
Kapitel 31
ZAYN
Seit gefühlten Stunden waren wir nun schon damit beschäftigt, Steine aus dem Weg zu wuchten, doch sobald wir ein Stück weitgekommen waren, rutschten weitere nach und wir mussten wieder von vorne beginnen. Es war eine richtige Sisyphusarbeit, mit dem Unterschied, dass er im Mythos einen einzigen riesigen Stein hatte, während wir uns hier mit mehreren kleinen herumschlugen.
Unvermittelt bückte sich Niall und zog etwas aus den Trümmern hervor, das so dreckig war, dass ich erst auf den zweiten Blick erkannte, worum es sich handelte: Ein Buch.
Niall blätterte ein wenig darin herum, dann warf er es resigniert in eine Ecke, wo beim Aufprall eine Staubwolke aufstieg. „Das ist zwecklos!" Mit verschränkten Armen marschierte er zu dem „Bett",auf dem ich meine Zeit in Gefangenschaft verbracht hatte, und ließ sich darauf fallen. „Wir können nur hier sitzen und warten, bis uns jemand rausholt, oder bis die Decke komplett einstürzt. Und mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob mir die zweite Möglichkeit nicht doch lieber ist."
Ich spürte einen Stich im Herzen. „Sag das nicht." Ich ließ den Stein fallen, den ich eben zur Seite hatte legen wollen, und setzte mich neben ihn. „Außerdem kann ich Gegenstände mit Willenskraft lenken. Also würden alle Steine mir auf den Schädel fallen, anstatt dir."
Seine Augen weiteten sich. „Was?"
„Das war ein Witz."
Er starrte mich so lange an, bis ich mich verlegen räusperte. „Tut mir leid. Der war schlecht."
Niall versetzte mir einen Knuff in die Seite. „Dein Humor ist gewöhnungsbedürftig."
Ich brachte ein Lächeln zustande. „Bin ich nicht in meiner ganzen Person gewöhnungsbedürftig?"
Endlich kehrte das Leben in ihn zurück, wenn auch nur ganz leicht, denn er grinste ein wenig. „Stimmt. Zumindest habe ich doch eine Weile gebraucht."
Als die Sorge ihn wieder zu überwältigen drohte, legte ich einen Arm um seine Schultern. „Sie werden uns schon ausgraben. Gut, mein Vater wird mit der ganzen Truppe einfach abhauen, immerhin hat er mit der Sprengung unweigerlich klargemacht, dass er keinen Wert auf meine Existenz legt, aber dein Vater wird nicht aufgeben, bis man dich gefunden hat."
„Ja, toll, und dann töten sie dich!", kommentierte er mit sich überschlagender Stimme. „Das kann ich nicht zulassen!"
Etwas überrascht von seiner heftigen Reaktion drückte ich ihn an mich. „Ich sterbe doch dann ohnehin. Ob hier unter der Erde oder durch die Waffe eines Vampirjägers ... das Resultat ist das gleiche."
„Dann bin ich für die Unter-der-Erde-Methode!"
Ich verdrehte die Augen, was zwar etwas fehl am Platze war, aber immerhin meine Gedankensituation etwas aufhellte. „Bei der gibt's aber einen Haken: Wir sterben beide."
„Besser, als zuzusehen, wie mein Vater meinen Freund tötet."
Mit welchen Worten reagierte man am besten auf so ein Statement?
Mit gar keinen.
Somit waren die nächsten Stunden mit Stille gefüllt, die sich wie beißende Kälte bis auf meine Knochen grub und meine Glieder taub werden ließ.
Ich starrte vor mich hin, lauschte auf sämtliche Geräusche, überlegte hin und her, bis Niall so plötzlich das Wort ergriff, dass ich – ein Vampir – zusammenzuckte.
„Was ist mit deinen Augen?"
Reflexartig wandte ich mich ihm zu ließ damit wiederum ihn zusammenzucken „Was ist?"
„Deine Augen", wiederholte er dumpf. „Sie sind ... orange."
Hätte er gesagt, dass in drei Sekunden ein Meteor auf der Erde einschlagen würde, hätte er mich nicht weniger erschrocken – eine Welle der Panik durchzuckte mich und bewirkte, dass ich wie von der Tarantel gestochen aufsprang und mich so weit wie möglich von Niall entfernt gegen die Wand drückte.
Dieser beobachtete mich mit verständnislosem Blick. „Ähm ..."
„Sag nichts", unterbrach ich ihn mit harter Stimme, während ich aufs Neue begann, fieberhaft nach einem Ausweg zu suchen. „Du musst hier raus. Sofort."
„Dieses Thema hatten wir schon", gab er ungerührt zurück.
„Die Situation hat sich geändert." Ich schloss die Augen, als könnte ich somit die unnatürliche Färbung verschwinden lassen. „Wann hast du diese Farbe das letzte Mal gesehen?"
Niall schien noch immer keine Ahnung zu haben, worauf ich hinauswollte. „Wenn du ... wütend warst?"
„Nein." Ich seufzte wie ein Lehrer, der seine Enttäuschung über einen besonders dummen Schüler nicht in Worte zu fassen wusste. „Es ist ein Zeichen, dass der Vampir durchkommt. Ich war seit längerer Zeit nicht mehr auf der Jagd. Es gab so viele ... andere Dinge, um die ich mich kümmern musste."
Seine Augen wurden groß. „Du brauchst ... Blut." Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
Ich nickte – immerhin gab es keine Umschreibungen, mit denen man einem Menschen diesen Zustand beschönigen hätte können. „Du musst hier weg. Bevor ich es nicht mehr kontrollieren kann."
"Schön." Er blieb verblüffend ruhig, schaute sich zweimal motivationslos über die Schulter und hob dann die Hände. "Ich sehe keinen Ausweg. Ich muss wohl hierbleiben." Als er meinen wütenden Gesichtsausdruck sah, schüttelte er den Kopf. "Im Ernst, Zayn. Was kann schon groß passieren, wenn du die Kontrolle verlierst?"
"Ich werde dich beißen. Und ich formuliere das jetzt absichtlich nicht im Konjunktiv. Ich weiß zufälligerweise aus erster Hand, wie Vampire reagieren, wenn sie nicht mehr bei Verstand sind."
"Und? Dann beißt du mich halt. Wenn ich damit verhindern kann, dass du mir hier umkippst ..."
"Ich will dich nicht verletzen. Außerdem ..." Ich zögerte. "Außerdem habe ich Angst, dich aus Versehen zu meinem Gefährten zu machen, wenn ich nicht mehr kontrollieren kann, was ich tue."
Niall sprang auf. "Dann tu es jetzt, bevor dich die Kontrolle verlässt. Und ... wieso solltest du mich versehentlich zu deinem Gefährten machen? Das passiert doch nur, wenn du es wirklich wollen und dich darauf konzentrieren würdest."
Jetzt hatte ich mich in die emotionale Scheiße geritten.
Tatsächlich hatte ich Angst davor, ihn zu lieben. Denn wenn ich ihn dann biss, würde er ohne Ausweg zu meinem Gefährten werden, egal, ob die Liebe erwiedert wurde oder nicht. Und ganz ehrlich ... wieso sollte Niall mich, einen Vampir, lieben? Richtig, wegen gar nichts.
Leider schien Niall schon begriffen zu haben, was hier Sache war, denn er kam langsam auf mich zu, während ich zurückwich, bis ich die Wand im Rücken spürte.
"Du hast mir einmal erzählt, dass eine Bindung aus Liebe von alleine entsteht." Seine Stimme glich einem Flüstern. "Ist es das, was dir gerade Angst macht?"
"Niall ..." Abwehrend hob ich die Hände. "Komm nicht näher. Ich bitte dich."
Er tat so, als hätte er mich nicht gehört. "Bist du schonmal auf die Idee gekommen, dass ich dein Gefährte sein MÖCHTE?" Nun war er ganz nah an mir herangekommen - so nah, dass ich den Duft seines Haarshampoos riechen konnte - und stellte sich auf die Zehenspitzen, um auf Augenhöhe mit mir zu sein.
Bevor ich etwas unternehmen konnte, hatte er plötzlich die Lippen auf meine gedrückt. Im ersten Moment war ich überrascht und geschockt zugleich, doch dann war alles wie im Traum. Es fühlte sich ... richtig an. Als hätte ich mein ganzes Leben lang nur auf diesen einzigen Augenblick gewartet. Ich schlang die Arme um seine Taille und zog ihn noch näher an mich heran, bis ich die Wärme seines Körpers an meinem eigenen kalten spürte.
Seine Lippen streiften mein Ohr. "Komm schon, Zayn", flüsterte er. "Tu es. Ich will dein Gefährte sein. Koste es, was es wolle."
Meine Willenskraft schwand dahin. "Niall, ich kann nicht ..."
Niall umklammerte mein Shirt. "Doch, du kannst. Und zwar jetzt." Das Meeresblau seiner Augen funkelte, als er zu mir aufsah und sagte: "Ich liebe dich."
Dann war sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Die Kontrolle, meine ich.
Ich erinnere mich nur noch daran, wie meine Zähne in seinem Hals versanken und er kurz aufkeuchte, dann wurde alles verschwommen und dunkel in meinem Kopf.
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Trallalalalaaaa ich habe diesmal keinen Monat gebraucht haha xD Okay, eigentlich ist das keine Glanzleistung, aber für die letzten Zeitspannen zwischen den Kapiteln ist es echt ein Rekord....
Dankeschön fürs Lesen, an die, die noch da sind und noch kommen werden! <3
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