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Kapitel 33: Blaues Feuer

Je wärmer die Temperatur wurde, desto vorsichtiger wurden auch Kapitän und Offizier.

»Alle Mann die Lichter löschen! Ich möchte keine einzige Lampe, keine Fackel mehr sehen!«, rief der Offizier in seiner bassigen Stimme. Nacheinander wurden die Lichter ausgemacht, während die letzten rosanen Streifen hinter dem Horizont verschwanden. Es war, als löschte man einen Stern nach dem anderen, doch sobald man nach oben sah, eröffnete sich die Weite eines absoluten Sternenhimmels, wie Ibraim es immer genannt hatte.

Den absoluten Sternenhimmel siehst du dann, wenn der Mond noch nicht am Horizont steht und die Sonne gerade untergegangen ist. Es ist ein absoluter, wenn du kaum noch einen freien Platz zwischen den Sternen siehst und er dich an Mehl auf einer Arbeitsplatte erinnert.

Nachts steuerten nur die Matrosen das Schiff, da sie die einzigen waren, die sich blind darauf auskannten. Die Brünette warf einen letzten Blick gen Himmel und stieg dann die Treppen hinab. Die restlichen Wayfinder saßen im Unterdeck und spielten Karten. Während Thalina in den stickigen Raum trat, beobachtete sie Evan dabei, wie er heimlich eine Karte in seinem Ärmel verschwinden ließ. Er trug ein schelmisches Grinsen im Gesicht. Im Vorbeigehen zwickte sie sein Ohr. »Au!«

»Hör auf, zu schummeln«, raunte sie und setzte sich auf den freien Platz neben ihm. Kristoph, der gegenüber saß beäugte sie kurz nachdenklich, bevor er sich wieder seinen Karten zuwandte.

»Ich weiß nicht, wovon du redest«, behauptete Evan mit einem süffisanten Grinsen und Thalina verpasste ihm einen Tritt ins Schienbein. »Aua!«

Sie sah in die Runde.

Tony biss von einer Hähnchenkeule ab und als er dann die Karten anfassen wollte, schlug Lydia darauf. »Hände abputzen!«, mahnte sie.

Svea, die Wayfinderin mit dem Loch im Ohr zwirbelte eine der kurzen schwarzen Haarsträhnen um einen Finger. Ihr gerader Pony hing knapp über den dunkel umrahmten Augen. Sie machte ein unschuldiges Gesicht, doch sobald Tony mit seiner Freundin abgelenkt war, stahl sie die Keule und biss selbst hinein.

»Hey!«

»Nix hey, sowas kannst du nich einfach liegen lassen«, setzte sie mit vollem Mund entgegen.

Brian hob seinen Finger. »Svea hat in der Tat recht, wenn sie bemängelt, dass abgekühltes Essen nicht mehr ganz so geschmackvoll sei, als warmes Essen. Das liegt daran, so Professoren, dass die Geschmacksträger in...«

»Klappe, Brian!«, riefen Tony und Svea gleichzeitig und kabbelten sich dann weiter wegen der Keule. Achtlos warfen sie ihre Karten in die Mitte, mehr auf den Essenskampf als auf das Spiel fokussiert.

Sogar Habi saß mit ihnen und beobachtete augenscheinlich das Spiel, eine Hand auf sein Kinn gestützt. Er hatte keine Karten mehr. Er war wohl schon ausgeschieden. Das kannte die Wayfinderin selbst zu gut, Kartenspiele gehörten nicht zu ihren Talenten. Das war einer der Gründe, warum sie sich erst jetzt zu ihnen gesellt hatte.

Alena war die einzige, die nicht bei ihnen war. Als Thalina sie gefragt hatte, ob sie mitkommen wollte, meinte sie nur lustlos sie könnte die Karten eh nicht richtig sehen. Sie hatte den Level drei in der Hand gehalten, anscheinend hatte sie sein Leuchten jedoch ganz gut erkennen können, so fasziniert wie sie ihn angestarrt hatte.

»Okay, Evan hat gewonnen. Schon wieder«, grummelte Lydia. »Nächste Runde! Gebt mir eure Karten.«

»Moment mal, wie wäre es mit einem Einsatz beim nächsten Gewinn? Drei Gewinne sollte man belohnen, findet ihr nicht?«, schlug Evan vor.

Lydias Blick legte sich auf ihn. Er war eisern. »Nein. Gebt mir eure Karten.«

Tony, dessen Keule mittlerweile von Svea abgeknabbert war, starrte sie entgeistert an. Offenbar war ihm der angespannte Wortwechsel zwischen Evan und Lydia nicht aufgefallen.

»Du kannst doch gar nicht richtig mischen. Gib her, ich mach das, dann werden die Karten auch nicht gebogen.« Neckend streckte er ihr die Zunge raus.

»Idiot! Ich kann selbst mischen!«, knurrte sie und stieß ihm in die Seite.

Es knallte so laut, dass Thalina zusammenzuckte. Eine heftige Erschütterung durchfuhr das Schiff und sorgte dafür, dass sie zu Boden geworfen wurde. Sie versuchte noch, ihren Sturz zu polstern, ihre Handflächen brannten. Bänke fielen um, Menschen schrien. Das Schiff wackelte immer noch stark, Thalina hörte Holz bersten. Ihr Kopf schmerzte ebenfalls, jemand zog sie nach oben.

»Es passiert!«, rief jemand.

»Thalina, geht es dir gut?«, Evan war es, der sie hochgezogen hatte und sie nun sorgenvoll betrachtete. »Ja... ja, ich glaube schon... was war das?!«

»Keine Ahnung. Nichts Gutes. Wir müssen ans Oberdeck.« Die Wilma schaukelte immer noch von der Erschütterung und so war es nicht leicht, den Gang entlang und die Treppen hinauf zu stolpern. Da sog Thalina scharf die Luft ein. »Alena! Wir müssen Alena holen!«

Die Wilma ächzte, Staub rieselte auf sie herunter. Evan nickte und während die anderen Wayfinder nach oben rannten, machten sich die beiden auf nach unten, zu den Kajüten. Vereinzelte Matrosen liefen ihnen entgegen.

»Was macht ihr?! Los, an Deck!«, rief einer.

»Alena!? Alena wo bist du!« Sie hetzten um die Ecke, eine erneute Erschütterung schüttelte das Schiff und die beiden Wayfinder wurden hart gegen die Wand gepresst. »Was zum Zephiros passiert hier?!«

Evan stützte sich von der schief liegenden Wand ab. »Wir werden angegriffen.«

Thalina fluchte. Sie mussten Alena finden! Die Sicht der kleinen Wayfinderin war bestimmt nicht so gut, in diesem Durcheinander den Aufgang zu finden. Eilig hetzten sie um einige Ecken, bis sie sah, wie die Jugendliche auf sie zustolperte.

»Oh, Alena. Den Göttern sei dank.«

»Was... war das... was ist los?«, stammelte sie und klammerte sich an Thalina. Ihre Haare waren wirr und sie sah müde aus. »Ich weiß es nicht, aber wir müssen ans Deck!«

Sie rannten den Gang entlang, eine Treppe hinauf, wieder einen Gang entlang. Thalina konnte bereits die Treppe zum Oberdeck sehen, da passierte es wieder. Sie wurde hart gegen die Holzwand geworfen, gleißender Schmerz schoss in ihre Schulter. »Ah!«, schrie Alena. »Nein! Nein nein nein! Ich will das nicht!«

Die Wilma ächzte wieder, Thalina hörte abermals Holz zerbersten. War es wirklich schlau, ans Oberdeck zu gehen? Doch hier unten würden sie unter den Holzschuttern begraben werden. Was genau ist da oben los?

Es herrschte Chaos. Der Hauptmast brannte. Matrosen schrien sich Steuermanöver zu, Menschen liefen ziellos umher, überall lagen Kisten. Feuer knackte, Holz ächzte.

»Nicht gut. Ganz und gar nicht gut!« Thalina schüttelte den Kopf und obwohl sie viele viele Fuß von den züngelnden Flammen entfernt stand, konnte sie die Hitze auf ihrem Gesicht spüren.

»Wir müssen zu den Beibooten, wir müssen hier runter! Das Schiff ist eine Zielscheibe!«, rief Evan, doch Thalina konnte sich nicht bewegen. Ihr Blick war auf etwas fixiert, das sie nicht zuordnen konnte. Es kam näher. Es leuchtete blau.

»NEIN!«, zerriss es die Luft. Es war Habi. Er war am anderen Ende vom Oberdeck. Thalina spürte einen Windzug neben ihr. Habis Schrei schrillte durch die Nacht und Thalina wusste, diesen Schrei würde sie nie wieder vergessen.

Ein blauer, wabernder Ball raste mit unglaublicher Geschwindigkeit auf den hinteren Teil des Schiffes zu. Der Knall schmerzte Thalina in ihren Ohren, ihre Augen tränten, sie verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden. Eine Woge des Feuers bereitete sich dort aus, wo der Ball eingeschlagen hatte, alles brannte lichterloh, das Schiff schaukelte bedenklich. Brennende Matrosen sprangen über Bord. Dicke Rauchschwaden erhoben sich in den Himmel. Eine Frau schrie.

Sie übertönte alles andere, sie schrie, schrill und ohrenbetäubend laut. »HABI NEIN! NEIN NEIN NEIN!!« Danielle. Thalina taumelte auf sie zu, überquerte ein Meer von Trümmerteilen, Kisten und verkohlten Überresten.

»Was...«

»NEIN!«

Der Geruch von verbranntem Fleisch schlug ihr in die Nase. Danielle kniete neben etwas Schwarzem. Ein... vollkommen verbrannter Mensch. Thalina wandte ihren Blick ab. Sie verstand nicht, was passiert war. Sie wusste nur, sie waren in einer gefährlichen Situation. Sie mussten sich in Sicherheit bringen!

»Habi...?« Alena kroch auf dem Boden näher. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf die Überreste. »Ha...Ha...« Eine Reflektion in Thalinas Blickwinkel ließ sie aufschrecken. »Alena, wir müssen hier weg!«, sie zerrte an dem Arm der Jugendlichen. Alena stieß sie weg. Tränen rollten ihre Wangen hinunter, die Augen waren weit aufgerissen.

»Alena...!«

»NEIN!«

Thalina schlitterte über das Deck. Das Schiff neigte sich. Panisch zuckte ihr Blick zu ihren Füßen und sie sah das Meer, das sich wie ein großer, schwarzer Schlund unter ihr öffnete. Sie versuchte, sich am Deck festzuhalten, doch es war zu rutschig. Thalina schlitterte über den Boden, ihre Knie rissen auf, sie schluchzte. Dann sah sie das Seil. Sie streckte sich, stieß sich ab, und bekam es zu Fassen.

Ein zuckender Schmerz ließ ihren Rücken auflodern. Ihre Sicht wurde neblig, es war, als würde sie durch einen Tunnel sehen. Blaues Licht umgab sie, funkelnd, Thalina sah blaue Leuchtpartikel vor sich. Sie wartete auf die Hitze, wartete auf den Schmerz, doch beides blieb aus. Aber der Tunnelausgang entfernte sich immer und immer weiter. Das blaue Licht schwebte von ihr weg Und dann war es schwarz.

Das nächste Mal als sie aufwachte, konnte sie nicht atmen. Sie spürte Wasser um sich herum, nicht so kalt wie im Norden. Aber trotzdem änderte es nichts an der Tatsache, dass sie nicht atmen konnte. Wild paddelte sie mit den Armen durch das Wasser. Es war schwer, eine Richtung auszumachen, wenn man nicht wusste, wo oben und unten war. Sie öffnete die Augen und ihr Blick schnellte in alle Richtungen. Da! Eine Reflektion. Mit aller Kraft schwamm sie darauf zu. Gerade als ihre Lungen so sehr schmerzten, dass sie kurz davor war, Luft zu holen, durchbrach sie die Oberfläche.

Laut keuchend und hustend atmete sie ein, das Blut in ihrem Körper kribbelte, als es mit Sauerstoff gefüllt wurde, ihre Kehle kratzte. Hektisch sah sie sich um. Suchte etwas, an dem sie sich festhalten konnte. Es war immer noch mitten in der Nacht, und sie dachte fast, sie würde Lichter am Horizont erkennen. Schlecht koordiniert schwamm sie auf einen Holzmasten zu. Sie brauchte eine Weile, um wieder einigermaßen atmen zu können.

Die Wellen waren nicht tosend, es kam Thalina fast so vor als würden sie ausharren, auf etwas warten. Die Wayfinderin blickte sich um. Um sich herum sah sie Trümmer, Teile des Schiffes, irgendwo schwamm ein Segel. Dann erblickte sie Menschen, hustend, keuchend, sich an Gegenstände klammernd, so wie sie. Der Rest des Schiffes, der Wilma, ächzte und blubberte viele Fuß entfernt von ihr. Das gesamte Schiff stand lichterloh in Flammen und sank langsam ins Wasser.

Thalinas Gliedmaßen fühlten sich an wie Blei. Sie war müde. Aber sie konnte sich nicht ausruhen. Noch nicht. Sie musste sich vergewissern, dass es den anderen gut ging. Den anderen...

Sie hörte den Schrei in ihren Ohren klingen, als würde es nochmal passieren. Gegen ihren Willen roch sie wieder das verbrannte Fleisch, Danielle, die seinen Namen rief. Die ... schwarzen Überreste. Die Wayfinderin schlug sich eine taube Hand vor den Mund. Es traf sie wie die Ohrfeige ihres Bruders, hart, kalt und unnachgiebig. Ein Schluchzen entwich ihr, ihr war übel und gleichzeitig schmerzte die Brust so sehr, dass sie kaum atmen konnte. Thalinas Augen brannten, sie konnte nichts mehr sehen. Nur fühlen. Habi... Habi... Nein ... das darf nicht ... darf nicht sein...

Stumm schüttelte sie den Kopf, versuchte zu begreifen, was passiert war. Versuchte, zu verstehen. Der Schrei, den sie als nächstes hörte, war echt. Aber er klang kaum noch menschlich. Er war langgezogen, zerriss die Stille. Als ihr der Hals weh tat, merkte sie, dass sie diejenige war, die geschrien hatte.

Habi war tot. Verbrannt. In Bruchteilen einer Sekunde. Ausgelöscht, in Asche verwandelt. Unwiederbringbar. Thalina dachte, der Brief von Sophia hatte bereits geschmerzt. Er hatte ihr Herz bereits entzweigerissen.

Doch jetzt. Jetzt, in diesem Moment in dem sie sich an das Stück Holz klammerte, um an der Oberfläche zu bleiben, da fühlte es sich an, als würde jemand auf den Überresten ihres Herzens herumtrampeln und dann in Brand setzen. Oder in Säure legen. Es tat unfassbar weh. Tränen liefen ihr in Strömen über das Gesicht, sie sah nichts mehr.

Aber es war eh egal. Habi war tot. Er hatte nie jemandem Böses getan. Er war ein guter Mensch gewesen. Auch wenn Thalina ihm anfangs misstrauisch gegenüber eingestellt war, hatte er sie alle heil aus dem Gremowald herausgeführt. Er hatte nie nach Antworten gedrängt, erst als er mit ihnen angekettet im Keller saß. Ihr Gespräch am Deck war doch gerade erst gewesen... »Fast wie die Familie, die ich nie hatte. Ich bin froh, euch getroffen zu haben.« Und das hatte ihm verdammt nochmal das Leben gekostet.

Die ruhige See wirkte jetzt nicht mehr friedlich. Sie war eine Bedrohung, sie wartete darauf, dass sie noch mehr Opfer verschlingen konnte. Drohend und schwarz lag sie unter ihr und es schnürte ihr die Luft zum Atmen ab.

Wasser platschte neben ihr und plötzlich tauchte eine Gestalt neben ihr auf. Thalina versuchte, die Tränen wegzublinzeln und verfluchte sich innerlich für ihre Schwäche. Wild mit den Armen rudernd drohte die Gestalt, wieder unter der Wasserfläche zu verschwinden.

Die Wayfinderin streckte einen Arm aus, zog, und die Gestalt kam an die Oberfläche, nur um einen tiefen Atemzug zu tun, bevor sie wieder untertauchte. Thalina wurde Wasser ins Gesicht gespritzt, und dann spürte sie die Hand des Ertrinkenden an ihrem Bein. Nein! Wir werden beide untergehen! Ihre Hände rutschten von dem Holz und sie wurde unter Wasser gezogen. Der Ozean würde sie verschlingen. So wie alle anderen. So wie Habi.

Ihre Lunge stieß das letzte bisschen Luft aus und Thalina spürte, wie ihre Kehle anfing zu brennen. Wild strampelnd versuchte sie, an die Oberfläche zu gelangen, doch das Gewicht der Gestalt unter ihr zog sie unnachgiebig in die Tiefe. Instinktiv drückte sie den Ertrinkenden von sich, verpasste ihm eine mit ihrem Schuh und kämpfte sich wieder an die Oberfläche, nahm all ihre schwindenden Kräfte zusammen und hievte sich auf den Masten. Dieses Mal zog sie sich komplett hinauf, sodass sie auf ihm lag. Thalina keuchte.

Dann wurde ihr erst bewusst, was sie gerade getan hatte. »Was ... nein! Wo bist du?!«, ihre Stimme war nur ein atemloses Kratzen. Die Wayfinderin suchte schwer atmend das Wasser um sie herum ab, versuchte zu erkennen, ob irgendwo Luftblasen auftauchten. Der Ozean lag wieder still vor ihr, düster und bedrohlich. Er hatte gerade eine weitere Person in den Tod gerissen.

Nein, das war nicht ganz richtig. Thalina selbst hatte ihn umgebracht. Sie hätte ihm helfen müssen. Stattdessen hatte sie ihn ertrinken lassen. Ihre Augen brannten und sie wischte sich mit der Hand über das salzige Gesicht. Ein Teil ihres Selbst war froh, dass sie nicht erkannt hatte, wer es war.

***

Thalina erblickte einen leichten streifen helleres Blau am Horizont. Ein neuer Tag brach an. Würde es ihr Todestag werden? Nach allem, was passiert war? Wie oft sie dem Tod, auf Kosten anderer, schon entronnen waren? Wie viele Leben würde es noch opfern?

Die Wayfinderin sah sich langsam in alle Richtungen um. Die Reste des Schiffswracks waren verschwunden, an der Wasseroberfläche tauchten immer mehr Gegenstände auf: Fässer, Truhen, Kleidungsstücke. Thalina glaubte, weiter hinten ein gesamtes Holzregal schwimmen zu sehen.

Und auf den Gegenständen hingen Menschen. Schwer atmende Personen, mit klebrigen Haaren und klammernden Händen, verzweifelt, sich um das Einzige schlangen, was ihnen das Leben retten würde.

Thalina betrachtete die Situation in der sie sich befand und fand keine Lösung für all das Leid. Sie fühlte sich an die Reise nach Glaes erinnert, an das Dorf, das beinahe völlig im Wasser verschwunden war. Wie sollte sie dafür sorgen, dass das Gleiche nicht mit ihnen passierte? Oder war es bereits passiert?

»Thalina!«, flog eine Stimme über das Wasser. Suchend sah sie sich um.

»Hier sind wir!« Es war ... Brian? Seine roten Locken wehten im Fahrtwind. Er saß auf einigen Fässern und Brettern, die mit Seilen verbunden worden waren. Mit einem Stock im Wasser paddelnd kam er schnell näher. Hinter ihm kauerte eine kleine Person.

»Alena! Oh, bei allen Göttern, Alena geht es dir gut?!« Thalina beugte sich nach vorne und verlor beinahe das Gleichgewicht. Der Mast wackelte verdächtig.

Alena strich sich ein paar feuchte Strähnen aus dem Gesicht, musterte sie für einen Augenblick. Sie sah müde aus. Thalinas Blick wanderte weiter zu Brian.

»Brian! Du hast ein Boot gebaut?!«

»Keine Zeit. Hier, das Seil, knote es um den Mast, dann befestigen wir es hier dran.« Er lehnte sich zu ihr hinüber, und mittlerweile war er so nah, dass er ihr das Seil zuwerfen konnte. Sie tat wie geheißen und beobachtete, wie Brian sie langsam zu sich zog. »Brian ... du ... du bist unglaublich!« Mit weit aufgerissenen Augen beobachtete sie, wie Brians flinke Hände den Mast an das Boot anknüpften.

Der Rothaarige nickte knapp und schwamm dann auf das nächste Trümmerteil zu. Sie sammelten große Holzpfosten, Fässer und weitere Seile ein und unter Brians Anweisungen verknüpften sie alles so miteinander, dass das Boot immer weiter wuchs, sodass sie schon bald anfingen, auf dem Wasser treibende Leute einzusammeln. Manche winkten, manche riefen ihnen zu oder versuchten gar, zu ihnen zu schwimmen. Manche bewegten sich nicht.

Sie fanden Evan, der sich auf ein Fass gerollt hatte und nur kurz den Kopf hob, als er das Boot zu ihnen kommen sah. Seine Augen waren blutunterlaufen, Salz klebte in seinem stoppeligen Bart, an seiner Schläfe lief ebenfalls Blut hinunter. »Ich glaub ... ich verdurste gleich...«, murmelte er, als er auf das Boot gehievt wurde, und brach dann zusammen. Thalina dachte, sie fühlte sich bereits schäbig, doch ihm musste es noch viel schlechter gehen.

Bei jedem bekannten und lebenden Gesicht atmete die Wayfinderin erleichtert aus. Alle fanden sie jedoch nicht und viele mussten sie zurücklassen. Die toten Gesichter würden auf Ewig durch ihre Erinnerungen geistern und der Grund für viele schlaflose Nächte sein. Zu stummen Schreien verzerrt, halbverbrannt, vom Wasser aufgebläht, die Augen blutunterlaufen, fehlende Gliedmaßen.

Die Zahl der Wayfinder hatte sich halbiert. Lydia, Markus, Svea und zwei, deren Namen Thalina nicht gekannt hatte, fehlten. Quinn fehlte. Und Danielle saß ihr direkt gegenüber auf dem selbstgebauten Boot. Sie weinte, pausenlos, der Offizier hatte seinen Arm um sie gelegt. Manchmal hörte man ihre Schluchzer als einziges Geräusch, welches über die ruhigen Wellen reichte und den Sonnenaufgang in eine noch düstere Stimmung hüllte.

»Hör auf zu weinen, sonst bist du die Erste, die verdurstet.« Thalina erkannte ihre eigene Stimme nicht mehr, sie krächzte mehr, als dass sie sprach. Sie hatte Danielles Geheule satt. Es würde Habi auch nicht wieder lebendig machen. Abgesehen davon war sein Tod ihre Schuld. Ohne ihren Verrat hätten sie die Kontrolle übernehmen und zurücksegeln können.

Danielle schnappte nach Luft und vergrub das Gesicht in der Brust des Offiziers. Er starrte die Wayfinderin wutentbrannt an, sagte aber nichts.

Dann war es still. Alle trauerten. Niemand war in der Laune, zu reden. Bis auf einmal jemand schrie. Nach der langen Stille schmerzte es Thalina in den Ohren. »Da!«, rief er mit heiserer Stimme. Es war einer der Matrosen. »Da vorne!«

Thalina drehte den Kopf und tatsächlich konnte sie ihren Augen kaum trauen. Angestrahlt von der wärmenden Sonne in ihrem Rücken zeichneten sich rote Hügel ab. »Land! Land in Sicht!«, rief eine weitere Matrosin, die sich den Arm an die Brust drückte. Er war mit grünen und blauen Flecken übersäht.

»Den Göttern sei Dank!« Hoffnung spiegelte sich in den Gesichtern der Überlebenden. Doch Thalina selbst fühlte sich nur leer. Ihr Blick glitt zu Evan, dessen Kopf sie in ihrem Schoß gebettet hatte. Zumindest atmete er noch. Salzkristalle hingen in seinen Augenbrauen, in seinem Haar. Seine Lippen waren aufgesprungen.

Alena sah vergleichsweise unberührt aus, und auch der Lord war wohlauf, er saß am Bootsende und betrachtete stumm die vorbeischwimmenden Gegenstände und Leichen. Thalina wusste nicht, wo er sich zum Zeitpunkt des Angriffes aufgehalten hatte. Was zum Zephiros war das überhaupt gewesen? Ein Angriff? Ein Zeichen der Götter? Sie konnte sich darauf keinen Reim machen. Doch was sie wusste, war dass sie geradewegs auf eine hügelige, rote Wüste zuschwammen, während die morgendliche Sonne sich wie Feuer auf ihre salzige Haut brannte.

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