LP'sche Redefreiheit
Der Tag verflog für Mike schneller, als ursprünglich erwartet. Mit den verschiedenen Tablette, die er schier stündlich nehmen musste, wurde auch der Heilungsprozess angekurbelt. Er traute den Worten von Chase zumindest.
"Ach ja", sprang Callum auf und ging zur Tasche, die sie in der Sprayhalle in eine Ecke geworfen hatten. "Da du immer von Brad gesprochen hast, hab ich dir die Mappe mitgenommen. Du solltest sie ihm zeigen."
Mike sah nur auf, da er vorerst auf dem Boden gekniet und mit Pinsel Konturen gezogen hatte. In seinem Kopf war er immer wieder den Ablauf durchgegangen, wie er das Gespräch mit Brad führen sollte. Doch konnte er seinem alten Freund kein Drehbuch in die Hand drücken und ihm dies vorschreiben, was er zu sagen hatte.
Er streckte Chase eine Hand entgegen, durch welche Shinoda auf die Beine gezogen wurde; er nahm die Mappe entgegen und ging langsam, die Sprayhalle hinter sich lassend, durch die Schreibtischreihen.
In seinem Kopf war nun eine Leere, mit einem Vakuum zu vergleichen, während er in den Aufzug stieg.
Unten am Empfang von Brads Arbeitsplatz, die junge Dame scheint ihn wieder zu erkennen, von seinem letzten Besuch, starrte ihn nur ein paar Sekunden lang an. Ihre blonden Haare waren hinten hochgesteckt und harmonierten zu ihrer violetten Bluse.
"Ist Mister Delson Boren da?", versuchte Mike äußerst höflich zu sein, auch wenn es in seinem Inneren vor Aufregung nur so bebte.
Sie nickte kurz und tippte auf ihrer Tastatur herum: "Sie können reingehen. Ist gerade frei."
"Danke", kam es noch knapp und Mike ging auf die milchigen Glaswände zu. In einem leichten Hellblau war rechts neben der durchsichtigen Tür Rechtsvorstand eingraviert worden und ließ Mike leicht staunen.
Hatte er dies doch letztes Mal in seiner entbrannten Phase nicht bemerkt.
Er klopfte kurz und nahm ein kurzes Herein wahr, worauf er eintrat.
"Mike", war Brad äußerst überrascht, worauf er die Andeutung machte, aufzustehen, was Shinoda nur mit einer Handbewegung verhinderte. "Was kann ich für dich tun?"
Mike stellte sich Brad gegenüber und hielt ihm die Mappe entgegen, die er vorerst musterte und nicht wirklich wusste, was er damit anfangen sollte: "Bitte lies die erste Seite."
Delson nahm sie entgegen und legte sie vor sich auf den Schreibtisch, bevor er sie öffnete. Mike hingegen, ließ sich auf einen der Stühle vor dem Schreibtisch nieder, während er betrachtete, wie Brad exakt wie er selbst reagierte, als er die Fotos in Händen hielt.
"Woher hast du die METEORA Mappe", fragte Delson ohne aufzusehen. "Die bekommt man nicht um die Ecke."
"Sagen wir so", atmete Mike tief durch. "Ich bin aus dem neunten Stockwerk gefallen, um sie zu bekommen."
"Aus dem neunten", kam es überrascht und etwas empört von Brad. "Und du sitzt noch vor mir?"
Schulterzucken kam ihm entgegen. Mike wusste selbst nicht, wie er dies überlebt hatte. Nicht einmal Chase konnte ihm eine Antwort geben.
"Hast du das alles schon gelesen?", zog Delson mit seinem rechten Zeigefinger Kreise in der Luft über den Dokumenten.
Mike nickte: "Die ersten vier Zeilen, der Rest war geschwärzt und unlesbar."
"Der ist jetzt sichtbar", lächelte er leicht und lehnte sich zurück, bevor er mit der Mappe in den Händen den kurzen Absatz vorzulesen begann.
"Es war von Anfang an klar, dass Linkin Park, kurz LP, mit ihrer politischen Redefreiheit dem System im Weg standen. Die einzige Möglichkeit, diese Gruppe auseinanderzubringen, war das Neuprogrammieren der beiden Gruppengründer Michael Kenji Shinoda und Bradford Phillip Delson. So würde die Gruppe zerfallen und keine Blockade mehr für die Klasseneinteilung sein.
Abgeschlossen - 1996, September."
"Politische Redefreiheit?", fragte Mike verwirrt und Brad warf die Mappe vor sich auf die Tischplatte, bevor er sich über das Gesicht rieb.
"Linkin Park war unsere Gruppe. Wir haben jeden Freitag öffentliche Reden gehalten, den Leuten Dinge preisgegeben, die für immer geheim gehalten worden wären. Bis zum September 1996. Danach hab ich einen Filmriss. Es ist nichts mehr da."
"Eigentlich wollte ich mich entschuldigen", wechselte Mike das Thema. "Ich habe dir Unrecht getan und war zu blind, um es selbst zu sehen. Es tut mir leid Brad."
Delson sah nun zu Shinoda und begann leicht zu lächeln: "Was sind wir nur für Idioten."
Beide lachten kurz und Mike erhob sich nun. Schmerzen bahnten sich an. Doch nun erhob Brad sich auch, ging um seinen Schreibtisch und nahm Mike ohne Vorwarnung brüderlich in den Arm.
Ein kurzes Knurren von Shinoda ließ den Griff von Brad lösen, da es Mike doch etwas geschmerzt hatte.
"Ich hab ja gewusst, etwas vergessen zu haben", lachte er kurz. "Wirklich das neunte?"
Mike schüttelte den Kopf und verabschiedete sich; bat Brad, die Heftmappe zu verstauen, wo sie sicher war.
Chase war gerade dabei, mit der Empfangsdame zu flirten, die sichtlich genervt von dem Zeichner war, der aber nun ab von ihr ließ; hatte er doch den Blick von Mike gesehen, welcher nur leicht lächelnd und etwas schmerzend war.
"Ich dachte, ich hol' dich ab", kam es von Chase und sie traten hinaus. Es war knapp vor fünf Uhr abends, weswegen sie sofort in den normalen Aufzug stiegen. Dort hielt Callum dem Zeichner eine orange Tablette hin, die Mike mit Augenrollen schluckte; hatte er doch nun langsam genug von Arzneien unbekannter Wirkung und Herkunft.
Doch Chase hingegen, gab ihm nur die ganze Packung, mit gehobenem Finger: "Pro Tag darfst du sechs nehmen, egal welche Farbe. Im Vier-Stunden-Takt. Verstanden?"
Shinoda nickte und nahm das kleine Plastikbeutelchen entgegen. Er schob es ein und ging mit Chase unten in die warme Abendsonne hinaus.
"Mach ja nichts Verrücktes Mike", hielt Callum ihn nochmals vor der Wohnungstür zurück. "Das gestern war schon genug."
Leicht lächelnd und nickend, schloss er die Tür auf und betrat die Wohnung. Hinter sich schloss er sofort die Tür, bevor er die Tasche in den Flur warf. Seinen Hoodie daneben.
Wild kramte er in seinem Kleiderschrank nach einem anderen, der ihn weniger verriet, zu welcher Klasse er gehörte.
Mike war nun nicht danach, nichts Verrücktes anzustellen, denn hatte er den leisen Hauch einer Ahnung, wo Chester nun war.
Dort, wo er immer gewesen war.
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