47 • Nothing can change that
Als ich langsam von selbst wach wurde, murrte ich verschlafen und kuschelte mich näher an den warmen Oberkörper, auf dem mein Kopf ruhte. Ich fühlte mich viel zu wohl, als dass ich diese Position verlassen wollte. Carlos liebevolles Lachen war zu hören und gleichdrauf spürte ich, wie seine Hand sanft durch meine braunen Locken fuhr:,,Schlaf ruhig weiter."
,,Wie spät ist es?", erkundigte ich mich müde und genoss seine vertraute Nähe, auf die ich die letzten Wochen verzichten musste.
,,9 Uhr, allerdings wurde das Qualifying wegen eines Sturms auf morgen Vormittag verschoben. Patrick hat geschrieben, dass wir um 13 Uhr ein kurzes Meeting mit dem Team haben. Ansonsten können wir machen, was immer wir wollen. Nur rausgehen sollen wir nicht", antwortete er, was mich bei den Vorstellungen der Alternativen zum Lächeln brachte:,,Wenn das so ist, verbringen wir wohl den ganzen Tag im Bett."
,,Dafür würde ich sogar das FIFA Turnier mit Max absagen", vermerkte der Spanier schmunzelnd und hauchte mir einen zarten Kuss auf den Ansatz. Als er den Namen seines ehemaligen Teamkollegen aussprach, lief mir ein kühler Schauer über den Rücken. Seitdem der Niederländer in Monza in mein Fahrerzimmer gekommen war, hatten wir kein Wort miteinander gewechselt, uns im Paddock nicht einmal angesehen.
,,Du bist mit Max zu FIFA verabredet?", hakte ich seufzend nach und schlug langsam meine Augen auf. Ich konnte wohl kaum von Carlos erwarten, dass einen seiner besten Freunde für mich sitzenließ. Mitkommen konnte ich nach dem letzten Streit mit Max allerdings genauso wenig. Der Niederländer würde auf meine Anwesenheit verzichten können.
,,Ja, wir haben das gestern nach der Pressekonferenz geplant", erklärte der Spanier, was ich mit einem verstehenden ,,Mh" quittierte. Wenn ich an all die Rennen im Simulator dachte, die Max und ich zusammen gefahren waren, all die Challenges, an denen wir teilgenommen hatten, und die vielen Lacher, die uns das eingebracht hatte, versetzte es mir einen Stich ins Herz, mit ihm in einem Streit auseinandergegangen zu sein. Nie hatte ich ihn als guten Freund verlieren wollen.
,,Wie geht es ihm eigentlich?", wollte ich zögerlich wissen, versuchte dabei, nicht allzu gespannt oder bedrückt zu klingen, sodass Carlos sich keine Gedanken machte.
,,Du könntest ihn das selbst fragen, wenn wir geklärt haben, was die vergangene Nacht zu bedeuten hatte, und später zusammen zu dem Turnier gehen würden", schlug Carlos behutsam vor. Seine indirekte Aufforderung, ihm zu erklären, was mich gestern zu ihm geführt hatte, hatte dabei durchaus verstanden. Er brauchte eine Antwort und die wollte ich ihm geben.
Widerwillig hob ich meinen Kopf an, um den Spanier in die Augen schauen zu können, und suchte nach den passenden Worten:,,Ich habe nicht immer alleine in meinem Haus gelebt. Vor einigen Jahren hatte ich einen Mitbewohner. Sein Name war Sacha. Wir haben uns ziemlich gut verstanden und viel zusammen gemacht. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich Gefühle für ihn entwickelt habe. Allerdings war ich mir sicher, dass er nichts für mich empfand und habe sie ignoriert, bis wir uns an einem Abend geküsst haben. Dann habe ich mir Hoffnungen gemacht, dass er sich auch in mich verliebt hatte, aber am nächsten Tag hat er mir erzählt, dass er nach Japan ziehen würde. Keine Woche später war er weg. Der Kontakt zwischen uns brach früh ab und ich habe nichts mehr von ihm gehört, bis ich ihm Donnerstag im Paddock getroffen habe. Wir sind gestern Abend ausgegangen."
,,Ausgegangen wie ihr hattet ein Date?", fragte Carlos überrascht nach.
,,Nein, es war kein Date, zumindest für mich nicht. Es hat mich einfach interessiert, was er die letzten Jahre gemacht hat", stellte ich wahrheitsgemäß klar, ,,irgendwann kamen wir auf seinen Umzug zu sprechen. Er hat mir gestanden, dass er damals ausgezogen ist, weil er Gefühle für mich hatte und dachte, dass ich sie nicht erwidern würde. Dabei war alles nur ein Missverständnis. Danach meinte Sacha, dass seine Gefühle nach den Jahren immer noch da wären und er mich nicht vergessen konnte."
,,Was hast du geantwortet?", hakte der Spanier leise nach. Da meine Arme immer noch auf seinem nackten Oberkörper lagen, konnte ich deutlich spüren, dass sein Herz schneller schlug und er sich angespannte hatte. Um ihn zu zeigen, dass seine Anspannung grundlos war, legte ich meine Hand sanft an seine Wange und lächelte beruhigend:,,Ich habe geantwortet, dass ich keine Gefühle mehr für ihn habe. Das war mir schon bewusst, als ich ihm im Paddock begegnet bin. Du bist der Mensch, den ich liebe und nichts kann daran etwas ändern, kein Mitbewohner, für den ich einmal Gefühle hatte, und keine Frau, die du mir verschwiegen hast."
Mit meinen Worten schien ich bei Carlos nicht ganz die Auswirkung erreicht zu haben, die ich wollte. Anstatt dass er sich entspannte, schluckte er schwer und schob vorsichtig meine Hand von seiner Wange. Seufzend setzte der Spanier sich auf und murmelte schuldbewusst:,,Es tut mir unheimlich leid, dass ich dich enttäuscht und verletzt habe, Lando. Ich war so ein verdammter Vollidiot... das werde ich mir selbst nie verzeihen."
,,Sag sowas nicht", flehte ich ihn liebevoll an und richtete mich ebenfalls auf, ,,ich will damit abschließen und du sollst es auch. Dazu muss ich nur wissen, was zwischen Romee und dir in der Sommerpause passiert ist. Was habt ihr gemacht, als ihr euch in Madrid getroffen habt?"
,,Erinnerst du dich noch an den Kurztrip mit meinen Schwestern, von den ich dir erzählt habe?", antwortete er mit einer Gegenfrage. Einen Moment ließ ich mir die Erinnerungen von unserem Widersehen in Spa und all den Erzählungen von Carlos Woche bei seiner Familie durch den Kopf gehen, bis mir letztendlich der besagte Urlaub mit Ana und Blanca, seinen Schwestern, in Andalusien einfiel.
,,Nach Granada, richtig?", fragte ich sicherheitshalber nach.
,,Ja, genau", stimmte er zu und blickte beschämt auf seine verknoteten Finger, ,,als wir mittags zurück in Madrid waren, habe ich mich mit Romee getroffen, war mit ihr in einem Cafe und in der Stadt, währenddessen haben wir nur geredet. Danach habe ich sie nach Hause gefahren. Sie meinte, dass sie gemerkt hätte, dass ich distanzierter wäre als sonst, sie dafür aber Verständnis hätte, da wir uns so lange nicht gesehen hätten. Anschließend hat sie mir angeboten, mit ihr auf ein Glas Wein reinzukommen und einen Film zu sehen, allerdings habe ich abgelehnt und ihr gesagt, dass ich zu müde sei. Dabei hatte sich schon der gesamte Tag mit ihr falsch so angefühlt, dass ich nicht länger in ihrer Nähe sein konnte, während ich eigentlich bei dir sein wollte. Sie hatte das lächelnd hingenommen, mir einen Kuss auf die Wange gedrückt und ist ausgestiegen. Mehr ist nicht vorgefallen, ehrlich. Ich bin zurück nach Hause gefahren und habe am nächsten Tag das erste Flugzeug nach Spa genommen."
Zum Ende hin wandte sich Carlos zu mir und sah mir direkt in die Augen. Sein Blick funkelte vor Reue und Scham, dass er mein Herz erweichen ließ und ich keine Sekunde an seinen Worten zweifelte. Er sagte die Wahrheit, das spürte ich. Zaghaft streckte ich meine Hand aus und fuhr zwischen die Hände des Spaniers, um sein nervöses Verknoten und Entknoten zu stoppen. Fest verschränkte ich unsere Finger miteinander und fuhr fort:,,Und in Monza? Was habt ihr gemacht, nachdem ich weg war?"
,,Ich bin mit ihr zurück in mein Zimmer gegangen und habe das nachgeholt, was schon längst überfällig war: ihr gesagt, dass ich sie nicht mehr liebe und jemand neuen kennengelernt habe. Sie hat mir Vorwürfe gemacht, ich hätte uns einfach so aufgegeben und sie fallenlassen. Dann hat sie mir eine geklatscht, mich einen verlogenen Mistkerl genannt und ist gegangen", berichtete Carlos nun sichtlich ruhiger. Verstehend nickte ich, doch konnte mir ein dünnes Schmunzeln nicht verkneifen:,,Babe, ich kann die Frau nicht ausstehen, aber nach alledem hast du dir das verdient."
,,Ich weiß. Euch beiden so weh zu tun, habe ich nie gewollt", verdeutlichte der Spanier schuldbewusst.
,,Und das weiß ich", stimmte ich aufmunternd zu. Ich löste meine Hand aus seiner, nur um anschließend auf seinen Schoß zu klettern und meine Arme um seinen Hals zu schlingen. Mit einem verliebten Lächeln nahm Carlos das hin und platzierte seine Hände an meiner Hüfte. Während ich mit meinen Fingern sanft durch seine Haare strich, wurde ich noch einmal ernster:,,Versprich mir, dass du mich nie, nie wieder anlügst. Egal wie schmerzhaft die Wahrheit ist, egal wie wütend sie mich machen wird, ich will sie hören. Wir kriegen alles zusammen geregelt, irgendwie. Du musst nur ehrlich sein."
,,Versprochen. Ich werde dich nicht noch einmal gehen lassen", schwor der Spanier mit fester, überzeugender Stimme, die mir ein sicheres und stützendes Gefühl gab.
Glücklich, dass alle Hindernisse zwischen uns aus dem Weg geräumt waren, lehnte ich mich vor und wollte Carlos küssen, jedoch wich dieser abwehrend zurück:,,Querido warte. Es gibt noch etwas, was du wissen sollst."
,,Und das wäre?", wollte ich verdutzt wissen, konnte allerdings nicht vermeiden, dass das Lächeln auf meinen Lippen noch breiter wurde, als er meinen geliebten Kosenamen benutzte. Der Spanier atmete tief durch, ehe er begann:,,An dem rennfreien Wochenende nach Monza bin ich wieder nach Madrid geflogen. Ich habe mich in England ohne dich nicht mehr wohl gefühlt und meine Familie gebaucht. Als ich Freitagnacht ankam, hat Ana, mich vom Flughafen abgeholt. Sie hat gemerkt, dass mich irgendwas belastet und nachgefragt, was los ist. Ich habe ihr alles erzählt, was passiert ist."
,,Meinst du mit alles erzählt auch die Monate, die wir zusammen waren?", fragte ich verdattert nach und war mir nicht sicher, ob ich seine Worte wirklich richtig verstanden hatte.
,,Ja, von unserem ersten Treffen in Brasilien bis zum Wochenende in Monza", antwortete er mit einem zustimmenden Nicken.
,,Was hat sie gesagt?", erkundigte ich mich neugierig, zeitlich stiegen Nervosität und Unruhe in mir. Zwar war ich seiner jüngsten Schwester bei seinem Heimatrennen in Barcelona schon einmal über den Weg gelaufen, aber aus mehr als einer flüchtigen Begrüßung hatten unsere Gespräche nicht bestanden.
,,Zuerst hat sie gesagt, dass sie froh ist, dass ich nicht mehr mit Romee zusammen bin. Dann meinte sie, dass sie schon seit längerem das Gefühl hatte, dass ich ihr etwas verschwieg und war froh, dass ich es ihr erzählt habe. Sie hat mir zugehört, während ich ihr Stunden in den Ohren lag, dass ich mich von meinen Schuldgefühlen erdrückt fühlte und mein Herz noch nie so weh getan hat wie in dem Moment, als ich dir im Hotel in deine glasigen Augen gesehen habe und du gesagt hast, dass alles zwischen uns eine Lüge war. Das war der Moment, in dem ich wusste, dass ich dich verloren hatte", vollendete Carlos seine emotionale Erzählung. Seine Worte waren zum Schluss lediglich ein Hauch. Mitfühlend rutschte ich noch näher zu ihm, legte meine Stirn behutsam gegen seine und schloss lächelnd meine Augen:,,Ich war verletzt, gekränkt, wütend... ich war in einem kompletten Gefühlschaos, als ich das gesagt habe. Allerdings weiß ich jetzt, dass das zwischen uns immer echt war und noch immer echt ist. Mag sein, dass das damals der Moment war, indem du mich verloren hast, aber nun hast du mich wieder und du kannst deiner Schwester sagen, dass du mich auch nicht mehr loswirst."
Stille kehrte ein. Wir beide genossen es, nach den letzten schweren Wochen endlich wieder so nah beieinander zu sein und herunterfahren zu können.
,,Weißt du", beendete Carlos nach einiger Zeit das angenehme Schweigen. ,,Ich würde gerne nicht nur Ana sagen, dass ich dich zurück an meiner Seite habe sondern auch Blanca und meinen Eltern."
Perplex wich ich ein Stück zurück und öffnete meine Augen wieder. Als ich realisierte, was seine Worte bedeuteten, begann mein Herz zu rasen:,,Du... du willst dich vor ihnen outen?"
,,Und es wäre mir eine Ehre, sie dir vorzustellen", antwortete er nickend.
,,Ich soll deine Familie kennenlernen?", hauchte ich sprachlos, wusste nicht, wie ich auf seinen Vorschlag reagieren sollte. Auch wenn ich mich bei meinen Eltern schon vor Monaten unfreiwillig geoutet hatte, wollte Carlos sich bei seiner Familie mehr Zeit lassen, was ich verständnisvoll hingenommen hatte. Er sollte sich nicht unter Druck gesetzt oder zu etwas gedrängt fühlen.
,,Natürlich nur wenn du willst", fügte er schnell hinzu, ,,ich weiß, dass es ziemlich unerwartet kommt, aber ich liebe dich und wäre bereit dazu, das auch meinen Eltern zu zeigen. Du hast genug Zeit, es dir zu dem Kopf gehen zu lassen. Ich wollte erst in der Winterpause wieder zu ihnen fliegen. Es ist auch nicht schlimm, wenn du..."
,,Ich komme mit", brach es überwältigt aus mir heraus. Es war nichts, worüber ich zweimal nachdenken brauchte. Ich wollte eine Zukunft mit Carlos, ein fester Teil seines Lebens sein und dazu zählte auch sein Leben in Spanien. Dass er mich ebenfalls in seinem Leben in Madrid eingliedern wollte, bewies mir umso mehr, wie ernst es diesmal mit uns meinte.
,,Das ging schneller, als ich erwartet hatte", lachte er verwundert, was ich grinsend mit einem Schulterzucken quittierte:,,Jemand hat mir geraten, meine Entscheidungen mit dem Herz zu treffen. Das tue ich. Ich liebe dich genauso und würde liebend gern deine Familie kennenlernen und die Stadt sehen, in der du aufgewachsen bist."
,,Dann fliegen wir im Winter nach Madrid", verkündete Carlos überglücklich und überbrückte die letzten Zentimeter zwischen uns. Verlangend zog er mich in einen Kuss, denn zunächst erwiderte, dann hastig unterbrach, als mir eine weitere Sache einfiel, die unbedingt klärungsbedarf hatte. Von dem Spanier bekam ich dafür nur einen irritierten Blick, der mich schmunzeln ließ.
,,Babe, es gibt noch eine Sache, die wir klären müssen", bemerkte ich und legte unentschlossen den Kopf schief, ,,ich muss dafür sorgen, dass Alex und George dich von seiner Feindesliste streichen, und du musst Max dazu kriegen, mir meine harschen Worte zu verzeihen."
,,Damit beginnen wir nach dem Frühstück", winkte Carlos ab und grinste mich lustvoll an. Bevor ich etwas dagegen einwenden konnte, verband der Spanier unsere Lippen zu einem weiteren gefühlvollen Kuss, denn ich kein zweites Mal unterbrechen konnte.
•••
Und damit wünsche ich euch einen schönen Start in die Woche.👀
Kurze Info: Die ff wird ca 52 Kapitel haben, statt den vorherigen 50, da ich wie schon einmal gesagt, einige Kapitel neu geschrieben und überarbeitet habe.🤫
Habt noch einen schönen Abend.🧡
Lg. T.
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