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"Okay. Das war dann also unsere vorletzte WG-Option." Meine beste Freundin Maria startet den Motor ihres Fiat 500 und lässt die Scheiben herunter. Lauwarme Frühlingsluft strömt ins Wageninnere. Die Wohnung die wir soeben besichtigt haben, wollen wir beide einfach nur noch vergessen. Ebenso wie ihre Bewohner.
"Ich habe keine Lust mehr auf verschimmeltes Essen auf dem Fussboden, kichernde Kiffer und Alleinerziehende, die uns als billige Babysitter betrachten." Schnaubt sie. "Lass uns also den nächsten Termin einfach absagen."
Vielleicht ist es der Duft nach Blumen und Erde, den ich für die hoffnungsvollen Worte verantwortlich machen kann , die ich nun aussprechen werde. Hätte ich gewusst, das sie mein Schicksal derart beeinflussen würden, ich weiß nicht ob ich lieber den Mund gehalten hätte.
" Lass sie uns wenigstens mal ansehen."
Ria schaltet einen Gang höher um einen Lkw zu überholen, der viel zu gemächlich die Strasse entlang tuckert.
"Auf deine Verantwortung. "
Ich nicke. Irgendwie habe ich zwar ein mulmiges Gefühl, aber laut dem Inserat befindet sich die Wohnung im besten Teil dieser Stadt. Und somit dem teuersten.
" Was wenn sie uns gefällt, aber unverschämt teuer ist?" spricht Ria meine Gedanken laut aus.
"Naja.." Ich beisse mir auf die Unterlippe. Rias Eltern sind beide Anwälte. Auch wenn ihre Mutter längst nicht mehr arbeitet, die Kohle die ihr Vater scheffelt, könnte drei kinderreiche Familien am Leben erhalten. Mein Vater ist zwar auch alles andere als arm, aber an den Scheinen die er verdient klebt Blut. Nein, nicht nur das. Sie sind von Blut durchtränkt. Und nun bin ich ausgerechnet auf dieses Blutgeld angewiesen, um mich von ihm und seinen dreckigen Machenschaften zu lösen. Ich werde mir schnellstmöglich einen Job suchen müssen.
Der Gedanke an das Geld meines Vaters hat meine Stimmung binnen Sekunden in den Keller befördert. Niemand wird sie so schnell wieder aus der Finsternis heraufholen können. Ich neige dazu, mich an Gefühlen festzuklammern. Vorzugsweise immer an den weniger Guten.
" Ach egal.Die gefällt uns bestimmt eh nicht. Und wenn lassen wir unsere Alten eben ein bisschen dafür bluten." "Oh..Sorry", sie sieht mich zerknirscht an. Auch wenn wir nie richtig über die Machenschaften meines Vaters gesprochen haben, sie weiß das Blut und Tod eine gewisse Rolle dabei spielen. Doch es ist bei uns einfach nicht üblich große Worte zu machen, was diese Dinge anbetrifft. Im Gegenteil, für die Gesundheit und das Wohlergehen ist es besser sich wie ein sehr tiefes Gewässer zu verhalten.
" Schon gut." Ich winke ab. Wir sind inzwischen in eine schmale Straße mit gepflegten Einfamilienhäusern und Jugendstilvillen eingebogen.
Ich erspähe einen fetten Kater mit orangerotem Fell, der sich vor einer der Villen in der Sonne fläzt.
"Schön hier, seufze ich. "Ja, es ist wirklich ganz nett hier," gibt Ria zu, bevor wir vor einem zweistöckigen Altbau mit geschlossen Fensterläden halten. Lediglich eines der Fenster ist einen Spalt breit geöffnet " Das Navi setzt uns überflüssigerweise davon in Kenntnis das wir unser Ziel erreicht haben.
"Ou Ou, das sieht nicht gut aus." Ich deute auf die Fenster.
"Lass uns trotzdem klingeln. Wenn keiner Aufmacht, auch gut," seufzt Ria und steigt aus dem Wagen.
Ich folge ihr mit der für mich typischen Langsamkeit. Selbst von hier aus kann ich den Kater sehen wenn ich mich umdrehe. Er liegt immer noch in dem Flecken aus Sonnenlicht. Irgendwie beneide ich dieses Tier. Den ganzen Tag faul herumliegen und wenn einem danach ist eine Maus fangen oder selbstvergessen durch den Garten stromern. Herrlich.
"Kommst du?" Ria verdreht die Augen. Ihr Daumen verharrt bereits auf dem Klingelknopf . Zu unserer beider Überraschung ertönt eine tiefe Männerstimme aus der Sprechanlage.
" Wer ist da?"
Ria schweigt. Ich räuspere mich. "Ähh, wir wollten die Wohnung ansehen."
"Wer ist wir?"
"Apollonia Greco und Maria Bermann. Wir haben den Termin per Email vereinbart. Für heute."
Der Türsummer ertönt und wir betreten einen altmodisch gefliesten Flur.
"Meinst du das ist unser potenzieller Mitbewohner oder so, wispert Ria? Ich war nicht davon ausgegangen das das ein Kerl ist. In der Mail stand Sonny Müller. Ich dachte irgendwie automatisch Sonny wäre ein Frauenname ."
Mir bleibt keine Zeit darauf zu antworten, denn wir haben bereits die Wohnungstür erreicht.
Im Türspalt lehnt ein großer Typ mit lockigem tiefschwarzem Haar. Sein Gesichtsausdruck ist so unfreundlich das ich mich dazu entscheide kein Lächeln aufzusetzen. Stattdessen sehe ich zu Boden als unsere Blicke sich treffen. Diesmal ist Ria die erste, die ihre Stimme wiederfindet. Aus dem Augenwinkel habe ich die Verblüffung auf ihrem Gesicht gesehen.
" Guten Tag". Sie lächelt gewinnend. Ohne Erfolg. Der finstere Ausdruck auf dem Gesicht des Typen verschwindet nicht. Seine Hände bleiben in den Taschen der lässig auf den Hüften sitzenden Schlafanzughose versunken. Offenbar hat er soeben erst das Bett verlassen.
Die kräftigen Arme sind mit schwarzen Tattoos verziert wobei der rechte Arm stärker betroffen ist als der linke. Ich frage mich automatisch, an welchen Stellen er sonst noch tätowiert sein könnte. Röte steigt mir in die Wangen als er meinen Blick bemerkt. "Willst du lieber mich ansehen oder die Wohnung?" Grinst er. Doch es liegt Verachtung in diesem Lächeln. Mir doch egal, was der Typ denkt. Ich will nur eine Wohnung, um endlich von meinem verkommenen Vater loszukommen. Also, was auch immer geschieht: Cool bleiben.
"Die Wohnung," entgegne ich , als wäre die Frage tatsächlich erst gemeint gewesen.
" Wir haben noch weitere Optionen und müssen gleich zum nächsten Termin," lügt Ria.
"Schon klar," der Typ nickt. Jetzt ziert ein schiefes Grinsen sein Gesicht. "Ich bin übrigens Santino." Anscheinend gefällt es ihm, wenn eine Frau ihm eiskalt ins Gesicht lügt. "Ich bin Maria " Das gewinnende Lächeln erreicht jetzt ihre Augen.
" Schön." Er zuckt die Achseln und nickt mir zu. "Willst du auch mitkommen, oder bist du schon nicht mehr an der Wohnung interessiert?"
"Äh..doch.."ich nage an meiner Unterlippe herum. Maria und Santino gehen den Wohnungsflur entlang in Richtung eines schmalen Raumes. "Die Küche." Erklärt er. Ich trete neben ihn . Ria ist bereits hineingegangen und betrachtet nachdenklich nickend die Küchenzeile mit den modernen schwarzen Schränken und dem Ceranfeld. Eine geöffnete Weinflasche steht auf der Spüle, daneben liegt ein Korkenzieher. Auf der Fensterbank steht ein halbvertrockneter Basilikum.
"Du wohnst allein hier, oder?" Meine Stimme hallt seltsam laut durch die Altbauwohnung mit den verblichenen Holzdielen, die bei jedem Schritt unter unseren Füssen ächzen.
"Ja." Er spricht die Antwort wie eine Frage aus und ich komme mir dämlich vor. Was glaube ich denn warum er zwei Mitbewohner sucht? Was ist nur los mit mir? Ich hätte nicht die Hälfte der Nacht mit Lesen und Karteikarten schreiben verbringen sollen.
"Wir wollten eigentlich mit einer Frau zusammen wohnen. "Erkläre ich. "Also...nichts für ungut, aber.."
Er lehnt sich an den Türrahmen und mustert mich. "Verstehe, Papi hat wohl was dagegen wenn sein behütetes Töchterchen mit einem fremden Mann unter einem Dach wohnt, was? "
"Von wegen," fährt Ria dazwischen. "Wir wollen nur sicher sein, das die Grenzen respektiert werden".
"Grenzen. Verstehe. Wollt ihr noch mehr sehen, oder habt ihr das Gefühl das ich eure Grenzen überschreiten will?"
"Penner", schiesst es mir durch den Kopf. "Der wird sich wundern."
"Ich würde gerne noch mehr sehen", erkläre ich.
"Sicher?" Er mustert mich schon wieder mit diesem komischen Blick. "Ja." Diesmal bin ich diejenige, die das Wort wie eine Frage ausspricht.
Sein Lächeln wird breiter. "Wie heisst du eigentlich?"
Hat er nicht zugehört oder was? "Lonia."
"Du meinst Apollonia."
"Ich dachte, du wüsstest nicht wie ich heisse?Und wann haben wir uns eigentlich auf das Du geeinigt?" füge ich spitzfindig hinzu und er rollt genervt die Augen.
"Du duzt mich doch selber. "Murrt er und wendet sich Ria zu."Mann ist deine Freundin eine Zicke," meckert er weiter als wir das Badezimmer betreten. Ich will gerade etwas zu dieser unverschämten Bemerkung sagen, doch ich muss mich zusammenreissen um nicht vor Verblüffung die Hand vor den Mund zu schlagen. Dieser Santino Müller mag ein Idiot sein, aber er hat Stil. Falls das überhaupt seine Wohnung ist. Vielleicht wohnt er hier ja auch nur zur Miete. Das Badezimmer ist jedenfalls wunderschön. Die Wände sind halbgefliest. Die obere Wandhälfte ist in schlichtem dunkelgrün gehalten und mit ein paar gerahmten Schwarzweißfotos verziert. Es gibt zwei Waschbecken in moderner Schalenform mit passenden Wasserhähnen, die wie Bambusrohre geformt sind.
Der Boden ist mit dunkelgrauem Laminat ausgelegt. Doch das Beste sind die große Walk In Dusche und die freistehende Badewanne im hinteren Teil des Bades. Dort gibt es auch eine Holzbank auf der ein flauschiges blassgraues Fell liegt. "Das ist...riesig," stammle ich schliesslich. "Ja ist es." Meint Santino gelangweilt." Wie kommt es, das du noch keinen Mitbewohner hast?" Rias karamellfarbene Augen mustern ihn misstrauisch. "Die Leute müssen sich doch um diese Bude reissen."In diesem Moment fällt mein Blick auf ein paar Flaschen und Tigel auf der Ablage über einem der beiden Waschbecken. Ausserdem fällt mir der hellrosa Pouff auf, der am Hebel der Wasserfalldusche hängt .
Ria muss soeben dasselbe gesehen haben. "Hast du dich gerade getrennt oder so?"
"Wie war das noch mit den Grenzen?" Eine tiefe Falte hat sich zwischen Santinos dunklen Augen gebildet.
"Schon gut!" Ria hebt die Hände. Es sieht seltsam aus wie sie da vor diesem großen Kerl steht und sich zu behaupten versucht. Wie immer strafft sie die schmächtigen Schultern um ihre eigene Größe zu betonen. Doch trotz ihrer 1,70 m wirkt sie klein und zerbrechlich im Gegensatz zu dem muskulösen Macho. Wie lächerlich wird er mich da erst finden. Ich bin nichtmal 1,65 m groß. Ein Erbe meiner Mutter. Sie war angeblich mehr als einen ganzen Kopf kleiner als mein Vater, der ebenfalls nicht annähernd so groß ist wie dieser Santino. Im Gegenteil. Lediglich mein Bruder Armando könnte sich im wahrsten Sinne des Wortes mit diesem Hünen messen. Aber wenn der wüßte das ich gerade dabei bin mir in einer anderen Stadt die Wohnung eines fremden Mannes anzusehen um viellicht dort einzuziehen...Bei dem Gedanken daran wird mir kalt und heiss zugleich.
"Willst du was trinken?" Santino deutet in Richtung Wohnzimmer, wo ein Tisch mit mehreren verschlossenen Wasserflaschen steht.Es ist großzügig geschnitten. Aber genau genommen wirkt es eher wie eine Art Durchgangszimmer zwischen den einzelnen Räumen.
Ich schüttle den Kopf und er zuckt die Schultern. "Siehst aus als hättest du einen Geist gesehen, oder sowas.Du bist auf einmal ganz aschfahl." Meint er.
" Ich glaube nicht an Geister."
Er macht ein Geräusch als müsse er ein Lachen unterdrücken.
"Kommen wir wohl zum für euch interessantesten und gleichzeitig unspektkulärtsten Teil. Euren Zimmern," erklärt er, bevor ich eine spitze Bemerkung machen kann.
Er öffnet die Tür zu einem vergleichsweise kleinen Zimmer. Sofort fällt mir der Ausblick auf, den man durch das Fenster hat. Hinter den Giebeln der benachbarten Häuser kann man den Wald aufragen sehen. Irgendwie ist mir in dem Moment klar, das das hier tatsächlich mein Zimmer werden wird. An der dunkelbeige gestrichenen Wand steht ein altmodisches Bett mit geschwungenem Metallrahmen. Die Matratze ist offenbar unbenutzt. Also keine Flecken und Hinterlassenschaften vorheriger Bewohner. Ich erröte. Santino beobachtet mich und ich versuche das Gefühl abzuschütteln das er meine Gedanken errät.
"Habe ich neu gekauft. Die alte Matratze war total versaut."
" Okay," seufzt Ria und zupft an ihrem Ohrring. "TMI Alarm."
"Is so," Santino zuckt wieder die Achseln. Es scheint seine Lieblingsgeste zu sein.
Bevor ich mir Gedanken machen kann, ob er derjenige war der die Matratze versaut hat, fällt mein Blick auf einen Schreibtisch mit verkratzter Holzplatte. Ein paar Bücher stapeln sich am Rand. Automatisch gehe ich darauf zu. Bücher üben seit jeher eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Ich hebe eines davon auf und öffne es. "Leg das weg!" Santino steht neben mir und reißt mir das Buch aus der Hand. Doch ich habe den Titel bereits erkannt.Frankenstein. Und obwohl er mir das Buch so schnell aus der Hand gerissen hat, habe ich gesehen das ein Name in krakligen Buchstaben auf der ersten Seite geschrieben stand. Carlo Santino . Und der Nachname war definitiv nicht Müller. Vielleicht ist er verheiratet und hat den Namen seiner Frau angenommen, grüble ich. Schade das ich keine Zeit hatte, den Namen richtig zu lesen. Die Schrift war einfach zu krakelig. Definitiv nicht die Handschrift eines Erwachsenen. Vielleicht hieß er als Junge anders und seine Eltern haben sich scheiden lassen und er nahm den Namen seiner Mutter an. Geht das überhaupt? Und warum nennt er sich Santino und nicht Carlo? Mag er seinen ersten Vornamen nicht? Ich persönlich würde nie auf die Idee kommen, mich mit meinem Zweitnamen ansprechen zu lassen. Philomena klingt einfach nicht nach mir. Eher so, als wäre ich nicht 18 sondern 88 Jahre alt.Naja, Namen sind ja eh Geschmacksache. Aber ich muß zugeben, dass ich den Namen Santino schön finde. Er passt irgendwie.
Aber wieso interessiert mich das ? Ich will nur eine einigermassen anständige Wohnung, sonst nichts. Und das dieser Typ, sollte ich mich für diese hier entscheiden, mir möglichst selten über den Weg läuft. Zugegeben, er könnte sich problemlos bei einer Modelagentur bewerben, aber ich muss ihn nicht ständig um mich haben.Aber auch wenn ich nach wie vor der Meinung bin das er ein Idiot ist, er hat immerhin Frankenstein gelesen, wie es aussieht. Er scheint also einigermassen bei Verstand zu sein.Wenn er mir den nötigen Freiraum zum lernen, essen und schlafen lässt..wunderbar.In Gedanken bin ich schon dabei mein Bücherregal zu bestücken und rosafarbene Duftkerzen aufzustellen, die farblich perfekt zu der beigen Tapete passen .
Und dann erst diese Wanne.
" Hat dein Vater dir nicht beigebracht das Neugierde tödlich sein kann?" Seine Stimme klingt noch eine Spur tiefer, als sie mich aus meinen angenehmen Gedanken zerrt.
"Wieso sollte er ?" Ich spüre wie tiefe Falten meine Stirn zerfurchen während ich in das dunkle Grau seiner Augen starre. Er kann nicht wissen, das Neugierde in den Kreisen aus denen ich stamme, schon so manchen das Leben gekostet hat, oder doch? Warum sieht er mich so an?
"Hat jedes der Zimmer ein funktionierendes Türschloss?" Erkundigt sich Ria . Santino wendet sich zögernd von mir ab, geht zur Zimmertür und deutet auf das Schloss. Es ist mit einem Riegel versehen. Ähnlich wie in einer öffentlichen Toilette. "Wie praktisch," krächze ich, bemüht meine Stimme wieder zu finden.Auch wenn ich das alles andere als ästhetisch finde, denke ich das es seinen Zweck erfüllen wird. Auch Ria nickt zufrieden.
"Ich finde das Zimmer ganz nett," höre ich mich sagen. "Alles in allem," beeile ich mich hinzuzusetzen als ich das triumphierende Funkeln seiner Augen sehe.
"Kann ich mir vorstellen. Du musst dir wahrscheinlich eins mit deinen Brüdern teilen." Ein kleines Grübchen erscheint auf seiner linken Wage.
"Meinen Brüdern?" Ich verschränke die Arme vor der Brust.
"Oder deinen Schwestern," fügt er eine Spur zu hastig hinzu.
"Aber ich wette, du hast nur Brüder. So zickig wie du bist, hast du es dir früh angewöhnt dich zu behaupten. Wenn auch nur mit mässigen Erfolg." Er lacht und zeigt seine geraden weissen Zähne.
"Vielleicht sollte ich es mir doch nochmal überlegen." Ich beginne mit einer Strähne meiner langen braunen Haare zu spielen, wie immer wenn ich nervös bin. Santino beobachtet mich.Als er meinen Blick bemerkt, schlendert er davon und zeigt Ria das andere Zimmer.
Nachdem auch Ria sich zufrieden mit dem Zimmer gezeigt hat, setzen wir uns in das Wohnzimmer und nehmen die Unterlagen entgegen, die Santino uns in die Hand drückt." Lest euch das in Ruhe durch und trefft dann Eure Entscheidung." Er sieht mir tief in die Augen während er das sagt. "Ihr solltest es euch wirklich genau überlegen."
"Keine Sorge. Das werden wir." Tröstet Ria ihn. "Wie lange haben wir Bedenkzeit?"
"Reicht eine Stunde? Ich habe noch ein paar andere Bewerber". Er nimmt sein Handy vom Wohnzimmertisch und starrt mit ausdruckslosem Gesicht auf das Display. Dann beginnt er eifrig darauf herum zu tippen.
"Eine Stunde?" Die hallende Stimme ist meine eigene.
"Ja," wieder spricht er es wie eine Frage aus. Und es beginnt mich tierisch zu nerven.
"Das ist mir zu kurz. Ich brauche wesentlich mehr Zeit."
Santino beugt sich vor,sodass ich beinahe seinen Atem auf meiner Haut spüren kann. Er riecht frisch und minzig. Als hätte er sich extra für diesen Termin die Zähne geputzt.
"Ich bin hier derjenige in der Verhandlungsposition. Nicht ihr."
Dies ist einer dieser Momente, in denen ich wünschte den Namen meines Vaters benutzen zu können um mir Vorteile zu verschaffen, ohne zugleich von ihm und seinen Machenschaften abhängig zu sein. Und somit vom Blut anderer Menschen.
Vielleicht sollte ich einfach zurück nach Hause fahren und mich in mein Zimmer einschliessen um solange zu lernen, bis unser Hausmädchen mich zum Abendessen ruft. Ohne jegliche Turbulenzen würde ich anschliessend den Rest des Abends mit Lesen verbringen . Am nächsten Tag würde Armando mich den ganzen weiten Weg zur Uni fahren und abholen.Jacob käme vorbei und wir könnten ein Eis essen gehen , zusammen mit Ria natürlich. Es ist wichtig das immer ein Anstands Wau Wau anwesend ist.Trotzdem, alles wäre gut. So schön einfach. Warum bin ich so besessen von dem Versprechen, das ich mir damals gegeben habe? Der Grund kommt mir auf einmal albern vor.
" Wo studierst du eigentlich? Und was?" Ria sieht ihn forschend an.
"Ich studiere Mathe. An der TU. Die Mathematik hilft mir die Realität zu verstehen."
Er betrachtet seine großen Hände.
"Und ihr? Lasst mich raten... Pädagogik?"
"Und wenn schon versetze ich. Immer noch besser als ein Möchtegern - Einstein."
" Ich will gar nicht Einstein sein, Kleines."
"Ich glaube da brauchst du dir keinerlei Sorgen zu machen, "bringe ich hervor. Verdammt. Warum reizt dieser Typ mich so?
"Ich studiere Geschichte und Lonia Literaturwissenschaft, zufrieden?" Erklärt Ria gleichmütig.
" Vollkommen. Es entspricht dem Level eurer Attraktivität nur zu gut. "Ich gebe euch eine solide 5, obwohl.."nachdenklich reibt er sich das kantige Kinn.. "dir würde ich vielleicht sogar eine 7 geben," er deutet auf mich, "wenn ich genug Alkohol getrunken hätte."
" Wie schön das wir dich ebenso wenig attraktiv finden wie du uns. Wir sind ausserdem beide in festen Händen. Mein Freund Elias studiert Medizin und Lonias Freund Jacob wird bald sein BWL Studium beginnen. "
"Wunderbar". Santino klatscht in die Hände. "Dann hätten wir ja das Wichtigste geklärt."
Ich frage mich, warum Ria mich einfach so übergangen hat. Sicherlich, sie hat Recht. Ich finde ihn kein bisschen attraktiv. Aber ich kann für mich selbst sprechen.Wieder zerfurchen tiefe Falten meine Stirn. Donata , unsere Haushälterin hat mir prophezeit das ich spätestens mit Dreissig aussehen werde wie hundert, wenn ich nicht damit aufhöre ständig die Stirn zu runzeln.
"Du solltest mehr lächeln," Santino mustert mich. Das kaschiert deine Hässlichkeit zumindest ein bisschen.
"Arschloch!"Ich stehe so abrupt auf das ich mit den Knien gegen die Tischplatte stosse , eine Wasserflasche kippt genau auf den Tischrand. Klirrend bricht der Hals ab und fällt zu Boden. Wasser gluckert aus dem gezackten Flaschenrand. Wie gebannt starre ich die zersplitterte Falsche an. Höre das Gluckern und sehe Enzo vor mir. Ein Schwein hat ihm soeben den Kopf...
"Lonia?" Rias Stimme dringt wie aus weiter Ferne an mein Ohr. "Alles okay?"
"Was?" Stammle ich. "Ja."
Erst als sie mir ein Taschentuch reicht merke ich, dass ich blute. Ich habe anscheinend versucht die Scherben aufzusammeln.Mein Blick fällt auf Santino. Sicherlich lacht er mich jeden Moment aus. Doch er sitzt einfach nur da und sieht mich mit seltsamer Miene an. Dann steht er auf und holt eine Box mit Verbandszeug." Ich mach das," erklärt er. Ich bin zu irritiert um zu protestieren während er mich zum Sofa führt und meine blutende Hand nimmt um sie abzutupfen. Seine Haut ist rau und warm. Die Fingerspitzen färben sich rot als er beginnt meine Hand zu verbinden. Ekelst du dich gar nicht vor meinem Blut ? Ich spreche die Frage nicht aus. Denke sie nur. "Fertig," erklärt er nachdem er eine kleine silberne Manschette in den Verband geharkt hat um ihn zu fixieren. Er weicht meinem Blick aus. " Danke." Wispere ich. Doch er winkt nur ab und verschwindet im Bad, während ich darauf warte, dass das komische Kribbeln unter meiner Haut nachlässt, das seine Berührung dort hinterlassen hat.
Ein entschlossener Ausdruck liegt auf seinem Gesicht als er zurückkommt.
"Ihr könnt die Bude haben, ich sage den anderen ab," meint er und deutet auf die Unterlagen in Rias Hand."Wenn ihr sofort unterschreibt."
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"Er ist so ein arroganter Affe." Schimpfe ich, als ich am selben Abend mit Jacob telefoniere. Wir kennen und seit dem Kindergarten und sind seit dem allerersten Tag quasi unzertrennlich.
"Ich bin eh nicht dafür das du mit nem Kerl unter einem Dach wohnst.Überlege mal, der schleicht sich Nachts in dein Zimmer oder so. Armando und dein Dad würden ihn zu Hackfleisch verarbeiten."
" Im wahrsten Sinne des Wortes" Fügt er kichernd hinzu. "Ja," entgegne ich nur.Er hat keine Ahnung wie schlecht mir bei seinen Worten wird. "Aber ich glaube das würde er nicht tun. Er ist ziemlich... nunja..das hat er nicht nötig, glaube ich. "
"Wie? Nicht nötig?" Der amüsierte Unterton ist verschwunden.
"Ach, keine Ahnung," seufze ich.Ich bereue bereits den Gedanken ausgesprochen zu haben. "Jedenfalls ist die Miete überraschend niedrig."
"Was macht der Typ denn ? Ist er auch Student?"
"Ja, er studiert Mathe. Er sagt es helfe ihm dabei die Realität zu verstehen. Irre oder?"
"Also Lonia, ganz ehrlich? Ich finde du solltest das sein lassen. Ihr findet sicher noch eine andere Wohnung."
"Ja. Hätten wir vielleicht."
"Wie meinst du das, hättet ihr vielleicht?"Jacobs Stimme klingt plötzlich kratzig.
Ich atme hörbar ein und aus, bevor ich die nächsten Worte ausspreche. "Wir haben schon unterschrieben."
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