
Roxanne
Wenn Daisy die Wahrheit gesagt hatte und Hempton wirklich vorhatte, von uns allen die Strafen zu verlängern, hatte ich ein ernsthaftes Problem. Ich hatte bisher es irgendwie geschafft ein ganzes Jahr durchzuhalten. Und die letzten 2 ½ Monate würde ich auch irgendwie durchstehen. Aber wenn Hempton tatsächlich vorhatte unsere Fristen noch mal zu verlängern, musste ich irgendwas dagegen unternehmen, denn noch 6 Monate oder vielleicht ein weiteres Jahr würde ich nicht überstehen. Das konnte ich einfach nicht. In meinem Kopf arbeitete es die gesamte Nacht durch. Ich hatte das Gefühl, als würde mein Gehirn einem Computer gleichen, der ständig die Worte „SYNTAX ERROR" durch meinen Kopf jagte. Und ich war nicht der Lage irgendwas dagegen zu tun.
Nach einer schlaflosen Nacht war ich mir allerdings bewusst, dass ich etwas anderes tun konnte. Aber dafür brauchte ich Hilfe.
Also ging ich nach dem Frühstück zu Niall und sprach ihn an.
„Was denkst du eigentlich über Avery's Fluchtpläne?", fragte ich ihn beinahe beiläufig.
Niall, der gerade dabei war, eine Haustür zu reparieren, sah mich überrascht an.
„Ich weiß nicht. Ich verstehe, warum sich die Anderen darauf einlassen, aber ich hab ehrlich gesagt, großen Schiss, was uns allen blüht, wenn Hempton uns erwischt. Deshalb halte ich mich erstmal da raus."
„Du weißt aber schon, dass uns allen Ärger droht, wenn Hempton mitkriegt, was Avery plant, oder?", fragte ich ihn gerade heraus.
Niall hielt einen Moment inne, ehe er weiter am Rahmen der Tür schleifte. Er biss sich auf die Lippen, ehe er aufsah.
„Ja, ich weiß", antwortete er dann schließlich.
„Glaubst du Daisy eigentlich, dass Hempton unsere Strafen verlängern will?", fragte ich ihn dann.
Niall zögerte erneut, ehe er weitermachte. Offenbar hatte ihn dieser Gedanke auch schon beschäftigt.
„Warum sollte sie deshalb lügen? Daisy ist keine gute Lügnerin. Und selbst wenn, was hätte sie denn davon?"
„Vielleicht hat Avery sie ja dazu überredet, dass zu sagen, damit wir es uns anders überlegen", schlug ich vor.
Niall schüttelte den Kopf.
„Daisy ist vielleicht naiv, aber nicht dumm. Für so was lässt sie sich nicht einspannen und ich glaube auch nicht, dass Avery sie für so etwas einspannen würde. Ich glaube ihr."
Ich nickte knapp. Das was er sagte, machte durchaus Sinn. Außerdem überraschte es mich, dass er so clever war. Ich hielt nicht Niall nicht für dumm, aber seine verspielte, naive und unbeschwerte Art, ließen mich oft glauben, dass er Sachen oftmals nicht zu Ende dachte. Aber jetzt gerade bewies er mir das Gegenteil.
„Weißt du, ich könnte herausfinden, ob Daisy Recht hat", sagte ich beinahe beiläufig und begann mit dem Schraubenzieher die Schrauben im Scharnier der Tür zu lockern.
Niall hob die Augenbrauen, blickte allerdings nicht von seiner Arbeit auf und machte weiter.
„Ach ja?", fragte er beinahe uninteressiert.
„Jep, ich könnte mich in Hemptons Computer hacken und dort nachsehen, was er geplant hat."
Diesmal sah Niall auf.
„Und du glaubst, er hat das bereits in seinem Computer gespeichert?"
„Ich kenne Leute wie Hempton. Die vermerken sowas immer an Orten, wo keiner so leicht Zugang hat."
„Warum erzählst du mir das, Roxy?", fragte Niall nun misstrauisch.
„Ich könnte deine Hilfe dabei brauchen", erklärte ich ihm knapp.
„Du? Meine Hilfe? Also ehrlich, ich komme mit Computer noch weniger klar, als meine Mom und das will schon was heißen", meinte Niall und grinste dabei breit.
Ich verdrehte die Augen, lächelte aber. Da war er wieder. Der kindische, unbeschwerte, naive, wunderbare Niall. Seit ich ihm von dem Vorfall mit Hempton erzählt hatte, hatte ich das Gefühl, dass der glückliche Niall verschwunden war und einem ernsten und vorsichtigem Niall Platz gemacht hatte.
Aber den fröhlichen Niall mochte ich irgendwie lieber. Er war mir vertraut und war irgendwie tröstlich für mich.
„Glaub mir beim Hacken, brauche ich auch niemanden. Aber jemand muss Hempton lange genug ablenken, damit ich mich ungestört in seinen Daten umsehen kann", erklärte ich ihm.
„Willst du das wirklich riskieren, nur um zu sehen ob Daisy Recht hat? Ich meine, wenn er dich dabei erwischt, wird deine Strafe vermutlich nochmal verlängert und du kriegst auch ein paar Tage im Bunker", meinte Niall dann.
„Kann dir doch egal sein", meinte ich achselzuckend.
Niall blickte mich verärgert, fast schon trotzig an.
„Ist es aber nicht, Roxy. Du bist mir nicht egal. Und ich will nicht, dass du eine Auseinandersetzung riskierst, nur um zu sehen, ob Hempton deine Strafe verlängert!", sagte er dann scharf.
Nun war ich es, die überrascht die Augenbrauen hob.
„Es ist nicht nur meine Strafe, sondern die von uns allen. Interessiert es dich denn gar nicht?", fragte ich daraufhin herausfordernd.
„Natürlich interessiert es mich, aber denkst du nicht, dass Hempton uns das früh genug unter die Nase reiben wird, wenn er erstmal die Strafen verlängert hat?"
„Niall, hör zu. Ich hab mich das erste Jahr jetzt irgendwie durchgebissen, aber ich kann kein weiteres Jahr hierbleiben. Nicht mit diesem Freak! Das geht nicht!"
„Das weiß ich doch", sagte er sanfter und schenkte mir ein warmes Lächeln.
„Und was ist mit dir? Kannst du noch ein weiteres halbes Jahr hierbleiben? Oder neun Monate? Oder vielleicht noch weitere 18 Monate?", fragte ich ihn.
Niall zögerte, ehe er ein leises „Nein" von sich gab.
„Aber was ist denn die Alternative? Wenn Hempton unsere Fristen verlängert, was sollen wir dagegen machen? Ansonsten könnten wir uns nur Avery's Plan anschließen", fragte er mich dann.
„Ziehst du ihre Idee wirklich in Betracht?"
„Na ja, ehrlich gesagt, so dämlich finde ich ihre Idee nicht und Louis hat gestern gesagt, dass er sich es auch schon überlegt. Also abgesehen von Zayn, dir und mir, hat sie schon jeden auf ihrer Seite."
Ich zögerte selber. Auch wenn ich selbst nicht zugeben wollte, ich wusste das Avery's Gründe von hier abzuhauen durchaus berechtigt waren. Und gestern Nacht hatte ich nicht nur darüber nachgedacht, wie ich an Hemptons Computer kam, sondern auch, ob Averys Vorschlag vielleicht doch die bessere Alternative war.
Das Risiko war eigentlich zu groß, aber vielleicht war es das doch wert.
„Und wenn Daisy Recht hat? Sagst du dann ja?"
Niall zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht", murmelte er dann.
„Hilfst du mir jetzt oder nicht?", fragte ich ihn nun.
Niall zögerte und nickte schließlich.
„Ja, okay."
Ich grinste und knuffte ihn freundschaftlich gegen die Schulter.
„Weißt du, du bist gar nicht so übel, Niall Horan."
„Das realisierst du erst jetzt? Ich dachte, du bist hier das Superhirn?!", zog er mich auf.
„Und schon bereue ich meine Aussage", seufzte ich, konnte mir aber ein Lächeln nicht verkneifen.
„Du liebst mich und du weißt es, Quever."
„In deinen Träumen, du Depp", konterte ich und lachte.
So ging es noch eine Weile weiter, ehe wir uns für den Abend verabredeten, um Hemptons Computer zu hacken.
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Niall und ich hatten den Abend damit verbracht, Beeren zu sammeln und diese mit Tinte zu vermischen, die Niall aus dem Klassenzimmer gestohlen hatte. Niall wollte diese in den Waschräumen verteilen und Hempton damit ablenken. Die Idee hatte er von Avery, nachdem diese uns von dem Vorfall mit den Blaubeeren erzählt hatte.
Ich versteckte mich in der Nähe der Hütte und wartete dort auf Niall. Tatsächlich tauchte nur er knapp zehn Minuten, nachdem ich Position bezogen hatte, auf und lief in die Hütte. Ich konnte die Stimmen der Beiden drinnen hören, allerdings waren sie zu leise, als dass ich sie verstehen konnte. Es dauerte keine zwei Minuten, da tauchte Niall mit Hempton im Schlepptau auf und verschwand zwischen den Bäumen. Ich zählte bis zwanzig, ehe ich mich aus meinem Versteck vorwagte und dann in die Hütte lief. Hemptons Computer war angeschaltet und er war entsperrt. So hatte ich die erste Sicherheitshürde bereits hinter mir. Ich suchte im Computer nach unseren Akten und fand innerhalb kürzester Zeit einen Ordner mit dem Namen: „Verlängerung."
Als ich den Ordner anklickte, erschien ein Fenster, das nach einem Passwort fragte. Ich überlegte einen Moment dann sah ich unter der Tastatur nach. Meine Vermutung bewahrheitete sich, als ich den Zettel entdeckte, der mit Klebeband am Tisch befestigt war. Sämtliche Passwörter waren darauf notiert, weshalb ich das Richtige schnell fand und eintippte.
Meine Intuition war richtig gewesen. In diesem Ordner befanden sich sämtliche Akten der einzelnen Teenager, welche Hempton für einen verlängerten Aufenthalt herausgesucht hatte. Ich tippte zuerst meinen Namen ein.
Tatsächlich erschien meine Akte zuerst. Als ich sie öffnete, las ich sie mir hastig durch.
Name : Roxanne Quever
Geburtsdatum: 06.09.1993
Verweildauer: 09.07.2009-09.10.2010
Jugendstrafe: illegaler Datentransfer und Diebstahl
Erziehungsgrund: respektloses, narzisstisches Benehmen, übersteigerte Arroganz und Selbstvertrauen
Aggression Schwelle: Niedrig
Darunter war eine weitere Zeile eingetragen, welche mir eine Gänsehaut bescherte.
Bemerkung: Sträfling legt seit kurzem extrem gewalttätiges Verhalten an den Tag und griff einen Betreuer bei einem Einzelgespräch an. Nach einem psychologischen Gespräch wurde beschlossen, den Aufenthalt um 7 Monate zu verlängern.
7 Monate. Dieser Bastard behauptete, dass ich ihn angegriffen hätte, als er mich vergewaltigen wollte und versuchte mir jetzt 7 weitere Monate meines Lebens stehlen?! In diesem Moment hätte ich am liebsten den Computer in tausend Teile zerschlagen.
Dafür würde Hempton bezahlen!
Ich druckte hastig die Seite mit meiner Akte aus, ehe ich die Akten der anderen aus meiner Gruppe markierte und ebenfalls ausdrucken ließ. Dann schloss ich den Ordner wieder und stellte den Sperrbildschirm an. Kaum war das letzte Blatt gedruckt worden, stopfte ich die Blätter unter meine Bluse und verließ Hemptons Büro.
Keine Sekunde zu früh, denn während ich wieder in Richtung Lager ging, hörte ich bereits Hemptons Stimme von weitem. Ich wollte ihm nicht begegnen.
Als ich sicher im Zelt saß, holte ich die Blätter heraus, nahm meine Taschenlampe und fing an zu lesen.
Name: Daisy Abernathy
Geburtsdatum: 23.11.1992
Verweildauer: 28.04.2010-28.12.2010
Jugendstrafe: schwere Sachbeschädigung
Erziehungsgrund: respektloses Verhalten, verweigert jegliche Arbeit
Aggression Schwelle: Mittel
Bemerkung: Sträfling zeigt keine Einsicht, wegen ihrer Straftat und weigert sich jegliche Arbeit im Camp zu verrichtet. Nach einem psychologischen Gespräch wurde beschlossen den Aufenthalt um 4 Monate zu verlängern.
Mittlere Aggressionsschwelle?! Daisy würde nie einer Fliege was zuleide tun! Hempton dachte sich diese Verlängerungsgründe wirklich nur aus, um uns klein zu halten. Und was meinte er mit psychologischen Gesprächen? Seit ich hier war, hatte ich noch kein einziges Gespräch mit irgend so einem Kopfdoktor. Das alles hier waren nur irgendwelche Lügen, die er sich zurechtgelegt hatte, um komplett unschuldig aus der Sache herauszugehen.
Ich ging die Akten der Jungs durch. Auch hier hatte ich dieselben Ergebnisse. Bei Liam, Niall und Harry, wurde ebenfalls weitere 8 Monate Verlängerung beantragt. Lediglich bei Zayn wurden nur 4 Monate beantragt und bei Louis gar keine Verlängerung. Stattdessen war dort bei „Bemerkung" vermerkt: Wegen einer schweren Prügelei mit einem Mitsträfling, muss der Sträfling aufgrund seiner schweren Verletzungen zwei weitere Monate auf der Krankenstation verbringen.
Es dauerte einen Moment, bis ich begriff was damit gemeint war.
Fuck, Hempton plante Louis verprügeln zu lassen. Ich glich die einzelnen Verlängerungen miteinander ab. Bei Daisy, Louis und Zayn waren die Verlängerungen kürzer als bei dem Rest. Als ich die Geburtstage verglich, fiel mir auch auf, weshalb. Die drei würden bald volljährig werden. Louis war es sogar schon. Vermutlich konnte Hempton nach dem Erreichen der Volljährigkeit die Strafen nicht mehr nach Belieben verlängern, ohne das der Staat sich einmischte.
Ich sah mir Averys Akte an. Den Großteil kannte ich ja bereits. Allerdings war sie nicht wegen einer Straftat hier, sondern weil sie erzogen werden sollte. Konnte Hempton dann überhaupt ihren Aufenthalt verlängern, ohne mit ihren Eltern sprechen zu müssen?
In dem Feld „Bemerkung" stand jedoch nur ein Fragezeichen. Also hatte Hempton sich bereits damit beschäftigt, allerdings noch keine Möglichkeit gefunden.
Eine gefühlte Ewigkeit saß ich mit den Papieren in meiner Hand da und starrte sie an. Hempton würde uns alle nicht fortlassen. Er würde mir wieder das Leben zur Hölle machen. Er würde damit davonkommen.
Es sei denn...
Ich blickte auf. Averys Plan war naiv und vielleicht selbstmörderisch. Aber vielleicht war er nicht dumm. Vielleicht war es das Richtige.
Als ich die Anderen hörte, wie sie an der Feuerstelle eintrafen, stand ich auf und verließ das Zelt. Die Papiere hielt ich noch immer in der Hand.
Ohne weiter darüber nachzudenken, ging ich zu Avery und sagte zu ihr: „Du wirst Hilfe brauchen, wenn dein Plan klappen soll. Ich denke zwar immer noch, dass wir das alle bereuen werden, aber ich bin dabei."
Avery schien etwas überrumpelt zu wirken und blinzelte mich verwirrt an. Sie öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch ich unterbrach sie.
„Wir sprechen morgen, über die Fluchtmöglichkeiten, die ich mir bis dahin überlegt habe. Und jetzt entschuldige mich, ich muss schlafen gehen, um bis morgen mir etwas Sinnvolles überlegt zu haben."
Damit ließ ich sie stehen und ging zurück ins Zelt.
Ob man mit Roxanne's Hilfe mehr erreicht? Wir werden sehen. Schreibt mir gerne in die Kommentare, wie euch die Geschichte gefällt.
lg liz;)
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