
30
Ein viel zu grelles Licht zwingt meine Augenlider dazu sich zu öffnen. Blinzelnd halte ich mir die Hand vor die Augen.
"Lonia? Mio, beinahe hätte ich dich übersehen," erkenne ich die Stimme von Big Tom, der mir mit einer großen Taschenlampe direkt in die Augen leuchtet. Bevor ich irgend etwas sagen kann, hebt er mich hoch und legt mich über seine Schulter.
"Die Sachen holen wir morgen. Du gehörst jetzt erstmal ins Bett."
"Ich möchte hier bleiben," murre ich und kneife die Augen zusammen. Doch Big Tom stampft schon über das weiche Moos den Weg entlang zum Schloss.
Ich halte die Augen den ganzen Weg über geschlossen und auch als wir am Schloss ankommen, was ich anhand des Knirschens der Kieselsteine unter Toms Füßen und des Geflüsters einzelner Bodyguards feststelle, öffne ich sie nicht. Es ist, als mache ich mich allein dadurch unsichtbar, dass ich keinen anderen mehr sehen muß.
" Sie lag auf der Mooslichtung. Am kleinen See." brabbelt Big Tom.
"Hat Carlo gesagt was vorgefallen ist? " Erkundigt Nunzio sich mit gesenkter Stimme.
"Nee. Meinte nur ich solle sie da weg holen. Mehr war nicht aus ihm raus zu bekommen. Schätze sie haben sich gestritten, oder so."
Offenbar denken sie, ich würde sie nicht hören.
Ohne eine Reaktion zu zeigen, lasse ich mich von dem menschlichen Fels die Treppe hoch direkt in mein Zimmer tragen, wo er mich auf dem Bett ablegt, mir eine gute Nacht wünscht und verschwindet.
Mühsam ziehe ich mich aus und krieche unter die kalte Bettdecke, um auf die Alpträume zu warten. Jetzt wo Sonny nicht mehr bei mir ist, werden sie zurückkehren, doch ich fürchte sie nicht mehr. Als ich die Augen öffne, erkenne ich durch das Fenster den Sternenhimmel unter dem Sonny und ich gerade noch gelegen haben. Immer wieder kämpfe ich gegen den schmerzhaften Drang an, einfach in sein Zimmer hinüberzugehen, mich zu entschuldigen und ihm alles zu erzählen. Doch die Angst, in einer Welt ohne ihn leben zu müssen, trägt den Sieg davon.
Raffael ist eine Ratte. Stets ist er einen Schritt weiter als seine Gegner. Das hat ihn schon immer ausgezeichnet.
Ich setze mich abrupt auf, als ich das Knallen einer Tür gefolgt von hastigen Schritten höre, die die Treppe herunter poltern. Ich tappse zur Tür und öffne sie einen Spalt, doch der Flur liegt wieder in völliger Stille. In dem Glauben, mir die Schritte nur eingebildet zu haben, lege ich mich zurück ins Bett, bis ich höre wie jemand Sonnys Namen ruft. Mit zittrigen Beinen stehe ich auf und tapere zum Fenster.
Ein Gewirr diskutierender Stimmen ist zu hören, bricht abrupt ab und ein Mann eilt aus dem Schloß. Die Laternen auf dem Vorplatz hüllen Sonnys hochgewachsene Gestalt in ihr helles Licht. Das dichte Haar ist sorgfältig nach hinten gekämmt. Als würde er wissen, dass ich hier oben stehe, hält er inne und sieht hinauf zu meinem Fenster. Ich bin kurz davor, es zu öffnen und ihm zuzurufen, dass es mir leid tut, dass er zurückkommen soll und ich ihn über alles liebe, doch genau in diesem Moment dreht er sich um, steigt in den grauen Porsche und der Motor heult auf. Mit dröhnendem Brummen rollt das Auto vom Hof.
Kurze Zeit später verlassen zwei weitere Männer das Schloß. Einer von ihnen ist etwas kleiner als sein Begleiter. An dem zur Seite gescheiteltem Haar und der schlaksigen Gestalt erkenne ich Nunzio. Der andere ist Andolini. Sie sprechen ein paar Worte , bevor Nunzio in einen schwarzen Mercedes steigt. Die Kieselsteine knirschen protestierend, als er mit Vollgas vom Hof fährt, offenbar um Sonny zu folgen.
"Es ist besser so," wispere ich vor mich hin , bevor ich zurück ins Bett krieche und auf die Tränen warte, doch sie kommen nicht. Es ist ,als hätte Sonny jegliches Gefühl in mir mit sich genommen.
Wo er wohl hingefahren ist? Wahrscheinlich zu dieser Martha.Der Gedanke, wie er sich in ihre Arme flüchtet und sie ihn berührt, bringt mich um. Aber es nützt ja nichts. Ich muss akzeptieren das sein Leben ohne mich weitergeht. Ein Leben fern der Familie. Jenes Leben, das er gewählt hat, bevor ich durch einen dummen Zufall hineintrat und ihn dorthin zurückbrachte, wovor er doch eigentlich geflohen war. Sicher wird er sich gleich mit Martha versöhnen und mich schnell vergessen haben.
In diese finsteren Grübeleien versunken, liege ich da und beobachte wie der Himmel langsam heller wird.
Erst als die Sonne ihr aufdringliches Licht hineinschickt, ziehe ich die Vorhänge zu und vergrabe den Kopf in den Kissen, während Raffaels höhnisches Gelächter meine Alpträume begleitet.
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Es ist bereits früher Nachmittag, als es an meiner Tür klopft und Alina, bewaffnet mit einem Tablett mein Zimmer betritt.
Schweigend stellt sie das Tablett auf den Tisch.
Ein Duft nach frischen Brötchen steigt mir in die Nase. Normalerweise wäre mir bei diesem Duft sofort das Wasser im Mund zusammen gelaufen, doch jetzt lässt er mich völlig kalt. Nichtmal Übelkeit verspüre ich. Da ist einfach nur noch diese alles verschlingende Leere in mir.
"Guten Morgen," Alina versucht sich an einem Lächeln. Doch an ihren Augen kann ich sehen , dass sich unter den Bediensteten längst herumgesprochen hat ,dass zwischen Sonny und mir etwas vorgefallen ist.
Ich deute auf das Tablett. "Bitte nimm es wieder mit. Ich habe keinen Hunger. "
Alinas Lächeln verschwindet.
" Möchtest du lieber etwas Warmes? Es ist ja schon ziemlich spät."
"Nein danke." Seufze ich lakonisch. Doch Alina ist nicht bereit, so schnell nachzugeben.
"Wenigstens etwas Kakao. Carlo hat mir gesagt ich solle dir welchen machen."
"Was?" Ich lege die Stirn in tiefe Falten.
"Sie meinen, das hat er neulich mal gesagt."
Alina schüttelt den Kopf und diesmal erreicht das Lächeln ihre Augen.
"Nein, er hat es mir gesagt, bevor er gefahren ist. Mitten in der Nacht. Es muß ihm sehr wichtig gewesen sein, er hat mich extra dafür wach gemacht. Außerdem bestand er darauf, dass ich dich erstmal ausschlafen lasse."
Das muß ein Irrtum sein.Oder sie macht sich über mich lustig. Warum sollte sich Sonny nach allem was passiert ist, noch dafür interessieren, was ich zu trinken bekomme und das man mich ausschlafen lässt? So ein Quatsch.
"Er sagte du liebst warmen Kakao. Aber das wußte ich ja schon. Er hat mich bereits darauf hingewiesen, kurz nachdem er dich hierhergebracht hat. Anscheinend wollte er sichergehen das ich es noch weiß."
Ich nicke stumm, aus Angst nun doch loszuheulen, wenn ich den Mund aufmache.
"Dann lassen Sie bitte nur den Kakao hier. " Bringe ich schliesslich hervor, als ich ihren abwartenden Blick bemerke.
"Gut, sie nimmt die Kanne und die Tasse vom Tablett und stellt beides auf den Tisch.
"Ihr Vater lässt übrigens ausrichten, dass er vor dem Eingang auf Sie wartet. Er möchte mit Ihnen reden."
"Ist gut , vielen Dank Alina,"entgegne ich immer noch auf die Kanne starrend , bevor sie das Tablett nimmt und die Tür hinter sich zu zieht.
Er wird dir nicht verzeihen, denk dran, er hat die Armbänder weggeworfen, erinnert mich meine innere Stimme, als ich kurz davor bin tatsächlich zu hoffen, der Kakao wäre ein Zeichen dafür, das Sonny mir verziehen hat.
"Es ist aus , für immer. Du wolltest es schliesslich so." Spreche ich meinen eigenen Gedanken laut aus.
Nachdem ich eine Tasse von dem köstlichen Kakao getrunken und mich ein einziges Mal der lächerlichen Vorstellung ergeben habe, dass es wirklich so war wie Alina gesagt hat ,wird es Zeit hinunterzugehen und die schmerzhafte Maskerade zu Ende zu bringen. Obwohl es Anfang Mai und schon sehr warm ist, ziehe ich wahllos ein langärmliges Kleid und eine abgetragene Leggins aus dem Schrank.
Ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass ich 14 Anrufe in Abwesenheit habe. Vier sind von Ylvi, einer von Till ,drei von Ria und der Rest von Stefano. Wie gut, dass es in meinen letzten Stunden an Sonnys Seite auf lautlos gestellt war.
Schnell öffne ich den Chat mit Ylvi und teile ihr sicherheitshalber mit, dass alles in Ordnung ist und sie sich keine Sorgen machen soll. Ich würde mich melden. Leider sei unser Anruf von einem Bekannten unterbrochen worden, mit dem ich mich unterhalten und so vergessen hätte, sie zurückrufen.
Früher hasste ich es, Menschen anzulügen, die mir nahe stehen oder die ich mag. Jetzt kommt es mir vor, als hätte ich nie etwas anderes getan. Es ist erschreckend, in welchen Abgrund man bereitwillig hinabspringt , aus Angst um denjenigen , den man liebt.
Von diesem düsteren Gedanken vollkommen eingenommen, gehe ich die Treppe herunter zum Eingangsbereich. Ein paar Bodyguards stehen gelangweilt herum. Zum Glück tragen sie keine Maschinenpistolen mehr, sondern lediglich Halfter mit Handfeuerwaffen, welche sich halbherzig unter den schwarzen Anzügen verbergen.
"Dein Papa wartet draussen." Einer der Anzugträger, es ist der Mittvierziger mit dem verlebten Gesicht, deutet auf den sonnengefluteten Vorplatz. Ich zucke die Schultern und verlasse das Schloß durch die offen stehenden Glastüren. Warmes Sonnenlicht hüllt mich ein, als ich den Vorplatz betrete, wo mein Vater auf einer Bank sitzt. Big Tom steht ein paar Schritte von ihm entfernt und telefoniert. Dabei gestikuliert er wild mit seinen tellergroßen Händen in der Luft herum. Ich zucke zusammen, als der Name Mancuso fällt.
"Was hat er denn?"Will ich in gespielt unbeschwertem Tonfall wissen und deute mit dem Kinn in Toms Richtung.
Mein Vater sieht mich mit ausdrucksloser Miene an. "Guten Morgen Apollonia. Nimm Platz bitte. Ich habe mit dir zu reden." Er zieht ein Stofftaschentuch hervor und wischt sich damit über die Stirn.
"Worum geht es Papa?" Erkundige ich mich gereizt, obwohl ich froh bin, nochmal mit ihm reden zu können. Doch die Art, wie er mich mit seinen Blicken zu durchbohren versucht, lässt erahnen, dass dieses Gespräch nicht so unkompliziert verlaufen wird wie erhofft. Zögernd nehme ich auf der Bank neben ihm Platz.
Trotz der Wärme fröstele ich. Es ist, als wäre ich stundenlang halbnackt durch eine Winterlandschaft spaziert. Die Kälte will einfach nicht aus meinen Knochen verschwinden.
Seine Augen fixieren einen Punkt irgendwo hinter dem schmalen Törchen, durch das ich gestern gegangen bin , bevor ich von Raffael überrascht wurde.
"Weißt du, Apollonia, ich habe dich nicht wirklich streng erzogen, selbst als all deine Streiche überhand nahmen, habe ich dich gewähren lassen."
Sofort ist mir klar, dass er auf den tödlichsten meiner Streiche anspielt. "Die Kälber," wispere ich heiser. "Ja, die Kälber, "wiederholt er.
"Wir alle wußten wie der Stall damals in Brand geraten war. Doch niemand sprach ein Wort darüber." Er fährt sich mit einer Hand über das müde Gesicht.
"Ich weiß, dass du damals zugesehen hast, bei der Aufnahme von Big Tom. Es hat mich amüsiert, wie sehr solche Dinge dich in ihren Bann zu ziehen vermochten. Dein erstaunter Blick, wenn das Marienbild in der Hand eines Picotti zu Asche zerfiel und er den Schwur sprach. Diese Ehrfurcht in deinen Kinderaugen. Ich habe dich viel zu oft zusehen lassen, bei diesen eigentlich streng geheimen Ritualen, das weiß ich heute. Und irgendwann habe ich es damit übertrieben."
"Bitte lass ihn jetzt nicht auf die Schweine zu sprechen kommen," flehe ich innerlich.
Doch mein Flehen wird nicht erhört.
"Das mit Enzo damals. Es war nicht richtig. Doch ich möchte, dass du weißt, dass ich meine Gründe hatte. Einzig dich mitzunehmen war ein großer Fehler. Ich war unbesonnen und rachsüchitg. Ich wollte das du seinen Tod miterlebtest. Heute weiß ich, dass die Rache niemanden zurückbringen kann."
" Du wolltest mir zeigen, dass es möglich ist, einen Menschen komplett verschwinden zu lassen, so als wäre er nie da gewesen." Erkläre ich mit zitternder Stimme. " Das war doch der Grund, oder?"
"Genug davon!" Er reibt sich mit einer Hand über die Brust."Die alten Geschichten werden ab jetzt für immer ruhen. Es ist nicht gut ,die Toten immer wieder aus ihren Gräbern heraufzubeschwören. Es bringt Unglück."
Wäre die Situation nicht so trostlos, hätte ich über seinen Hang zum Aberglauben lächeln müssen.
" Vito und ich haben unsere Differenzen für immer beigelegt. Der Zukunft zuliebe." Erklärt er und seine Worte versetzen mir einen Stich, weil ich ahne, von wessen Zukunft er da gerade spricht.
" Als du zur Welt kamst, warst du längst jemandem versprochen, doch die Umstände haben Vito und mich von diesem Versprechen abgebracht. Nun haben wir beschlossen es einzuhalten."
"Versprochen...wen meinst du?"
"Du weißt genau, wem du versprochen wurdest," unterbricht er mich. "Was ich wissen möchte, ist folgendes, was ist zwischen dir und dem Jungen vorgefallen?"
Angespannt blicke ich auf die abgewetzten Schuhspitzen meiner Ballerinas.
"Der Junge hat einen Namen , Papa. Er heißt Carlo," erkläre ich mit schwacher Stimme. "Carlo-Santino." Setze ich krächzend hinzu.
Papas Augen fixieren noch immer den Punkt hinter dem Törchen.
"Gestern wollte er dich noch heiraten und heute reist er abrupt ab. "
" Du wusstest davon?" Hauche ich. " Ist es das, worüber ihr drei gestern gesprochen habt? Nach der Tagung? Du, Marcio, Michele und Sonny...ich meine Carlo?" Verbessere ich mich schnell und Papa zeigt eine Mischung aus Stirnrunzeln und Lächeln, die aber schnell wieder der ausdruckslosen Miene weicht.
"Wie schon gesagt, vergessen sind die alten Gesichten Apollonia. Und vergessen ist auch, welche Absichten er Anfangs hegte. Mio Grazie, dass ich nichts davon ahnte, denn der Junge liebt dich. Es hat ihn dazu verleitet, vollkommen die Fassung zu verlieren. Sämtliche Bosse sind Zeuge geworden, wie er eine Regel brach, ein ungeschriebenes Gesetz. Und das war nicht das erste Gebot, das er deinetwegen missachtete. Wir waren keine Freunde, und Gott weiß, ob wir es je sein werden, aber er tat das alles deinetwegen. Wer so viele Gebote innerhalb so kurzer Zeit für ein Mädchen bricht ,kann kaum andere Beweggründe haben, als ich sie damals bei deiner Mutter hatte."
Erstaunt ziehe ich die Luft ein. "Hast du für Mama..?"Er hebt die Hand. "Lenk jetzt nicht ab!"
Big Tom telefoniert immer noch. Die wilden Gesten haben mittlerweile etwas Verzweifeltes an sich. Wieder dringt der Name Mancuso zu uns herüber. Ich zucke zusammen.
"Was redet Tom denn da? Was ist mit Mancuso?"
"Ja. Apollonia." Papa wendet mir das Gesicht zu. "Was ist mit Mancuso?" Er sieht mich so durchdringend an, dass ich das Gefühl habe, ein Mitglied der Familie zu sein, das vorhatte ihn an die Polizei zu verkaufen, dem er aber in letzter Sekunde auf die Schliche kam, um es nun einem seiner erbarmungslosen Verhöre zu unterziehen.
"Nichts ist mit ihm."
"Du zitterst." Er deutet auf meine Hände.
Dann beugt er ich zu mir herüber und hebt mein Kinn mit dem Daumen an. Ich höre das abgehackte Rasseln seines Atems. Unsicher weiche ich seinem Blick aus.
"Apollonia. Hat er dir wieder gedroht?"
Ein eisiges Rauschen erfasst meine Eingeweide. Ich habe vergessen, dass dieser Mann nicht nur mein Vater ist, sondern auch IL Greco . Der Mann, der in gewissen Kreisen auch Ill Greco( kranker Greco) genannt wird ,weil seine Wut einer Krankheit gleicht, die einen umbringt, bevor man anfangen kann, nach einem Heilmittel zu suchen.
"Sieh mich an, wenn ich dir eine Frage gestellt habe!" Herrscht er.
Folgsam blicke ich in das trübe wässrige Blau. In diesem Moment wird mir klar, dass er die Wahrheit kennt . Verdammt, wer auch immer behauptet hat, der Katzenmensch sei unheimlich, hat noch nie gespürt, was es heißt von Il Grecos eiskalten Augen regelrecht durchbohrt zu werden.
"Ich sage dir nun etwas sehr wichtiges." Der Geruch seines altmodischen Rasierwassers hat etwas beruhigendes. " Lasse niemals die Angst zum Meister deines Schicksals werden, Apollonia. Denn sie wird dich dazu bringen, dass zu verraten, was du eigentlich beschützen wolltest. "
"Papa ich...."
Kaum merklich neigt er den Kopf in meine Richtung. "Sento, il mio Bambino, sento..."( Ich höre mein Kind, ich höre....) er spricht jetzt ruhig und voller Geduld. Big Tom hat das Telefonat beendet und beobachtet uns.
Mein Blick wandert zu dem Platz, an dem gestern noch Sonnys Porsche stand.
Ein Klos bildet sich in meinem Hals , hastig wende ich den Blick ab.
In diesem Moment rollt ein schwarzer Audi Q7 mit verdunkelten Scheiben heran. Stumm beobachten wir, wie ein Mann aussteigt und sich Big Tom mit großen Schritten nähert. Sofort fangen die beiden Männer auf italienisch an zu diskutieren.
"Die Operation war längst angeordnet, was soll das heißen, niemand weiß wo er sich versteckt?!" höre ich Big Tom schimpfen.
Der andere Mann erwidert etwas, dass ich nicht ganz verstehen kann. Die Hände fuchteln wild in der Luft herum, als versuchten die beiden Männer unablässig, sich gegenseitig zu ohrfeigen. Offenbar ist der fremde Typ dabei, irgendetwas zu erklären. Mit seiner roten Wollmütze auf dem Kopf sieht er auf den ersten Blick aus wie ein zu groß geratener Zwerg. Irgendwoher kenne ich ihn, aber sosehr ich es auch versuche, ich kann einfach nicht einordnen ,wo ich ihn schonmal gesehen habe.
"Hört auf!" Brüllt mein Vater. Das Rasseln seines Atems ist lauter geworden.
Mit unterwürfig gesenktem Kopf kommt der Fremde auf uns zu . Mein Vater streckt ihm die Faust entgegen, der Mann ergreift sie und legt seine Lippen daran.
"Ich glaube ich gehe besser," erkläre ich hastig, doch er hält meine Hand fest.
"Apollonia, Setz dich wieder hin!" Herrscht er und nickt dem Fremden zu, der ein paar Schritte zurückweicht.
Eine Schweißperle rinnt seine Schläfe herunter. Big Tom eilt bereits mit einer kleinen Wasserflasche heran. Der Mann mit der roten Mütze steht einfach nur da und sieht mich mit ausdrucksloser Miene an.
" Meine Tochter kommt mit nach Hause," erklärt Papa und hebt sofort die Hand, als ich den Mund aufmache um zu protestieren.
" Sehr wohl, " Big Tom neigt ehrerbietig den Kopf.
"Ich habe keine Ahnung was das alles soll, ich habe Mancuso seit dem Konzert nicht mehr gesehen, " lüge ich und beobachte wie Big Tom die Flasche aufdreht und sie meinem Vater reicht.
Gierig nimmt er ein paar Schlucke , bevor er Tom die Flasche zurückgibt.
"Ja das Konzert. Schon damals hättest du auf mich hören und einfach zu mir in den Wagen steigen sollen. Nun wirst du endlich einmal das tun, was ich dir sage." Wispert er, während ich in meinem Kopf bereits anfange, meinen Plan den neuen Umständen anzupassen.
" Aber ich möchte weiterhin zur Uni gehen, " erkläre ich.
Mein Vater lockert seine blutrote Krawatte.
"Ja, das werden wir möglich machen. Tom wird dich begleiten."
" Mach ich doch gerne," grinst der zweibeinige Fels und lächelt mir schadenfroh zu, als wäre ihm bewusst, was ich davon halte.
Wissend, das ich vorerst gute Miene zum bösen Spiel machen muss, willige ich ein.
"Ich will nur vorher ein paar Sachen holen, okay?"
"Mach das." Er nickt Tom kurz zu, der sich daraufhin mit mir auf den Weg ins Schloß macht.
In der Eingangshalle erwarten mich Michele und eine mal wieder völlig aufgelöste Enza.
"Habt ihr alles geklärt?"
Offenbar wußte Michele von Papas Vorhaben mich mitzunehmen. Ich zucke die Schultern und hoffe unbehelligt an den beiden vorbeihuschen zu können.
"Apollonia." Enza ergreift mich am Handgelenk. Sekundenlang blicke ich in die vom Weinen geröteten Augen.
"Was ist denn zwischen euch passiert? Warum ist Carlo so abrupt abgereist? Ich habe ihn im Flur angetroffen, bevor er heute Morgen wutentbrannt weggefahren ist." Ihre Stimme droht zu brechen. "Ich habe nicht mehr solchen Schmerz in seinen Augen gesehen, seit seine Schwester starb."
" Es tut mir leid," ist alles was ich hervorbringe.
Andolini steht einfach nur schweigend da und starrt mich mit nachdenklicher Miene an. Ohne ein weiteres Wort drehe ich mich um und folge Tom in mein Zimmer, um meine Sachen zu packen.
"Komm, ich mach das!" Big Tom nimmt mir die Reistasche ab , als ich völlig überfordert dastehe und in den geöffneten Schrank starre. Mit einem Mal fühle ich mich wie gelähmt. Langsam mache ich ein paar Schritte rückwärts und lasse mich auf die Bettkante plumpsen, während Enzas Worte in meinem Kopf herumgeistern.
Verworrene Gefühle drängen sich an die Oberfläche, als ich Sonnys T Shirt sehe, das auf dem Stuhl neben meinem Schrank liegt.Kurzerhand greife ich danach und halte es mir unter die Nase, während Tom die Sachen unbeholfen zusammenfaltet und in die Tasche wirft.
Ein Schrei lässt ihn innehalten, bevor er in einer einzigen Bewegung seine Waffe zeiht und aus dem Zimmer stürzt. "Du bleibst hier!" ruft er mir noch zu, bevor er im Flur verschwindet und den anderen Bodyguards etwas zuruft. Mit rasendem Herzen eile ich zum Fenster.
Kaltes Entsetzen schwappt über mich hinweg, als ich sehe was sich draußen abspielt. Papa liegt am Boden.Der Typ mit der roten Mütze kniet neben ihm und versucht ihm mit Daumen und Zeigefinger den Mund aufzudrücken, während seine Hand ein kleines Fläschchen hält. Ich kenne es, es ist Papas Nitrospray. Er benutzt es immer dann, wenn sein Herz ihm zu schaffen macht. Micele steht daneben und tippt wie verrückt auf seinem Handy herum.
Wie benommen beobachte ich die Szenerie, bevor ich mich auf tauben Beinen auf den Weg nach unten mache. Vielleicht ist Papa ja wieder aufgestanden und das, was ich da gesehen habe war nur ein Trugbild meines überforderten Verstandes.
"Apollonia". Tomasso, der Blonde, den Sonny gestern in der Speisekammer niedergeschlagen hat, kommt mir entgegen. Ich bin zu verzweifelt, um mich über seine urplötzliche Anwesenheit zu wundern."Geh zurück ins Haus ja?Die kümmern sich um ihn. "
Der Typ mit der roten Mütze ist inzwischen dabei, seine ausgestreckten Arme in rhythmischen Bewegungen auf die Brust meines Vater zu drücken. Big Tom kommt aus dem Schloß und streicht sich, die Waffe immer noch in einer Hand, hilflos durch das schüttere Haar.
"Papa!" Höre ich mich schreien und will zu meinem Vater laufen , doch Tomasso hält mich fest, bis meine Befreiungsversuche immer kraftloser werden. Fassungslos sehe ich zu, wie mein Leben immer mehr zerbricht, als wäre es eine Eisfläche, die bereits tiefe Risse aufweist und kurz davor ist in tausend Stücke zu bersten.
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