Vor zwei Jahren
Es hätte nie auf diese Weise passieren sollen. Dass er sich wie ein Dieb in der Nacht durch das Gebüsch schlich und alle zwei Sekunden geduckt innehielt, um den Geräuschen zu lauschen. Das Rauschen des Meeres in der Ferne, die Wellen, die an den Klippen brachen, der krächzende Ruf von Möwen und der Wind, der durch die Blätter der Bäume strich.
Es war nicht sein ursprünglicher Plan gewesen es darauf ankommen zu lassen. Es war töricht, geradezu dumm, sich auf die Insel zu wagen und hier zu versuchen seine Rache umzusetzen. Es wimmelte hier nur so von magisch begabten Personen, auch wenn die meisten noch Kinder waren. Er wusste, dass das in den meisten Fällen nichts über die Kräfte aussagte, die in ihnen hausten. Aber es musste jetzt passieren, das spürte er einfach. Und was einen Plan B und Fluchtwege betraf, da hatte er vorgesorgt.
Die letzten Äste teilten sich vor ihm und sein Blick fiel auf einen verlassen daliegenden Vorplatz. Ein Wasserbrunnen plätscherte, das Mondlicht spiegelte sich darin und ließ es silbrig leuchten. Aber sein Blick schenkte dem kaum Aufmerksamkeit und richtete sich stattdessen nach oben, an der Fassade des Gebäudes entlang und hoch zu dessen Fenstern. Er musste auf die linke Seite des Gebäudes, dort war es das dritte Fenster in der zweiten Reihe von oben. In diesem Zimmer schlief Kena, ahnungslos und so unschuldig, wie ein Verräter es eben sein konnte. Remy zog den Riemen seines Rucksacks etwas fester und setzte seinen Weg fort.
▪︎▪︎▪︎
Es war totenstill. Nervös ging Kate in ihrem Zimmer auf und ab. Sie hatte in den letzten 48 Stunden eine Reihe an Entscheidungen getroffen, von denen sie sich manchmal noch einreden musste, dass es bestimmt die richtigen waren und alles in Ordnung kommen würde. Wie auch jetzt.
Es hatte angefangen, als sie vor zwei Tagen eine Vision gehabt hatte. Eine Person hatte sich in das Zimmer ihrer Lehrkraft Kena Winters geschlichen, einen Dolch erhoben und... hatte dann plötzlich innegehalten und sich zu ihr umgedreht, als könne er sie sehen. Sie hatte die Vision danach noch zehn Mal durchgekaut, sich alle Details immer wieder vor Augen gerufen und schließlich zum Telefon gegriffen und ihren Kontakt beim magischen Rat angerufen. Erst bestand weniger Interesse an der Situation, aber als sie den Eindringling beschrieben hatte, schien es, als wäre plötzlich der ganze magische Rat in Aufruhr.
Es ging um Moira. Sie kannte die Organisation und sie wusste auch, dass der magische Rat sich eingehend mit ihr beschäftigte und versuchte sie aufzuhalten. Jetzt wollte es der Zufall, dass dieser Mann, den sie in ihrer Vision gesehen hatte, genau auf die Beschreibung passte, die dem Rat von einem gewissen Remy vorlag, der Anführer von Moira. Kate wusste nicht mehr, sie durfte wahrscheinlich auch gar nicht mehr wissen, aber war bis zu einem gewissen Grad in die Pläne eingeweiht worden.
Ihre Köchin hatte gestern mit dem Boot ans Festland gehen und sechs Kisten abholen müssen. Unter dem Deckmantel, dass es sich dabei um Vorräte handelte, so wie sie es öfter tat. Die Kisten waren in das Internat in einen leeren Raum geschafft worden und als die Luft rein war, waren Personen hinaus gestiegen. Allen voran Matthias Lenné, ein ernst dreinblickender, dunkelhäutiger Mann, der die zu diesem Zeitpunkt gerade laufende Operation leitete.
Denn es war mittlerweile Nacht. Der Vollmond schwebte über den Baumwipfeln, wann immer sie wieder aus dem Fenster starrte, genau wie es in ihrer Vision der Fall gewesen war. Zwischen jetzt und ein paar Stunden, wenn die Dämmerung wieder einsetzte, kam Remy in Kenas Zimmer und würde versuchen ihn umzubringen.
Kate hatte Kena einweihen wollen, aber Matthias Lenné hatte sie strikt davon abgewiesen. Sie wussten nicht was die Beziehung zwischen den beiden war, sie wussten nicht warum Remy ihn tot sehen wollte und vor allem, warum er es selbst tun wollte und nicht jemanden schickte. Zumindest stellte sie sich selbst diese Frage, aber Matthias schien es nicht so verwunderlich zu finden.
Und jetzt musste sie hier in ihrem Zimmer hocken und warten, während die anderen an ihrem Internat einen noch frei herumlaufenden und sehr gefährlichen Mörder in eine Falle zu locken versuchten. Dabei wusste Kena noch nichtmal bescheid und schlief friedlich und sie selbst hatte schon tausend Mal ihre Hilfe angeboten und gesagt, dass sie kämpfen konnte, dass sie jahrelang als Spionin gearbeitet und dass sie bereits mit Organisationen zu tun gehabt hatte. Aber diese Einheit wollte unter allen Umständen alleine und ohne eine fremde Person in ihren Reihen operieren. Es war zwar verständlich, aber gleichzeitig hatte Kate auch überhaupt kein Verständnis dafür. Resolut wandte sie sich von dem Fenster ab und ergriff ihre Schusswaffe, die sie für den Fall bereits auf den Schreibtisch gelegt hatte. Zwei Sekunden später war sie aus der Tür.
▪︎▪︎▪︎
"Sie ist los", tönte eine verzerrte Stimme aus dem Funkgerät.
"Sehr gut", murmelte Matthias Lenné nur zurück. Er hatte sich mit Ronnie, dem Neuzugang in ihrer Einheit, draußen im Schutz der Bäume postiert. Ronnie sorgte dafür, dass in einem kleinen Bereich um sie herum kein Geräusch nach außen drang, sie konnten also so laut reden wie sie wollten.
"Ich verstehe immer noch nicht ganz warum wir Kate McClatten nicht einfach einweihen konnten und warum das so umständlich muss."
Matthias entgegnete nichts, auch wenn er Ronnies zweifelnden Blick scheinbar auf sich brennen spürte. Es war vielleicht wirklich eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme, aber so sagten es nunmal die Regeln. Sie waren eine Einheit von sechs Personen und sie leiteten diese Operation. Niemand wurde eingeweiht und niemand wurde mit hinein gezogen, wenn es sich vermeiden ließ. Dass Kate nunmal diese Vision gehabt und sie informiert hatte und deswegen zumindest über die Eckdaten bescheid wusste, das war nicht mehr rückgängig zu machen.
Und da sie ohnehin bereits daran beteiligt war, hatte Matthias seinen Plan umgesetzt. Er war es, der mit seiner Fähigkeit der Gedankenmanipulation den Wunsch in Kate hatte wachsen lassen sich doch einzumischen und zu Winters auf das Zimmer zu gehen. Drinnen hatte er angeordnet, dass Hassan ihr folgte und ihm alles wissen ließ, was da drinnen passierte. Laurel war bereits vor der Zimmertür von Winters und Ronnie und er hatten von hier draußen den perfekten Blick auf das Fenster.
"Da tut sich was", flüsterte Ronnie aufgeregt, vergaß dabei wohl selbst, dass er nicht zu flüstern brauchte.
Matthias hatte das Seil bereits gesehen, welches jetzt hinunter hing, wie es festgezurrt wurde und dann ganz stramm zog und eine Gestalt in dunkler Kleidung mit geübten Bewegungen daran nach oben kletterte. Kein Zögern, kein einziger Fehltritt, normalerweise wäre er beeindruckt. Aber Remy tappte gerade genau in ihre Falle, dachte er, als ein grimmiges Lächeln seine Lippen umspielte.
▪︎▪︎▪︎
Teil eins war bereits geschafft, jetzt stand nur das Fensterglas noch als Hindernis zwischen ihm und seiner Rache. Aber auch dafür hatte er vorgesorgt, er konnte immerhin nicht einfach davon ausgehen, dass das Fenster wohl irgendwie geöffnet sein würde oder auf einen anderen Eingang setzen. Remy zog noch mal prüfend an dem Seil, aber es hielt. Ein paar Mal wickelte er es sich um die Hüfte, damit er beide Hände frei hatte. Er fand zwar auch mit seinen Füßen Halt auf einem vorstehenden Sims, aber stabil stehen konnte er hier nicht.
Beiläufig blickte er nach unten, während er seinen Rucksack von den Schultern gleiten ließ und nach vorne drehte, damit er seine Geräte herausnehmen konnte. Er hatte nie Höhenangst gehabt und auch hier auf etlichen Metern Höhe in der Schwebe zu hängen, machte ihm überhaupt nichts aus. Als hätte er es schon tausend Mal gemacht, setzte er den Glasschneider an.
Nur zwei Minuten später konnte er seine Hand durch ein kreisrundes Loch in dem Fensterglas stecken und das Fenster von innen öffnen. Er hatte bereits durch einen Spalt in der Gardine in das Zimmer hineingesehen und die dunklen Haare in dem Bett erkannt, wie sich die Decke langsam und kaum wahrnehmbar hob und senkte. Kena lag da und schlief friedlich. Wie eine Katze kletterte Remy ohne ein Geräusch in das Zimmer hinein, hielt sich an die Wand gedrückt und blieb stehen, lauschte. Nicht mal das leise Ticken einer Uhr erklang, nur Kenas gleichmäßiges Atmen. Gut. Dann kam jetzt das Ziel dieser kleinen Reise: Kenas Tod. Und es war so viel leichter, als er angenommen hatte. Früher war Kena nachts oft wach gewesen, hatte sich die Sterne angesehen, und auch diese Möglichkeit hatte er in Betracht gezogen. Er hätte auch gar nicht hier sein können, vielleicht wäre er draußen auf der Insel unterwegs gewesen. Aber was auch immer es war, er war vorbereitet. Und jetzt lag Kena einfach nur da und schlief. Er machte es ihm wirklich leicht.
Remy trat aus den Schatten heraus nach vorne an das Bett, sah auf das friedliche, entspannte Gesicht hinab. Ein Gesicht, welches er immer wieder im Geiste hervorgerufen hatte und an welchem er seit Jahren Rache wollte. Kena hatte ihm alles bedeutet. Und dann war er gegangen, hatte ihn im Stich gelassen. Er wusste noch ganz genau was er ihm damals gesagt hatte. Du musst jetzt stark sein, ich kann nicht mehr. Versprich mir, dass du auf sie aufpasst - vor allem auf Dea. Danach hatte er ihn nie wieder gesehen. Und schau her, wo sie gelandet waren. Dea war tot. Sie alle waren tot. Dabei hatten sie beide geschworen auf alle achtzugeben und sie zu beschützen, bis Kena diesen Schwur gebrochen hatte und ohne ihn gegangen war. Mit eisiger Ruhe zog Remy einen Dolch hervor.
Heutzutage bestrafte er diese Leute. Niemand, keine einzige Person, die ihn jemals verraten hatte, kam mit dem Leben davon. Und in dieser Nacht würde sich das endlich vollständig bewahrheiten. Er wollte ihm keine Chance mehr geben sich zu erklären, keine Chance sich zu wehren oder auch nur zu flehen. Kanénas verdiente diese Chance nicht. Er hob den Dolch an... doch im gleichen Moment ertönte ein Poltern und die Zimmertür flog auf. Eine Frau stand im Türrahmen, den Lauf einer Waffe auf ihn gerichtet. Für eine einzige Sekunde hielt er in der Bewegung inne, starrte sie an. Er wusste wen er hier vor sich hatte, aber er gab ihr nicht die Chance abzudrücken. Mit nur einem Zucken seiner Finger blieb sie wie erstarrt stehen und konnte sich nicht mehr rühren, kein Ton mehr ihre Kehle verlassen.
Es blieb weiter ruhig. Keine weitere Person stürzte hinein, niemand schrie und Kena schlief zum Glück immer noch. Sein Blick glitt zu der Direktorin dieses Ortes, wie sie da in der Bewegung erstarrt stand, die Augen vor Schreck aufgerissen. Er wusste über ihre Fähigkeit bescheid, dass sie Zukunftsvisionen sehen konnte, aber hatte zugegeben die Chance nur bei einen Prozent gesehen, dass sie tatsächlich etwas sehen und hereinstürmen würde. Wie sonst ließ sich ihr unangekündigter Besuch erklären? Das Risiko hatte er nehmen müssen.
Sein Blick senkte sich auf die Waffe. Kein Schalldämpfer. Das machte es schwieriger sie einfach sich selbst damit erschießen zu lassen. Sowieso passte das nicht in seine Berechnungen. Dass er erwischt werden könnte, ja, eventuell. Er hatte die Möglichkeit offen gehalten, dass irgendjemand in das Zimmer kam oder Kena bereits mit einer anderen Person hier war, aber er hatte nicht vor heute Nacht noch jemanden außer ihn umzubringen. Es ging nur um Kena, um den Verräter.
Remy lauschte immer noch angespannt und je länger es still blieb und nichts passierte, desto misstrauischer wurde er. Er wusste nicht, wann Kate McClatten die Vision gehabt hatte. Vielleicht geradeeben erst und sie war voller Elan alleine losgegangen, aber vielleicht auch schon etwas länger her, auch wenn das hier doch wohl nur von schlechter Vorbereitung zeugte. Aber eben das war es, was ihn stutzig werden ließ. Sie würde doch zumindest noch irgendjemanden bescheid gesagt haben. Es wimmelte hier von Kollegen mit Spionage- und Kampferfahrung und mit magischen Fähigkeiten, sie selbst hatte diese auch, warum polterte sie dann so offensichtlich in das Zimmer hinein?
So sicher wie er sich gerade gefühlt hatte, so unsicher wurde er jetzt. Und plötzlich machte auch das kleinste Detail keinen Sinn mehr. Warum schlief Kena? Vor allem, warum schlief er nach der aufgeschlagenen Tür immer noch? Er könnte sich über die Jahre verändert haben, tiefer schlafen oder so, aber zusammen mit Kates Erscheinen ließ es in seinem Kopf alle Alarmglocken schrillen. Das hier war nicht mehr nur Kates Werk, sie war nur die Ablenkung, die ihn in erster Linie daran hindern sollte Kena umzubringen. Aber dafür würde es zu spät sein. Der Dolch blitzte im Mondlicht auf, als plötzlich erneut ein Schatten an der Tür auftauchte und ein Schuss durch die Nacht flammte. Remy musste gezwungenermaßen hinter dem Bett in Deckung gehen und jetzt endlich fing auch Kena an sich zu regen. Nein.
Sein erster Instinkt war es mit einem Sprung zurück beim Fenster zu sein und den Rückzug anzutreten, aber dann fiel ihm auf, dass wahrscheinlich genau das von ihm erwartet wurde. Wenn vor der Tür Leute waren, dann waren sie auch draußen vor dem Fenster. Dieser Weg war genauso versperrt, wenn nicht sogar noch mehr. Die auf dem Flur sollten ihn nur dazu bringen wieder aus dem Fenster zu springen. Erst Kate alleine und als das nicht gelang, dann wurden eben die größeren Geschütze ausgefahren.
Und Remy wusste jetzt ganz genau was er tun würde. Kate drehte sich plötzlich um, ging auf die Tür zu... und zögerte. Überrascht sah Remy auf. Das war neu. Er hatte ihrem Körper einen Befehl gegeben und es schien als würde sie sich widersetzen, als würde sie sich aus aller Macht dagegen wehren. Das konnte nicht sein. Niemand ohne eine solche Fähigkeit hatte diese Kraft. Es sei denn, irgendjemand befahl ihr nicht auf ihn zu hören. Das war schon das nächste Problem, was er diesmal tatsächlich nicht einkalkuliert hatte. Aber er würde es gleich aus dem Weg geräumt haben, direkt nach Kena.
Der Dunkelhaarige hatte mittlerweile die Augen geöffnet, auch wenn es schien als würden sie ihm ständig wieder zufallen. Kein Wunder, dass er weiter geschlafen hatte, sie hatten ihn einfach betäubt oder extrem starke Schlafmittel gegeben, damit er nicht aufwachen und die Falle versauen würde. Plötzliche Wut flammte in ihm auf und auch wenn er den Dolch immer noch in der Hand hielt, zögerte er. Kena blinzelte ihn verwirrt an.
"Remy?" Es war nur ein Hauch, so leise und fragend, so zerbrechlich, aber es war wohl alles was die da draußen hatten hören wollen. Er hatte keine Zeit mehr zu reagieren, da stürmten sie bereits das Zimmer.
▪︎▪︎▪︎
Es geht looooooos! Ich freue mich mega und bin anscheinend so gehyped, dass ich nicht mehr aufhören konnte zu schreiben und ich bei der Länge des Prologs etwas übertrieben habe, sodass er jetzt in zwei Teile geteilt ist. Der zweite Teil folgt dann hoffentlich in Kürze. Bis dahin hoffe ich, dass euch der erste Teil bereits gefallen hat. :)
Bạn đang đọc truyện trên: Truyen247.Pro