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Alizée hätte sich wirklich keinen ungünstigeren Zeitpunkt für eine Vision aussuchen können! Auch Doktor Geller scheint zu merken, dass irgendwas mit ihr los ist. Ohne die Waffe zu senken, wendet sie sich mit prüfend zusammengekniffenen Augen zu Alizée.
»Sie sieht dehydriert aus«, stellt sie monoton fest. Wenn sie nur wüsste, was wirklich mit ihr los ist...
Geller hebt abschätzig eine Schulter und sagt: »Schön, eine Person weniger, mir der ich mich herumschlagen muss.«
»Wie können Sie es wagen?!«, schaltet sich jetzt meine Mutter ein, die ihren heldenhaften Moment zu haben scheint. Ich werfe ihr einen warnenden Blick zu und forme mit den Lippen: ›Sei still!‹ Doch leider lässt sie sich nicht im Mindesten davon beeindrucken und tut so, als würde sie mich gar nicht wahrnehmen.
Sie hebt das Kinn und blickt der Ärztin mit so viel Verachtung entgegen, dass ein Zittern durch die Luft zwischen uns allen zu gehen scheint. Doch Geller ist eine so skrupellose Schlampe, dass sie sogar das relativ kalt lässt.
Sie lacht humorlos auf. »Wie ich es wagen kann? Sehen Sie zu, mit Ihnen fange ich gleich an.« Und bevor ich überhaupt realisieren kann, was passiert, senkt sie die Waffe auf die Beine meiner Mutter und schießt. Der Schuss knallt so laut, dass mir fast Hören und Sehen vergeht.
Mit einem Klingeln im Ohr und eisiger Angst in den Adern fahre ich zu meiner Mutter herum, die am Boden liegt und sich mit schmerzverzerrter Miene den Oberschenkel hält. Ich kann jetzt schon sehen, wie sie immer blasser wird, das Blut sprudelt wie aus einem Springbrunnen zwischen ihren Fingern hervor.
»Mom!«, schreie ich laut und lasse mich auf den Boden zu ihr fallen. Ein dumpfer Laut ertönt, als meine Knie auf dem harten Boden aufkommen, doch ich höre ihn kaum. Ich reiße mir Hayes' Jackett von den Schultern und presse es auf ihre Wunde. Aber nur wenige Augenblicke später ist der Stoff bereits komplett durchnässt. Immer wieder murmle ich »Nein, nein, nein, nein«, da ich es einfach nicht fassen will, nicht fassen kann.
Aus der Peripherie nehme ich dunkel wahr, wie jemand mir zu Hilfe kommen will, doch Geller bellt: »Keiner rührt sich, oder ich schieße!« Ich presse den Stoff weiterhin auf das Bein meiner Mutter, wobei es widerlich schmatzt, als ich es fahrig wende. »Nein, nein, nein, nein, nein...«
Plötzlich ist da Hayes neben mir, der mich sanft von meiner Mutter fortziehen will. Ich wehre mich vehement dagegen, trete um mich, schreie... Doch sein Griff ist jetzt unnachgiebig. »Sie ist gegangen«, murmelt er. »Nein, das kann nicht sein, sie...« Meine heisere Stimme verliert sich, als ich sie ansehe, diesmal aus der Entfernung.
Er hat recht. Sie ist tot.
Ihre Haut ist gräulich weiß und unter ihr ist der ganze Boden von einer dunkelroten Lache bedeckt. Ich blicke an mir herunter und sehe, dass ich ebenso blutig bin, von Kopf bis Fuß. Unwillkürlich hebt sich mein Magen und ich erbreche mich über mein Hemd. Ein genervtes Seufzen ertönt. »Gott, was für eine Sauerei.«
Innerlich lodernd vor Wut starre ich zu dieser Soziopathin hoch, die jetzt einen Blick auf ihre Armbanduhr wirft. »In zwei Minuten trifft endlich meine Verstärkung hier ein. Bis dahin habt ihr noch Zeit, euch von dieser Welt zu verabschieden.« Also hatte sie von Anfang an vor, uns alle zu erschießen.
Ich bin so zornig, dass ich mich nicht einmal rühren kann. Es würde mich nicht wundern, wenn ich einfach hier und jetzt in Flammen aufgehe und explodiere. Ich will ihr all meine Wut entgegen schleudern und sie wissen lassen, was ich von ihr halte. Doch der Schock und die Trauer sitzen mir noch zu tief in den Knochen, sodass ein faustdicker Kloß meine Kehle blockiert.
Es wäre vermutlich kein Wunder gewesen, wenn ich nichts mehr um mich herum mitbekomme, die Tatsache in Betracht ziehend, dass meine Mutter in ihrer eigenen Blutlache vor mir liegt. Doch trotzdem nehme ich wahr, wie Hayes meine Hand ergreift und ganz kurz drückt.
Dieser Händedruck fühlt sich nach einem ›Lebewohl‹ an.
Ich fahre zu ihm herum um zu sehen, wie er sich schwerfällig erhebt, als würde ihm das, was er jetzt im Begriff ist zu tun, nicht leicht fallen. Unsere Blicke treffen sich ein letztes Mal, bevor er sich von mir abwendet und auf Doktor Geller zuschreitet. ›Hayes!‹, will ich schreien, doch noch immer sind meine Stimmbänder blockiert.
Die Frau mit der Waffe betrachtet ihn argwöhnisch und hebt den Lauf in seine Richtung. »Das würde ich an Ihrer Stelle sein lassen, Bürgermeister.«
Doch Hayes lässt sich nicht beirren. Stoisch geht er weiter auf sie zu, bis er schließlich vor ihr zum Stehen kommt. Ich habe absolut keine Ahnung, was er vorhat und Geller scheint es ebenso zu gehen. Ehrlich gesagt habe ich fast die Vermutung, dass nicht einmal Hayes so recht weiß, was er da eigentlich tut.
Aber die nächste Bewegung, die er macht, ist so präzise, dass es sich um keinen Impuls handeln kann. Mit einem kraftvollen und zielgerichteten Hechtsprung wirft er Geller zu Boden. Das alles geschieht so schnell, dass ihr Schuss reichlich verzögert erfolgt – nichtsdestotrotz tut er es.
Als Hayes über ihr zusammensackt, bleibt mir das Herz in der Brust stehen. Sie versucht ächzend, ihn zur Seite zu schieben, jedoch erfolglos. Er ist einfach zu schwer und drückt sie mit seinem ganzen Gewicht auf dem gefliesten Boden im Flur draußen. Mir kommt es wie ein groteskes Déjà-vu vor, als sich eine dunkle Lache unter den beiden ausbreitet.
Schließlich schafft Geller es doch, Hayes zur Seite zu schieben. Mein Herz hebt sich vor Erleichterung, als ich sehe, dass er sich noch bewegen kann. Mit schmerzverzerrter Miene hält er sich den Arm und robbt zur gegenüberliegenden Wand, um sich mit dem Rücken daran zu lehnen.
Geller folgt meinem Blick und lacht spöttisch auf, diesmal etwas atemlos. »Freu dich nicht zu früh. Dieser Bastard wird schon bald seine gerechte Strafe erhalten, dafür, dass er mich gleich zwei Mal hintergangen hat!« Das Lächeln auf ihrem Gesicht bekommt etwas diabolisches. »Ihn werde ich als erstes erschießen, sobald meine Leute da sind, um euch alle währenddessen in Schach zu halten. Und du wirst zuschauen, Uma.«
Ich höre ihre Worte nur wie aus weiter Entfernung, da meine ungeteilte Aufmerksamkeit auf Hayes liegt. Er wird immer blasser und hat bereits einen feinen Schweißfilm über dem Gesicht. Ich hoffe so sehr, dass er es schaffen wird. Noch einen weiteren Verlust kann ich schier nicht ertragen. Egal, ob er mich letzten Endes nun betrogen hat oder nicht. Ich liebe ihn. Daran kann ich nichts mehr ändern.
Jetzt wedelt Geller abschätzig mit der Pistole zu Alizée, deren Anwesenheit ich beinahe vergessen habe. »Was zur Hölle ist eigentlich mit der los? Hat sie eine psychotische Episode?« Ich habe geglaubt, dass das eine rhetorische Frage war. Doch nachdem sie uns erwartungsvoll anblickt, realisiere ich, dass sie tatsächlich eine Antwort erwartet.
Alizée blickt weiterhin ins Leere und Geller schnipst probehalber vor ihrem Gesicht herum. Sie zuckt nicht einmal mit der Wimper. »Gott, diese Stadt ist so gestört.« Sagt die Richtige, denke ich bitter.
Als sie sich mir zuwendet, breitet sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, welches ich nur als ›gefährlich‹ bezeichnen kann. »Scheint, als würde sich meine Verstärkung alle scheiß Zeit der Welt lassen, um hier aufzukreuzen. Da vier von euch aber mittlerweile außer Gefecht gesetzt sind und ich eine geladene Waffe habe, würde ich sagen, dass ich das auch allein hinbekomme. Jetzt sind es nur noch du und ich, Uma.«
Als sie in einer fließenden Bewegung den Revolver auf meine Stirn setzt, wird mir erst schmerzlich bewusst, wie rapide die Wahrscheinlichkeit dafür gesunken ist, dass es überhaupt einer von uns lebend hier rausschafft.
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