
Sternenglanz
„Hast du Spider-Man gestern Abend gesehen? So cool!", rief der blonde Junge aus und ließ die Beine baumeln, während er seinen Oberkörper zu dem anderen umdrehte.
Der starrte den Blonden bewundernd an, wagte es aber sichtlich nicht, sich ebenfalls auf den Tisch zu setzen.
„Na klar. Echt cool!"
Kurzes Schweigen.
„Rinaldo war gestern große Klasse, er-"
Das Baumeln der Beine hatte innegehalten und nun war der Gesichtsausdruck des Jungen weitaus zurückhaltender.
„Bestimmt war er auch toll, aber..."
Sie wandte sich ab, doch sie hatte noch lange genug hingesehen, um den enttäuschten Gesichtsausdruck des dunkelhaarigen Jungen auf dem Stuhl zu sehen.
Doch was hatte er auch anderes erwartet?
Sie hatte selten einen so offensichtlichen Themenwechsel aufgrund von Ahnungslosigkeit gesehen.
Und doch wünschte sie sich nichts mehr, als dazuzugehören.
Traurig starrte sie den hübschen Füller mit ihrem eingravierten Namen darauf an.
Dann wandte sie den Blick wieder auf das mehrfach linierte Schreibheft, das an der linken Seite jeder Zeile ein kleines Häuschen hatte.
Nach einem weiteren Moment fuhr sie fort, langsam und sorgfältig in ihrer schönsten Schreibschrift die letzten geforderten Worte auf das Papier zu bringen.
„Mensch, Nora, das sieht aber wieder hübsch aus - du hast wirklich Talent!"
Freudestrahlend sah sie die Lehrerin an.
„Ich habe mein Bestes gegeben!"
„Das weiß ich doch."
Lächelnd drückte sie einen Sticker auf den Wochenplan, bevor sie weiterging.
Das Mädchen bewunderte einen Moment den silbernen Aufkleber, der je nach Winkel in allen Farben des Regenbogens schillerte und mit seinen klar umrissenen Kanten sie immer noch verzaubern konnte.
Er passte wunderbar zu den drei anderen, die sie diese Woche schon bekommen hatte.
Doch als sie das Schnauben hörte, befand sie sich wieder im Hier und Jetzt.
„Streberin."
Hastig schob sie das Matheheft über den Wochenplan, bevor noch andere die Sticker sehen würden.
Mechanisch verstaute sie das Deutschheft in ihrem Rucksack und mied den Blick zu dem Jungen.
Mühsam versuchte Nora sich auf die Rechenaufgaben zu konzentrieren, doch irgendwie sahen die Zahlen merkwürdig verlaufen aus.
Sie schluckte, doch es half nichts.
„Warum fürchtest du die Sterne?"
Tatsächlich merkte Nora, dass sie zu zittern begonnen hatte.
„Die anderen sind so gemein", murmelte sie.
„Und warum sind sie das? Du hast etwas bekommen, dass sie nicht zu erreichen können glauben. Und das macht sie neidisch und ängstlich."
Eine Hand legte sich auf ihren Kopf und sie sah auf.
Vor ihr stand eine junge Frau, und lächelte in einer Mischung aus Trauer und unendlich tiefem Mitgefühl.
Nora wich zurück.
„Wer bist du?"
Mit großen Augen starrte sie die Fremde an, die sich gleichzeitig merkwürdig vertraut anfühlte.
„Ich? Ich bin du – irgendwie und irgendwie auch nicht."
Tatsächlich hatte sie eine gewisse Ähnlichkeit mit Nora – doch was sie wirklich überzeugte, war die Tatsache, dass sie halb durchsichtig war und ihre Umrisse wie bei Nebelschwaden leicht zu verschwimmen schienen.
„Wie-"
Das kleine Mädchen brach ab.
Fassungslos registrierte sie die anderen – ihre Mitschüler, die Vögel draußen, ja sogar die Lehrer hatten angehalten und starrten blicklos in ihre zuletzt geschaute Richtung.
„Was passiert hier?"
„Sieh' mich an, Kleine."
Die Hand an ihrer Wange war warm und als sie in diese verständnisvollen Augen sah, musste sie nun doch weinen.
„Diese Sterne sind dein Verdienst – sei stolz darauf. Es gibt keinen Grund, sie zu verstecken und zu fürchten. Für den Moment sind sie deine größte Stärke – und die anderen wissen das."
Ein Daumen wischte die Tränen fort, auch wenn sofort neue nachkamen.
„Doch was noch wichtiger ist: Sie sind nicht deine einzige. Du hast so viele gute Seiten – du bist stark, empathisch, hilfsbereit und zäh. Du bist so viel mehr als deine Auszeichnungen."
Nora versuchte sich an einem Lächeln.
„Es gibt immer Menschen, die nicht damit umgehen können, dass andere stärker als sie selbst sind – denn dann müssten sie sich eingestehen, dass sie selbst noch wachsen können."
„Wieso-", fing Nora an, doch hielt inne.
„Wieso ich dir das erzähle? Ganz einfach – ich möchte dir Kraft geben, die dir im Moment verwehrt wird. Ich mache mir eben Gedanken um dich."
Die Frau lächelte, doch es wurde rasch wieder ernst.
„Ich sage nicht, dass es einfach wird. Tatsächlich wirst du noch oft hinfallen und verletzt werden."
Erschrocken wollte Nora sich entziehen, doch ehe sie sich versah, hatte die Frau schon die Stirn an ihre gelegt.
„Doch du wirst nicht alleine bleiben. Es wird jemand in dein Leben treten – jemand, der gründlich an deinem Weltbild rütteln wird. Jemand, der dich akzeptieren wird, wie du bist und jemand, der dich aus deiner eigenen Dunkelheit holen möchte."
Fragend sah Nora die Frau an, und ihre eigenen Tränen waren vergessen.
„Du musst es nicht verstehen. Versprich' mir einfach, dass du so stark bleibst und geduldig bist."
Verwirrt nickte das Mädchen.
„Versteh' mich nicht falsch – ich kann auch nicht noch weiter in die Zukunft sehen und es gibt keine Garantien im Leben. Aber das musst du einfach sehen und erleben. Und ich werde sicherstellen, dass du das tust."
Sie lachte und eine Träne entkam ihrem Augenwinkel.
„Nur Mut – du bist die Hauptdarstellerin deines Lebens."
Kraft flutete in das kleine Mädchen, im gleichen Maße, wie die Frau an Sichtbarkeit und Substanz verlor.
„Warte! Woher weißt du das? Wie kannst du dir so sicher sein? Wo gehst du hin?!"
Instinktiv griff sie nach der Hand, doch ihre eigene glitt nun durch sie hindurch und sie spürte die Tränenspur auf ihrer Wange.
„Keine Angst – ich werde hierbleiben. Auch, wenn du mich nicht mehr sehen kannst und mich vermutlich gleich vergessen wirst. Aber diese Energie ist ein Geschenk, das du verdienst. Schließ' die Augen und lass' mich dir helfen, Kleine."
Sie tat wie geheißen und Dunkelheit umhüllte sie wie ein wortloser Trost.
„Nora? Ist alles in Ordnung?"
Das Mädchen schlug die Augen auf und sah die besorgte Lehrerin vor sich stehen.
„Ja."
Sie sagte die Wahrheit, doch die Lehrerin schien ihr nicht zu glauben.
„Und wieso weinst du dann?"
Verwirrt fasste sie sich an die feuchte Wange, ehe sie die Tränen fortwischte.
„Huch? Ich weiß nicht."
Eine Weile wurde sie noch kritisch gemustert, bis die Lehrerin schließlich seufzte und sagte:
„Also schön. Aber wenn du mir etwas erzählen möchtest oder du dich nicht gesund fühlst, dann komm' zu mir."
„Gut!"
Nora lächelte die Frau an, und machte sich dann mit neuem Elan über ihre Matheaufgaben her.
Sie war fest entschlossen, noch mehr von den silbernen Sternen zu sammeln.
Es machte sie glücklich, warum also nicht?
Plötzlich schien es kaum noch wichtig, dass die anderen sie schief ansahen oder komische Kommentare abgaben.
Vielleicht konnten sie ja sogar Freunde werden, wenn sie ihnen Sterne abgab, sich für die gleichen Dinge wie sie interessierte oder einfach ehrlich sagte, was sie fühlte und dachte.
Sie war nicht dumm, aber eine neue Zuversicht erfüllte sie – auch wenn sie sich ihren Ursprung nicht so recht erklären konnte. Und darum lächelte sie.
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Mal wieder ein Projekt im Rahmen des Schreibwettbewerbs von sweet_predator mit der Vorgabe des Satzes: „Warum fürchtest du die Sterne?" und 200-3.000 Worten.
Meine Wörterzahl: 1.127
Ich muss zugeben, dass ich diesmal von der Seite des Wettbewerbs nicht sonderlich zufrieden bin.
Es gibt so gut wie keinen roten Faden, keine Charakterbeschreibungen und nichts an Hintergrundwissen. Außerdem fehlt es völlig an einem Spannungsbogen und auch die emotionale Nachvollziehbarkeit hält sich in Grenzen, solange es aus der Sicht einer etwa Siebenjähren erzählt wird und ich (im Moment) nicht bereit bin, mehr von meiner persönlichen Geschichte zu erzählen.
Eigentlich sollte das hier eine Geschichte über Mobbing werden – über die stille, weniger physische Art von Mobbing und über die makabere Notwendigkeit von Gruppen, einzelne auszuschließen, um sich selbst stark zu fühlen.
Doch in den letzten Wochen hat sich meine Perspektive ein wenig geändert.
Zwar verdient dieses Thema immer noch definitiv an Aufmerksamkeit, aber für mich selbst ist mir bewusst geworden, wie wenig es bringt, die ‚Täter' als Monster abzustempeln, selbst wenn man ein Recht auf Wut haben sollte.
Weit wichtiger ist es dabei, Frieden mit sich selbst zu schließen. Nur sehr selten sind Menschen aus purer Böswilligkeit grausam – vor allem haben sie mit eigenen Problemen zu kämpfen oder sind sich einfach nicht bewusst, dass sie mit ihren Worten oder Gesten andere verletzen. Und ich arbeite daran, diese Sichtweise zu festigen und nicht alles immer gleich auf eventuelle Fehler von mir zu projizieren.
Als diese Veränderung stattfand, hatte ich mich bereits einige Tage angemeldet und die Kurzgeschichte wandelte sich.
Und den anderen Part – den Hass, die Wut, die Selbstzweifel, die Hilflosigkeit und die Verzweiflung – kannte ich bereits lange genug.
Warum also nicht auf dieses völlig unerwartete Gefühl der Hoffnung, der Stärke zugehen und es so gut wie möglich annehmen?
Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich das hier veröffentlichen soll, da ich mir selbst die Qualitätsstandards durch die letzten Wettbewerbe so hochgesetzt habe, die ich dieses Mal wohl nicht werde halten können.
Doch dann ist mir etwas aufgegangen:
In erster Linie schreibe ich für mich, und niemanden sonst.
Trotzdem hat mich dieser Satz eben auch inspiriert, das hier zu schreiben und ein wenig von mir hier zu teilen – und deswegen hat es sich vermutlich auch irgendwie in dem Wettbewerb einen Platz verdient, selbst wenn dieses Werk die unteren Plätze belegt.
Deshalb – danke Aira.
(Und natürlich auch Jemand, auch wenn diese Person das vermutlich nicht lesen wird)
Vielleicht gibt ja noch jemandem der Gedanke Trost, dass das eigene Ich aus der Zukunft über einen wacht und einem die Kraft schenkt, das manchmal grausige Hier und Jetzt zu überstehen.
Nuoli
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