
Kapitel 23: Agh-Draqor
»A Leen myos knoen in ysasen!«
»Oyo.« Es klang abgehackt, impulsiv. Als hätte man sich nicht die Mühe gemacht, langezogene Laute auszusprechen.
Ibraim drehte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen. Bei den Göttern, ihm tat jeder Muskel seines Körpers weh. Er fühlte sich, als hätte man einen, nein, tausende Pferdekarren über ihn fahren lassen. Ein Brennen machte sich in seiner Kehle breit.
»Myos ea seih ua wea«, ertönte eine weibliche Stimme, sie klang hektisch.
Es folgte die zweite Stimme, sie vibrierte in seiner Brust und klang irgendwie verärgert. Ibraim musste husten. Der Gelehrte versuchte, sich daran zu erinnern, was geschehen war. Er war bei König David gewesen. War nach Krados geschickt worden, um etwas zu überprüfen...
»afu Ea wyah«, drang die weibliche Stimme an sein Ohr.
Er war nach Krados geschickt worden, um zu überprüfen, ob König Franz wirklich Expeditionsflotten aussandte. Ibraim entrann ein Ächzen. Er hustete Staub. Konnte seine Augen nicht öffnen. Er war auf Tanglym gewesen, hatte Forschungen angestellt... herausgefunden... er hatte etwas herausgefunden, aber was?
Dunkle Flecken bewegten sich in seinem Blickfeld, als es ihm doch gelang, die Augen wenigstens kurz zu öffnen.
»Hallo«, ertönte eine Stimme direkt neben ihm. Sie hätte ihn zusammenzucken lassen, wäre sein Körper nicht wie gelähmt. Er konnte nur ein gequältes »Ahh« ausstoßen, bis er wieder zusammenbrach.
Das nächste Mal als er aufwachte, spürte er weniger Schmerzen. Ein Rauschen drang an seine Ohren, persistent und irritierend. Ibraim öffnete die Augen und fand sich in einer spärlich beleuchteten Höhle wieder. Das Licht war rot. Er erinnerte sich wieder an das Schiff... und die blauen Feuerbälle. Er hatte geglaubt, das wäre sein Ende gewesen. War das das Nachleben, von dem vereinzelte Dörfer im weiten Westen kundeten?
Ibraim rieb sich die Augen. Und als er wieder aufschaute, ragte ein Schatten vor ihm auf, ein vierbeiniges Tier mit... dem Oberkörper eines Menschen. Aber das Gesicht... das Gesicht war das eines Stieres. Und er hatte Hörner.
Bei Zephiros! Er war in der Hölle! »B-bitte, verschont mich, oh göttliche Zephirosgestalt!«, wimmerte Ibraim mit rauer Kehle und sah demütig gen Boden. Gänsehaut prickelte über seinen Rücken und ließ seinen ganzen Körper erbeben. Die Gestalt war schrecklich, düster, sie schien, ihn zu verschlingen. Was hatte er getan, dass hier gelandet war?
»Ea wsa reet ad?«, kam von der Höllengestalt, tief und brummend und bedrohlich.
Er vernahm wieder die Frauenstimme, sie klang ernüchternd. Gab sie der Höllengestalt die Erlaubnis, ihn von nun an zu quälen? Bis in alle Ewigkeit?
Ein dumpfes Klacken ertönte und Ibraim sah zwei Füße vor ihn treten. Sie waren menschlich. Ibraim erwartete Schmerz, doch es kam nichts.
Beinahe traute er sich nicht hinaufzusehen, in der Panik er müsste der Teufelsgestalt wieder entgegenblicken. Er hatte viel gesehen und viel erlebt, doch das hier war etwas ganz, ganz anderes.
Allerdings ließ ihn der Gebrauch seiner eigenen Sprache dann doch aufsehen.
»Hallo, Mensch. Du Mensch, ja?«
Er runzelte die Stirn und nickte langsam. Die Zephirosgestalt konnte er nicht mehr sehen und mittlerweile zweifelte er an seinem Geisteszustand.
Das, was er gerade sah, war auch nicht gerade normal: vor ihm stand eine Frau, dunkelhäutig, so wie er. Sie besaß lange, schwarze Haare, die in einem komplizierten Zopf bestehend aus kleineren Zöpfen zusammengebunden waren. Ein knochiger Ring hing an ihrer Nase, sie trug eine Knochenkette, und weiße Tattoos rankten sich ihr Schlüsselbein hinab. Ihre Augen leuchteten hellblau. Sie trug zerschlissene Stofffetzen, die nur das Nötigste ihrer deutlich erkennbaren Weiblichkeit bedeckten. Sie sprach erneut: »Du bist ein Mensch?«
Was für eine merkwürdige Frage, dachte er bei sich. »Ja«, flüsterte er. Langsam beruhigte sich sein Atem, er spürte sein Herz immer noch heftig in der Brust hämmern, doch das Zittern ließ nach. Vielleicht war der Teufel nur Einbildung gewesen.
»Du bist wie ich«, sagte sie, mit einem starken Akzent aber perfekter Grammatik, ein wenig zögernd, als wäre sie nicht ganz sicher, ob sie alles richtig aussprach.
Ibraim rieb sich den Nacken und traute sich dann zu fragen: »Wer bist du? Bin ich in der Hölle-« Er zuckte zusammen. »Bei den Göttern, was ist das?!«
Die monströse Gestalt hatte sich aus den Schatten erhoben und schnaufte beinahe beleidigt. Erneut bereitete sich Ibraim auf das prohpezeite Inferno vor, doch er spürte immer noch keine Höllenqualen. Die Frau lachte, ihre weißen Zähne blitzten im Kerzenschein. »Das ist Aegyr, und er ist nicht der Teufel.«
»Was... «
»Hier, Trink. Medizin ist das, für deine Schulter und dein Bein.«
Die Frau hielt ihm ein hölzernes Schälchen mit einer kalten Flüssigkeit hin. Es roch nach einer Mischung aus Zimt und Fisch und Ibraim rümpfte die Nase. Die Frau forderte ihn erneut auf und schließlich nahm er einen Schluck. Es schmeckte besser, als er zu hoffen gewagt hatte. Während er ab und zu von dem Gebräu trank und merkte, dass die Zephirosgestalt wohl noch nicht vorhatte, ihn zu töten, ließ er seinen Blick schweifen.
Ibraim selbst saß auf einer Art Liegematte, die hauptsächlich aus Blättern und zerschlissenen Stoffen bestand. Er erkannte jetzt, dass er nicht in einer Höhle, sondern tatsächlich in einem kleinen, quadratischen Häuschen war. Es war aus orangenem Sandstein gebaut. An einer Seite schien helles Licht durch ein ovales Loch in der Wand, und jetzt vernahm er auch wieder das Rauschen... das Meer?
Ihm dämmerte langsam, dass er nicht tot war. Er war auf das Land gestoßen, welches die Expeditionsschiffe anzusteuern versucht hatten. Hatten andere Matrosen überlebt? Edmund? Der Gelehrtenmeister erinnerte sich an seinen Freund. Hatte man ihn auch gerettet? Sie gaben Ibraim zu Essen, also hatten sie nicht vor, ihn zu töten.
»Das Schiff... gab es Überlebende?«
Die Frau sah betroffen zu Boden und Ibraim stieß hart die Luft aus, wobei seine Schulter schmerzte.
»Komm, ich zeige dir unsere Stadt«, schlug die Frau vor, doch der Stiermensch schnaubte.
»Oyo.«
»Harlsm Ea ir.«
»O-YO.« Die Stimme der Zephirosgestalt vibrierte durch den ganzen Raum und Ibraim zuckte zusammen.
Die Frau, relativ unbeeindruckt, zuckte mit den Schultern und begegnete wieder Ibraims Blick. »Okay... ruh dich aus, wenn du etwas brauchst, klopfe an die Tür«, sagte sie und zeigte auf die einzige Holztür in dem kleinen Raum. Dann nickte sie ihm zu, sah die Stiergestalt grimmig an und sie verließen - zum Glück zusammen - das Häuschen.
***
»Was für eine Sprache ist das?«, fragte der Gelehrtenmeister, als die Frau, deren Name Monakka lautete, zur Tür eintrat. Sie stellte ihm - wie jeden Abend - ein Holzbrett mit verschiedensten Leckereien hin. Manchmal blieb sie eine Weile, sah ihm beim Essen zu und erzählte etwas von ihrer Kultur. Dennoch schien sie unsicher, manchmal sprang sie plötzlich auf, als hätte sie vergessen, dass sie nicht mit ihm reden durfte.
Dieses Mal setzte sie sich vor ihn auf den Boden. »Das ist Raqori, die Hauptsprache von Agh-Draqor. Unser Volk nennen wir auch Raqori. Wir sprechen hier nicht mehr oft Lumerisch.«
Der Gelehrte nickte und nahm ein kleines, eckiges Gebäck in seine Hände. Mit der anderen zeigte er auf eine schwarze Kugel auf dem Brett. Er hatte sie schon einmal gegessen, doch er konnte den Geschmack unmöglich beschreiben. Sie war süß und nussig, mit einer Note von Jasmin, und selbst der Vergleich kam nicht nahe genug heran.
»Das ist ein Vryns-Ei. Vryns leben in Ebene zwei.«
»Ebene zwei?«, fragte Ibraim neugierig.
»Warum willst du all das wissen? Du bist sehr wissbegierig«, sagte Monakka und machte Anstalten, aufzustehen.
Ibraim tat ihr gleich. »Ich bin Entdecker. Ich lerne gerne, oh Monakka, bitte geh nicht. Ich kann dir ein wenig von Lumeriya erzählen, wenn du das möchtest.«
Der Gelehrtenmeister war nicht dumm. Er wusste, dass sie ihn gefangen hielten. Aber die Tatsache, dass sie ihm jeden Tag Essen und Wasser brachten, verriet ihm, dass sie wohl nicht vor hatten, ihn umzubringen. Noch nicht? Monakka hatte gesagt, er sei einer der ihren und er fragte sich, ob es sich darauf bezog, dass er ein Mensch war, oder weil seine Haut dasselbe Schwarz besaß, wie die ihre.
In Lumeriya gab es nur sehr wenige Menschen mit schwarzer Haut, Ibraim selbst hatte nur eine andere Person gekannt.
»Warum bist du hierher gekommen«, fragte die Frau und verschränkte die Arme vor der Brust.
Ibraim wog seinen Kopf. »Um Land zu entdecken. Neue Kulturen kennenlernen.« Es war nur klug, seine politischen Absichten für sich zu behalten.
»Ihr wollt unser Land wegnehmen!«, rief Monakka aufgebracht und trat näher auf die Tür zu.
»Nein! Ich... gehöre nicht zu denen. Ich will zurück nach Lumeriya gehen.«
»Um noch mehr Schiffe zu schicken!« Die Raqori starrte Ibraim einen Moment erzürnt an und verließ dann den Raum.
***
Es dauerte ganze zwei Monate, bis Ibraim das Vertrauen der Bewohner gewann. Er wurde immer noch genauestens beobachtet, aber immerhin ließen sie ihn größtenteils frei rumlaufen.
Die Sonne hing knapp über dem Horizont, um einen neuen Tag zu begrüßen. Tiefrot strahlte sie über die orangenen Dächer und Ibraim bemerkte lächelnd, dass es schon in gewisser Weise Ähnlichkeit mit der Hölle hatte. Noch war die Wärme der Sonne angenehm, sehr bald würde sie wieder alles verbrennen. Zumindest kam es ihm immer so vor.
Möwen kreischten, wenigstens etwas, das mit Lumeriya zu vergleichen war. Gemächlich lief er den Weg bis zum Hafen hinab. Er bestand aus brüchigem Stein, an einigen Stellen musste man aufpassen, wo man hintrat. Aegyr wartete bereits am Dock auf ihn, er hatte die Hände in die menschlichen Hüften gestemmt.
»Du bist zu spät«, sprach er auf Raqori zu Ibraim.
Das war er nicht. Sie hatten gesagt, sie treffen sich, sobald die Sonne über die Dächer blitzt. Doch Ibraim konnte unmöglich gegen ihn sprechen, das wäre nicht klug. »Entschuldig.«
Der Wind blies das etwas eigenartige Boot ins offene Meer hinaus. Während die Schiffe in Lumeriya einen schüsselartigen Bug besaßen, war dieses hier beinahe flach. An beiden Seiten fehlte die Reling sogar ganz. Aegyr hatte ihm erklärt, dass es das Jagen leichter machte. Die Raqori angelten nicht. Sie fischten auch nicht mit großen Netzen - sie jagten mit einem Speer.
»Früher haben wir im Ostmeer nach Fisch gejagt. Es gab dort mehr, als wir brauchten.« Der Stiermann musterte Ibraim verärgert. »Bis die Schiffe kamen. Haben das ganze Wasser verseucht. Pfua!« Er spuckte aus und starrte auf den noch dunkelblauen Horizont.
Der Gelehrte wandte betroffen seinen Blick ab und erwiderte dann auf gebrochenem Raqori: »Zufall es war, dass ich drauf. Ich Entdecker...«
»Ja ja, du willst nur forschen. Genau das ist unser Untergang! Kommt einer, kommen alle! Wir leben hier seit Jahrtausenden! Meinst du, wir haben überlebt, weil wir alle mit offenen Armen empfangen haben? Nein, wir haben unser Land verteidigt. Nur deswegen gibt es uns noch.«
»Das ich verstehen.«
»Nein, tust du nicht.«
Die Zeit verging und die Sonne stieg immer höher an den Himmel. Bevor sie am Höchsten stand, machten sie sich auf den Rückweg. Ibraim hatte einen Fisch gefangen, während Aegyr zwei Körbe vollgemacht hatte. Graue Fische, bunte Fische, große, kleine. Eine Fischart fand Ibraim besonders schön. Sie waren gestreift, in Regenbogenfarben. Es tat ihm beinahe leid, sie im Korb liegen zu sehen, reglos mit einer blutigen Wunde im Bauch.
Am Nachmittag traf er sich meist mit Monakka, doch diesmal stand sie schon zu Mittag in seinem Zimmer. Ibraim lebte immer noch in dem Minihaus mit der hohen Decke, doch er besaß jetzt selbst den Schlüssel für die Tür. »Komm! Endlich habe ich die Genehmigung, es dir zu zeigen!«, sie nahm seine Hand und führte ihn hinaus. Schnell zog er seine Alaquallenschuhe an und folgte ihr die gewundenen Wege entlang. Beinahe fürchtete er, die Hitze würde ihm das Bewusstsein rauben, so heiß und stickig war es zur Mittagszeit draußen in der Stadt.
Monakka zog ihn durch die orangenen Gassen, sie wirbelten Sandstaub auf, während Ibraim sich wie immer fasziniert umsah. Die roten Sandsteinhäuser, welche vom Meer aus wie kleine Sandhügel gewirkt hatten, türmten sich an ihren Seiten auf. Sie besaßen hohe Wände, obwohl es nie eine zweite Etage gab. Die hohen Wände sollten die warme Luft nach oben steigen und die kalte Luft am Boden lassen. Das funktionierte gut.
Je weiter sie liefen, desto mehr steigerte sich Ibraims Vorfreude. »Gehen wir etwa...?«
»Ja!«, rief sie und schenkte ihm ein fröhliches Lächeln. Auch Ibraims Mundwinkel zuckten begeistert in die Höhe.
Endlich war der Moment gekommen, endlich wurde es ihm gezeigt. Ibraim hatte sich in den letzten Wochen zu oft gefragt, woher all die Pflanzen und Kräuter für das Essen stammten, all die süßen Früchte, während draußen nur rote Wüste herrschte. Hier wuchsen keine Bäume, nicht einmal Gräser. Das Land schien komplett unfruchtbar. Doch jedes Mal, wenn er traubenartige Früchte, noch hängend an einem grünen Zweig, aß, wunderte er sich und es machte ihn beinahe wahnsinnig.
Er hatte Stunden, Tage damit verbracht, darüber zu grübeln, woher sie die Früchte und Kräuter bekamen. Ein Vryns-Ei! Was, bei allen Göttern, waren Vryne? Eine Art Henne? Je länger es gedauert hatte, desto wilder waren seine Theorien geworden. Ein Pakt mit den Göttern oder gar mit Zephiros? Magie? Ibraim hatte nie beweisen können, dass Magie nicht existierte. Allerdings konnte er auch nicht beweisen, dass es sie gab, obwohl er mittlerweile eine Vermutung hegte. Vielleicht gab es nur in Lumeriya keine Magie.
Monakka führte ihn tatsächlich dorthin! Ein Grinsen spiegelte sich auf Ibraims Gesicht wieder. Nur noch wenige Augenblicke, dann würde er erfahren, woher all das wunderbare Essen kam. Ein hoher Turm ragte vor ihnen auf. Mittlerweile hatten sie die Stadt hinter sich gelassen und die Sonne ließ Ibraims Kopf schmerzen, aber das würde ihn nicht davon abhalten, dieses Geheimnis endlich zu lüften.
Der Turm besaß prunkvolle, spitze Fenster, in denen das Glas in der Sonne bunt glitzerte. Ornamente und Glyphen zierten sich um die Fenster und an den Kanten. So eine detaillreiche Feinarbeit gab es selbst in Glaes nicht. Zwei dünne Pfeiler stemmten das große Vordach, unter dem zwei menschlich aussehende Wachen in glänzender Rüstung positionierten.
Der Gelehrte starrte wie gebannt auf das Gebäude. Hier war er noch nie gewesen. Handelte es sich um eine Plantage? Doch dafür wäre der Turm viel zu klein. Es sei denn, es wäre ein System mit mehreren Stockwerken...
»Halt!«, riefen die Wachen auf Raqori, als sie Ibraim erblickten. Doch die Frau ließ sich davon nicht beirren. Eilig griff sie unter ihren Rock und als sie ihre Hand wieder hervorbrachte, leuchtete etwas in ihrer Handfläche. Ibraim hatte so etwas hier schon öfters gesehen, es handelte sich um einen dunklen, handgroßen Stein mit vielen Kanten und einem blau leuchtenden Symbol in der Mitte. Es leuchtete mal stärker, mal schwächer. Dieser Stein war der Grund für seine Magie-Theorie. Doch Monakka hatte ihm nie erzählen wollen, was es damit auf sich hatte. Vielleicht müsste er noch einen weiteren Monat warten, um dieses Geheimnis zu lüften.
Ihre Stimme ertönte fließend, Ibraim konnte nicht genau verstehen was sie sagte, doch bei dem Anblick des Steins nickten die Wachen und traten zur Seite.
Der Turm bestand aus einer einzigen Wendeltreppe. Es war kühl, eine einsame Kerze brannte in der Halterung rechts an der Wand, wo zahlreiche Steinstufen sich in die Höhe schlängelten. Doch Monakka zog ihn in die entgegengesetzte Richtung. »Komm.« Sie ging unter die Treppe, da, wo der Kerzenschein nicht hinreichte.
Er tappte im Dunkeln und seine Schritte verlangsamten sich. Ibraim konnte nicht mehr außer ihrer Silhouette ausmachen. Er erwartete Stufen, doch dann bemerkte er, dass sie eine Senke hinabgingen. Sie schlängelte sich ins Schwarze, Ibraim war vollkommen blind. Dann spürte er Monakkas Hand. Sie zog ihn ein paar Schritte weiter, und als der Boden wieder ebenerdig wurde, blieb sie stehen. »Es wird sich ein bisschen komisch anfühlen. Wenn dir schlecht wird, sag mir Bescheid.«
Es war, als legte sich Druck auf seine Ohren. Er spürte ein Kribbeln hinter seinen Augen und ein Ziehen im Nacken. Als der Gelehrte seine Augen wieder öffnete, musste er einige Male blinzeln. Seine Ohren rauschten und sein Herz schlug unerwartet schnell. Doch der Anblick, der sich ihm bot, war einfach wundervoll. Im Vergleich zu der sengenden, trockenen Hitze in der Stadt schlug ihm angenehm kühle, feuchte Luft entgegen. Und die Farben! Es war unglaublich. Mit weit aufgerissenem Mund sah er sich um. »Deine Alaquallenschuhe brauchst du hier nicht, du kannst sie abstellen«, sagte Monakka, doch er hörte sie kaum.
Es war, als wären sie in eine komplett fremde Welt gereist. Sattes Gras zog sich über den Boden. Links von ihm plätscherte ein kleiner Fluss. Zuerst dachte er, das Wasser schimmerte türkis, doch es waren Pflanzen unter Wasser, die das Licht versprühten. Blaue Pflanzen, türkise Pflanzen, grüne Pflanzen. Blumen. Noch nie hatte er so ein farbenfrohes Flussbett gesehen.
Ibraim hob seinen Kopf und erblickte tiefgrüne Ranken, die sich von der Decke, die Wände entlang schlängelten. Der Gelehrte streckte seine Hand aus. Die Wände bestanden aus Erde, aus denen alle möglichen Pflanzen sprossen.
Die Decke funkelte. Sie erstrahlte und einen Augenblick lang war er überfordert mit dem Anblick. Dann streckte er sich und starrte auf den Abschnitt direkt über seinem Kopf. Es waren Löcher in der Decke, darunter eine Art Glas, die die Strahlen der Sonne auf ein Vielfältiges zurück warfen und den ganzen Tunnel damit erhellten. Fragen. Er hatte so viele Fragen.
Weiter vorne, wo Monakka stand, befand sich sogar ein kleiner Baum.
»Das ist unglaublich...«
Monakka kicherte nur, während sie ihre Hand in Richtung des Baumes streckte. Jetzt erkannte Ibraim, dass auf einem der Äste ein kleines Fellknäuel lag. Langsam ging er auf Monakka zu.
Es sah aus, wie ein rot getigertes Kätzchen, doch seine Ohren waren groß und buschig, und seine Pfoten waren riesig. Das Kätzchen besaß eher die Größe eines Hundes. »Das ist eine Belokatze«, erklärte sie mit einem seligen Lächeln auf den Lippen. »Sie helfen unseren Früchte- und Pflanzensammlern bei der Ernte. Wir befinden uns gerade auf Ebene eins.«
»Wir sind unter der Erde, oder?«
Monakka nickte. »Unsere Oberfläche, Ebene null mag vielleicht unfruchtbar und langweilig aussehen...«
»...doch unterirdisch herrscht dafür das Paradies«, vollendete Ibraim ihren Satz.
»So kann man es auch sagen, ja«, lachte sie.
Langsam bewegten sie sich durch den Tunnel, bis er in einen größeren Raum mundete, von dem mehrere Tunnel abwichen. Sogar ganz kleine Tunnel, in die niemals ein Mensch hineingepasst hätte. Katzen vielleicht schon. Oder eben Belokatzen.
»Verstehst du jetzt, warum wir uns schützen müssen? Die Höhlen sind unser einziger Grund zum Überleben. Gut, die Schlangenmenschen überleben vielleicht noch, aber wir sind ohne das hier«, sie gestikulierte in dem Höhlenlabyrinth umher, »aufgeschmissen. Das darf uns niemand nehmen.«
Zu Abend saßen sie in der großen Halle beim Essen. Die Raqori aßen jeden Abend zusammen, alle drei Rassen vereint. Die Menschen, Chimären und Lizanas. Während Chimären meistens vier Hufe besaßen, sei es in Pferdeform, Reh- oder Stierform, waren Lizanas Halbmenschgestalten, mit Schuppen, Klauen oder gar Schwänze und Flügeln.
Ibraim hatte eine Frau mit Klauen anstelle von Händen gesehen, einen Mann der anstelle von Beinen einen Schlangenschwanz besaß und sich darauf elegant voranbewegte, oder die zwei Kinder, bei denen je ein Arm durch einen Schlangenoberkörper ersetzt war. Beim Essen war das besonders interessant zu beobachten. Während die Kinder mit ihrer Menschenhand Trauben in ihren Mund fallen ließen, schluckte der Schlangenteil eine tote Maus im Ganzen hinunter. Ibraim fand es ein wenig makaber, aber er war zu fasziniert, um angeekelt zu sein.
Im dritten Monat seines Aufenthaltes wagte er sich in den Osten der Stadt. Schiffswracks waren über den roten Strand verteilt, Schrott und Dreck reihte sich aneinander. Stücke von den Hinterlassenschaften der Expeditionsflotten.
Als Ibraim den Kopf hob und aufs Meer sah, traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht. Draußen auf dem Meer, am Ende eines kleinen Steges, stand ein riesiger Turm im Wasser. Er war viereckig und oben an der Spitze befand sich eine große Kugel. Es war genau der Turm, den er auf der Skizze in Tanglym gesehen hatte.
War das der Turm, aus dem der blaue Feuerball gekommen war? Der auf einen Schlag das ganze Schiff zerstört hatte? Doch woher nahmen die Raqori diese Energie?
Ibraim erinnerte sich noch daran, wie die Wache ihm das Dokument entrissen hatte und ein sehr dunkles Gefühl beschlich ihn. Es legte sich um ihn, krabbelte an seinem Rücken herab und verursachte eine Gänsehaut an seinem ganzen Körper.
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