Die Traumfabrik
Dichte Nebelschwaden hingen im grellen Weiß und machten es erträglich grau. Sie verwischten alles, das hätte klar sein können, zu einer trüben Masse an Farblosigkeit. Nur weniger Zentimeter reichten aus, um die Hand vor den Augen verschwimmen zu lassen. Hier nach einem Anhaltspunkt zu suchen, war zwecklos. Es war eine reine Waschküche der Gedankenleere.
„Meinst du, sie schläft fest genug?", fragte eine Stimme zaghaft in die Stille hinein.
„Zumindest empfängt der Schlafsensor keine Signale des Bewusstseins mehr. Ich glaube, wir können jetzt ganz langsam beginnen", antwortete eine zweite Stimme.
„Ein seichter Einstieg also. Nutzen wir wie immer zuerst die Metapher einer Reise, damit sie zu uns kommt?"
„Wie immer", bestätigte die zweite Stimme. „Geh und bereite die Kulisse vor. Wir brauchen heute nicht viel. Sie liegt auf dem Rücken eines Vogels und sieht über sie den Himmel vorbei ziehen. Das hat sich ein Manager aus dem Unterbewusstsein überlegt, weil sie heute wieder Vögel beobachtet hat. Wir müssen nur darauf achten, dass das Tier nicht zu schnell fliegt, sonst wird ihr schwindelig."
„Ja, Sir."
Kurz darauf huschte einer der Traumregisseure durch die Nebelsuppe. Er sah aus wie ein Kind, das sich zu Halloween mit einem Bettlaken als Geist verkleidete, nur ohne das Kind. Er beorderte einige Wandler, sich in Position zu bringen und auf ihr Schauspiel vorzubereiten. Dann besprach er sich mit den Technikern, damit sie die Wolken- und Windmaschinen richtig ausrichteten.
Für sein erstes Mal am Live-Traum machte Piet, der erste Traumregisseur, seinen Job richtig gut, befand Joshua, der zweite Traumregisseur. Er war älter und hatte schon in vielen Jahren hier oben in der Traumkoordination Erfahrung gesammelt. Während Piet alle Teilnehmer dieses Traumes koordinierte, bereitete er das Traum-Ich von Feli vor, denn diese Vorstellung würde sie nicht als Außenstehende erleben. Dazu formatierte er das innere Auge und platzierte es in der Körperhülle, die zuvor in der Modellierwerkstatt von talentierten Künstlern an ihre heutige Verfassung angepasst worden war.
Als das Schlafometer gerade einen Abstieg auf die Tiefschlafphase anzeigte, kam Piet gerade von dem Geräusche- und Melodiemischpult zurück – perfektes Timing also! Schnell wurde die Körperhülle von Feli mit großer Vorsicht auf den Rücken eines zum Vogel geformten Wandlers gehoben und dann kam der große Moment: Der Wandler breitete seine Schwingen aus und mit einem letzten Blick zu seinem Coregisseur legte Joshua den Hebel um, der das innere Auge öffnete.
Die Vögel hoben ab, in den blaugrauen Himmel hinauf. Die Techniker kreierten eine angenehm warme Brise und die Tontechniker untermalten die Szene mit Vogelgezwitscher, leisem Rauschen und einer sanften Melodie. Langsam versiegte der Nebel etwas, sodass Piet und Joshua dem Mädchen beim Träumen zusehen konnten. Sie bewegte sich nicht viel, aber sie lächelte und lachte herzlich.
Das war immer die schönste Zeit für alle Traumhelfer: Wenn Feli glücklich war. Generell waren die ersten beiden Szenen immer die schönsten, denn sie waren in den allermeisten Fällen Reisen. Die Metapher der Reise war gut, um Feli in eine fremde Welt zu bringen, in der sie mehr Dinge glaubte und nichts als unrealistisch ansah, nur weil es irgendwelchen Regeln des Wachzustandes widersprach. Stattdessen ließ sie sich besser verzaubern, beglücken und fantasierte viel mehr.
Die Reisen waren meist der ruhigste Teil der ganzen Nacht. Sie waren entspannt und gelassen, alles für einen seichten Einstieg. Sie wurden zwei Mal angewandt: Einmal vor der ersten Tiefschlafphase und einmal danach. Dann wurde nur noch in den REM-Phasen gespielt, sonst war sie nicht so zugänglich. Leider konnte sie sich auch nie an alle Träume erinnern, gerade an die Reisen nicht. Dennoch gaben sich die Traumhelfer so viel Mühe, wie sie hatten, um den Traum so bemerkenswert wie möglich zu machen, falls sie sich daran erinnerte.
Aber auch dafür gab es Regeln. Es gab vier verschiedene Kategorien: Es gab die positiven Träume, die gute Stimmung verbreiten sollten. Hierzu zählten auch die Reisen. Dann waren da die verarbeitenden Träume, die Feli helfen sollten, Dinge aus ihrem Leben einordnen zu können. Manchmal gab so ein Traum genau das Gegenteil von dem vor, was Feli eigentlich wollte, um sie davon abzubringen, manchmal stellte er sie vor ein beispielhafte Entscheidung, damit sie sich selbst die Richtung weisen konnte. Ähnlich waren auch die Weisheits-Träume. Diese wurden oftmals am Ende der Nacht eingesetzt, damit sie damit in den Tag starten konnte, und sie vermittelten immer irgendeinen Lebensrat. Zum Schluss waren da noch die Albträume. Niemand aus der gesamten Traumfabrik mochte diese Träume, denn wann immer sie gespielt wurden, musste man Feli beim Leiden zusehen, das wollte niemand. Aber auch diese Träume mussten sein, denn aus jeder Kategorie musste es jede Nacht mindestens einen Traum geben, spätestens jede zweite. Zum Glück gab es Methoden, den Nebel während der Albträume künstlich zu erhalten, damit sie nicht allzu sehr darunter leiden musste. Das hatte sogar zum Vorteil, dass der Nebel in anderen Träumen potentiell vollständiger verflog.
In dieser Nacht wurde Feli in einem sehr nebeligen Albtraum von Zombies verfolgt, die aus Kloschüsseln gekrochen kamen. Immerhin würde sie darüber lachen können, falls sie sich wider Erwarten am nächsten Morgen daran erinnert konnte. Außerdem erklomm sie ein Wolkenreich, erkundete in Ameisengröße den Erdboden und ritt mit zwei Indianern auf Einhörnern durch eine schäbige Industrielandschaft, wobei sie ein soziales Erlebnis verarbeitete. Die Indianer waren echt nett und bei ihren Gesprächen hatten Piet und Joshua immer wieder etwas zu lachen oder zu schmunzeln. Da hatte sich die Schreibwerkstatt wieder selbst übertroffen! Zu guter Letzt fand Feli sich in einem Raum voller Plakate mit Lebensweisheiten wieder, von denen sie eine wählen musste. Daran konnte sie sich nie erinnern, denn es fand vor der eigentlichen REM-Phase statt. Sie wählte das Plakat mit der Aufschrift „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum!"
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