
15
Hastig wende ich mich an Ylvi. " Es tut mir leid, ich muß gehen!"
"Jetzt schon? Hat Niklas dich so sehr erschreckt?" Sie runzelt die Stirn. Ich kann verstehen das das Ganze dir komisch vorkommt. Dieser ganze Zirkus mit den Bodygaurds geht mir manchmal auch furchtbar auf die Nerven. " Trotz der heiklen Situation muss ich lächeln. Wenn sie wüßte, wie sehr sie mir aus der Seele spricht. "Nein," ich lege ihr eine Hand auf den Arm. "Das ist es nicht. Im Gegenteil. Ich habe mich sehr gefreut, dich hier zu treffen Ylvi . Aber ich muß jetzt wirklich gehen. "Ich stehe auf und ignoriere die neugierigen Blicke die ich dabei ernte.
" Kann ich dir irgendwie helfen?" Ylvi mustert mich. Ihr Stirnunzeln vertieft sich. Von der Bühne sind erste Gitarrenklänge zu vernehmen.
Dann ertönt ein schrilles Piepen, bevor die Stimme von Ylvis Mann zu hören ist.
"Leute es ist verdammt schön wieder hier zu sein. Und glaubt mir, ihr seid die Besten von allen."
"Ein ganz besonderer Dank gilt einem einzigen Menschen. Dem wichtigsten Menschen in meinem Leben. "
"Oh Nein, Ylvi. Ich will dir diesen Moment nicht verderben." Ich lasse mich wieder auf den Platz plumpsen. Ylvi nickt mir kurz zu und starrt wie gebannt Richtung Bühne. Mein Blick hastet immer wieder in die Richtung in der Raffael stand. Aber er ist nicht mehr da. Dennoch weiß ich, dass er sich ganz in unserer Nähe befindet. Die Lautlosigkeit ist seine große Stärke. Ebenso wie die Schönheit, die jeden unserer Feinde zu täuschen vermag. Wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde. Doch stets sind es diese Bruchteile, die jene fatale Entscheidung über Leben und Tod fällen.
Zitternd lausche ich den Worten, die Niklas an Ylvi richtet. Ich weiß genau, das wenn ich jetzt gehe, sie darauf bestehen wird mir irgendwie zu helfen, anstatt ihm weiter zuzuhören.
"Ich liebe dich mein Schatz. Und ich möchte dir sagen, das die letzten zweieinhalb Jahre die schönsten meines Leben waren. Und ich freue mich so sehr auf die Jahre, die noch kommen werden. Du bist alles was mich antreibt. Meine ganze Kraft. Meine bessere Hälfte. Mein Leben."
Die gesamte Aufmerksamkeit richtet sich auf Ylvi. Leute applaudieren und lächeln anerkennend. Auf manchen Gesichtern steht der Neid geschrieben.
Erst als das Lied beginnt und Niklas' tiefe melodische Stimme sich mit Gitarren und Schlagzeugklängen mischt, wage ich einen erneuten Aufbruchsversuch.
Ylvis Augen glänzen als sie sich wieder an mich wendet. "Sag mir bitte, wenn ich dir helfen kann."
Mir kommt ein Gedanke.
"Kann ich vielleicht dein Handy benutzen?"
" Klar." Sie holte es aus ihrer Handtasche hervor und reicht es mir.
Mit zitternden Fingern gebe ich Amos Nummer ein. Nach dem ersten Klingeln hebt er ab.
"Apollonia. Endlich. Warum bist du nicht an dein verdammtes Handy gegangen?"
"Lange Geschichte. Ich war unterwegs. Der Umzug, es war alles sehr turbulent."Erkläre ich hastig.
Ein Knurren ist die Antwort.
Bevor mein Bruder einen weiteren Schwall Vorwürfe loslassen kann, beginne ich meine Situation zu erklären.
"Amo, Hör zu. Kannst du mich abholen? Ich bin auf dem Fame and Death Konzert in Hazelwood, am Flussufer. Da ist so eine Festwiese..."
"Ich weiß das du dort bist, "unterbricht er mich mit ruhiger Stimme. "Papa hat es mir erzählt. Er war dort und du wolltest nicht mit ihm mitfahren. Das hat ihn sehr wütend gemacht."
" Es tu mir leid...aber ..ich wollte allein sein."
"Momentan keine gute Idee Schwesterherz," wispert Amo.
"Das weiß ich jetzt auch. Du musst sofort herkommen. Raffael ist hier. Ich hab das Gefühl er beobachtet mich."
Eine Pause entsteht und es hört sich an, als würde jemand etwas zu Amo sagen, aber vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.
"Das geht nicht Apollonia. Ich kann dich nicht abholen."
Seine Worte lassen mein Herz einen Schlag aussetzten. Nie zuvor hat Amo mir seine Hilfe verweigert.
"Aber du mußt... Irgendwas an Raffael ist mir nicht mehr ganz...geheuer."
Ein verächtliches Zischen ist zu hören.
"Ja, unser lieber Raffael. Wer hätte das gedacht? Er hat wie es scheint einen Seitenwechsel vollzogen. Halte dich an Rick. Er wird dich beschützen. Es sind noch ein paar andere von uns auf dem Konzert, Schwesterherz. Sie passen schon auf dich auf."
"Was?"
"Lonia. Es ist etwas passiert."
"Passiert?"
Amo holt tief Luft, als müsse er sich selbst für die Worte wappnen, die er gleich aussprechen wird.
"Lilly ist schwer verletzt. Sie liegt im Krankenhaus. Sie ist noch nicht ansprechbar. Jemand hat versucht sie zu töten. Aber es war nicht sie, auf die der Täter es abgesehen hat. Sie war ein Zufallsopfer."
"Was?"Wiederhole ich,
"Tu einmal was ich dir sage und geh jetzt zu Rick. Erkläre ihm die Lage, dann lass dich von ihm nach Hause bringen."
Die Worte verkommen zu einer bedeutungslosen Aneinaderreihung von Silben.
"Was hast du gerade gesagt? Lilly ist im Krankenhaus?Wer hat sie...Ich meine...wer war das?"
"Nicht am Telefon , Lonia. Sei jetzt bitte vernünftig. Nur dieses eine Mal. Bleibe die nächste Zeit in der WG. Lass dich von deinem Mitbewohner zur Uni mitnehmen. Und anschliessend wieder zurückbringen."
Am liebsten würde ich auflegen und Amo erneut anrufen , nur um dieses Gespräch ungeschehen zu machen. Sicherlich ist das alles nur ein krankes, komisches Spiel. Aber ich kenne meine Familie, die Familie, zu gut um zu wissen das das nicht der Fall ist.
"Ich muß jetzt auflegen Lonia.Ich erkläre dir alles später, okay?"
Plötzlich kommt mir ein furchtbarer Gedanke. "Geht es dir gut, Amo?"
"Ja."
" Warum soll ich plötzlich mit Santino zur Uni fahren ? Du warst doch dagegen das ich in seine WG ziehe? Ich verstehe das alles nicht mehr."
"Lonia. Manches ist anders als es scheint."
"Wieso kommst du nicht her?"
"Ich kann hier nicht weg."
"Wo bist du?"
"An einem unbekannten Ort. Hör zu . Ich muß jetzt auflegen. Sei stark ja? Für mich. Und pass auf wem du traust. Denke immer daran: Auch der Teufel war einst ein Engel. Und manches mal ist es sogar genau umgekehrt."
Mit diesen Worten legt er auf.
Sekundenlang starre ich in Ylvis fragendes Gesicht, bevor ich ihr das Handy reiche.
Ich verdränge das Gefühl, dass Amos Worte wie ein Abschied geklungen haben und hoffe das es nicht mehr zurückkommt.
Ein paar Leute mustern mich. Hoffentlich haben sie nicht alles mitbekommen. Ich habe mich bemüht leise zu sprechen, aber die Aufregung hat mich meine Vorsicht vergessen lassen. Wie so oft.
"Danke, Ylvi. Ich muß jetzt gehen."
Sie nickt. "Okay. Meldest du dich wenn du zuhause bist?" Erkundigt sie sich. "Ja, klaro." Ich versuche ein entschuldigendes Lächeln hinzubekommen, bevor ich mir einen Weg vorbei an den Parzellen Richtung Wiese bahne.
Ich frage mich insgeheim ob ich nicht lieber Stefo hätte anrufen sollen. Aber irgendetwas hält mich davon ab. Nur kann ich nicht sagen was genau es ist. Vielleicht liegt es daran, dass ich weiß wie zart besaitet mein zweitältester Bruder ist. Und das er morgen einen wichtigen Auftritt hat. Ja ganz sicher. Das wird es sein.
Rick steht immer noch am Rande der Wiese. Vereinzelte Besucher zeigen ihre Ausweise und er lotst sie in die entsprechende Richtung.
"Rick," Rufe ich. Suchend blickt er sich um, bis sein Blick an mir hängen bleibt.
"Ich muß gleich zurück zur Bühne," erklärt er. Was ist denn?" Zwischen seinen Augen erschient eine tiefe Furche.
"Ich...kannst du mir helfen? Mein Bruder, Armando, er sagt..."
"Gibt es ein Problem?" Unterbricht mich eine klangvolle Männerstimme.
Ich wage es nicht mich umzudrehen. Diese Stimme erkenne ich sofort.
"Nein. Was willst du hier, Raffa?" Bellt Rick. "Der Don hat gesagt, du sollst dich von seiner Tochter fern halten. Er lässt dir ausrichten das du bald bei den Fischen liegen wirst, wenn du nicht einsiehst, das du als Verlierer aus deinem falschen Spiel hervorgehen wirst. Die Tochter des Don ist einem Anderen versprochen. Und das seit ihrer Geburt."
Ricks Worte lassen das Blut in meinen Adern um mehrere Grad abkühlen. Mein ganzer Körper fühlt sich kalt an. Einem anderen versprochen? Ich ? Wem soll ich versprochen worden sein? Meine Gedanken wandern zu Jacob. Niemals hat mein Vater ein schlechtes Wort über ihn gesagt. Wie kann es sein, dass er unsere Beziehung all die Jahre toleriert hat , wenn er mich für jemand anderen vorgesehen hat?
"Halts Maul du fettes Schwein." Presst Raffael hervor. Ein dumpfer Laut ist zu hören. Fassungslos sehe ich zu, wie Rick mit ausdruckslosem Gesicht nach hinten taumelt. Blut läuft seitlich aus seinem Mundwinkel. Die Augen sind bereits starr gen Himmel gerichtet.
Sofort werden ein paar Zuschauer auf uns aufmerksam.
"Da ist jemand umgekippt." Ruft jemand.
Raffael packt mich hart am Arm. "Nein," keuche ich. "Verschwinde!"
"Wenn du nicht willst, dass deinen neuen Freunden ein tragisches Unglück zustösst, kommst du mit ohne Probleme zu machen, Kleines. "Er betont das Wort so übertrieben das ich sofort weiß auf wen er da soeben angespielt hat.
"Santino," denke ich verzweifelt. In meinem Kopf hallen die Worte, die er mir hinterhergerufen hat. "So war das gar nicht, Kleines. Sie ist bloss eifersüchtig."
Und selbst wenn, denke ich im Stillen. Selbst wenn es genauso gewesen ist wie Martha gesagt hat. Ich verzeihe ihm. Alles verzeihe ich ihm. Wenn ich ihn nur ein einziges Mal in meinem Leben küssen darf.
"Okay, ich komme mit." Presse ich hervor. Magensäure steigt bitter meine Kehle hinauf. Die Übelkeit kehrt mit voller Wucht zurück. "Komm," Raffael legt mir eine Hand in den Rücken.
Ein Mann hat sich über Ricks Leichnam gebeugt und mit der Herzmassage begonnen. Eine Frau ist in heiseres Schluchzen ausgebrochen, das sich unter den entfernten Klang von Niklas' Stimme mischt.
Mit bedachten Schritten entfernen wir uns von der Szenerie. Ich bin mir sicher, dass der dumpfe Gegenstand den Raffael in meinen Rücken bohrt, eine Pistole mit Schalldämpfer ist. Niemand wird hören wie der Schuss mich zu Fall bringen wird. Ich werde einfach daliegen und mit leeren Augen in den Himmel starren. Genau wie Rick. Raffael folgt meinem Blick als ich den toten Bodyguard mustere, dessen Körper im Rhythmus der Wiederbelebungsversuche hin und her schaukelt.
"Hab ich für dich getan , Lonia. Weil ich will, dass du mit mir kommst.Du sollst sehen, wie ernst mir das mit uns ist." Er deutet auf die grausige Szenerie.
"Ich weiß, "bringe ich hervor. Ich freue mich darüber."
" Lüg nicht!" "
"Nein Raffael, es stimmt. Ich.. ich mag dich doch." Er zieht die Augenbrauen nach oben. Ein amüsiertes Grinsen macht sein Gesicht beinahe unwirklich schön. Jeder Maler, der ihn als Muse verwendet, könnte Millionen mit den Gemälden verdienen.
"Du bist der Consiglire meines Vaters. Somit bist du sowas wie ein Bruder für mich. "Erkläre ich.
"Ich bin nicht dein Bruder," grinst er. "Und das ist auch verdammt nochmal gut so."
"Wie meinst du das?" Ich bringe es nicht fertig ,den entsetzten Unterton in meiner Stimme zu überspielen.
"Du und ich.."sinniert Raffael. Wir werden heiraten. Du wirst meine Braut sein, und ich werde dich nehmen. Jeden Tag und jede Nacht. "Sein Blick ist entrückt als er die grausigen Worte ausspricht.
"Raffael..ich ..." Schnell besinne ich mich eines Besseren."Ja..das will ich doch auch. "Lüge ich und unterdrücke mühevoll ein Würgen.
"Ich kenne dich seit du ein kleines Mädchen bist. Ich weiß wann du lügst", grinst er diabolisch. Mich überläuft es kalt. Einen Sekundenbruchteil sieht er ernsthaft gekränkt aus. Wie sagtest du noch bei unserer letzten Begegung.?"Du bist nichts als ein Handlanger meines Vaters. Ein falsches Wort und er wirft dich vor die Säue."
"Ich habs nicht so gemeint, "stammle ich.
"Doch das hast du. Aber ich werde dir deine aufmüpfige Art schon noch austreiben. Und jetzt tu was ich dir sage.Die Leute werden auf uns aufmerksam wenn du nicht mitkommst. Er presst den stumpfen Gegenstand fest in meinen Rücken. Lass mich nicht zum Äußersten gehen, okay?"
Er wird dich nicht töten, tröstet meine innere Stimme. Dann kann er dich nämlich nicht mehr heiraten.
verzweifelt versuche ich, das Zittern in meinem Kiefer, sowie das schmerzhafte Würgen unter Kontrolle zu bringen.
Verdammt. Ich muss mich darauf verlassen, das meine innere Stimme diesmal richtig liegt. Und wenn er mich letztendlich doch umbringt, dann werde ich genau diesem Schicksal entgehen.
"Du kannst dieses Spiel nicht gewinnen, Lonia. Egal wie gekonnt dein nächster Schachzug auch ist, ich werde stets der Sieger sein. Weil ich die geheimen Züge kenne. Jene, die die anderen nicht Betracht ziehen, weil ihr Verstand von zweitrangigen Geschehnissen verblendet ist. Und von ebenso zweitrangigen Menschen." Der Schalldämpfer seiner Waffe bohrt sich fester in meinen Rücken. Der warme Atem kitzelt meinen Nacken.
Ich versuche an das Foto meiner Mutter zu denken, das über meinem Bett hing. Eine Frau mit sanften großen Augen und langen dunklen Haaren. Wallend umspielt es die zierlichen Schultern. Eine auffällige Windpockennarbe mitten auf der Stirn verlieh ihrer Schönheit jene Einzigartigkeit, nach der sich jede Frau sehnt. Ich kenne sie nur von diesem Foto. Erstarrt auf einem Stück Papier. Festgehalten für mich, aufgehängt an der Wand in meinem Zimmer, damit ich eine Vorstellung von der Frau habe, die mich vor fast neunzehn Jahren geboren hat. Ich weiß nichtmal woran sie gestorben ist.Jedes Mal, wenn ich Papa darauf angesprochen habe hat er das Zimmer verlassen. Und Donatas Mund wurde zu einem harten schnurgeraden Strich, wenn ich ihr dieselbe Frage stellte.
Doch das letzte was ich sehe, als ich mich zu Boden fallen lasse, ist nicht dieses Foto. Es ist Santinos Gesicht, das sich meinem näherte, als er mich küssen wollte.
"Der Mann da!"Keift eine Stimme. "Er hat eine Waffe." Die Menschentraube, die sich um Ricks toten Körper gebildet hat, lockert sich auf. Jemand rennt auf uns zu. Raffael lässt die Pistole mit dem Schalldämpfer im Hosenbund verschwinden und gleitet in das Strauchwerk am Rande der Wiese.
Ich springe auf und renne los.
Wie besinnungslos fliehe ich durch die Nacht. Jeden Moment rechne ich damit ,dass eine Hand mich in die nächste Gasse zerrt um mich kaltblütig zu ermorden. Ein Messer im Hals , eine Kugel im Rücken. All das glaube ich jeden Moment zu spüren. Eine Frau bleibt stehen und ruft mir etwas hinterher. Ihr kleiner Köter zerrt kläffend an seiner Leine.
Erst als ich die Haustür erreicht habe und panisch den Klingelknopf drücke, lasse ich die Schluchzer, die seit der Begegnung mit Papas ehemaligem Consigliere in meiner Brust sitzen aus mir herausbrechen. "Kleines?" Erst jetzt sehe ich die Gestalt die auf der Treppe sitzt. "Mio Grazie. da bist du ja endlich! " Er steht auf und zieht mich in seine Arme.Der Klang seiner Stimme verstärkt mein Schluchzen. Ich presse mein Gesicht an seine harte Brust. "Jemand ...ist ..hinter mir her..."nuschle ich den Stoff von Santinos T Shirts hinein.
Er streicht mir über das Haar. "Wer ist hinter dir her, Kleines?"
"Das Engelsgesicht," schluchze ich.
Mit einem Satz hebt Santino mich hoch und trägt mich die Treppe hoch.
Ich zittere inzwischen so stark, das meine Kiefer unkontrolliert aufeinanderschlagen. Santino trägt mich diesmal nicht zum Sofa. Ich protestierte nicht, als er mein Zimmer ansteuert und mich auf das Bett legt . "Bleibst du hier?" Ich umklammere seinen Arm, als er sich neben mir auf die Bettkante setzt. "Ja," er zieht besorgt die Augenbrauen zusammen. "Ich mache dir erstmal einen Tee, Kleines, Ja? Oder lieber einen heißen Kakao?" Seine Mundwinkel zucken kaum merklich. "Nein." Beharre ich. "Dann lass mich dich wenigstens zudecken. " Er nimmt die Decke und breitet sie über meinen schlotternden Körper. Ich strecke die Arme nach ihm aus wie ein kleines Kind. Er zögert nur kurz, dann legt er sich neben mich und legt zaghaft seine Arme um meinen Oberkörper. Augenblicklich lässt das Zittern nach. Dafür ist da jetzt ein anderes Gefühl, das beinahe genauso qualvoll ist wie der Schock und die Angst. Es breitet sich rasend schnell in meinem Körper aus und verursacht ein merkwürdiges Pochen in meinem Unterleib.Nie zuvor habe ich so etwas gefühlt. Es ist warm, angnehm und schmerzhaft zugleich.
"Ist die Haustür zu?" Erkundige ich mich nach einer Weile. Santino nickt. Ich schliesse sie gleich ab. "Aber dazu muß ich dich einen Moment alleine lassen, okay?" Er löst seine Arme von mir ,steht auf und beugt sich vor um mir einen Kuss auf die Stirn zu hauchen. Ein Prickeln durchflutet jede Faser meines Körpers. Um es unter Kontrolle zu bringen, hole ich tief Luft und setze mich auf. Mir ist klar, das meine Gefühle gerade verrückt spielen. Ich ziehe die Jeansjacke aus und lasse sie auf den Boden gleiten, wo auch meine Sneakers liegen. Ich werde sie später wegräumen. Erst jetzt fällt mir auf, das der Bretterhaufen verschwunden ist.An seiner Stelle steht jetzt ein fertig zusammen gebautes Bücherregal.
Ich zucke zusammen als Santnio zurück ins Zimmer kommt.
"Alles gut. Ich bins nur," erklärt er ohne zu lächeln.
Er deutet auf das Regal als er meinem Blick folgt. "Ich habs aufgebaut. Hoffe das war okay?" Er lässt ich wieder auf der Bettkante nieder.
"Danke," hauche ich. "Kommst du wieder her?" Seine grauen Augen wirken irgendwie dunkler als sonst. Vielleicht ist es der Schock über meinen verwirrten Geisteszustand, der sie so dermassen verdunkelt hat.
"Du hast immer noch mein T-Shirt an." Erklärt er seltsam heiser, während er meinen Oberköper mustert.
Ich bringe nur ein Nicken zustande. "Möchtest du...also ..willst du das ich es ausziehe?" Stammle ich.
Er nickt. "Ja!" Mit einer Hand fährt sich durch das dichte Haar.
"Ähh, Nein. Sorry...ich meine...natürlich nicht!" Stammelt er weiter und kaut nervös auf seiner Unterlippe herum. "Du kannst es behalten."
Offenbar ist meine Verwirrung bereits auf ihn abgefärbt.
Gott, er hält mich für dumm. Todsicher. Schiesst es mir durch den Kopf.
Einen Moment bin ich überzeugt, dass er mir nun erklären wird, ich solle versuchen zu schlafen, allein. Er habe Wichtigeres zu tun als kleine dumme Mädchen zu trösten, die auf der Flucht vor dem psychopathischen Consigliere ihres Vaters sind. Aber dann fällt mir ein das er von Letzterem nichts ahnt. Schliesslich kann er gar nicht wissen wer das Engelsgesicht ist.
Überhaupt war meine Vorahnung falsch, denn er legt sich wieder neben mich.Doch der Abstand zwischen unseren Körpern ist mir viel zu groß. "Saninto?" Flüstere ich .
"Ja?"
" Kannst du..ich meine?" Er lächelt sanft und ich halte kurz den Atem, an als er mich in seine Arme zieht und ich den kräftigen Schlag seines Herzens hören kann. Das Zittern beruhigt sich sofort wieder. Dafür macht sich nun die Tatsache bemerkbar, das der stechende Schmerz in meinen Fuß zurückgekehrt ist.
"So besser?" Erkundigt Santnio sich fürsorglich. "Ja." Ich atme tief seinen herben Minze-Tannennadel Duft ein. "Sag wenn es dir zuviel ist okay? "Meint er. "Es kann mir gar nicht zu viel sein," denke ich. Als ich ihn heiser auflachen höre, beisse ich mir auf die Unterlippe. Verdammt, ich habe die Worte laut ausgesprochen. Doch die Reue über das Eingeständnis meines Verlangens nach seiner Nähe hält sich in Grenzen. Schließlich bin ich soeben knapp dem Tode oder zumindest einer Entführung entronnen. Raffael wir nicht locker lassen. Er wird es bald wieder versuchen, droht meine innere Stimme. Aber ich schaffe es sie zu ignorieren und lausche stattdessen nur noch dem gleichmässigen Schlag von Santinos Herz.
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Ich muss eingeschlafen sein. Als ich aufwache liege ich in einem Hotelzimmer. Alles ist so schön weiß . Nur die hellgrauen Vorhänge erinnern mich an eine ganz bestimmte Augenfarbe.
Langsam drehe ich den Kopf zur Seite. Meinen angeschlagenen Magen durchzuckt es einen Moment . Santino liegt neben mir. Aber nicht in meinem Bett. Sondern in Seinem . Das hier ist gar kein Hotelzimmer sondern Santinos Wg Zimmer. Unsere Blicke treffen sich und ein paar Sekunden, oder sind es Minuten? Sehen wir uns einfach nur schweigend an.
"Deine Augen haben dieselbe Farbe wie die Vorhänge." Stelle ich sachlich fest um meinen rasenden Herzschlag zu beruhigen.
Er zieht die Augenbrauen zusammen und lächelt gleichzeitig.
"Ich wollte dich erstmal schlafen lassen. Du musst unfassbar müde gewesen sein."
"Ja, sonst hätte ich definitiv gemerkt, dass wir inzwischen das Zimmer gewechselt haben", scherze ich halbherzig." Das letzte Mal, als mich jemand im Schlaf getragen hat, war als ich sieben oder acht war. Damals hat mein Vater mich auf mein Zimmer gebracht, nachdem ich auf einer Familienfeier in seinem Ohrensessel eingeschlafen bin."
Mir kommt ein Gedanke. Erst vor wenigen Stunden hat Santino in exakt diesem Bett Sex mit Martha gehabt. Abrupt setze ich mich auf.Mein Blick fällt auf die Bettwäsche.
"Ich habs neu bezogen. Santino weicht meinem Blick aus. Er fixiert jetzt irgendeine Stelle auf dem Boden.
"Okay." Ich spüre wie mir die Röte in die Wangen steigt." Ist schon gut. Es ist deine Sache, was du machst..also ,mit wem du.... ich meine..du bist mir keinerlei Rechenschaft schuldig. "Haspele ich zusammenhanglos.
Ich begreife es selbst nicht. Vielleicht ist es wegen den Ereignissen auf dem Konzert. Raffaels Entführungsversuch, die Nachricht über Lilly,der Tod des Bodyguards.
Aber als unsere Blicke sich erneut treffen, spüre ich, wie Tränen in mir aufsteigen. Bevor ich es verhindern kann, haben sie sich ihren Weg meine Wangen herunter gebahnt. Hasitg wische ich sie weg. Santino setzt ich auf und hebt sanft mein Kinn an.
"Hey..es hatte keine Bedeutng, okay? Martha ist eine alte Bekannte. Wir treffen uns manchmal um etwas..."er winkt ab.
"Ach egal. Jedenfalls habe ich sie weggeschickt."Er verzieht den Mund. "Scheiße war die sauer."
"Du kannst machen was du möchtest, Santino. Wir sind nur Vermieter und Mieterin ," erkläre ich während ich damit beschäftigt bin, das Bild des toten Rick aus meinen Gedanken zu verbannen, das sich mit Martha vermischt, wie sie mit lustvoller Miene auf Santinos nacktem Unterleib herumreitet.
"Niemand kann dir verbieten deine Freundin hierherzubringen."
Er streicht mir eine Haarsträhne aus der Stirn. Diese zärtliche Berührung vertreibt die Bilder und ersetzt sie durch das merkwürdige Pochen im Unterleib, das ich gespürt habe, bevor ich eingeschlafen bin.
Wieder das Stirnrunzeln. Dann lächelt er . "Ich habe keine Freundin."
"Aber was ist mit dem Parfum, und der Tasse? Vor allem, wem gehört das Duschgel und das Rosenwasserkonzentrat?" Es muß das Adrenalin sein, das immer noch in meiner Blutbahn kursiert, das mich diese Fragen aussprechen lässt.
Seine Hand hält inne. Dann lässt er sie herabgleiten, sodass sie meine Schulter streift. Gänsehaut breitet sich überall auf meinem Körper aus, als er mit seiner warmen großen Hand meinen Arm herunterfährt.
"Die Sachen gehören meiner Schwester. Filipa."
"Oh," Ich muß mir Mühe geben, das dämliche Grinsen zu unterdrücken . Mann, dieses Gefühlschaos wird mich noch in den Wahnsinn treiben.
"Sie muß dir sehr viel bedeuten. Also ich meine..." Ich sehe ihn fragend an. "Kommt sie regelmässig her?"
"Nein, erklärt er und sieht mir fest in die Augen. "Sie kann nicht mehr herkommen. Sie ist tot."
Gerade als ich zu einer Antwort ansetzten will, klingelt es an der Tür.
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