
20 | Der Fall
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Xander auf den Turm, der sich scheinbar immer weiter von ihm entfernte. Es fühlte sich nicht an, als würde er selbst stürzen — vielmehr wirkte es, als würde der Turm in die Ferne gleiten und Xander zurücklassen. Seine Konturen verschwammen, wurden kleiner und blasser, bis sie schließlich nur noch als schwaches Leuchten in der Dunkelheit schwebten. Die Halle um ihn herum hatte sich bereits in ein finsteres Nichts aufgelöst.
Ein stummer Schrei erstarrte auf Xanders Gesicht, während er jeden Moment damit rechnete den Glasboden zu durchschlagen und von der Wucht und den scharfen Splittern in tausend Teile zerschnitten zu werden. Doch der Aufprall blieb aus. Xander fiel weiter. Immer tiefer zog es ihn hinab . Die Schwärze dehnte sich endlos um ihn aus, bis auch das letzte Glimmen des Leuchtfeuers verschluckt war und nichts als eine bedrückende Leere zurückblieb.
Fiel er noch immer? Oder schwebte er? Xander konnte es nicht sagen. Ohne einen festen Bezugspunkt war sein Körper schwerelos, verloren in der endlosen Schwärze. Oben und unten hatten ihre Bedeutung verloren. Vergangenheit und Zukunft verschwammen. War er noch am Leben? Oder hatte er längst die Grenze überschritten?
Er blinzelte. Doch nichts änderte sich. Die Dunkelheit blieb. Selbst mit geöffneten Augen fühlte sie sich an, als wäre sie in ihn hineingekrochen, und hätte ihn dann von innen heraus verschluckt. Nur das Geräusch seines unsteten Atems durchbrach die Stille. Oder war es das dumpfe Pochen seines rasenden Pulses?
„Xander..." Die Stimme war kaum mehr als ein Hauch, doch sie schnitt durch die Leere wie ein Messer.
„Xander, es ist Zeit, aufzuwachen."
Er zuckte zusammen. „Ich versuche es doch!", wollte er rufen, doch die Worte verließen seine Lippen nur als gedämpftes Murmeln. Sie verhallten in der Dunkelheit, als hätten sie nie existiert. Oder hatte er sie sich nur eingebildet?
Plötzlich fiel ihm etwas Wichtiges ein. „Hektor!"
Sein eigener Ruf hallte in seinem Kopf wider, laut und verzweifelt. Aber auch dieses Mal schien die Dunkelheit ihn zu verschlucken. Seine Stimme klang fern und verzerrt, als würde sie durch Wasser dringen oder von dicken Wänden verschluckt werden.
„Hektor, bist du da?"
Doch keine Antwort kam. Nur Stille.
Und dann war die Stimme wieder da.
„Xander, wach auf!"
„Ich will ja, verdammt!" Seine Stimme klang hohl, sie verirrte sich in der Dunkelheit. „Ich will zurück!"
Doch wohin? Xander neigte den Kopf, suchte nach Antworten, die ihm entglitten wie flüchtige Schatten. Wo war er eben gewesen? Und wo wollte er sein?
Er erinnerte sich nur schemenhaft:
Ein Turm im Nebel.
Ein Haus im Wald.
Ein hübsches Mädchen im Diner.
Der Strand.
Und Venedig.
Ein kleines Mädchen auf einer Schaukel. Sie lächelte, während sie hin und her schwang—auf und ab, auf und ab. Xander lächelte ebenfalls.
Der Frühling war warm, die Luft summte vor Leben. Blumen bedeckten die Wiese, Bienen tanzten zwischen den Blüten, und eine vertraute Melodie schwebte durch die Äste der alten Eiche.
„I see trees of green
Red roses too
I see them bloom
For me and you
And I think to myself
What a wonderful world."
Xander summte mit, ließ sich treiben, vor und zurück, als würde die Zeit sich selbst im Rhythmus des schwingenden Brettes bewegen. Die Welt war schön. Friedlich. Leicht.
Er wollte für immer hierbleiben.
„Xander, mein Gott! Verdammt noch mal—WACH AUF!"
Die Stimme war ein Donnerhall, riss ihn aus seiner Trance. Die Erde bebte. Der alte Baum ächzte und krachte. Mit einem unheilvollen Knall brach er entzwei. Xander fiel. Die Schaukel riss ihn mit sich zu Boden. Hitze durchzog das Erdreich. Ein Zittern, das stärker wurde.
Neben seiner Hand klaffte plötzlich ein Riss auf— ein dünner Spalt, der sich rasend schnell ausbreitete. Der Boden zitterte und stöhnte, während die Erde sich öffnete. Der Spalt wurde breiter, tiefer — und füllte sich mit Blut.
Xander schnappte nach Luft. Er sprang auf, doch seine Beine wollten ihm nicht gehorchen. Sie klebten fest, als wäre der Boden lebendig geworden und ihn nun mit eiserner Faust an Ort und Stelle festhalten. „Nein! Das kann nicht sein!"
Die rote Flüssigkeit quoll aus den Poren der Erde, kroch zäh und unerbittlich voran. Gras und Blumen versanken darin, als würde das Leben selbst verschlungen. Die lavaartige Masse erreichte seine Beine, brannte heiß auf seiner Haut. Xander zerrte an seinen Füßen, zitterte vor Panik. „Hilfe! Was geschieht hier?"
Ein greller Blitz zuckte durch den Himmel, riss ihn in zwei Hälften. Rauch brannte in Xanders Augen. Der Baum, einst lebendig, war jetzt nur noch ein verkohltes Skelett. Seine Äste streckten sich wie Knochenfinger in den aufziehenden Sturm.
Xander keuchte. Der Boden bebte stärker, und der Riss fraß sich unaufhaltsam weiter, als wollte er ihn verschlingen.
„Xander!" Die Stimme donnerte durch das Chaos wie ein rettender Anker, klar und warm.
Er riss den Kopf herum, suchte nach ihr. Nach einem Ausweg.
Doch überall war nur Feuer. Blut. Schatten.
Und dann — ein Licht. Ein winziger Punkt in der Ferne, schwach, aber da. Ein Stern in der Dunkelheit.
Xander erstarrte. War das seine Chance? Oder nur eine weitere Illusion?
„Komm zurück!" Die Stimme war jetzt klarer, näher.
Xander atmete tief durch. Sein Herz raste. Dann streckte er die Hand nach dem Licht aus.
Es flackerte, zögerte, doch es blieb.
Und Xander machte den ersten Schritt.
...
Plötzlich zog etwas an ihm — zerrte ihn fort, riss ihn aus der Hölle, die ihn verschlungen hatte. Ein Ruck, ein Schwindelgefühl, und dann — Stille.
Xander riss die Augen auf.
Dunkelheit umgab ihn, schwer und drückend. Doch da, ein schwaches Leuchten am Rand seines Blickfeldes. Ein Schimmer. War er wirklich zurück? Zurück im Institut?
Sein Atem ging flach. Vorsichtig hob er die Hand, wollte den Helm abnehmen, der ihn hier festhielt. Doch kaum streckte er die Finger aus, stießen sie gegen eine unsichtbare Barriere. Glas.
Er fror ein. Noch immer gefangen?
Xander bäumte sich wütend auf, versuchte, seine Arme an seinem Körper vorbeizuziehen, doch wieder stieß er an das kalte, glatte Material. Panik flammte in ihm auf.
„Xander, nicht! Halt still, wir holen dich gleich raus!"
Die Stimme gab ihm neue Hoffnung — warm, fest, vertraut. Xander blinzelte. Konnte das wirklich sein? „Sassy?"
„Ja, verdammt!" Ihre Stimme klang freudig. „Du bist gleich frei, wir müssen nur den Tube öffnen.
„Den Tube? Scheiße, wie lange war ich weg?" Endlich nahm jemand den Helm von Xanders Kopf. Das Licht des Schlaflabors war fast zu hell für Xanders Augen. Doch nach einigen Sekunden erkannte er das vertraute Gesicht seiner Freundin. Ihre schwarzen Haare standen wie immer in alle Richtungen von ihrem Kopf ab und ein erleichtertes Lächeln lag auf ihren vollen Lippen.
„Oh, man, du warst fast drei Wochen da drin! Ich hab schon fast nicht mehr daran geglaubt, dich unversehrt wieder herzuholen."
„Drei Wochen?" Xander schnappte nach Luft. Der scharfe Geruch von Desinfektionsmittel brannte in seiner Nase — ein seltsam beruhigendes Zeichen. Er war tatsächlich wieder im Institut.
Doch nicht im Kontrollraum. Stattdessen stand er in einem der Schlaflabore, wo die Kunden in hohen Glasröhren —den sogenannten Tubes—untergebracht waren. Diese speziellen Behälter verhinderten Druckstellen während der langen Traumphasen.
Ein breiter, weicher Gurt lag um seine Hüfte und hielt ihn mithilfe eines Gestells in aufrechter Position. Die gläsernen Röhrenwände schimmerten matt im schwachen Licht.
„Was ist passiert, Sassy? Warum bin ich nicht im Kontrollraum? Wo sind Hektor, Renard und Mr. Harold? Wo ist Nia?"
Bei der letzten Frage zog sich sein Magen schmerzhaft zusammen. Nia. Xander schloss für einen Moment die Augen, als die Erinnerung an ihren Verrat ihn wie ein Schlag traf. Er hatte ihr vertraut — und sie hatte ihn vom Turm gestoßen. Doch trotz des Verrats und der brennenden Wut in seiner Brust keimte ein leiser Hoffnungsschimmer in ihm auf. Hatte sie es heil aus Elysium Haven herausgeschafft?
Während zwei Männer ihn behutsam aus dem Tube hoben und von den Gurten befreiten, telefonierte Sassy kurz mit jemandem. Dann wandte sie sich an ihn, die Stirn in Sorgenfalten gelegt.
„Ich werde dir alles erklären, Xander. Aber zuerst musst du dich untersuchen lassen. Und dringend was anderes anziehen."
Erst jetzt sah Xander an sich herunter. Und stockte. Er trug einen eng anliegenden, silberfarbenen Anzug aus einem glatten, leicht glänzenden Material. Die Oberfläche schimmerte im Licht der Laborlampen, als wäre sie mit einer dünnen Metallschicht überzogen. Der Stoff klebte an seinem Körper wie eine zweite Haut und ließ jede Muskelkontur erkennen. An einigen Stellen ragten Schläuche aus und in seinen Körper. Ein ungewohnter Anblick, und doch dachte Xander sofort an seine Mutter.
Seine nackten Füße standen nun auf dem kalten Metallboden, und eine Gänsehaut kroch ihm über die Arme. Der Anzug mochte technologisch fortschrittlich und überlebenswichtig für ihn gewesen sein, aber er fühlte sich in ihm entblößt und verletzlich.
Als könnte sie seine Gedanken lesen, reichte Sassy ihm einen Bademantel. „Ich gehe schon mal in den Aufenthaltsraum, während die Pfleger sich um dich kümmern. Komm nach, wenn du soweit bist." Sie nickte ihm zu und lächelte. „Schön, dass du wieder bei uns bist!"
Xander nickte ebenfalls. Er hatte es aus dem Labyrinth der Träume heraus geschafft. Er war ihm tatsächlich entkommen. Und nun würde er endlich Antworten auf seine Fragen erhalten!
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