
Roxanne
Am nächsten Tag wurden wir hatten wir Sport und Mathe. Sport wurde von Munch unterrichtet. Munch hatte mal im Militär gedient und dort sogar Soldaten ausgebildet. Und genau so leitete er auch den Unterricht.
Jeder der nicht genau das tat, was er wollte oder wie er es wollte, wurde angebrüllt oder zu noch mehr Sport verdonnert. Und das machte er schon, wenn er gut drauf war.
Wir hatten diesmal die Auswahl zwischen Klettern und Schwimmen. Daisy trug sich fürs Schwimmen ein. Was auch sonst? Daisy war die geborene Schwimmerin. Sie hatte mir sogar erzählt, dass sie zuhause in einem Team schwamm und auch an Wettkämpfen teilgenommen hatte. Das Wasser war ihr Element. Ich hatte sie bereits ein paar Mal beim Schwimmen im Meer beobachtet und musste zugeben, dass sie wirklich gut war.
Überraschenderweise trug Avery sich genau wie ich fürs Klettern ein. Ich hatte eigentlich erwartet, dass sie genau wie Daisy lieber schwimmen würde, als sich nach oben in den nächsten Baum zu hieven. Ich selber war nicht besonders gut im Klettern. Aber es war mir tausendmal lieber als zu schwimmen. Ich traute Wasser nicht besonders.
Die Jungs trugen sich ebenfalls größtenteils für's Schwimmen ein, außer Liam und Niall.
Während Munch's Partner die Schwimmer beaufsichtigte und die Zeiten aufschrieb, wie schnell sie die Bahnen geschwommen waren, war unsere Aufgabe eindeutig schwieriger.
Wir mussten einen Baum hochklettern, dann uns an einem dicken Seil entlang hangeln, dass ungefähr 12 Meter weiter bis zum nächsten Baum gespannt war und dort im nächsten Baum ein ganzes Stück höher klettern um eine Fahne herunter zu holen.
Oh, und gesichert waren wir übrigens auf nicht. Außerdem war das Seil gut 2 ½ Meter über dem Boden gespannt. Lediglich an ein paar Stellen waren Matten hingelegt worden, damit man aufgefangen wurde, sollte man vom Seil herunterfallen. Da half nicht wirklich, wenn man zwischen den Matten herunterfiel.
Ich hatte bereits einige Leute, die vor mir und Avery dran waren beobachtet. Bisher hatte es noch niemand in die Nähe des Seils geschafft. Aber sollte einer an der falschen Stelle vom Seil stürzen, würde er sich im schlimmsten Fall den Hals brechen. Avery war drei Leute weiter hinter mir. Auch sie blickte etwas nervös auf den Parkour. Ich war gespannt wie sie sich wohl beim Klettern anstellen würde. Niall war noch vor mir dran.
Als er dran war, spürte ich, wie mir die Knie weich wurden. Mir war bewusst, dass viele Leute es nicht mal bis zum Seil geschafft hatten, aber ich wollte mich auch nicht vor den Anderen blamieren. Niall schaffte es zwar bis zum Seil, stürzte allerdings nach ein paar Metern herunter und landete glücklicherweise auf einer der Matten. Ich amtete auf. Wäre er nur ein paar Zentimeter vorher gefallen, wäre er auf den Waldboden gestürzt. Allerdings schien die Matten auch nicht besonders gut zu federn, da Niall sich nur langsam aufrichtete und sich dann den Arm hielt, auf dem er gelandet war.
„Quever, du bist dran!", blaffte mich Munch an.
Ich atmete tief durch und lief los. Ich sprang und erwischte mit dem Schwung den ich hatte, den untersten Ast mit einer Hand. Sofort griff ich mit der anderen Hand zu und zog mich nach oben. Als ich sicher auf dem untersten Ast stand, wollte ich nach dem nächsten Ast greifen, doch ich hatte zu wenig Schwung und bekam den Ast nicht zu fassen. Somit verlor ich das Gleichgewicht und stürzte vom Baum.
Der Aufprall jagte mir unglaubliche Schmerzen durch den Rücken. Glücklicherweise war ich allerdings noch nicht so weit oben gewesen, das ich mich ernsthaft verletzte.
„Noch so ein ungeschickter Trampel! Steh auf Quever! Mach die Bahn für den Nächsten frei!", schnauzte Munch mich an, während ich mich langsam aufsetzte. Langsam stemmte ich mich auf die Beine und lief wieder ganz nach hinten in die Reihe.
Als ich an Avery vorbeikam, fragte sie: „Hey, bist du okay?"
Ich ignorierte sie einfach und ging weiter.
Als Avery dran war, erwartete ich, dass sie es etwa genauso weit schaffte wie ich. Aber dann erlebte ich eine Überraschung.
Avery kletterte den Baum herauf, als hätte sie nie etwas anderes getan. Wie ein Äffchen, hangelte sie sich an den Ästen hinauf und erreichte schnell das Seil. Als sie dort ankam, sah sie kurz zögerlich zum Boden. Offensichtlich brachten sie die teilweise fehlenden Matten auf dem Boden ebenfalls zum Nachdenken.
Kurz kam mir der Verdacht, dass sie nun aufgeben würde, so vorsichtig wie sie bisher gewesen war. Doch dann griff sie das Seil und begann sich daran entlang zu hangeln. Nach der Hälfte der Strecke, konnte ich bereits sehen, dass sie sichtlich zu kämpfen hatte. Vermutlich ging ihr langsam die Kraft aus. Aber sie schaffte es zum nächsten Baum und kletterte dann weiter nach oben, bis sie die Fahne zu fassen bekam.
Als sie schließlich wieder auf dem Boden stand und stolz die Fahne an Munch abgab, klatschten einige aus unserer Gruppe. Bisher war noch keiner komplett durch den Parkour gekommen. Sogar ich war ein wenig beeindruckt. Und mich zu beeindrucken brauchte es schon eine Menge. Offenbar war sogar Munch etwas überrascht. Er hatte scheinbar nicht mal erwartet, dass jemand überhaupt den Parkour komplett schaffte. Allerdings wechselte das Erstaunen auf seinem Gesicht schnell zur Gleichgültigkeit.
„Was stehst du denn da noch rum, Collins? Bring die Fahne wieder nach oben für den nächsten Kandidaten!"
Entgeistert und schwer atmend sah Avery ihn an.
„Ich bin gerade den ganzen Weg dahin ungesichert geklettert und meine Arme tun mir verdammt weh! Kann das nicht jemand anderes machen?"
Munch ließ sein Klemmbrett sinken und beugte sich bedrohlich zu Avery runter. Was er dann sagte, konnte ich von meinem Platz aus nicht hören, aber ich konnte sehen, wie sie mit jedem Wort immer kleiner wurde.
Als er dann fertig war, sah ich wie Avery schluckte. Offenbar versuchte sie gerade nicht zu weinen. Ich sah wie sie für einen Moment die Augen schloss und ein paar Mal tief durchatmete. Dann ging sie zurück zum Baum und kletterte hinauf. Man merkte deutlich, dass sie Mühe hatte nach oben zu kommen, da sie noch keine neue Energie getankt hatte. Noch immer kletterte sie ohne jeden Fehler den Baum nach oben, aber ihre Bewegungen wirkten um einiges schwerfälliger als eben. Als sie endlich den Punkt erreicht hatte, wo die Fahne ursprünglich gewesen war, wirkte sie bereits ziemlich außer Atem.
Sie wollte die Fahne ablegen, als Munch von unten rief: „Nein, die Fahne muss höher!"
Avery wirkte verwirrt. Und da war sie nicht die Einzige. Jeder aus unserer Gruppe wusste, dass die Fahne an dieser Stelle gestanden hatte.
„Aber die Fahne war doch vorher...", fing Avery an, doch Munch unterbrach sie.
„Collins, wenn ich sage, die Fahne muss höher, dann erwarte ich, dass du die Fahne weiter nach oben bringst und nicht, dass du mir sagst, wo die Fahne vorher war! Also, bring die Fahne weiter nach oben!"
Ich sah wie Avery weiter nach oben in den Baum blickte. Sie wirkte nervös. Hatte sie jetzt vielleicht doch Höhenangst?
„Wird das heute noch was, Collins?!", rief Munch ungeduldig.
Zögerlich begann Avery zwei Astreihen höher zu klettern.
Sie wollte dort die Fahne hinstecken, doch Munch rief von unten: „Nein, die Fahne muss noch höher!"
Da Avery nun noch weiter oben war, konnte ich ihren Gesichtsausdruck nicht klarsehen, aber ihr erneutes Zögern sprach für mich Bände. In diesem Moment war ich wirklich froh nicht in ihrer Haut zu stecken.
„Collins, ich warte!"
Avery kletterte noch ein Astreihe höher, mittlerweile war sie schon ziemlich nah an dem Baumwipfel.
„Wenn sie noch höher klettert, stürzt sie vielleicht ab", murmelte Niall vor mir.
„Höher!", verlangte Munch da.
Niall und ich warfen uns einen besorgten Blick zu. Zwar war es mittlerweile schwer zu beurteilen, wie dick die Äste auf Averys Höhe waren, allerdings war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Äste unter Averys Gewicht brechen würden, sollte er sie noch höher schicken.
Zaghaft kletterte Avery einen Ast höher. Ich musste nicht mal ihr Gesicht sehen um zu sehen, dass sie sich so weit oben sehr unwohl fühlte.
„Nicht weiter klettern, Avery! Bleib dastehen!", hörte ich Niall leise murmeln.
„Noch höher, Collins!"
„Ich kann nicht höher klettern, die Äste werden sonst zu dünn!", rief Avery von oben.
Munch wirkte einen Moment als würde er überlegen, ehe er die Hände in die Hüften stemmte und näher an den Baum herantrat und zu Avery nach oben blickte.
„Collins, wenn ich sage, du kletterst höher, dann kletterst du höher! Außerdem bist du doch bei deiner Figur und Größe ein Leichtgewicht! Also los, mach schon!", sagte er dann mit einem spöttischen Grinsen.
Avery streckte sich nach dem nächsten Ast und zog sich daran hoch. Als sie sich mit beiden Füßen auf den Ast kauerte, hörte ich selbst von ganz weit unten ein bedrohliches Knacken. Niall spannte sich vor mir an und ich biss mir auf die Lippen.
„Fuck, Avery! Komm da runter!", murmelte ich nun selbst.
Avery legte die Fahne ab und begann sich an dem Ast herunter zu lassen und mit den Füßen, den nächsten Ast unter sich zu ertasten. Kaum hatte sie sich dort hingehockt und eine Hand sicher am Stamm, brach der Ast über ihr weg.
Wirklich jeder von uns zuckte zusammen. Ein paar stießen sogar erschrockene Laute aus. Avery selber hatte sich wohl auch erschrocken und geriet kurz ins Wanken, hielt sich dann aber doch auf dem Ast und begann weiter mit dem Abstieg.
Ich spürte wie Niall sich vor mir entspannte, ehe er dann zu mir herübersah.
„Scheiße, das hätte jetzt wirklich schief gehen können!", meinte er.
Es kam nicht oft vor, dass mir die Worte fehlten, aber diesmal war es der Fall. Ich nickte deshalb nur. Niall blickte kurz an mir vorbei und nickte dann um meine Aufmerksamkeit auf etwas zu richten, was hinter mir lag. Ich drehte mich um.
Nicht nur unsere Gruppe hatte das Spektakel von Avery verfolgt auch einige von der Schwimmergruppe standen am Strand und blickten ungläubig zum Baum hinauf. Darunter auch Daisy, Harry, Zayn und Louis. In ihren Gesichtern spiegelten sich verschiedene Emotionen.
Daisys Gesichtsausdruck war eine Mischung aus Erstaunen und Bewunderung. Louis wirkte beeindruckt und verwirrt. Zayn und Harry wirkten gleichermaßen besorgt und respektvoll. Wobei Harry...Nein, Harry wirkte eigentlich nur besorgt.
Da war noch etwas anderes in seinem Gesicht, aber ich konnte nicht sagen was es war. Angst vielleicht?
Als Avery wieder mit beiden Füßen auf dem Boden stand, war sie leichenblass und vollkommen verängstigt. Sie wirkte schon fast verstört.
Sie wollte sich wohl wieder ans Ende der Schlange einreihen, doch Munch hielt sie am Arm fest und zischte ihr bedrohlich etwas ins Ohr. Avery sagte nichts und als er fertig mit Sprechen war, nickte sie nur. Er stieß sie von sich und sie stolperte ein paar Schritte vorwärts, ehe sie normal weiter ging.
Als sie an mir vorbeikam, sah ich wie sie scheinbar mit den Tränen kämpfte. Avery war bisher immer ruhig und taff aufgetreten, aber so verängstigt wie sie nun wirkte, schien sie eine ganz andere Avery zu sein.
Wieder einmal wurde mir bewusst, wie schnell einen dieses Camp brechen konnte. Bisher hatten sie es noch bei jedem geschafft. Man hatte die Jungs gebrochen. Man hatte Linda gebrochen. Man hatte Daisy gebrochen. Man hatte mich gebrochen. Und nun war Avery an der Reihe.
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Den gesamten restlichen Tag sprach Avery kaum ein Wort. Beim Essen saß sie stumm bei uns und stocherte in ihrem Kartoffelbrei. Niall und Daisy hatten versucht sie auf das Thema anzusprechen, aber sie hatte nur gesagt, dass sie nicht darüber reden wollte.
Beim Essen fielen mir ihre Hände auf. Sie waren komplett rot und schienen auch wund zu sein, da Avery ihr Besteck kaum halten konnte. Offenbar hatte sie sich die Hände beim Klettern vom Seil wundgescheuert.
Am Abend fand ich sie dann ein wenig abseits von unserem Zelt am Strand. Sie saß dort auf einer der Wurzeln mit dem Rücken zu mir und starrte auf das Wasser.
Einen Moment überlegte ich, ob ich lieber wieder gehen sollte. Wie ich bereits sagte, war ich nicht so gut darin mit anderen Menschen zu reden. Aber trotzdem tat sie mir irgendwie leid. Also ging ich in mein Zelt, holte eine Salbe, die bei wunder Haut und Verbrennungen half und ging damit zu ihr.
Ohne ein Wort, nahm ich neben ihr Platz und warf ihr die Salbe in den Schoß.
Sie sah auf. Sie hatte geweint, denn ihre Augen und Nase waren ebenfalls gerötet.
„Verteil das auf deine Hände. Das hilft", sagte ich nur, da mir sonst nichts Besseres einfiel.
„Danke", sagte Avery matt.
Während sie die Salbe auf ihre Hände schmierte, zündete ich mir eine Zigarette an. Stumm bot ich ihr die Zigarettenschachtel an, doch sie schüttelte nur den Kopf.
„Ist es hier immer so?", fragte Avery dann.
Ich zögerte einen Moment mit der Antwort.
„Gewöhn dich an die Regeln hier, dann wird es halbwegs angenehm."
Avery sagte nichts, aber ich konnte ihrem Gesichtsausdruck entnehmen, dass sie verstanden hatte, was ich ihr eigentlich mitteilen wollte.
Einen Moment saßen wir beide schweigend da, ehe ich fragte: „Hörst du wirklich Queen?"
Sie lachte kurz, dann nickte sie.
„Und was ist dein Lieblingslied von ihnen?"
„Who wants to live forever."
Überrascht hob ich die Augenbrauen.
„Das mag ich auch sehr gerne."
Avery summte leise die Melodie und während wir auf das Meer blickten, was so unglaublich friedlich da lag, sangen wir beide den Refrain.
"Who wants to live forever?
Who wants to live forever?
Who?
Who dares to love forever?
When love must die
But touch my tears with your lips
Touch my world with your fingertips
And we can have forever
And we can love forever
Forever is our today
Who wants to live forever?
Who wants to live forever?
Forever is our today
Who waits forever anyway?"
Und für den Moment, wo wir beide einfach nur dasaßen, leise sangen und außer unseren Stimmen, nur die Wellen zu hören waren, war es gut.
Und es war eine Weile her, dass es für mich so angefühlt hatte.
So und jetzt nur noch eine kleine Info am Rande. Da ich gestern nach langem Warten endlich die erlösende Nachricht erhalten habe, dass ich meine Abschlussprüfungen als Medizinischer Dokumentar bestanden habe (YAY!), fängt ab dem 1. März mein Praktikum in Wetzlar an. Auch wenn ich schon ein paar Kapitel vorgeschrieben habe, kann es sein, dass ich ab da etwas unregelmäßiger Kapitel hochladen werde.
Ich hoffe ihr versteht das.
Lg eure liz;)
P.S. Ich hatte ja bereits im letzten Kapitel gesagt, das das zwölfte Kapitel anders sein wird. Nur so viel wird verraten: Es wird kürzer als alle anderen sein, aber auch eine komplett neue Sicht auf die vergangenen Dinge werfen.
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