Abgrund? Hölle?
Ich schreie schmerzerfüllt auf, als ich auf einem harten Untergrund aufkomme. Biege meinen Rücken durch und verziehe mein Gesicht. "Scheiße!", zische ich und lasse die Schmerzwellen erst einmal ausklingen, bevor ich langsam meine Augen öffne. Stirnrunzelnd sehe ich in den Himmel. Oder... was ich denke, dass der Himmel sein soll. Irgendetwas oranges mit roten Wolken und etwas, das wohl einem Mond ähneln soll. Erst jetzt dringen die komischen Geräusche an meine Ohren und ich setze mich auf. Sehe sofort auf den Boden. Stein... Aber ziemlich warm. Eine Steinlandschaft, wie sie meines Wissens nach nur in Bergen vorkommt. Oder in Höhlen. Ich hebe meinen Kopf, als ich Schreie höre. Klagen. Etwas peitscht. Unbekannte Geräusche, die ich keinem Tier, Mensch oder Wesen zuordnen kann, welches ich kenne. Ein Brüllen. Die Schmerzen sind verschwunden. Langsam stehe ich auf und sehe an mir hinunter. Ich bin zwar noch ein wenig nass, aber man scheint hier schnell zu trocknen.
Besorgt sehe ich auf meine Flügel! Aber diese sind noch vorhanden und lassen sich auch noch bewegen. Peitschenknallen. Mehrere Male hintereinander. Ein Brüllen. Ich gehe langsam in die Richtung und bleibe stehen, als sich ein Abgrund auftut. Nein. Ich scheine auf einer erhöhten Steinformation zu stehen. Vorsichtig sehe ich nach unten und meine Augen werden groß. Mein Mund klappt auf. Lavaströme durchziehen eine weite Ebene. Kleine Gestalten, die sich als Menschen herausstellen, werden gefoltert. Von Wesen, die ich noch nie gesehen habe. Sie besitzen die groteskesten Körper, die ich kenne. Manche haben vier Beine, andere zwei. Ein Auge, bis hin zu... ziemlich vielen, ich zähle mal nicht. Haare, bis Glatze. Schnäbel, Hauer, Reißzähne. Aber sie alle tragen eine gewisse Kleidung. Einen Stil. Schwarze Kutten. Darunter hin und wieder zu sehen, sind schwarze Anzüge. Wow... Ist das... die Hölle? Der Abgrund? Ich schlucke.
Panisch zucke ich zusammen, als ich hinter mir ein Geräusch höre und mich umsehe. Und ich erstarre. Meine Augen sehen gerade mal auf die Füße. Langsam lege ich meinen Kopf in den Nacken, um das gesamte Tier sehen zu können. "Oh, scheiße...", flüstere ich und starre das Wesen mit dem Adlerkopf an. Der große Schnabel geht auf und es kreischt. Dann setzt sich der Körper in Bewegung. Die großen Pfoten bringen das Wesen nach vorn und es streckt seine Flügel aus. Ein Löwenkörper? Adlerkopf? Was macht ein Greif hier? Okay. Am Boden entkomme ich ihm nicht. Die einzige Rettung ist die Luft, in der er mich zwar verfolgen kann, aber ob er so schnell ist wie ich, steht noch nicht fest. Ich reiße mich aus meiner Schockstarre und springe in die Luft. Der Greif mir hinterher. Auch wenn es mir ein wenig weh tut, den leidenden Menschen nicht helfend zur Seite stehen zu können, fliege ich so schnell ich kann über sie und die anderen Wesen hinweg.
Zu meinem Pech ist er auch in der Luft ziemlich schnell und ich habe den einzigen Vorteil, ziemlich wendig zu sein. Immer wieder schaffe ich es durch relativ gewagte Flugmanöver, einen kleinen Abstand zwischen mich und dem Greifen zu kreieren, den er aber leider durch die Schnelligkeit wieder wett macht. Verdammt... Ich fliege auch knapp über die Folterer und zu folternden hinweg. Diese erstarren in ihrer Arbeit und tun nichts mehr. Sie beobachten nur. Selbst die Wachen, die wahrscheinlich alles in Bewegung halten sollten, beobachten nur. Ich kann hier jetzt echt nicht verrecken! Ich muss wieder zurück. Ich muss zu Claude. Zu Alois. Zu den Drillingen, Hannah, Sebastian, Ciel! Doch ein unaufmerksamer Moment und ich spüre eine große Tatze an meinem Rücken. Aber eingefahrene Krallen. Dennoch werde ich nach unten auf den Boden geschleudert. Wieder komme ich mit dem Rücken auf und wieder habe ich das Gefühl, dass mir das Rückgrat gebrochen wurde. Keuchend bleibe ich liegen und presse die Augenlider aufeinander.
"Und welchem kleinen Bastard habe ich zu verdanken, dass meine Hölle nicht mehr arbeitet?", ertönt eine tiefe und genervte Stimme. Sogar leicht wütend. Aber sie hallt, weswegen ich sie nicht wirklich zuordnen kann. Mir ist schwindlig. Mein Kopf schmerzt. "Ein gefallener Engel. Wie niedlich." Der Sarkasmus, den ich auch durch Sebastian kennengelernt habe, trieft nur so bei diesem Satz. "Du solltest schnell deinen Platz lernen, wenn du hier überleben willst. Oder ich reiß dir deine verdammten Flügel aus!" Langsam setze ich mich auf und halte mir meinen Kopf. "Schrei nicht so rum...", brumme ich und atme tief durch. "Und wenn du meine Flügel auch nur anfassen würdest, bring ich dich um du-" Ich sehe während des Redens hoch und verstumme. Mein Mund klappt auf. Ungläubig starre ich die Person an. Und auch die Person starrt fassungslos zurück. Meine Mundwinkel gehen hoch, als ich aufstehe. "Lucifer..."
Sofort springe ich zu ihm hoch, lege meine Arme um seinen Hals und spüre im nächsten Moment, wie er mich festhält. Mich an sich drückt. Seine Flügel gehen um mich und schützen uns vor den verwirrten Blicken der anderen. "Was machst du hier...?", fragt er leise und ich lasse ihn nicht los. Denke nicht einmal daran. Stattdessen lache ich kurz. "Lange Geschichte.", erwidere ich nur und er drückt mich noch einmal an sich, ehe er mich sanft von sich drückt. "Hat dir irgendjemand etwas angetan? Du sahst aus, als hättest du Schmerzen!" Vorsichtig streicht er mir eine Strähne meiner Haare hinter die Ohren und sieht mich besorgt an. Die dunklen Augen und Haare, die schon fast schwarz wirken. Ja... bei ihm habe ich mich nicht ausgegrenzt gefühlt, wegen meiner eigenen dunklen Haare und Augen. "Geht schon wieder. Aber ich habe dir EINIGES zu erzählen!"
Während wir gehen und es mir echt um die Menschen leidtut, die hier gefoltert werden, erzähle ich Lucifer alles, was in den letzten Jahrhunderten passiert ist. Und auch speziell und sehr ausführlich mit jedem Detail, meinen Fall und die Reinigung der Stadt London. Er kann dahingehend nur den Kopf schütteln und legt mir immer wieder eine Hand auf die Schulter oder auf den Kopf. Entschuldigt sich, dass er nicht für mich, seine Schwester, da sein konnte. Was ich erlebt habe, sollte man nicht erleben. Aber was geschehen ist, ist geschehen. "Du hast gemeint, dass du einen Namen bekommen hast. Darf ich ihn erfahren?" Ich zucke zusammen und lege schuldbewusst, aber lächelnd, eine Hand auf meinen Hinterkopf. "Klar! Tut mir leid, habe ich total vergessen!", rufe ich und sehe ihn fröhlich an. "Alexandra." Lucifer mustert mich und schmunzelt selbst. "Meine kleine Alex ist erwachsen geworden... ich kann es nicht glauben."
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