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𝑾𝒆𝒏𝒏 𝒅𝒆𝒓 𝒁𝒖𝒇𝒂𝒍𝒍 𝒆𝒓𝒏𝒆𝒖𝒕 𝒛𝒖𝒔𝒄𝒉𝒍𝒂̈𝒈𝒕 ...
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Ich hatte Degenhardt so gut es ging auf dem Polterabend gemieden und war dann für meine Verhältnisse viel zu früh davon abgeschwirrt. Jedoch nicht ohne ein paar weitere Details, die ich über meinen Dozenten aufschnappen konnte. Er war erst sechsundzwanzig Jahre alt und wohnte in Ingolstadt. Zudem hatte Degenhardt scheinbar keine Freundin, weil er zu beschäftigt war, um Zeit für eine Beziehung zu haben. Mehr gab Andi von sich aus nicht preis und ich wollte auch nicht auffällig nachhaken. Wie kam das denn sonst rüber, wenn ich haufenweise Fragen über Joshua gestellt hätte? Andi kannte mich zu gut und hätte den Braten auf jeden Fall gerochen.

Wahrscheinlich wusste mein bester Freund nicht einmal, dass Joshua — nein, Degenhardt — an der Eichstätter Universität tätig war. Sonst hätte er es sicher irgendwann beiläufig erwähnt. Allein schon deswegen, weil ich selbst dort studierte. Deshalb vermutete ich, Degenhardt hatte gegenüber den Schönebergers auch kein Sterbenswörtchen darüber verloren, dass er an dieser Hochschule dozierte und ich sein Seminar besuchte.

Das sollte auch so bleiben. Zumindest wollte ich nicht, dass Andi davon erfuhr. Am besten sollte das niemand wissen.

Man betrachte die ganzheitliche Situation mal realistisch ... Wie groß konnten Zufälle sein? Da pampte ich berechtigterweise einen Unbekannten in der Tankstelle an, der sich schließlich als mein Kunstgeschichts-Dozent entpuppte. Derselbe Kerl war dann ausgerechnet auf dem Polterabend meines Fast-Bruders, fing mich auf, während ich mich selbst vergaß und trug mich anschließend durch das Haus. Als wäre das nicht genug, war eben dieser auch noch der Halbbruder der Braut.

Ich konnte das alles nicht ganz begreifen, weil es derart absurd klang, wenn man es sich vorstellte. Aber es entsprach der Realität. Könnt ihr das auch so schwer glauben?

Erschwerend hinzu kam dann allerdings noch das Ganze, was die Ohnmachtssache betraf. Das musste ich auf jeden Fall wieder aus meinem Gedankengut entfernen. Ich durfte keine Erinnerungen zulassen. Sie hatten nämlich die Kraft, mich zu zerstören. Ob mein zwanzigjähriges Ich genauso stark sein konnte, wie es das mit zehn gewesen war, wusste ich nicht. Verdrängen, Überspielen, Vergessen — so lautete demnach die Devise.

Auch wenn ich es ungern zugab, aber Degenhardt war in gewisser Hinsicht dafür eine ziemlich gute Ablenkung. An ihn zu denken, war zwar mehr als unvernünftig, aber ausgesprochen effektiv. Ich stürzte mich sozusagen von einem Gedankenkarussell in das nächste. Dementsprechend hatte ich das Wochenende über äußerst miserabel geschlafen.

Nach den Geschehnissen am Samstagabend hatte ich keinen Plan, wie ich ihm neutral gegenübertreten konnte. Für eine Sekunde spielte ich mit dem Gedanken, einfach den Kurs sausen zu lassen. Aber das ging natürlich nicht. Schließlich hatte ich schon vorbildlich den Stoff für das heutige Seminar durchgeackert. Irgendwie würde ich diese neunzig Minuten schon über mich ergehen lassen.

Nachdem ich mich frisch gemacht und passende Kleidung gefunden hatte, schwang ich mich auf mein klappriges Fahrrad und düste zur Uni. Es war 7:45 Uhr und in fünfzehn Minuten würde ich mich mit Anna in der Cafete treffen. Mein Koffeinspiegel musste nämlich weiter hochgeschraubt werden, sonst konnte ich den heutigen Tag definitiv nicht überstehen.

Dort angekommen, sah ich mich kurz um. Da ich Anna nicht entdecken konnte, entschloss ich mich dafür, uns schon einmal Kaffee zu holen. Ich war dermaßen müde, dass es mir wirklich schwerfiel, nicht sofort im Gehen einzuschlafen. Kraftlos öffnete ich die Tür, bog um die Ecke und krachte prompt in jemanden hinein. Einige Notizen flogen umher, was mir die Sicht raubte und ich hörte kurz ein Plätschern. Aufgrund des Schrecks und der Müdigkeit war ich durch den Zusammenstoß etwas in die Knie gesunken. Wie gesagt, ich brauchte ganz dringend einen Koffeinschub.

„Verdammt!", hörte ich meinen Kollisionspartner laut fluchen. „Können Sie nicht aufpassen?"

Mir blieb auch gar nichts erspart. Völlig perplex starrte ich in meerblaue Augen, die mich äußerst wütend musterten. Natürlich war ich mit Degenhardt zusammengeprallt. Mit wem sonst? Die Reihe der ungerechten Zufälle wurde fortgesetzt.

„Ach, hätte ich mir ja denken können, welche Person derart viel Geschick an den Tag legt", stellte er sarkastisch fest, wobei er sich verärgert mit der Hand über sein hellblaues Sakko wischte.

Der Kaffee schien überall auf ihm gelandet zu sein, dem Jackett, dem weißen Hemd, der Krawatte und sogar ein wenig auf der Hose. Vor lauter Schadenfreude musste ich mich bei diesem Anblick ernsthaft zusammenreißen, nicht gleich lauthals in Gelächter auszubrechen.

„Nicht! Der Kaffee wird dadurch nur noch mehr auf dem Stoff verteilt!" Ich stoppte seinen verzweifelten Versuch, sich sauber zu machen, indem ich rasch seine Hand ergriff. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was gerade in mich gefahren war, aber die Tatsache, dass er diesen teuren Stoff durch sein unkontrolliertes Wischen weiter in Mitleidenschaft zog, ließ mich ganz automatisch handeln. Das musste schlicht an meinem ausgeprägten Putz- und Waschfimmel liegen.

Degenhardt schien ebenfalls von meinem Tun überrascht zu sein und für eine Sekunde blieb regelrecht die Welt stehen.

Ungläubig blickte dieser Mann in meine Augen, während er keinerlei Anstalten unternahm, meine Hand von seiner zu weisen. Wir verharrten einfach in unserer Position. Herrgott, der Moment war unbeschreiblich ...

Diese unschuldige Berührung meinerseits schickte Trillionen Blitze durch meinen Körper und es stieg eine unbändige Hitze in mir auf. Keine Ahnung, was das war, aber es wirkte mehr als beunruhigend auf mich. Denn obwohl es meinen ganzen Organismus auf eine schaurige Weise bis ins Tiefste erschütterte, so fühlte es sich zugleich einfach unglaublich gut an. Ich war schon wieder im Begriff, mich in seiner unmittelbaren Nähe vollkommen zu vergessen.

Aber er ist mein Dozent! Und ein arroganter Idiot noch dazu!

Also ließ ich den Blick schnell sinken, zog meine Hand abrupt weg und suchte nach meiner festen Stimme: „Der dünne Stoff saugt die Flüssigkeit sehr schnell auf, weshalb der Kaffee nicht noch mehr verteilt werden sollte."

„Und da spricht jetzt die Expertin oder was?" Degenhardt hatte ebenfalls seinen unfreundlichen Ton gefunden. „Herzlichen Dank auch, dass ich so jetzt den ganzen Tag herumlaufen darf."

„Ach, dieses Mal keinen Ersatz im schicken Auto?", giftete ich zurück.

„Die Reinigung wird sehr teuer werden. Wenn das überhaupt noch zu reini-", wütete er weiter, doch im nächsten Moment unterbrach er sich selbst, weil ich mit einem Taschentuch die feuchten Stellen vorsichtig aufsaugte.

Eigentlich sollte man das schnellstmöglich auswaschen, aber ich konnte ihn ja schlecht darum bitten, hier und jetzt seine Klamotten loszuwerden, damit ich mich darum kümmern konnte. Obwohl ... dann hätte ich die Gelegenheit, seine starken Muskeln, die ich unter seiner Kleidung vermutete, zu inspizieren.

Okay, ganz miese Idee.

Ich bemerkte, dass sein Blick auf mir ruhte und er ließ mich weiter gewähren. Dabei vermied ich es geflissentlich, ihn anzuschauen. Sein Starren machte mich unglaublich nervös, aber ich versuchte, so ruhig wie möglich zu wirken. Hoffentlich sah er nicht, dass meine Hand ungehindert vor sich hinzitterte, wenngleich ich sie mehrfach innerlich zurechtwies, dies zu unterlassen.

„Das mit dem Kaffee tut mir leid", sprach ich spontan die ehrlich gemeinten Worte aus. Sollte ich eventuell hinzufügen, dass es mir dabei aber nicht um ihn, sondern um den feinen, teuren Stoff leidtat? Und der Kaffee! Der gute, gute Kaffee! Um den war es besonders schade.

„Selbstverständlich werde ich die Rechnung für die Reinigung begleichen." Ich wollte ihm nämlich keinesfalls etwas schuldig sein.

Damit hatte Degenhardt wohl nicht gerechnet, denn er hielt plötzlich meine Hand fest. Ganz sanft, aber bestimmt. Seine Haut auf meiner fühlte sich gigantisch an. Rau und angenehm warm. Ein regelrechtes Feuer verbreitete sich dadurch in meinem Körper. Mein Blick schoss direkt zu seinen Augen, was ein ungeheurer Fehler war. Wir standen viel zu nah beieinander und langsam wurde ich mir wieder einmal bewusst, wie attraktiv er heute aussah — wenn man die äußerst spießige Frisur außer Acht ließ.

Seine Iriden entführten mich in ungeahnte Tiefen und die Welt blieb ein zweites Mal stehen. Diese Augen waren so tiefblau, selbst das Meer konnte kein schöneres Farbspiel vorweisen. Ich war unweigerlich in ihnen gefangen. Was mich allerdings absolut verunsicherte, war, dass da etwas komplett Neues in seinem Blick lag. Kein Ärger. Keine Wut. Keine Arroganz. Nein ... Er trug eine gewisse Sanftheit. So hatte mich Degenhardt definitiv noch nie angesehen.

Sogleich begann alles in mir verrückt zu spielen. Von Zittern über Herzmarathon bis hin zu körperlichen und geistigen Ausfällen. Zusätzlich verspürte ich erneut dieses unbändige Verlangen nach ihm, das mich zutiefst erschreckte. Konnten wir nicht ewig in diesem Moment verharren?

Verflucht, was dachte ich bitte schon wieder? Ich musste etwas gegen diesen seltsamen Augenblick unternehmen. „Allerdings gehören zu einem Zusammenstoß immer zwei Personen. Sie hätten ruhig Ihre Augen ein bisschen mehr aufmachen können."

Daraufhin entfuhr Degenhardt ein genervter Seufzer und er stieß mich abrupt von sich. Als ich ihm beim Einsammeln seiner Unterlagen behilflich sein wollte, winkte dieser lediglich hektisch ab, grummelte etwas Unverständliches vor sich hin und rauschte schließlich davon.

Ich konnte ihm nur verdattert hinterherschauen, ließ dann den Blick kurz durch den Raum schweifen und fixierte letztendlich die Kaffeepfütze am Boden.

Was verdammt noch mal ist hier eben passiert?

_____

Als ich zu meiner Freundin in die Cafete stieß, war ich immer noch nicht ganz bei mir. Eigentlich eher vollkommen daneben, sodass sich ein Gespräch zunächst äußerst beschwerlich gestaltete.

„Wie war denn der Polterabend?", fragte Anna schließlich und wie auf Knopfdruck lief mir ein Schauer den Rücken hinunter. Womöglich wollte sie mich auf positivere Gedanken bringen, weil sie bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Tja, wie konnte sie wissen, dass ich unter anderem genau diesen Abend liebend gerne aus meinem Gedächtnis löschen wollte.

„Ach, nichts Weltbewegendes." Ich zuckte mit den Achseln und starrte konzentriert darauf, wie sich die Kaffeeoberfläche bewegte, während ich in der Tasse rührte. Dabei fiel mein Blick auf meine verletzte Hand. „Wie du siehst, habe ich mich geschnitten. Andi würde wohl sagen, ich sei ein Tollpatsch."

Anna begutachtete kurz mitleidig meinen Verband, grinste dann aber bei meiner letzten Bemerkung, sodass ich schnell weitersprach.

„Aber ansonsten war es nicht sonderlich spannend. Viele Reden, leckeres Essen, nette und seltsame Menschen ... Aber Gabriel und Emilia wirken glücklich. Das ist die Hauptsache."

Wie gerne würde ich Anna von dem ganzen Durcheinander, das momentan in mir herrschte, erzählen. Aber ich befürchtete, dass sie mich dann für komplett verrückt hielt. Ich gab ja zu, etwas durchgeknallt zu sein, jedoch war das alles absolut begründet. Allerdings fielen mir beim besten Willen keine plausiblen Gründe ein, um mein fragwürdiges Verhalten und diese unerklärlichen Gefühle im Zusammenhang mit Herrn Degenhardt zu rechtfertigen.

„Was sagst du eigentlich zu Schnieglinger? Der ist doch voll zum Einschlafen, oder?", beklagte sich Anna, bekam zwischendrin aber immer wieder kleine Lachanfälle. Ich war ihr so dankbar, dass sie das Thema wechselte.

Dann raufte sie sich ihre dunklen Haare. Es schien, als würde sie auch etwas bedrücken.

Deshalb ergriff ich vorsichtig ihre Hand, sah sie eindringlich an und fragte besorgt: „Was ist denn los?"

Doch anstatt einer Antwort entzog sich mir Anna, schüttelte den Kopf und vergrub das Gesicht für einen Moment in ihren verschränkten Armen.

„Nichts Interessantes", sagte Anna und winkte nach einiger Zeit der Stille ab, mied jedoch weiterhin jeglichen Blickkontakt, ehe sie im neckischen Ton fortfuhr. „Ich glaube, wir sollten jetzt langsam los, du bist nämlich untypischerweise zu spät gekommen."

Ich bin nicht spät dran gewesen, mir ist nur etwas beziehungsweise jemand dazwischengekommen.

„Manchmal geschehen ganz unvorhersehbare Dinge", rechtfertigte ich mich, während ich gespielt beleidigt die Augen blinzelte. Anschließend leerte ich den restlichen Inhalt des Kaffees in einem Zug und hoffte auf eine schnelle Wirkung des Koffeins.

„Was? Das kann ja gar nicht sein! Bei einer strukturierten Person wie dir kann etwas Ungeplantes passieren?", spöttelte Anna, bevor sie wieder in ein Lachen einstimmte, das mich sofort mitriss.

Nichtsdestotrotz war mir nicht entgangen, dass Anna mit ihrem Gerede einfach nur ausweichen und den Fokus auf eine andere Sache lenken wollte. Sie war wohl nicht bereit, über ihre Probleme zu reden ... Genauso wie ich. Das konnte ich deswegen nur zu gut verstehen, weshalb ich nicht weiter nachhakte.

„Ist dein Weltbild jetzt zerstört? Tut mir leid. Beim nächsten Mal richte ich es wieder." Dabei streckte ich ihr die Zunge frech heraus und nahm meine sieben Sachen in die Hände.

„So, und jetzt düsen wir mal zu Professor Schlaftablette und lassen uns berieseln", zwinkerte ich ihr zu und packte sie am Arm, um zu signalisieren, dass es Zeit war zu gehen. In fünf Minuten begann nämlich unsere Vorlesung. Leider. Ich hatte so was von keine Lust.

Unser Pädagogikdozent war im wahrsten Sinne des Wortes eine Schlaftablette. Er hatte zwar keine physischen gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen, aber dafür litt meine Konzentration, ergo meine Mitschrift zum Kursinhalt. Anna hatte mich mehrmals in die Seite gestoßen, um mich aus meinem Sekundenschlaf zu reißen. Dabei konnte ich wirklich nichts dafür, die Augenlider klappten bei Schnieglingers Soundstimme wie von alleine herunter. Das war sozusagen ein automatischer Mechanismus, der dadurch ausgelöst wurde. Zukünftig brauchte ich vor dem Kurs fünf Espresso, sonst würde es dasselbe Ende nehmen wie heute und das war in Bezug auf die Prüfung am Ende des Semesters eher kontraproduktiv.

Ich war unendlich froh, als die Vorlesung beendet war und ich zu meinem Einführungskurs in Kunstgeschichte gehen durfte. Der Professor war der Wahnsinn, ein richtiges Superbrain. Kein Wunder, dass er der Lehrstuhlinhaber war. Die Zeit verging wie im Flug und meine Müdigkeit ließ tatsächlich etwas nach. Vermutlich lag es an der Tatsache, dass mich die Inhalte mehr interessierten, aber die Eloquenz des Dozierenden trug trotzdem eine entscheidende Rolle, wie aufmerksam ihm gefolgt wurde oder nicht.

Mittags saßen wir in unserem üblichen Grüppchen in der Mensa. Zwischen Adam und mir war im Übrigen alles in Ordnung. Zum Glück hatte er die seltsame Nacht beziehungsweise den furchtbar peinlichen Morgen nicht mehr angesprochen. Adam ließ sich auch sonst nichts anmerken. Er sprach normal mit mir, scherzte wie immer und es war fast so, als wäre ich nie mit einem Filmriss in seinem Bett aufgewacht. Dafür war ich ihm unglaublich dankbar.

Allgemein hatte das Thema Einweihungsparty seitdem auch kein anderer ins Gespräch gebracht, sodass mein Absturz an jenem Abend nicht die große Runde machte. Die einzig Wissende war Anna und die ritt nicht weiter darauf herum. Oder es war für sie noch nicht die richtige Gelegenheit dafür gewesen? Allerdings war Anna nicht wie ich. Sie war so ein herzensguter Mensch, immer gut gelaunt und einfach ehrlich nett. Sie würde wahrscheinlich nie etwas tun, was einen anderen verletzen oder dumm dastehen lassen würde. Ich selbst hätte mich an ihrer Stelle schon mit zig Sprüchen aufzogen. Aber wie gesagt, Anna war zu gut für diese Welt. Ich schätzte sie sehr und freute mich darüber, inzwischen eine Freundin in ihr gefunden zu haben. Während unserer gemeinsamen Schulzeit hatten wir nämlich eher weniger miteinander zu tun gehabt.

In meinen Gedanken versunken, schob ich mir einen Bissen in den Mund, genoss dabei den Geschmack von Salami, Käse und Tomaten.

„Du isst heute ungewohnt langsam", bemerkte Anna und beäugte mich interessiert.

Hastig schluckte ich hinunter, ehe ich ihr eine Antwort gab. „Ja, ich genieße. Das liegt daran, dass es ausnahmsweise richtig geniales Essen gibt. Könnte Pizza quasi jeden Tag essen."

Anna schmunzelte zwar, aber ich konnte ihr vom Gesicht ablesen, dass sie mit meiner Erklärung nicht ganz zufrieden war.

„Und ich habe gerade daran gedacht, dass ich noch nie in Italien gewesen bin. Was absolut unverständlich ist, weil ich alles an diesem Land liebe und ich es mir fast jedes Jahr vornehme, hinzufahren." Ich spürte die Wehmut in mir hochkommen, weshalb ich mich räusperte und rasch weiterplapperte. „Findest du nicht auch, dass die Italiener absolute Genies sind? Sie kochen die besten Gerichte der Welt, gönnen sich täglich eine Siesta und wohnen in einem Land mit wundervoller Vegetation."

Anstatt zu antworten, weil sie gerade genüsslich von ihrem Pizzastück abbiss, nickte Anna energisch und unternahm dabei den Versuch, einen Daumen hoch zu gestikulieren. Das Resultat davon war, dass die Pizza mit dem Belag nach unten auf den Teller stürzte und meine Freundin frustriert dreinblickte.

Ich unterdrückte mit Mühe und Not ein schelmisches Grinsen. „Hab' verstanden, du Tollpatsch. Hast du vielleicht Lust auf eine Italien-Rundreise in den Semesterferien? Wir könnten noch ein paar andere Leute fragen ... Andi fiele mir da zum Beispiel gleich ein."

„Andi ist doch dein Nachbar und bester Freund? Ich kenne ihn vom Sehen, weil er ja auch auf unsere Schule gegangen ist. Witziger Typ, oder?" Ein stummes Nicken meinerseits bestätigte Annas Annahmen. Inzwischen war ich wieder im Schlingmodus angelangt und mit vollem Mund sollte man bekanntlich nicht sprechen. „Vielleicht hätte meine Schwester Zeit und Lust. Sie ist auch ein wahnsinniger Italienfan."

Ein Spitzen auf die Uhr und mein Magen zog sich augenblicklich zusammen. In fünfundzwanzig Minuten würde das Seminar bei Degenhardt beginnen. Ganz toll.

„Alles gut?", erkundigte sich Anna daraufhin. Diese Frage brannte ihr wohl schon lange auf der Zunge, so eindringlich, wie sie mich die ganze Zeit über beobachtet hatte.

„Ja, ich bin nur immer noch müde", entgegnete ich ihr. „Ich hole mir am besten nochmal einen Kaffee und geh dann los zum Kurs."

„Ist das nicht das van-Gogh-Seminar?" Anna wusste bereits, dass ich ein Bewunderer dieses Mannes war. Sie spürte ganz genau, dass heute etwas mit mir los war und wollte mich wieder auf andere Gedanken bringen. Woher sollte sie wissen, dass eines meiner Probleme genau in diesem Kurs auf mich treffen würde?

„Stimmt genau." Geradeso konnte ich mir ein Lächeln abgewinnen.

„Und bei dir ist wirklich alles gut?", vergewisserte sich Anna noch einmal, woraufhin ich lediglich nickte und mich dann freudestrahlend von meinen Freunden verabschieden wollte.

„Von Gogh? Ist das nicht der Verrückte, der sich das Ohr abgeschnitten hat?", warf Adam belustigt ein und machte eine kreisende Bewegung neben seinem Kopf. War klar, dass bei diesem Kunstbanausen nur dieses Detail in Bezug auf van Gogh hängen geblieben war. Aber was sollte ich erwarten, wenn er nicht einmal fähig war, sich den Namen korrekt zu merken.

Nele lachte vor sich hin. „Haben nicht alle Künstler 'ne Schraube locker?"

„Sachte, sachte! Was soll denn das für eine haltlose Behauptung sein? Auf welchen Argumenten stützt du diese Annahme?", konterte ich gespielt beleidigt. „Übrigens war van Gogh nicht verrückt, sondern genial!"

Mit diesen Worten verabschiedete ich mich schließlich von der gesamten Truppe, weil die Zeit mittlerweile drängte. Dabei brauchte ich doch dringend Kaffee!

Vor der Tablett-Abgabe hatte sich natürlich ausgerechnet heute eine unendlich lange Warteschlange gebildet. Wahrscheinlich streikte mal wieder das Fließband. Plötzlich spürte ich einen Stups hinter mir. Als ich mich umdrehte, erkannte ich Adrian, der ebenfalls ein Tablett vor sich hielt.

Er grinste mich an. „Na, alles fit?"

„Danke, passt so weit alles. Bei dir?", erwiderte ich knapp und ging einen Schritt vorwärts. Endlich schien etwas in der Schlange voranzugehen.

„Alles wunderbar. Und, wieder bereit, es Degenhardt zu zeigen?", fragte Adrian mit einem Augenzwinkern.

Eigentlich wollte ich nicht mehr an diese Person erinnert werden. „Hm."

„Das war letzte Woche wirklich beeindruckend. Degenhardt hatte nicht mal etwas hinzuzufügen", sagte mein Kommilitone, obwohl ich ihm gegenüber nur kurz angebunden war. Bemerkte er nicht, dass ich gerade keine Lust auf Small Talk hatte? Scheinbar nicht, denn sein Grinsen verbreiterte sich. „Du magst van Gogh, oder?"

Ich zog die Augenbrauen nach oben. „Ist das so offensichtlich?"

„Du weißt ganz schön viel über ihn. Und ich fand es sehr interessant, was du in Bezug auf das Zitat gesagt hast. Hab' noch lange darüber nachgedacht." Adrians Worte klangen vollkommen ehrlich. Da verdiente er definitiv eine vernünftige Antwort.

„Ich bewundere van Gogh als Künstler sehr. Er als Mensch und seine Arbeit sind mehr als faszinierend für mich. Deswegen belege ich das Seminar überhaupt." Eine kurze Stille trat ein, in der Adrian nickte. Dann fügte ich noch kleinlaut hinzu: „Degenhardt muss man halt so ertragen."

„Er ist wirklich ein toller Dozent", merkte Adrian ernst an, dabei dachte ich, er hätte mich gar nicht gehört.

Darauf zuckte ich nichtssagend mit den Achseln. „Wird sich noch zeigen. Ich finde, er ist eher ein äußerst arroganter und selbstverliebter Schnösel!" Das musste jetzt einfach heraus. In der letzten Zeit hatte sich zu viel in Bezug auf Degenhardt angestaut.

Adrian lachte einfach vor sich hin und antwortete mit einem kapitulierend klingenden „Wow".

Endlich waren wir beim Rückgabeband angelangt und ich wurde dieses nervige Tablett los. Dann drehte ich mich noch mal zu Adrian um, weil ich ihn fragen wollte, ob er auch einen Kaffee aus der Cafete mochte. Doch ich hielt innerhalb meiner Bewegung inne und erstarrte. Zwei Personen hinter uns stand Degenhardt, ebenfalls mit einem Tablett in der Hand. Er sah nicht gerade begeistert aus und fixierte mich mit seinem eisigen Tsunamiblick. Keine Ahnung, wie lange er da schon stand, denn hinter ihm warteten zehn weitere Leute.

Was von dem, das ich gesagt hatte, war bis zu ihm gedrungen?

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