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"Was machst du da?", fragte ich energisch, während ich mich aufrappelte. "Ich hab zuerst gefragt", entgegnete er. Ich verdrehte die Augen, "Schlafen".
Erst jetzt konnte ich sein Gesicht genau zuordnen.
"Martin?"
"Ja?"
"Was machst du hier?"
Er zog die Augenbrauen hoch, "ich hab zuerst gefragt."
Ich seufzte. "Mein Auto springt nicht an."
"Kein Problem, ich bring' dich nach Hause", sagte er achselzuckend.
"Nein, schon okay", wuselte ich sein Angebot ab.
"Ach komm, du hast ja jetzt schon Schmerzen!" Dagegen konnte ich nicht erwidern, schließlich sagte er die Wahrheit. Mein Genick schmerzte höllisch.
Martin öffnete kurzerhand die Autotür und zog mich heraus, das versuchte er zumindest. Ich währte mich gegen diese Berührung und schüttelte seine Hand ab.
"Was ist los mit dir?" Mittlerweile trug dieser Satz einen anklagenden Unterton mit sich. "Nichts, ich will schlafen!", schrie ich schon nahezu in die warmen Nacht hinein.
Er atmete tief durch. Anschließend wirkte es so, als müsse er sich ein Lachen verkneifen.
Was wollte er denn jetzt noch?! Ich wollte nicht von Einem nach Hause gebracht werden, der mich kurze Geht davor begrabscht hatte.
Plötzlich meldete Martin sich wieder zu Wort:"Elisa, ich habe keine Ahnung, was dein Problem ist, aber ich will dich nur nach Hause bringen, dass du hier in diesem Auto nicht über Nacht verkrüppelst!" Schließlich zog er mich mit einem Ruck aus dem Wagen und wiederholte seinen Satz erneut.
Er würde nicht nachgeben, also willigte ich ein. "...aber nur nach Hause bringen", vervollständigte ich mein Einverständnis. "Ja, was soll ich denn sonst anstellen?" Martin verdrehte die Augen.
Genervt stieg ich in sein Auto, und hoffte, die Fahrt würde schnell vorübergehen.
Den Blick an die Scheibe gehaftet starrte ich aus dem Fenster. "Wie sieht dein Haus nochmal aus?", brach Martin das Schweigen. Ich beschloss, eine derartige Antwort zu unterlassen.
"Lass mich einfach irgendwo aussteigen", sagte ich nach einer gefühlten halben Ewigkeit, in der ich versucht hatte mich vorm Reden zu drücken.
"Was ist eigentlich dein Problem?", fragte Martin zum wahrscheinlich hundertsten Mal. Ich drehte den Kopf jedoch nur noch ein Stück weiter zur Seite, doch da spürte ich wieder den stechenden Schmerz in meinem Genick.
Sollte ich? Sollte ich nicht? Ich sollte! "Was mein Problem ist?! Du bist mein Problem! Du hast mich vorhin sexuell belästigt! Das ist strafbar, und..." Martin unterbrach mein wirres Gerede mit einem Lachen. Er lachte?!
"Was?", stieß er nach einiger Zeit hervor. "Du hast mir auf den Hinteren gegriffen!", schrie ich, jedoch schon ein bisschen weniger aufgebracht. Er lachte er erneut. "Achso das, vergiss es!" "Kann ich nicht?!" "Warum? Weil's so schön war?" Ich spürte wie mein Kopf glühte.
"Okay, es tut mir leid, Elisa, ich weiß nicht, was mit mir los war", sagte er nach einiger Zeit mit ruhiger Stimme.
Minutenlang saßen wir nur still da, niemand sagte ein Wort.
Doch dann brach Martin die angenehme Stille:"Ich möchte mich nicht in dein Privatleben einmischen, aber wie läuft's denn so mit Lukas? Wird es bald eine Hochzeit geben?"
Er wollte sich nicht in mein Privatleben einmischen?! Doch genau das tat er gerade!
Doch nachdem er diese Frage ausgesprochen hatte, spürte ich wieder diesen Schmerz in meinem Herzen. Musste er diese Wunde wieder aufreißen?
"Wir haben uns getrennt", antworte ich schlicht und vermied Augenkontakt. Ich wollte nicht wieder weinen. Ich wollte Simons Rat befolgen.
"Das tut mir leid" Martins Stimme war sanft und einfühlsam. Er blickte kurz zu Boden, "aber du findest doch schnell jemand neues."
Ich zögerte. "Das will ich aber gar nicht. Ich will nicht schnell jemanden finden. Ich will den Mann für's Leben finden. Ich weiß zwar nicht, ob die ewige, wahre Liebe wirklich existiert, oder ob es nur eine Erfindung der Film- und Buchindustrie ist. Aber ich will es wenigstens versuchen."
Martin warf mir einen kurzen Blick zu. "Gute Entscheidung."
Obwohl ich ihn nicht gut kannte, hätte ich mir von ihm meine andere Antwort erwartet.
Wir waren zwar schon seit Jahren Kollegen, doch es hatte sich nie eine Gelegenheit ergeben, sich besser kennenzulernen. Ich hatte ihn immer als einen, leicht unsensieblen Mann eingeschätzt. Sein Charakter, im Allgemeinen, sein ganzes Auftreten war mir als fraglich erschienen.
Ich redete zwar noch nicht lange mit ihm, doch irgendwie konnte ich ihm anmerken, dass auch er einmal sehr verletzt worden war. Manchmal wirkte er sehr in sich gekehrt, oder gar abwesend, während er sprach.
Er war mir sympathisch.
"Das ist dein Haus, oder?", fragte er, als wir vor einem großen Gebäude standen, das sich mein Zuhause nannte. "Ja.", ich machte eine kurze Pause, "Vielen Dank für's mitnehmen!" " Gerne. Und vielen Dank für die nette Gesellschaft!", erwiderte er. Ich lächelte. "Gerne."
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