Dahlia
Es war ganz still und nur das Geräusch von Stift auf Papier war zu hören. Dahlia versuchte sich zu erinnern welche Ängste ihre Schüler hatten und ob es vor den Ferien zu Fortschritten gekommen war. Denn gleich hatte sie eine Doppelstunde Ängste mit der elften Klasse. Dieser Unterricht diente dazu die eigenen Ängste zu besiegen, um so wenig angreifbar wie möglich zu sein, trotzdem tat es ihr jedesmal im Herzen weh, wenn sie auch nur an den Raum der Ängste, wie er genannt wurde, vorbei lief. Warum unterrichtete sie auch dieses Fach? Als sie bei den drei neuen Schülern ankam erinnerte sie sich daran, dass sie noch kurz mit ihnen sprechen sollte, bevor der Unterricht startete, denn das wäre für den restlichen Unterricht sehr hilfreich und eigentlich sogar notwendig.
Als die ersten Schüler eintraten packte sie ihre Papiere zusammen und begrüßte sie. Langsam füllte sich der Raum und schließlich waren alle anwesend. "Ich gebe euch am Anfang mal ein bisschen Zeit euch daran zu erinnern weshalb ihr hier seid und was das Ziel dieses Unterrichts ist. In der Zwischenzeit führe ich kurz Gespräche mit den Neuen vor der Tür. Niyol, du bist der erste." Sie lächelte den Schwarzhaarigen an und sie nahmen sich zwei Stühle für draußen auf dem Flur.
"Also... ich habe dich her bestellt, weil ich noch kurz mit dir über deine Ängste reden möchte. Das hört sich nicht sehr toll an, ich weiß, aber es ist wichtig, dass ich weiß wovor du Angst hast und wieso, damit ich dir helfen kann diese Ängste zu besiegen." Dahlia strich sich eine Locke ihres langen, roten Haars hinter ihr Ohr und blickte kurz auf den Boden. War diese Methode überhaupt wirklich richtig? Jeder Mensch hatte Ängste, man konnte nicht vor nichts Angst haben. Und eigentlich war das auch gut so, weil man sonst nicht mehr so menschlich war. Auch Spione sollten trotzdem noch mit Gefühlen ausgestattet sein.
Sie schreckte wieder auf, als Niyol sich räusperte. Er hatte in der kurzen Stille wohl über die Frage nachgedacht. "Ich weiß nicht recht wieso ich das erzählen sollte. Genauso wenig weiß ich eigentlich genau wovor ich Angst habe. Warum müssen Sie das wissen?" Aus seinen dunkelblauen Augen strahlte Misstrauen, aber Dahlia wusste auch, dass er log. Niyol wusste ganz genau wovor er Angst hatte. Als sie wieder den Mund öffnete, schmerzte ihr Herz. "Das Fach Ängste ist dazu da, dass man seine Ängste besiegt. Spione können immer in eine Lage kommen, wo sie etwas tun müssen oder etwas ausgesetzt sind, was ihnen Angst macht. Wir versuchen dieses lähmende Gefühl in gewissen Situationen zu verringern oder vielleicht ganz aus dem Weg zu schaffen."
Bei Niyols skeptischen Blick seufzte sie kurz. "Ich weiß, es hört sich wirklich nicht toll an. Das kann ich nachvollziehen, es ist auch nicht toll, aber du wirst es verstehen, wenn du mal in so eine brenzlige Lage kommst." Der Junge nickte kurz, auch wenn Dahlia nicht das Gefühl hatte ihn überzeugt zu haben. "Wie sieht dieser Unterricht denn aus? Ich mein... wenn ich jetzt nichts sagen würde, könnte diese Angst-Überwindungs-Sache dann bei mir einfach nicht gemacht werden?" Es bildete sich ein trauriges Lächeln auf Dahlias Gesicht. "Ich möchte deine Ängste nicht erfahren, um sie gegen dich einzusetzen, sondern um dich zu beschützen und zu unterstützen. Deine Ängste werden sowieso herausgefunden. Aber wenn du es mir sagst kann ich dir helfen, wenn nicht, dann musst du allein da raus finden."
"Wie meinen Sie das?" Wieder fühlte es sich an, als würde ein Splitter in ihr Herz gebohrt werden, denn auf der sonnengebräunten Haut von Niyols Gesicht zeichnete sich ganz klar Furcht ab, bevor er sich wieder fasste und sie weiterhin skeptisch ansah. Es half jetzt nichts, um um den heißen Brei herumzureden, Niyol würde es früher oder später sowieso erfahren. "Der Raum der Ängste ist kein gewöhnlicher Raum. Wenn du dort hinein gehst kann er spüren wovor du dich fürchtest. Und die tiefsten Ängste werden überall um dich herum projiziert, wie lebensgroße und sehr echte Illusionen. Du wirst dich in Situationen wiederfinden, in denen du dich entscheiden musst, ob du dich über deine Angst hinwegsetzt oder nicht."
Kurz stoppte sie, aber fuhr schnell wieder fort, als sie das Entsetzen in Niyols Blick sah. "Wir werden nicht jede Stunde in den Raum der Ängste gehen und wir werden uns auch nicht nur auf eine solche Weise an die Ängste herantasten, vor allem nicht am Anfang. Aber wenn du willst, dass ich mit der Sprechanlage mit dir rede oder sogar mit dir in den Raum gehe, dann werde ich das tun. Aber dafür brauche ich deine Einverständnis, dass ich Bescheid weiß. Ich werde das was ich weiß für mich behalten, das verspreche ich dir."
Njola
"Doch, ich werde das tun!" "Nein, wirst du nicht! Ich bin mir sicher, dass sie es herausfinden, außerdem... macht man das einfach nicht!" "Hör zu, Jerry Piloman. Einer von denen ist böse, der oder diejenige gehört nicht zu uns, sondern zu den Gegnern. Du weißt ganz genau, dass das riskant ist." Njola Night hatte die Hände in die Seiten gestemmt und sah wütend zu ihrem Kollegen hoch. Durch ihre Größe hätte man schnell denken können, dass sie nicht ernst zu nehmen war, aber ihre blaugrünen Augen erzählten eine ganz andere Geschichte. "Ja, das stimmt. Einer von denen, nur einer von den wie vielen noch mal? 15? Und du willst bei ihnen allen im Kopf herumspucken und ihre Gedanken erfassen? Das hört sich wie magischer Hausfriedensbruch in einer noch schlimmeren Variante an!" Jerry verschränkte jetzt auch wütend die Arme und funkelte zu Njola hinab. "Wehe du machst das!" "Und wenn? Kannst du mich davon abhalten?"
"Sagt mal Leute...". Yaeko Kawa hielt plötzlich inne, als sie das Lehrerzimmer betrat und Jerry und Njola in einem wütenden Blickduell vorfand. "Was... ist passiert?", fragte sie vorsichtig nach. "Er will mir nicht erlauben die Gedanken der Elftklässler zu lesen, um herauszufinden wer von ihnen der böse Spion ist", kam es von Njola wie aus der Pistole geschossen zurück. "Das halte ich auch nicht für eine sehr gute Idee." Yaeko trat vor und legte ihre Tasche auf dem Pult ab. Jerry warf ihr einen dankbaren Blick zu und wechselte dann zu triumphierend in Richtung Njola. "Ach, und wieso nicht?" Die Schwarzhaarige schien gar nicht mehr so, wie sie sonst war. "Wenn ihr es mir verbietet mache ich es trotzdem und das wisst ihr. Es ist das einzige was wir machen können, um herauszufinden wer der Böse ist."
Wieder ging die Tür auf und traf Yaeko fast am Rücken, aber sie war schnell genug, um noch zur Seite zu springen. "Oh Entschuldigung!", sagte Anatol, der jetzt hereinkam, Vince und Dahlia im Schlepptau. Letztere sah irgendwie nicht wirklich gut aus, eher mitgenommen und müde. "Nichts passiert", lächelte Yaeko zurück. Gerade konnte Njola dieses nette Getue gar nicht ab. Warum waren nur alle dagegen? Wenn es so schlimm war wie Kate McClatten berichtet hatte, dann mussten sie dringend etwas unternehmen! "Leute, hört mal her. Ich habe einen Plan und am besten gehen wir damit einfach alle zusammen zu Kate, auch um unsere Unstimmigkeiten", sie warf einen bösen Blick auf Jerry, "aus den Weg zu räumen." Die Neuankömmlinge sahen verwirrt drein. "Was denn für einen Plan? Wofür?", fragte Vince.
Njola seufzte. "Könntet ihr das bitte erklären? Ich gehe schon mal vor zu McClattens Büro. Wir sehen uns dort." Schnell drängelte sie sich an den anderen vorbei und trat auf den Flur. Warum verstanden sie nur nicht, dass sie keine Wahl hatten? Ein Bösewicht hier, an dieser Schule, das war schlecht, das durfte nicht sein. Oder vertrauten sie ihr etwa nicht? Nur, weil sie nicht selbst Gedanken lesen und alles überprüfen konnten. Forsch klopfte sie an die Bürotür der Schulleiterin. Eigentlich war sie sich schon sicher, dass Kate ihr zustimmen würde. Sie würde doch alles für die Schule und ihren Job tun, also warum nicht von ein paar Schülern die Gedanken lesen? Es war ja nicht so, dass sie gleich über dessen ganzes Leben Bescheid wusste. Und außerdem benutzte sie ihre Gabe nun mal öfters, es war ganz normal für sie. Warum musste sie überhaupt nachfragen, ob sie das durfte?
"Herein!" Njola öffnete die Tür und wollte schon mit der ganzen Geschichte herausplatzen, als sie sah, dass Christian Barrow vor dem Schreibtisch stand, mit dem Rücken zu ihr, aber er hatte seinen Kopf in Richtung Tür gedreht. Schnell hielt sie den Mund. Bloß nicht so schnell, schalt sie sich selbst. Überlege dir was du tust, Njola. "Störe ich?", fragte sie. "Nein, gar nicht. Was gibt es?" Kate stand von hinter ihrem Schreibtisch auf und lief um ihren Schreibtisch herum. "Ich habe einen Plan, wie wir weiter mit diesem... bösen Spion verfahren sollen." "Tatsächlich?" Kate hob verwundert die Augenbrauen, schien aber nicht wirklich überrascht. "Wir haben uns gerade auch über ihn unterhalten." "Ihr... ihr wisst wer es ist?" "Oh nein, das nicht, aber wir haben weitere Beweise, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Aber erzähl du uns doch zuerst was du vor hast."
Am Ende ihrer Erzählung klopfte es wieder an der Tür. "Das sind die anderen", murmelte Njola und öffnete schnell die Tür für sie. Zu ihrem Erstaunen waren es noch mehr Lehrer, als nur diejenigen, die sie noch im Lehrerzimmer gesehen hatte. Taina Kawa begleitete ihre Cousine Yaeko und Isaac Hay stand neben Vince. Na super, hoffentlich würden zumindest ein paar von ihnen dem Plan zustimmen. "Kommt ruhig alle rein", winkte Kate und setzte sich wieder auf ihren Bürostuhl. "Ich denke wir müssen uns mal wieder unterhalten." Die Lehrer suchten sich einen Platz in dem geräumigen Zimmer oder blieben stehen und als der letzte die Tür geschlossen hatte, erhob Kate wieder die Stimme.
"Um euch auf den neuesten Stand zu bringen erzähle ich euch, was Christian mir gerade erzählt hat." Njolas Blick schoss zu Barrow hinüber, der mit verschränkten Armen und einem finsteren Ausdruck an der Wand gelehnt stand. "Jemand war während seiner Abwesenheit in seinem Büro, obwohl er abgeschlossen hatte. Seines Wissens nach ist nichts gestohlen worden, aber es wurde in den Papieren auf seinem Pult herumgestöbert und die Liste mit den Verstecken für die Gegenstände der Fünftklässler lag zerknittert auf dem Pult, anstatt in der Schublade, wo er sie hingetan hatte. Wenn irgendeiner von euch etwas weiß oder damit zu tun hat, dann sagt das bitte jetzt."
Es blieb still, während sie einander manchmal geschockt oder verwirrt ansahen. "Gut, ich gehe davon aus, dass das Durchsuchen des Büros auf die Kappe des Spions der anderen Seite geht. Deswegen frage ich euch nochmal die Augen aufzuhalten und auch die Verstecke nochmals zu kontrollieren." Die Lehrer nickten schweigsam. Die erste Schulwoche war noch nicht mal vorbei und schon sowas. "Dann ist gerade Njola mit einem Plan zu mir gekommen und ich möchte gerne eure Meinung darüber hören, bevor wir ihn in die Tat umsetzen. Da Njola die Gabe des Gedanken lesens hat, hat sie vorgeschlagen so die Elftklässler zu kontrollieren. Ich stimme ihr zu, dass wir etwas unternehmen müssen und es zumindest jetzt die einzige Möglichkeit ist Genaueres herauszufinden. Außerdem wird der oder diejenige nicht gewarnt, wenn Njola ganz unauffällig vorgeht und ihr ihr helft."
"Bitte Kate, das ist doch absurd", wandte Vince plötzlich ein. "Wir können moralisch nicht verantworten was wir da machen. Außerdem haben wir keine eindeutigen Beweise." Er sah die Schulleiterin mit einen dringenden Blick an und Njola bekam das Gefühl, dass die beiden etwas wussten, worin sie alle nicht eingeweiht waren. Natürlich, er war ja auch zum Stellvertreter befördert worden. Ein Stich der Eifersucht wallte in ihr auf, aber sie konnte ihn schnell von sich wegschieben, als Kate wieder zu ihr hinsah. "Njola, wirst du mit deiner Fähigkeit alles über die Schüler herausfinden oder nur das, was nötig ist?" "Nur das, was wir brauchen", antwortete Njola ihr wahrheitsgemäß. "Gedanken sind komplex, ich denke das weiß jeder. Ich werde darauf achten, dass ich nicht so tief eindringe, dass ich bemerkt werde oder Dinge erfahre, die nicht unserem Ziel dienen. Und wenn es euch nicht genügt, dass sich alles auf eine Person stützt, dann fragt die anderen Gedankenleser an dieser Schule. Sogar in der elften Klasse gibt es einen."
Kate nickte zufrieden. "Dann stimmen wir ab. Wer ist dafür, dass Njola die Gedanken der Elftklässler ließt, um herauszufinden, wer von ihnen nicht auf unserer Seite steht?" Njola zeigte sofort auf und sah zufrieden, dass zögerlich immer mehr Hände in die Höhe kamen, bis sich eine klare Mehrheit gebildet hatte. "Dann ist es also beschlossen. Viel Glück Njola." "Danke", lächelte sie vielversprechend.
Auftritte:
Dahlia Ignis
Niyol Aéras
Njola Night
Jerry Piloman
Kate McClatten
Vince Blavory
Yaeko Kawa
Oh wow, ich hatte doch versprochen, dass es nicht wieder zwei Monate dauern würde... und jetzt hätte es das fast. Das musste ich natürlich verhindern. Kapitel 11 für euch! Und es wird nicht nochmal so lange dauern, wirklich nicht. Am 24. Dezember will ich auch gerne im Extraband "Kurzgeschichten" ein Weihnachtsspecial für euch hochladen, dazu gibt es in dem Band auch schon ein Kapitel. In dieser Geschichte ist es natürlich noch lange nicht Weihnachten, sondern erst Anfang September, man kommt das langsam voran xD.
See you all, kleine Muschelchen <3
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