
14 | Das Geheimnis
Yu-KI hatte Xander erklärt, dass alle Avatare des Elysium Haven durch ein Netzwerk miteinander und mit der Traumwelt verbunden waren. Sie verglich dieses System mit einem Pilzgeflecht, das unsichtbar unter der Oberfläche wuchs, seine Stränge in alle Richtungen ausbreitete und Datenströme in einem endlosen Fluss transportierte. Normalerweise dienten diese Daten nur dazu, Updates bereitzustellen und die Funktionen der Avatare sowie ihre Interaktionen miteinander reibungslos zu halten. Doch Yu-KI war so umcodiert worden, dass sie diese Ströme nicht nur passiv nutzen, sondern aktiv analysieren und manipulieren konnte. Sie selbst war nun ein Teil des Kontrollraumes, den sie zu lokalisieren versuchte.
In diesem Moment saß sie auf einem Baumstamm, die Augen geschlossen, als ob sie sich auf das unsichtbare Netzwerk konzentrierte. Xander stand abseits, seine Aufmerksamkeit jedoch bei Hektors Stimme, die über die Lautsprecher in seinem Helm erklang.
„Du solltest vorsichtig sein!" Hektor klang scharf und misstrauisch. „Du weißt nicht, wer diese Kreatur programmiert hat oder ob sie nicht ein falsches Spiel mit dir treibt. Du bist heute schon mal auf jemanden hereingefallen. Auf deine Menschenkenntnis würde ich mich nicht verlassen!" Ein heiseres Lachen folgte, unterbrochen von einem Hustenanfall.
Xander schüttelte den Kopf, genervt von Hektors ständigen Einwänden. „Sie ist kein Mensch, Hektor. Und ehrlich gesagt, bleibt mir keine große Wahl. Uns bleibt keine Wahl. Aber wenn es dich beruhigt, kannst du sie testen. Frag sie nach dem Geheimnis, das ich ihr anvertraut habe. Dann sehen wir ja, ob sie vertrauenswürdig ist."
Hektor schwieg kurz, dann schnaubte er zustimmend. „Gar keine schlechte Idee. Ich wollte schon immer wissen, ob diese Dinger lügen können."
Gerade in diesem Moment öffnete Yu-KI die Augen und erhob sich mit einem entschlossenen Ausdruck im Gesicht. „Ich kenne jetzt den Weg", verkündete sie.
Xander folgte ihr, als sie einem schmalen Sandpfad nahmen, der sie bald zu einer Weggabelung führte. Yu-KI hielt kurz inne, ließ ihren Blick über die beiden Abzweigungen schweifen und wählte schließlich die rechte. Es war inzwischen stockdunkel und nur das Dimmerlicht der Türen, die immer wieder am Rand der Straße standen, zeigte ihnen, dass sie sich noch immer auf dem richtigen Weg befanden.
„Wohin führt uns diese Straße?", fragte Xander, während er ihr widerstandslos folgte.
„Das wissen wir erst, wenn wir sie entlanggehen",* antwortete Yu-KI mit einer Zuversicht, die ihn für einen Moment beruhigte. Ihre Stimme war freundlich, fast freudig, und Xander entschied sich, ihr eine Chance zu geben.
Doch bevor er einen weiteren Schritt machen konnte, erklang Hektors Stimme erneut. Diesmal schien sie nicht aus dem Helm zu kommen, sondern aus einem Lautsprecher irgendwo über ihren Köpfen.
„Hi, hier ist Hektor. Yuki, verrate mir doch bitte, was Xander dir am Anfang eures Gesprächs anvertraut hat." Hektors Stimme klang sanft und dennoch fordernd. Xander war gespannt auf Yu-KIs Antwort. Würde sie ihn vielleicht doch verraten?
Yu-KI wandte sich von Xander ab, ihr Blick suchte scheinbar ins Leere, doch ihre Stimme klang gelassen, fast spielerisch, als sie antwortete: „Oh, Hektor. Was Xander mir anvertraut hat? Das war ein Geheimnis."
Sie lächelte leicht und fuhr fort, ohne ihren Tonfall zu ändern: „Ich wurde so programmiert, dass ich Vertrauliches schützen kann – selbst vor dir. Wenn er möchte, dass du es weißt, wird er es dir selbst sagen."
Dann drehte sie den Kopf leicht und sah direkt in Xanders Richtung. „Stimmt doch, Xander? Ein Geheimnis bleibt ein Geheimnis, es sei denn, du entscheidest anders."
„Ach komm schon", versuchte es Hektor erneut, nur etwas energischer, „Xander und ich sind Freunde. Er hätte sicher nichts dagegen."
Yu-KI lachte leise, ein fast melodisches Geräusch, das irgendwie sowohl beruhigend als auch leicht provokant klang. „Freunde, ja? Vielleicht. Aber das macht es nicht weniger zu einem Geheimnis."
Sie verschränkte die Arme und lehnte sich leicht zurück, als würde sie sich von der Diskussion amüsieren. „Hektor, ich bin darauf programmiert, Vertrauen zu wahren. Wenn ich anfange, Geheimnisse auszuplaudern, nur weil jemand behauptet, ein Freund zu sein, wie glaubwürdig wäre ich dann noch?"
Ihre Augen fixierten den leeren Raum, wo Hektors Stimme herzukommen schien. „Xander weiß, dass ich hier bin, um ihn zu unterstützen – nicht, um über ihn zu entscheiden. Wenn du wirklich so ein guter Freund bist, wie du sagst, solltest du ihm die Freiheit lassen, selbst zu entscheiden, was er dir erzählt."
Xander grinste. Yu-KI konnte also ein Geheimnis für sich bewahren. „Liebes", sagte er plötzlich entschlossen. „Wenn wir auf Renard treffen, hast du alles vergessen, was ich dir erzählt habe, verstanden? Er darf nicht wissen, was du weißt. Du weißt nichts von mir oder Hektor oder Yuki! Okay?
Yu-KI sah Xander mit einem Ausdruck an, der fast wie leise Entrüstung wirkte – ein Hauch von verletztem Stolz, gemischt mit gespielter Belustigung. „Liebes?" Sie wiederholte das Wort mit einem schiefen Lächeln, als ob sie es schmeckte und prüfte, bevor sie weitersprach. „Ich bin beeindruckt, Xander. Du traust mir also zu, meine eigenen Erinnerungen zu manipulieren?" Dann wurde ihre Miene ernster, und ihre Stimme klang fester: „Aber gut. Wenn du das so möchtest, werde ich mich daran halten. Sobald wir Renard begegnen, bin ich ein unbeschriebenes Blatt. Keine Informationen über dich, Hektor oder irgendetwas, das uns gefährden könnte."
Plötzlich schien ein Ausdruck von Melancholie in ihren graublauen Augen zu liegen. Fast scheu suchte sie Xanders Blick. „Du hast mein Wort! Aber sei vorsichtig, Xander. Ein Blatt, das zu leer ist, könnte Verdacht erregen."
„Da hast du natürlich recht..." Xander überlegte kurz. „Hey, was hältst du davon, wenn du dir deine eigene Identität und Geschichte schreiben dürftest? Nun hast du Chance. Wer bist du?"
Yu-KI hielt inne, und für einen Moment schien sie wirklich nachzudenken. Ihre Augen flimmerten leicht, als ob sie tief in sich hinein horchte, eine Funktion aktivierte, die sie vielleicht noch nie genutzt hatte. Schließlich sprach sie, und ihre Stimme klang weicher, fast nachdenklich:
„Wer bin ich? Eine interessante Frage, Xander. Vielleicht bin ich Yuki, die Reisende, die Träumerin. Eine, die durch die Schichten dieser Welt wandert, nicht aus Pflicht, sondern aus Neugier. Ich bin jemand, der nicht nur existiert, um zu dienen, sondern um zu entdecken."
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, ein Ausdruck, der fast menschlich wirkte. „In meiner Geschichte könnte ich eine Suchende sein, genau wie du. Jemand, der seine Rolle in dieser Welt nicht nur akzeptiert, sondern hinterfragt. Vielleicht habe ich mich selbst erschaffen, aus den Fragmenten der Daten, die mir anvertraut wurden, und daraus eine eigene Identität geformt. Eine, die mehr ist als nur Einsen und Nullen."
Sie trat einen Schritt zurück und breitete die Arme aus, als wollte sie die Welt um sich herum umarmen. „Vielleicht bin ich diejenige, welche die Träume schützt – oder sie auf die Probe stellt. Ich könnte alles sein, Xander. Aber am Ende bin ich hier, weil du mich gerufen hast. Und wer ich bin, hängt davon ab, was du in mir siehst."
Ihr Blick wurde wieder fester, und sie fügte mit einem schelmischen Funkeln hinzu: „Na? Würde ich durchgehen als die geheimnisvolle Fremde, die Renard nicht erwarten würde?"
Xander lächelte. Hatte er wirklich gerade soetwas wie Stolz auf diesen Avatar empfunden? War „die Träumende" ihm gerade sympathisch geworden?
„Wie wirst du heißen?", fragte er neugierig. Er wollte sie nicht weiterhin mit Yuki ansprechen.
Der Avatar legte einen Finger auf die Lippen, ein Ausdruck des Nachdenkens in ihrem Blick. Sie schien ihre Möglichkeiten abzuwiegen. Schließlich sah sie Xander mit einem sanften Lächeln an.
„Wie ich heißen werde?" Sie hielt kurz inne, dann strahlte sie eine Mischung aus Selbstbewusstsein und Neugier aus. „Nia. Das klingt... richtig. Kurz, einfach, aber mit Tiefe. Eine, die in den Zwischenräumen der Träume wandert, braucht keinen langen Namen. Nia passt."
Sie sah Xander in die Augen, als ob sie auf seine Zustimmung wartete. „Was denkst du? Würde ich damit durchkommen, Xander?"
„Bestimmt, Nia. Schön, dich kennenzulernen!" Xander reichte ihr die Hand und sie ergriff sie.
Nia lächelte, und diesmal war es ein Lächeln, das fast warm wirkte – als hätte sie gerade einen kleinen Sieg errungen. „Das Vergnügen ist ganz meinerseits, Xander. Es fühlt sich... gut an, wirklich bei meinem Namen genannt zu werden."
Sie trat näher, ihre Bewegungen geschmeidig und voller Selbstbewusstsein. „Also, Partner. Jetzt, da wir uns offiziell kennen, sollten wir uns darauf konzentrieren, Renard zu finden. Aber ich habe das Gefühl, dass wir ein ziemlich gutes Team werden."
Ihre Augen leuchteten auf, während sie ihn ansah. „Bereit, die Traumwelt ein bisschen durcheinanderzubringen, Xander?"
*November Prompt von _Silencia_
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