer streckte.
„Was ist los?", fragte er und sah sich erfolglos in meinem Zimmer um. Das Bett verdeckte ihm die Sicht auf mein Schlamassel.

„Hier unten!", holte ich den Bären weiter in den Raum und als er mich entdeckte, weiteten sich seine großen, runden Augen.
Ach du lieber Hering. Was hast du denn angestellt?"

Ich verzog den Mund zu einem schuldbewussten Lächeln.
„Evelle sprach heute über das Beladen von Ausrüstung und irgendwie ist da was schief gelaufen...", druckste ich kleinlaut, was der Bibliothekar mit schwachem, brummigem Lachen quittierte, ehe er mir zur Hilfe kam. Er zog seine Taschenuhr hervor, brachte das Relikt an die Fessel in meiner linken Hand und versuchte, sie mir zu öffnen. Allerdings schien das nicht ganz so gut zu laufen, wie ich anhand seines Ausdrucks und der Zeit, die verstrich, befürchtete.
Das Teil saß bombenfest.

„Herrje, wieviel Energie hast du bloß in diese Fessel geladen?", schnaufte der Bär und startete einen neuen verzweifelten Versuch, der genauso erfolglos endete, wie die vorigen. „Ich weiß nicht, ob ich das ohne die Hilfe eines Portkeys aufbekomme..."

Oh Gott, hieß das, er musste einen Hüter rufen?
Meine Panik legte sich, als mir einfiel, dass Silvius ebenfalls einen Porticus besaß. Trotzdem irgendwie peinlich. Man rief den armen Magister aus dem Schlaf, weil sich einer seiner Hüter in der eigenen Fessel verknotet hatte. Glückwunsch, Lorien, sehr professionell.

„Bist du sicher?", jammerte ich leidig, doch an der Fessel war nichts zu machen. Ich hatte ihre Ketten offenbar mit so viel Energie beladen, dass sie selbst einen Höllenhund an der Leine halten würde.
Ozias blieb keine Wahl, er ging ab, um Silvius um Hilfe zu bitten. Ich blieb unterdessen gefesselt liegen, versuchte, meinen Fokus von meiner Blase zu lenken und betete, dass niemand sonst etwas davon mitbekam. Beim Warten zog ich Bilanz:

Energie umverteilen: Check.
Energie beladen: Check.

Beladen kontrollieren: ...

Naja, in Arbeit.

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