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Kapitel 10

Wieder verändert sich das Bild, das diese Kinder mir zeigen. Ich stehe in meinem ehemaligen Zimmer, das ich mir mit Finn seit seiner Geburt geteilt habe. Auch dieser kleine, hell gestrichene aber heruntergekommene Raum birgt so viele Erinnerungen in sich, die nun meine Seele fluten. Doch es schmerzt mich nur halb so sehr wie kurz zuvor im Wald. Hier haben Finn und ich eh meist nur so getan als würden wir schlafen, wenn wir eigentlich unseren Eltern bei ihren ständigen Streitereien gelauscht und uns unter unseren Bettdecken versteckt haben, aus Angst, sie würden uns sonst bemerken und ebenfalls anschreien. Mehr Erinnerungen an dieses Zimmer sind da eigentlich nicht.

Wie oft hat Finnlay mitten in der Nacht nach meiner Hand gegriffen, um Halt zu suchen? Wie oft bin ich davon wach geworden, dass er in mein Bett gekrabbelt ist und sich an mich geklammert hat, mit den Worten dass sie es schon wieder tun? Viel zu oft. Wie schön auch die Tage für uns sein mochten, die Nächte sind grauenvoll gewesen. Allein schon, weil wir nicht einfach hinausgehen und uns mit unserer Fantasie haben ablenken können. Nein, wir haben uns der schrecklichen Realität stellen, in Form von elterlichen Geldsorgen und gegenseitigen Morddrohungen, müssen.

So stehe ich hier und betrachte mein etwa zehnjähriges Ich beim Schlafen. Von Hause aus eine irgendwie beunruhigende Situation. Wer will sich schon selbst beim Schlafen beobachten können? Jedoch fällt mir abseits davon sofort eine Sache auf. Mein kleiner Bruder liegt nicht schlafend neben mir, wo er eigentlich um diese Zeit sein sollte. Stattdessen ist sein Bett zerwühlt und leer. Aus diesem Grund haben wir uns doch eigentlich ein Zimmer geteilt, obwohl genug davon in unserem Haus vorhanden gewesen wären, damit jeder sein eigenes hätte haben können. Wir sind unzertrennlich gewesen. Immer. Nicht einmal getrennt schlafen konnten wir.

Endlich erwacht auch mein kleines Ebenbild und blickt sich verschlafen und irritiert um. Beinahe sofort fällt sein Blick auf das leere Bett zu seiner Rechten. »Finn?«, fragt er leise, doch erhält keine Antwort. Mit nahezu mechanischen Bewegungen richtet sich Klein-Calin auf und verlässt sein Bett, um nach seinem Bruder zu suchen.

Hilflos, frierend und flüsternd rufend irrt der Junge durch das dunkle Haus, doch den Verschollenen findet er nirgends. Ich weiß noch, dass ich damals kurz davor gewesen bin zu glauben, dass er entführt worden ist. Beinahe wäre ich schon zu meinen Eltern gerannt, um ihnen die Nachricht zu überbringen.

Doch ich ließ es bleiben. Denn so wie ich nun den Gedankenumschwung am Gesicht dieses Kindes ablesen kann, erinnere ich mich, dass mir in diesem Moment unser Gespräch auf dem Baum eingefallen ist. Im Kombinieren bin ich schon immer recht gut gewesen.

So folge ich dem Kind wie ein Schatten, das barfuß aus dem Haus hinaus, und in den Wald stürmt, wobei der Kleine einige Male beinahe auf dem taunassen Gras der Wiese ausrutscht, sich jedoch immer wieder fängt und weiter rennt. Ich habe Finn damals vor einem gewaltigen Fehler bewahren wollen und sein Held sein wollen, wie ich es, laut seinen Aussagen, schon immer gewesen war.

Mein Bruder ist bereits auf die Spitze geklettert, als mein Vergangenheits-Ich bei ebenjenem Baum ankommen, wo die beiden Jungen vor einigen Tagen noch beieinander gesessen haben. Bis zu besagter Spitze wollen mein Abbild und ich nun aufsehen, um den kleinen, sich an den Baum klammernden Jungen, der aus dieser Entfernung nicht mehr als ein verschwommener Schatten ist, dort oben ansehen zu können.

»Finnlay? Was tust du da, verdammt?«, ruft der Junge an meiner Seite. Die Angst ist deutlich in seiner Stimme zu hören, ebenso wie die Sorge.

»I-ich will mutig sein!«, erschallt die piepsige Antwort von dieser schwindelerregenden Höhe aus. Klein-Calin seufzt frustriert, ehe er sich wieder an seinen Bruder wendet. »Ich habe dir doch gesagt, dass du das erst machen sollst, wenn du bereit bist! Außerdem wollten wir das doch gemeinsam machen! Du musst mir nichts beweisen, Finn! Ich habe dich auch lieb, wenn du ein Angsthase bist!«

Doch ein leises Rascheln in der Baumkrone verrät, dass mein kleiner Bruder immer höher klettert. »Ich will aber nicht, dass du mich immer beschützen musst! Ich falle dir nur zur Last. Das will ich nicht! Ich hab dich auch lieb, Calin, aber ich will auch mal etwas ohne dich machen!« Auf irgendeine Weise schmerzen seine Worte so tief in meiner Brust. Doch heute verstehe ich ihn. Schließlich fühle ich mich heute tagtäglich nutzlos und schwach, ohne dass noch jemand wäre, der mir wieder auf die Beine helfen könnte.

»Komm sofort da runter, Finn! Ich bitte dich! Ich will nicht, dass dir etwas passiert!«

Jedoch ertönt wenig später nur ein verzweifeltes Schluchzen. »Ich kann nicht! Es ist viel zu hoch!« Ein bitteres Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Finn hat bis zu diesem Moment wohl seine Höhenangst vergessen und sie sich erst im vollkommen falschen Moment wieder ins Gedächtnis gerufen, ebenso wie es bei meinem kleinen Abbild der Fall zu sein scheint, dem schon jetzt die Schuldgefühle ins Gesicht geschrieben stehen.

Ich habe bereits damals gewusst, dass all das wegen mir und meiner dummen Mutprobe passiert ist. Warum habe ich Finnlay nur diesen dämlichen Vorschlag gemacht, in dem Wissen, dass er es wieder viel zu ernst nehmen würde? Wie er alles viel zu ernst nahm.

Wieder seufzt mein kleines Ich. »Warte. Ich komme hoch und helfe dir.« Ohne zu zögern, macht sich mein Vergangenheits-Ich daran, den Baum zu erklimmen, um den armen Jungen dort droben sicher nach unten zu bringen.

In diesem Moment bin ich mir jedoch weniger wie ein Held, eher wie ein Verbrecher vorgekommen, der seinem Bruder all dies zugemutet hat und nun dazu verpflichtet wurde, seine Fehler wiedergutzumachen. Leise rascheln wieder die Blätter des Baumes, als Finn beginnt, ‚mir' ganz langsam und mit zittrigen, unsicheren Bewegungen entgegenzukommen. Beinahe sind die beiden Jungen bei ihrer so waghalsigen Aktion soweit, dass sie sich treffen, als ein lautes Knacken, gefolgt von einem gellenden Schrei ertönt.

Beide stürzen sie. Finn hat mich damals mit in die Tiefe gerissen, als ich schon so kurz davor gewesen bin, ihn zu greifen und sicher nach unten zu tragen. Als wir so fielen, hat es sich angefühlt, als würde die Welt still stehen. In diesem einen Moment, der eine Ewigkeit andauerte, fühlte ich mich zugleich so frei und doch so hilflos, da ich meinen Bruder einfach nicht erreichen und vor dem Fall schützen konnte. Ich hatte versagt.

All diese Gefühle wallen nun wieder in mir auf, während ich diesen beiden Kindern beim Fallen zusehe. Wieder kann ich nichts tun, um es zu verhindern. Die Hilflosigkeit übermannt mich. Warum nur lassen mich der Tod und das Leben nicht in mein eigenes Schicksal eingreifen, um es zum Besseren umzuwenden?

Dumpf schlagen die beiden Körper auf dem weichen Waldboden auf. Für einige Sekunden regt sich keiner von ihnen, ehe mein kleines Ich schließlich schmerzerfüllt aufstöhnt und sich zittrig und unter Qualen ein wenig aufrichtet. »Finn?«, murmelt die Kopie leise und blickt hinüber zu dem blonden Jungen, der verkrampft und noch immer regungslos halb auf ihm liegt. Sanft rüttelt mein zweites Ich ihn an der Schulter.

»Finn? Alles in Ordnung bei dir? Komm schon, steh auf! Du liegst auf meinen Beinen und du bist echt schwer!«

Doch mein kleiner Bruder rührt sich weiterhin nicht. Jedes Geräusch scheint vom Wald geschluckt zu werden und alles ist beunruhigend still. Wieder packt mein jüngeres Ich die Schultern Finns, um ihn aufzuwecken.

Ich erinnere mich, wie ich mich vor dem warmen, nassen Zeug erschreckt habe, in das ich gegriffen habe, als ich meinen Bruder berührte. Blut. Da war Blut an meiner Hand, was ich jedoch vorerst nicht realisiert habe. Erst als mein kleines Ich Finn zur Seite dreht, wird die Quelle des endlosen Blutschwalls sichtbar. Ein spitzer Stein hat sich in die Seite seines Schädels gebohrt und ein klaffendes Loch hinterlassen.

Diese Wunde nun wiedersehen zu müssen, bringt mich beinahe an den Rand des Wahnsinns. Tränen rinnen über mein Gesicht. Dieser Tag ist der schlimmste meines Lebens gewesen. Denn mein Bruder, mein Vertrauter, mein bester Freund, ist gestorben. Vor meinen Augen. Und ich bin schuld. Wegen mir ist er doch erst auf diesen verdammten Baum geklettert!

Während ich hier einen halben Nervenzusammenbruch erleide, muss ich mit ansehen, wie die Kopie von mir weinend und wimmernd versucht den Toten aufzuwecken, der für ihn einfach nicht tot sein kann. Seine klagenden Schreie und sein Flehen brennen sich in mein Gedächtnis ein und rufen Schmerzen hervor, die sich niemand vorstellen kann, hat er nicht in etwa dasselbe erlebt hat. Der Brünette nimmt die Leiche sogar in den Arm, als würde er nur schlafen und wiegt ihn ein wenig hin und her, während er zittert und das Blut seines Bruders sich wie ein Virus auf dessen Kleidung ausbreitet.

Nicht einmal als sich lautes Rufen, Blaulichter und Taschenlampen nähern, lässt mein Vergangenheits-Ich die Leiche los. Stattdessen verharrt der Junge dort – kauernd, weinend, zitternd und voller Blut – bis die Polizisten ihn finden. Was diese Männer nur bei diesem so verstörenden und gleichzeitig berührenden Anblick haben denken müssen? Haben sie damals überhaupt erfassen können, was passiert ist, ohne sofort im üblichen Täter-und-Opfer-Schema zu denken, wie es über ihren Beruf eigentlich üblich ist?

Wieder färbt sich alles schwarz um mich herum, während mein Schluchzen in der unendlichen Stille verklingt. Ein neues Weinen mischt sich unter. Das Leben weint mit mir. »Vermisst du ihn sehr?«, schnieft das kleine Mädchen.

Ich kann nur nicken und versuchen mich zu sammeln, um eine anständige Antwort zustande zu bringen, was mir jedoch nicht einmal ansatzweise gelingt.

»Ich bin doch auch an allem schuld, was passiert ist. Schließlich ist Finn nur wegen mir auf diesen beschissenen Baum geklettert. Aber warum? Wieso wollte er nur wie ich sein? Wer will das, verdammt? Finn war perfekt. Er hat das Leben so viel mehr verdient als ich. Warum hat man ihn mir nur weggenommen? Seit diesem Tag habe ich beschissene Berührungsängste und nur noch Albträume. Es hört einfach nicht auf, egal was ich mache. Ich werde sein Blut nie wieder von meinen Händen abwaschen können. Es klebt an mir und geht nie wieder ab. Ich bin ein verdammter Mörder! Ein beschissener Mörder, der das Leben nicht verdient hat!«

Das Leben und der Tod schweigen. An der Stelle ihrer Simmen höre ich ein hohles, rostiges Geräusch, das nur von der Waage stammen kann, die vermutlich nun mehr dazu tendiert, mich endgültig sterben zu lassen.

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