
16
Santino und ich lauschen sekundenlang in die Stille , bevor es ein zweites Mal klingelt. Dann ein drittes Mal. Er springt mit einem Satz vom Bett und fährt mit einer Hand unter die Matratze.. Mein Mund formt ein perfektes stummes O als er eine Waffe darunter hervorzieht.
"Santino..." stammle ich. Mehr bringe ich nicht hervor. Das Bild das ich von meinem ach so freien neuen Leben hatte ist dabei, komplett in sich zusammenzufallen.
"Legst du bitte die Waffe weg?!"
Er geht nicht auf meine lächerliche Aufforderung ein, sondern hastet zur Tür und sieht sich nach mir um . "Du bleibst hier. Egal was passiert. Verlasse nicht dieses Zimmer, hast du verstanden?"
"Vielleicht ist es nur der Postbote," versuche ich nicht nur ihn, sondern auch mich selbst zu belügen.
"Ja , sicherlich. Auf einem Sonntag".
"Ziehst du immer eine Waffe, wenn es an der Tür klingelt ?" Ich versuche ein Grinsen zustande zu bringen, was aber kläglich misslingt.
Santino steht da, die Waffe in der Hand erwiedert er meinen Blick. Das dunkle Haar vom Schlafen zerwühlt, die grauen Augen glasig. Auf seinem hellen T Shirt sind die schwarzen Schlieren meiner Wimperntusche erkennbar."Dir ist ein Kerl gefolgt, hast du gesagt."
" Ich habe nie gesagt das es ein Kerl war. Ich habe gesagt das Engelsgesicht." Wispere ich.
"Merda!" Zischt Santino. Dann wendet er sich um. Doch er tut es langsam , es kommt mir beinahe vor, als wolle er noch etwas sagen.
Denk an dein Versprechen. Mahnt mein Unterbewusstsein. Doch wer dem Tod ins Auge sieht, und ich bezweifle keine Sekunde das wir das beide gleich tun werden, erkennt, dass in seinem Angesicht selbst das feierlichste Versprechen an Bedeutung verliert. Alles was es braucht ist ein gutes Argument. Und Santino ist so ein Argument.
"Santino warte!"Er hält inne. So, als hätte er nur darauf gewartet. Das Klingeln wird beharrlicher. Ich stehe auf und ignoriere den zunehmend drängenden Blick. Die Anspannung in Santinos Augen liefert sich einen Wettstreit mit den Emotionen die sich darin spiegeln. Zaghaft nehme ich sein Gesicht in meine Hände. Der drängende Blick wird durch eine verblüffte Sanftheit ersetzt , als unsere Lippen sich berühren. Wir schliessen unsere Augen. Santino zieht zärtlich an meiner Unterlippe und streicht mit der Zunge darüber. Langsam gleitet sie in meinen Mund wo sie auf meine Zunge trifft, was ein elektrisierendes Kribbeln in meinem Körper auslöst. Er seufzt leise als sich unsere Zungen im Gleichtakt zu bewegen beginnen. Doch kurz darauf löst er sich von mir.
"Das wollte ich schon die ganze Zeit tun," gebe ich zu. "Dito, "erklärt er heiser.
Der Arm, mit dem er mich gerade noch gehalten hat, wandert zum Bund seiner zerknitterten Anzughose um die Waffe dort hineinzuschieben . "Bis gleich Kleines!" wispert er und verlässt das Zimmer. Mit zugeschnürter Kehle und einem dumpfen Schmerz im Magen, presse ich ein Ohr gegen die Tür. Wenn er Hilfe braucht, werde ich nicht zögern sie ihm zu geben. Das Problem ist nur, dass ich wahrscheinlich alles schlimmer machen würde, wenn ich mich seiner Anweisung widersetzte und das Zimmer verlasse. Denn ich bin mir sicher, dieser Besuch gilt mir. Und Santino weiß das auch.
Santinos tiefe Stimme hallt zu mir herüber, als er die Sprechanlage betätigt. Dann ist das sirrende Geräusch des Türsummers zu hören. Er lässt die Person rein. Verdammt. Warum tut er das?
Doch ich kenne die Antwort. Wer auch immer das ist, sollte er es auf mich abgesehen haben, die Tochter des Don, wird er sich ohnehin Zutritt verschaffen. So der so.
Ein Klicken ist zu hören. Dieses Geräusch ist mir nur allzu vertraut. Santino hat die Waffe entsichert.
Er ist ein Mafiosi, verkündet meine innere Stimme voller Schadenfreude.
Ich muss an den schmalen Schriftzug auf seinem Oberarm denken. " Lenu la morti e nni spartmenu."
Erst wenn der Tod kommt, trennen wir uns.
Ich wollte blind sein. Weil blind sein Teil meiner Überlebensstrategie ist. Blind und taub und stumm sollst du sein. Das ist es was sie sagen. Zu uns. Wir lernen es, noch bevor wir unsere ersten Schritte tun.
Jetzt gerade wünsche ich mir nichts sehnlicher. Ich will nicht hören, wie Santino erschossen wird. Denn ich bin mir sicher, dass genau das gleich passieren wird. Ich will nicht sehen, wie sie in dieses Zimmer kommen um mich zu holen und zu dem Mann bringen, der mich zu seinem persönlichen Eigentum erklärt hat.
Ich presse mein Ohr fester an die Tür. Dumpfes Gemurmel durchdringt die verhängnisvolle Stille. Sie reden italienisch. Ich kenne die Stimme des andern nicht, aber es ist definitiv nicht Raffael.Offenbar ist der Mann allein. Oder seine Begleiter schweigen.
Mehrmals fällt mein Name. Santino soll mich ausliefern. Raffael Mancuso will nur das was ihm zusteht. Der Don hat ihn betrogen. Sanitno habe damit nichts zu tun. Er solle tun, was der Mann sagt, und könne weiterleben. Andernfalls müsse er sterben .
Ich merke kaum, wie meine Hand die Klinke herunterdrückt. Es geschieht einfach so. Weil ich weiß, dass ich nicht weiterleben kann, wenn Santino für mich stirbt.Nicht, wenn ich es verhindern kann. Und das kann ich. Seltsamerweise wird mein Herzschlag mit jedem Schritt ruhiger, den ich aus dem Zimmer gehe.
Santinos Augen weiten sich vor Entsetzen als ich im Wohnzimmer stehe . Der Besucher sieht beinahe genauso verblüfft aus, wenn auch nicht halb so entsetzt. Er ist klein und kräftig, die kurzen Arme halten eine Luger mit verlängertem Lauf und Schalldämpfer, die er mal auf Santino dann wieder auf mich richtet. Meine Güte, was für ein Dilettant, meint meine innere Stimme und ich muß ihr beipflichten.
"Vernünftiges Mädchen. So ein kluges schönes Mädchen.Da können wir wohl beide unseren Raffael verstehen, nicht wahr?"Er zeigt seine verfärbten Zähne, als ein sarkastischen Grinsen seine Züge verzerrt.Er spricht beinahe akzentfrei. Dann besinnt er sich wieder auf seine Muttersprache. Dem Klang nach ist er kein Sizilianer. Ich tippe eher auf den Norden von Neapel. "Apollonia, es ist mir eine Ehre dich an deinen zukünftigen Ehemann zu übergeben,"sagt er auf italienisch.
Ich tausche einen Blick mit Santino.
Wenn Amo mich eine Sache gelehrt hat, dann das man die Sekundenbruchteile ausnutzen muss, die den Verstand von der Ewigkeit trennen. Den Körper vom Grab, wie auch immer dieses Grab aussehen wird.
"Ich komme mit, erkläre ich. Santnio ist nur mein Vermieter. Er hat damit nichts zu tun. Bitte Santino, nimm die Waffe herunter, ja?"
Der Fremde lächelt gütig. "Braves Mädchen." Er legt einen Arm um meine Schultern. Die Luger ruht an meiner Brust.Seine Hände stecken in schwarzen Lederhandschuhen." Ich kann allein gehen." Die Hand gleitet von meinen Schultern. "Gehen wir!" Befiehlt er in verspieltem Tonfall der mir einen eisigen Schauder den Rücken herunter treibt. "Sicher ist sicher," grinst er und der verspielte Tonfall in seiner Stimme verwandelt sich in Hass, als er mir seine Waffe an die Schläfe hält.Er weiß, das die Tochter eines Don es an Verschlagenheit problemlos mit einer Schlange aufnehmen kann.Er hat Recht. Ich bin ein Syltherin und obendrein noch Stolz darauf. Trotzdem, dieser lächerliche Handlanger kann keine Gedanken lesen. Voller Verzweiflung klammere ich mich an diese Gewissheit.
Ich versuche mir Santinos Anblick einzuprägen, auch wenn sein angespannter Körper und der kalte Ausdruck auf seinem Gesicht mich mit Traurigkeit erfüllen. Wenigstens habe ich ihn geküsst . Denke ich im Stillen.
"Warte." Santinos Stimme klingt so kalt das ich im ersten Moment glaube, sie gehört einem Fremden. Der Mann dreht sich um. Dabei nimmt er die Waffe von meiner Schläfe und richtet sie auf Santnio. " Was willst du?" Sonny, nein!"bettle ich, lass mich einfach mit ihm mitgehen. Es ist in Ordnung."
"Da hörst du was die Kleine sagt." Der Mann deutet mit der Waffe auf mich. "Sie ist clever. Wie ihr alter Herr." Es sollen seine letzten Worte sein. Santino drückt ab. Blut spritzt an die Wände , sprenkelt das Sofa, den Fußboden. Der leblose Körper sackt ächzend in sich zusammen wie eine Marionette, an der der Strippenzieher das Interesse verloren hat. Aus der Waffe des Mannes löst sich ein Schuss.
Das feine Zischen des Schalldämpfers lässt mich auf die Knie sinken. Dabei sind meine Augen auf den Toten gerichtet, der da nun am Boden liegt .Andere würden schreien bei diesem Anblick. Ich hingegen habe das Schreien mit sieben Jahren in einem stinkenden Schweinestall für immer verlernt. Ich kann entsetzt sein, weinen,zittern, schluchzen, aber meine Schreie sind damals für immer verstummt.
Unter dem toten Körper breitet sich eine Blutlache aus. Dunkelrot kriecht sie unter die Ränder des Wohnzimmerteppichs, der sich augenblicklich vollsaugt.
Sonny stürzt auf mich zu und zieht mich in seine Arme." Bist du verletzt"? Seine Hände betasten meinen Körper. "Entschuldige!" krächzt er als er sicher ist das ich unverletzt bin. Er steht auf und mit einer routinierten Bewegung steckt er die Waffe zurück in den Hosenbund. Ich kauere immer noch am Boden. Santino tritt ans Fenster. Dann kommt er zu mir zurück. " Apollonia? " Ich antworte nicht, sondern lehne wortlos meinen Kopf an seine Brust, bemüht die Leiche nicht anzusehen oder zu tief Luft zu holen. Irgendwann stehen wir auf und stellen fest, dass die Kugel aus der Waffe des Fremden in der Wand schräg über dem Fernseher steckengeblieben ist.
"Das wäre dann wohl die zweite Leiche an diesem Tag," bringe ich hervor und sehe zu wie Santino die Kugel aus der Wand pult um sie in seiner Hosentasche verschwinden zu lassen."Zweite Leiche?"
"Ja, ein Mann ist heute Nacht gestorben. Sein Name war Rick," gestehe ich." Er starb meinetwegen." Santino steht einfach nur da und starrt mich an. In dem hellen T-Shirt und der Anzughose wirkt er ein bisschen wie ein Schauspieler, der sein Kostüm noch nicht ganz abgelegt hat, und kurz davor ist ins Bett zu gehen.
Er streicht sich mit der flachen Hand über die stoppelige Wange. " Verdammt Kleines, du bist mir sowas von nicht egal," murmelt er zusammenhanglos. Dann deutet er auf die aufgehende Sonne, deren Strahlen sich bereits am Fenster zeigen. "Heute ist ein neuer Tag." Er streicht mir über das Haar. "Wo waren wir eigentlich vorhin stehen geblieben?" Mit diesem Worten senkt er sein warmen weichen Lippen auf meine.
Da sitzen wir auf dem Boden. Neben der Leiche eines Fremden, der vorhatte mich an einen Psychopathen auszuliefern. Ausgerechnet Santino Müller, mein argwöhnischer Vermieter mit dem falschen Nachnamen, hat mich gerettet. Und jetzt küsst er mich . Neben einem Toten.
Er hat ein Gelöbnis auf dem Oberarm tätowiert. Dasselbe, das Amo hat, und das auch Enzo hatte. Der Mann, den die Schweine gefressen haben. Auch sein Tod hatte irgend etwas mit mir zu tun. Und genau deshalb wollte mein Vater auch, das ich ihm beim Sterben zusehe. Und noch etwas wird mir in diesem Moment endgültig klar. Auch Santino hat ein Geheimnis. Eines, das mindestens ebenso dunkel ist wie meines.
"Ich muß ihn wegschaffen," erklärt er als wir den Kuss beendet haben. Ich möchte nicht, dass du dabei zusiehst." Sein Blick wird wieder kalt und abwesend. "Sonny," ich lege eine zitternde Hand an seine Brust. " Ich danke dir das du..." Es fällt mir schwer, den Satz zu beenden. "Schon gut Apollonia."Erklärt er kalt. "Ich habe das nicht nur für dich getan. Sondern auch für mich."
"Managgia!"Flucht er leise und ballt eine Hand zur Faust."Wenn du nur getan hättest, was ich dir gesagt habe!" Dann müsste ich jetzt nicht dafür sorgen, das wir diese schwanzgesichtige Leiche loswerden! Er war ein verdammter Anfänger, ich hätte ihn mit ein paar Drohungen in die Flucht getrieben, ihn verletzt, möglicherweise, ja, aber nicht mehr!"
" Tut mir leid, " ich fange wieder an zu weinen. "Es tut mit leid!" wiederhole ich . Wieder und wieder. Und ich meine damit nicht nur diesen Toten, auch nicht Rick oder Enzo. Nein, ich meine so viel mehr . Denn ich war nie ein braves Kind. War nie still und duldsam. Stets wollte ich etwas anderes als die anderen. Wenn andere "Ja" sagten, sagte ich "Nein".
Ich habe Stefos Schuhe mit Reißzwecken gefüllt, wegen der Fliegen. Ich habe Amo bei Donata verpetzt, wenn er sich heimlich mit Erdnussbutter vollgestopft hat. Mit sechs Jahren habe ich mir mit einer Nadel in den Zeigefinger gestochen, das Blut auf ein Marienbild tropfen lassen und das Bild dann in meinen Händen verbrannt, um den Aufnahmeritus der Piccotti nachzuahmen. Dabei habe ich versehentlich den Schuppen in Brand gesetzt und anschliessend behauptet nicht zu wissen, wie das passiert sei. Zwei Kälber und eine Kuh verloren dabei ihr Leben. Donata hat mir am selben Abend erzählt, dass die Seelen dieser Tiere den Täter auf ewig im Auge behalten würden, um zu sehen, ob er es verdiene weiterzuleben. Die Liebe jedoch, soviel sei Gewiss, bleibe dem Täter für immer verwährt.
Das Atmen fällt mir auf einmal schwer. In der Luft hängt der Geruch nach Metall, Salz und rohem Fleisch. Fleisch, das noch warm ist und das vor ein paar Minuten noch lebendig war. Der Tote am Boden verwandelt sich in Enzo. Das Gesicht ist schmerzverzerrt , die Augen sind vorwurfsvoll auf mich gerichtet .
Er starrt mich an. Die Augen werden größer. und verwandeln sich schließlich in Kälberaugen. Du bist Schuld ! brüllt der Mann. Du! Alles ist deine Schuld. Alles. Die Schweinswölfe werden dich holen, Principessa. Die Schweinswölfe!
Wie durch Nebel dringt Santinos Stimme an mein Ohr. Doch ich will ihn nicht hören. Will gar nichts mehr hören. Verzweifelt presse ich mir die Hände auf die Ohren. Dann wird alles dunkel.
Als ich aufwache liege ich auf Santinos Bett. Allein. Meine Kleidung klebt mir feucht und warm am Körper. Die feuchte Wärme bringt mich dazu, mich aus dem Bett zu quälen. Mein Schädel pocht vor Schmerz und in meinem Magen rumort es. Habe ich das alles vielleicht nur geträumt? Es würde mich nicht wundern. Ich tappse zur Tür. Lausche einen Moment. Ich kann Santino reden hören. Da ist noch eine weitere Stimme, diesmal eine mit sehr starkem Akzent. "Sonny?" rufe ich vorsichtig . Doch als ich die Klinke herunterdrücke, stelle ich voller Entsetzen fest, das die Tür abgeschlossen ist.
"Sonny!" rufe ich panisch. Bitte mach auf! Mach auf! Cretino!"
"Ist sie das?" Fragte eine amüsierte Stimme. Santnio murmelt Unverständliches.
Schritte nähern sich der Tür, dann dreht der Schlüssel sich knarrend im Schloss herum und ich sehe in Santinos hellgraue Augen die sorgenvoll auf mich herabblicken. Meine Wut verfliegt und macht einem Gefühl innerer Leere platz.
" Hast du dich etwas erholt?"
"Ich weiß nicht", erkläre ich wahreitsgemäss.
"Wenn du mich Cretino nennst, muss es dir zumindest schon wieder etwas besser gehen." Grinst er. Ich erwiedere es nicht.
"Marcio hat Pizza gebacken," erklärt er und streicht mir dem Zeigefinder meine Wange entlang.
"Ich hatte einen Alptraum," erkläre ich ohne mich zu erkundigen wer Marcio ist.
Santinos Miene verhärtet sich. "Der Alptraum ist nun vorbei. Nichts ist mehr davon übrig."
Sofort fällt mein Blick auf die Stelle, an der die Leiche gelegen hat. Santino hat Recht. Nichts zeugt mehr von der grausigen Szene, die sich hier abgespielt hat. Da ist kein einziger Spritzer Blut mehr an den Wänden. Weder dort noch auf dem Boden. Doch der Teppich ist verschwunden. Und das Loch, das die Kugel in der Wand hinterlassen hat, ist auch noch da. Eine kalte Hand greift nach meinem Herzen.
Es ist wirklich passiert. Es war kein Alptraum. Oder es ist einer, aus dem ich nie wieder aufwachen werde.
Der metallische Geruch ist verschwunden. In der Luft hängt nun der Duft nach zerlaufenem Käse und warmem Teig. Obwohl ich diese Mischung normalerweise liebe, verursacht sie mir nun eine quälende Übelkeit.
"Kleines," besorgt mustert Santino mein Gesicht. "Komm mit." Ich möchte dir meinen Bruder vorstellen. Wie benommen folge ich ihm in die Küche. Seine warme Hand umschliesst meine ein bisschen fester, als wir vor einem untersetzten Mann mit dunklem Lockenkopf und freundlich blitzenden Augen stehen bleiben. Er wischt sich die Hände an der Schürze ab, wo sie hellrote Spuren hinterlassen. "Tomatensauce," erklärt er ,bevor er mir seine Faust hinhält. Ich starre sekundenlang auf diese Hand bevor ich meine Faust dagegen stosse. "Ich bin Marcio" grinst er.
"Tut mir leid," das wir uns unter solchen Umstanden kennenlernen müssen. Eine zarte Röte kriecht unter seine Haut. Ich stelle fest das die Augen ebenso grau sind wie die von Santino. Doch es liegt eindeutig mehr Lebensfreude darin. Er schürzt die Unterlippe und deutet auf den Tisch. "Setzt euch. Du auch Buderherz." Santino legt eine Hand in meinen Rücken und zieht mir den Stuhl zurück, als wären wir ein Paar, das ein Restaurant besucht.
"Wo ist die Leiche hin?" erkundige ich mich ohne jegliche Emotion in der Stimme. Und tatsächlich fühle ich nichts. So sehr ich auch in mich hineinhorche. Da ist weder Angst noch Wut noch Reue übrig. Nichts. Nichtmal Mitleid mit dem Mann der da eben sein Leben gelassen hat kann ich aufbringen.Als hätte der Schlaf all diese Gefühle mit sich genommen.
Santino und Marcio wechseln einen Blick.
"Wir haben uns darum gekümmert," erklärt Santino schliesslich.
" Und wie?" Erkundige ich mich.
Marcio räuspert sich.
"Kein Thema das man beim Essen besprechen sollte ." Der ernste Ausdruck wirkt seltsam verloren auf dem rundlichen Gesicht.
Ich wende den Blick ab und fange an mit der Serviette neben meinem Teller zu spielen.
Wärme durchflutet meinen tauben Körper als Santino nach meiner Hand greift. Er hebt sie an und nimmt die verblassenden Striche in Augenschein, die noch immer in der Handfläche zu sehen sind. Tut es noch weh?
"Nein."
Santino hebt meine Hand an seine Lippen.
"Mach dir keine Sorgen wegen dem was vorhin passiert ist , okay?" Wir verschränken unsere Hände miteinander.
Bei seinen Worten kommt mir ein Gedanke.
"Ich muss eine Freundin anrufen. Ich habe ihr versprochen mich zu melden." Sicher hat sie längst von dem Mord gehört, der sich auf dem Konzert ihres Mannes ereignet hat.Füge ich im Stillen hinzu.
"Jetzt wird erstmal gegessen." Marcio kommt mit einem Blech auf uns zu das er auf dem Untersetzer auf der Tischmitte platziert. Der Pizzabelag aus saftigen Tomaten, den Champions und dem zerlaufenen Käse erinnert mich an ein Nahrungsgemisch, das aus herausgerissenen Darmschlingen rinnt. Eilig schiebe ich den Stuhl zurück und renne ins Bad. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig zur Kloschüssel.
Ich würge und würge . Solange bis mein Magen sich endlich ebenso leer anfühlt wie der Rest von mir. Ich spüre kaum, wie mir jemand das Haar aus dem Gesicht nimmt und mir etwas kühles in den Nacken legt. Das einzige was ich voll und ganz wahrnehme, ist Santinos beruhigende tiefe Stimme.
"Lass es raus, Kleines. Lass alles raus. So ist es gut."
Als es vorbei ist, und auch das trockene Würgen verebbt ist, sinke ich rücklings in seine Arme und sehe in das inzwischen vertraute Gesicht, das da über mir schwebt.
Er zieht den Lappen unter meinem Nacken hervor und legt ihn auf meine Stirn. Ich wische ihn beiseite. "Zu warm," murre ich ich kraftlos. Santino steht auf und ich höre Wasser rauschen, bevor er mit dem nun wieder kalten Lappen zurückkommt und ihn erneut auf meiner Stirn plaziert.
"Wir werden diese Wohnung verlassen müssen , Kleines." Erklärt er. "Wir fahren zu meinen Eltern.. Sobald es dunkel ist."
Ich setzte mich so abrupt auf das mir schwindelig wird.
"Wie bitte?"
"Wieso? Was ist mit Ria?"
"Sie bleibt vorerst bei ihrem Freund. Ich habe schon mit ihr telefoniert."
"Aber, woher hast du ihre Nummer?" Lächerlicherweise überwiegt die Eifersucht das Misstrauen das in mir zu Schwelen beginnt.
"Sie hat sie mir gegeben," seufzt er genervt. "Keine große Sache."
"Ich habe ihr gesagt, dass es einen Rohrbruch gegeben hat und das du und ich solange in meinem Elternhaus übernachten. Sie hat sich natürlich sehr gewundert und meinte du könntest ja auch zu BWL- Jacob und so weiter. Aber dann habe ich ihr gesagt das ihr Streit hattet und du das nicht möchtest."
"Spinnst du?" Meine Übelkeit ist verschwunden und das liegt sicher nicht nur daran, dass ich meinen Magen komplett entleert habe, sondern vor allem an der Tatsache, dass seine Worte eine Wut in mir auslösen, die alles andere in den Schatten stellt.
Aber in Wirklichkeit bin ich einfach nur wütend auf mich selbst. Ich habe einen Freund und habe trotzdem einen anderen Mann geküsst, bevor dieser jemanden erschossen hat. Meinetwegen. Zwei Menschen mussten sterben, nur weil ich zu feige war mich meinem Schicksal zu stellen. Vielleicht hatten sie Kinder, eine Frau. Sie wissen nichtmal was mit ihnen passiert ist. Und wahrscheinlich werden sie es auch nie erfahren.
" Ich wollte doch nur das es endet," Höre ich mich sagen.
" Deshalb bin ich von zuhause weg. Jetzt bin ich hier bei dir und es endet trotzdem nicht.Warum endet es nicht?"
Ich sehe in das sanfte Grau von Santinos Augen als läge dort die Antwort auf diese Frage verborgen.
Es dauert lange bis er antwortet." Weil es niemals enden wird, Apollonia. Die Familie ist unser Schicksal."
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