
{ 51. Kapitel }
Hallo ihr Lieben!
Ich danke euch für die lieben Kommentare zum letzten Kapitel, die ich mir bereits angeschaut habe - in den kommenden Tagen werde ich sie auch mit Antworten versehen :)
Am Sonntag melde ich mich endgültig aus dem Urlaub zurück und wünsche euch bis dahin noch ein traumhaftes Wochenende <3
Mit den liebsten Grüß'chen, Lara :)
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Es war eine lange Nacht. Zwei Mal wachte Brax auf und verlangte nach mehr Blut. Als er die Flasche in die Hand nahm, zitterten seine Finger so sehr, dass ich befürchtete, dass er alles verschütten würde. Mit angehaltenem Atem und beschwörenden, innerlichen Worten brachte ich mich dazu, ihm die dunkelrote Flüssigkeit einzuflößen und währenddessen die Nerven zu behalten.
Erschöpft sank er im Anschluss wieder in die Kissen und schlief beinahe augenblicklich ein.
Als am Morgen die Sonne ihre hellen Strahlen in das Krankenzimmer schickte, betrat Navarra den Raum. Er fragte mich nicht danach, wie es Brax ging, sondern warf nur einen Blick auf die fast leere Blutflasche und nickte mir zu. Dann legte er seine Hand auf die Stirn des Layphen mit den flachsblonden Haaren und strich prüfend darüber.
„Er hat Fieber. Das ist nicht gut."
Behutsam zog er die Decke zurück, die ich in der Nacht halb über Brax ausgebreitet hatte. Der faserige Verband hatte sich gänzlich rot gefärbt und auch das weiße Laken war nicht mehr unbefleckt. Mit vorsichtigen Fingern wickelte Navarra den Verband ab und zum Vorschein kam die Wunde, die ich am gestrigen Abend nur kurz erblickt hatte. Der Akademieleiter tupfte diese mit einem feuchten Tuch ab und entfernte so die gröbsten Blutreste. Ein roter Rand hatte sich um die kugelförmige Wunde gebildet und zog sich leicht den Oberschenkel hinauf.
„Es ist entzündet", murmelte Navarra vor sich hin. Er erhob sich mit einem Seufzen und trat in ein angrenzendes Zimmer. Zurück kam er mit einer Pinzette und einer weißen Tube.
Er legte die beiden Dinge auf dem Beistelltisch neben Brax' Krankenbett ab und klopfte dem blassen Layphen sacht auf die Wange. „Abraxas?"
Der Genannte stöhnte leicht und öffnete mit flatternden Lidern die Augen.
„Wie geht es dir?", erkundigte sich der ältere Layph mit besorgter Stimme.
„Ni...Nicht so gut", krächzte Brax und sein Blick glitt von seinem Professor zu mir. „Se...rena. Blut." Ein leichtes Flehen drängte sich in seinen Blick und ich nickte fahrig. Der Anblick der Wunde war mir nicht allzu gut bekommen und Navarras Äußerungen bereiteten mir Sorgen.
Ich hatte keine Ahnung, wo sich das Blut befand aber wollte Navarra nicht stören, der sich in diesem Moment wieder an Brax wandte. Leise schlich ich mich zur Tür hinaus und schaute mich auf dem Gang um. Die Vorräte konnten nicht allzu weit entfernt sein, Cyrion war am gestrigen Abend nicht allzu lang weg gewesen. Ich würde einfach den Nächstbesten fragen, der mir begegnen würde.
Unschlüssig sah ich mich auf dem Gang um. Links oder rechts? Links ging es zurück in Richtung Hof, also entschied ich mich für die gegensätzliche Richtung. Ich beschleunigte meine Schritte, als mir auf den ersten Metern niemand entgegen kam.
Auf einmal bog vor mir jemand um die Ecke und ich hielt erleichtert an. „Serena? Was suchst du denn schon so früh hier?", begrüßte mich Liones verwundert. Die Narben in seinem Gesicht waren im gedämpften Licht kaum erkennbar. „Ich brauche Blut. Brax wurde verletzt...ihm geht es nicht so gut."
Er runzelte die Stirn. „Daran bist du gerade vorbei gelaufen. Komm mit, ich zeig's dir."
Ich machte auf dem Absatz kehrt und folgte dem Layphen mit den schulterlangen Haaren, die er heute offen trug. An einer unscheinbaren Tür machte er Halt und öffnete sie ohne Probleme. Er trat hindurch und kam wenige Momente später mit einer neuen Flasche voll Blut wieder heraus.
„Bitte sehr."
„Danke", erwiderte ich erleichtert und machte mich daran, schnell zurück ins Krankenzimmer zu gelangen.
„Oh, Serena? Ana wollte dich sprechen. Vielleicht kannst du später ja mal vorbei schauen!", rief mir Liones hinterher und ich stolperte kurzerhand. Ana? Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um mir über das Menschenmädchen Gedanken zu machen. Ich musste zurück zu Brax und ihm helfen.
Noch bevor ich das Zimmer erreichte, hörte ich einen heiseren Schrei und zuckte erschrocken zurück, bevor ich bevor ich mich wieder fing und besorgt durch die Tür eilte. „Brax?", entfuhr es mir unkontrolliert, bevor ich die Szenerie ganz in mich aufnehmen konnte.
Bevor mir schlecht werden konnte, wandte ich mich ab und atmete tief durch die Nase ein und den Mund wieder aus, wobei mir der stechende Desinfektionsduft auffiel, welcher den Raum tränkte. Dennoch hatte mein flüchtiger Blick gereicht, um zu sehen, dass Navarra vor Brax' Bett kniete und gezielt die Pinzette in die Wunde des Jüngeren führte. Gleichzeitig biss Brax mit angespanntem Gesicht auf ein hellblaues Handtuch, eine Methode, die seinen Schrei offensichtlich abgedämpft hatte.
Mit einem leichten Gliederzittern ging ich auf das Krankenbett zu und stellte die volle Flasche mit Blut neben die leere. Brax nahm überhaupt nicht wahr, dass ich näher gekommen war, er hatte seine Augen fest zusammengekniffen und warf seinen Kopf immer wieder hin und her. „Ssssch", wisperte ich leise, doch meine Worte drangen nicht zu ihm durch. Als mein Blick von seinem Gesicht weg glitt und auf den Boden fiel, auf welchem splitterähnliche, in Blut getunkte Reste von...irgendetwas lagen, spürte ich Galle in meiner Kehle aufsteigen und schlug mir die Hand vor den Mund.
Navarra warf mir nur einen flüchtigen Blick zu. „Geh bitte hinaus, wenn dir der Anblick nicht gut bekommt. Ruh dich aus. Ich werde ein wenig bei ihm bleiben."
Obwohl ich mich darum bemühte, den übelkeitserregenden Anblick aus meinem Gedächtnis zu verdrängen und für Brax stark zu sein, gelang es mir nicht. Ich strich Brax mit angehaltenem Atem ein letztes Mal über die fiebrig-feuchte Stirn und verließ dann so schnell es ging den Raum.
Wenige Meter lang begleiteten mich Brax' gedämpfte Schreie, bevor sie abrupt aufhörten und ich mich fragte, ob er das Bewusstsein verloren hatte oder ob Navarra mit seiner Prozedur fertig war.
Mit nach wie vor zitternden Beinen trat ich auf den Hof hinaus und spürte eine leichte Benommenheit, die sich meines Geistes bemächtigte. Die ruhelose Nacht hatte an meinen Kräften gezehrt und der Kampf gegen meine Abscheu vor Blut und die Impressionen von Navarras dürftiger Operation hatten ihr Übriges getan. Mit leicht verschwommenen Blick steuerte ich auf die erste Quelle zu, die mir helfen würde: der großen Buche. Zum Meer würde ich es in meiner jetzigen Verfassung niemals schaffen.
Taumelnd und mit rauschendem Kopf berührte ich schließlich die raue Rinde und ließ mich gegen den Stamm sinken. Ich drückte meine Stirn gegen die kühle, harte Oberfläche und atmete tief aus und ein. Ein zartes Kribbeln breitete sich von meinen Fingerspitzen in jeden Winkel meines Körpers aus und brachte Klarheit in meine Gedanken zurück. Halb rutschend ließ ich mich schließlich am Stamm entlang zu Boden gleiten und spürte die Rinde über meinen Rücken kratzen, der nach wie vor nur von meinem leichten Top bedeckt wurde, das ich mir am gestrigen Abend zum Schlafen angezogen hatte. In der Nacht hatte ich mehr als einmal darüber nachgedacht, auf mein Zimmer zu gehen und mir etwas überzuziehen, aber ich hatte es nicht übers Herz gebracht, Brax auch nur für fünf Minuten alleine zu lassen. So strich nun das vom Morgentau feuchte Gras über meine nackten Beine und half meinem Körper zusätzlich dabei, sich wieder zu erden.
Nach einigen Minuten hob ich schließlich meinen Kopf und öffnete mit einem letzten, kräftigen Durchatmen die Augen. Bei meinem wackeligen Gang zur Buche hatte ich nicht auf meine Umgebung geachtet, mein ganzes Wesen hatte sich auf den mächtigen Baum fokussiert. Nun stellte ich fest, dass der Hof layphenleer war und die Sonne noch hinter der imposanten Steinmauer und den Bäumen verschwand, die die Akademie begrenzten. Als das Geräusch von Schritten hörbar wurde, wandte ich meinen Blick nach links. Von dort aus näherte sich der Layph mit den goldblonden Locken, welcher sich in den letzten Tagen so häufig meiner Gedanken bemächtigt hatte. Er kam aus dem Wohntrakt der Layphen und war sicherlich auf dem Weg zu Brax. Als er mich bemerkte, stockte sein gleichmäßiger, kraftvoller Gang für einen kurzen Moment und ich war mir sicher, dass er innerlich mit sich rang. Schließlich jedoch wandte er sich vom direkten Weg zum Krankenzimmer ab und trat auf mich zu.
„Guten Morgen", begrüßte ich Cyrion und beobachtete, wie er sich einmal durch die zerzausten Locken fuhr. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten, er war offenbar nicht in der Lage gewesen, sich die Ruhe zu vergönnen, die Navarra ihm verordnet hatte.
„Morgen", erwiderte er knapp und sein Blick huschte einmal in Richtung des Traktes, der eigentlich sein Ziel gewesen war. „Wie geht es ihm?"
Ein Seufzer entfuhr mir und ich schüttelte den Kopf. „Navarra ist bei ihm. Er sagt, dass Brax Fieber hat."
„Fieber?", horchte Cyrion auf und fluchte leise.
„Und die Wunde...sieht..." Ich schluckte hörbar. „Nicht so gut aus."
„Inwiefern?", hakte Cyrion drängend nach und durchbohrte mich aus seinen rotgoldenen Augen. Die Sorge, die er empfand, schwappte förmlich in Wellen zu mir hinüber.
Ich atmete tief durch. „Entzündet, glaube ich. Und als ich ging hat Navarra... Er hat Splitter entfernt."
Überraschung färbte Cyrions Blick. „Splitter? Aber..." Abrupt wandte er sich zum Gehen. „Ich muss zu Brax."
„Cyrion, warte!", rief ich, war mit einem Satz auf den Beinen und taumelte prompt leicht. Im letzten Moment fasste ich den wortkargen Layphen am Arm und zwang ihn dazu, stehen zu bleiben. „Was ist passiert?" Flehend sah ich ihn an. Ich musste wissen, was passiert war. Ich wollte kein Halbwissen oder eine Lüge und erst recht kein Schweigen. „Bitte erzähl es mir."
Ablehnung kroch über sein Gesicht und wieder huschte sein Blick zwischen mir und seinem eigentlichen Ziel hin und her. Ein Muskel in seinem Bizeps zuckte unter meinem Griff, so, als würde er sich eigenhändig befreien wollen. Ich wusste, dass das im Grunde genommen ein Leichtes für ihn war, doch er tat es nicht. Stattdessen sah er mir einen winzigen Moment lang in die Augen, der sich anfühlte wie eine kleine Ewigkeit. Wonach er in meinem Blick suchte, wusste ich nicht, doch was auch immer es war, er fand es.
„Wenn Navarra gerade bei ihm ist...", sagte Cyrion schließlich. Seine Stimme stand im Gegensatz zu seinen Worten, sie war von Widerwillen getränkt. Er wandte sich wieder zu mir und befreite seinen Arm mit einem sanften Ruck aus meinem Griff. Mit einem kleinen Seufzer ließ er sich ähnlich wie ich zuvor gegen den Stamm gelehnt zu Boden sinken und richtete seinen Blick auf die Grashalme vor seinen Schuhen. Als ich mich neben ihn setzte und meinen Blick forschend auf ihn richtete, sah er mir kurz in die Augen bevor er sein Antlitz gen Himmel wandte und die wogenden Blätter betrachtete.
„Am späten Nachmittag waren wir einer Fährte auf der Spur. Fray hatte ein Mädchen entdeckt, dessen männliche Vorliebe perfekt auf Brax passte. Zudem war sie alleine unterwegs und daher wäre es für uns ein Leichtes gewesen, sie zu... Sie mit uns zu nehmen. Wir hatten bereits den halben Tag benötigt, um jemand Passenden zu finden, da Brax es sich in den Kopf gesetzt hatte, ein Mädchen auszuwählen, das in irgendeiner Art und Weise unzufrieden mit ihrem Leben war." Ein kleines Schmunzeln huschte über Cyrions Gesicht. „Dieser Wohltäter."
Ich runzelte die Stirn. Als wohltäterhaft würde ich diesen Gedanken nun nicht beschreiben, aber es war aufmerksam von ihm, kein vollkommen glückliches Mädchen aus ihrem bekannten Leben reißen zu wollen.
„Auf alle Fälle hatten wir uns gerade bereit gemacht, als ein Schuss fiel." Cyrion senkte seinen Kopf wieder und der Schatten der Buche malte Dunkelheit auf sein markantes Gesicht und betonte die Narbe an seiner Schläfe.
„Wir wissen nicht, woher er kam. Oder von wem er abgefeuert wurde." Ich fragte mich, ob Cyrion mir gänzlich die Wahrheit erzählte. Waren es möglicherweise diese ominösen Feinde, über die mir keiner mehr erzählen wollte?
„...Auf alle Fälle ging Brax augenblicklich zu Boden und Fray und ich kamen ihm zu Hilfe", fuhr der Layph fort. „Ich weiß nicht, wie viel du über uns weißt, aber ein gut platzierter Schuss nahe des Herzens, der Lunge oder dem Kopf kann zu unserem Tod führen. Dieser hat allerdings nur seinen Oberschenkel getroffen." Der Layph mit dem goldblonden Haar schüttelte den Kopf. „Gewöhnliche Kugeln aus Blei oder ähnlichen Metallen und Stoffen, die in unsere Gliedmaßen gefeuert werden, lösen sich in unserem Blut nach höchstens zwölf Stunden auf. Deshalb hat Navarra auch gestern nur den Verband gewechselt und die Wunde nicht kontrolliert."
„Moment", unterbrach ich Cyrion. „Aber wieso hat Navarra dann jetzt irgendwelche Reste aus der Wunde geholt, wenn sich die Materialien doch eigentlich auflösen?"
„Das wüsste ich auch gern", erwiderte der Layph und rieb sich nachdenklich über das Kinn. Die Sorgenfalten auf seiner Stirn hatten sich vertieft.
Einige Momente lang blickten wir beide auf das Gras zu unseren Füßen. Es wog im Wind leicht hin und her und ich fragte mich, was all das zu bedeuten hatte. Ob uns irgendjemand eine Antwort darauf geben konnte?
Cyrion schien beinahe meine Gedanken gelesen zu haben, denn er erhob sich mit einer fließenden Bewegung, die das Raubtier in ihm widerspiegelte. „Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich gehe nun zu Brax und hoffe, dass Navarra noch da ist und ein wenig Licht ins Dunkel bringen kann."
Ein wenig geistesabwesend starrte er an mir vorbei auf die Fugen zwischen den Steinen vor der Mauer und hielt mir die Hand hin. Überrascht griff ich danach und ließ mir von ihm hoch helfen. Der Schwung, den er dabei freisetzte, überraschte uns beide und ich taumelte beinahe gegen seine Brust, konnte mich jedoch noch rechtzeitig stoppen. Ein unverfälschter Duft drang in meine Nase, den ich nicht mal ansatzweise beschreiben konnte. Das Einzige, was ich mit Sicherheit sagen konnte war, dass es purer Cyrion-Duft war. Bevor ich mich in ihm verlieren konnte lief der Layph mir gegenüber los und ich beeile mich, ihm zu folgen.
Wenige Momente später traten wir schon durch die Tür, die zum Krankenzimmer führte und trafen auf einen Navarra, der sich gerade erhob und uns mit einer Geste bedeutete, still zu sein. Dann scheuchte er uns direkt wieder aus dem Raum heraus. Einen letzten, besorgten Blick auf Brax hatte ich jedoch noch erhaschen können – rote Flecken hatten sich zwischen kalkbleicher Haut auf seinem Gesicht ausgebreitet, seine Augen waren geschlossen, den Kopf hatte er zur Seite geneigt.
Der Anblick brach mir förmlich das Herz. Warum musste gerade Brax so sehr leiden?
Mein Seufzer begleitete das sanfte, aber nachdrückliche Geräusch der von Navarra hinter ihm zugezogenen Tür.
„Was ist los, Navarra? Warum geht es ihm so schlecht?", bedrängte Cyrion den Leiter der hiesigen Akademie. In seinen Augen erkannte ich wieder das Brennen der mittlerweile vertrauten Besorgnis um seinen Freund.
„Ich kann es nicht genau sagen", Navarra schüttelte den Kopf und rieb sich mit einem Ausdruck tiefster Erschöpfung über die Stirn. Er ließ einen Seufzer verlauten. „Ich vermute, dass die Kugel vergiftet war."
„Vergiftet?", entfuhr es mir entgeistert.
Navarra, der sich bisher hauptsächlich an Cyrion gewandt hatte, schenkte mir seine Aufmerksamkeit. „Ich weiß nicht, wie viel du-"
„Ich hab ihr erklärt, wie Schusswaffen auf uns wirken", unterbrach ihn Cyrion forsch. „Warum vermutest du, dass sie vergiftet war?" Ungeduld war nur zu deutlich in seiner Stimme zu hören und sorgte dafür, dass er hastiger sprach als sonst.
„Ich habe eben Holzsplitter aus der Wunde geholt. Es wirkt fast so, als seien Teile des Holzes von Gift durchtränkt gewesen, was es Brax' Blut unmöglich gemacht haben könnte, das Geschoss vollkommen aufzulösen. Eine andere Erklärung fällt mir nicht ein."
„Hast du an den Splittern gerochen?", erkundigte sich Cyrion und starrte Navarra weiterhin an, ohne auf meinen entgeisterten Blick einzugehen. Gerochen? Warum zum Teufel sollte man daran riechen?!
„Ja. Aber ich konnte das Gift nicht zuordnen." Langsam schüttelte der ältere Layph den Kopf. Dann griff er sich in die vordere Tasche seiner dunklen Hose und forderte Cyrion dazu auf, ebenfalls an den Überresten zu riechen, die er in einem kleinen Plastiktütchen verstaut hatte.
Abrupt wandte ich mich ab und rezitierte innere Beruhigungsformeln vor mich her, um zu verhindern, dass mir schon wieder flau wurde. Als das Knistern ein zweites Mal erklang und ich aus den Augenwinkeln sah, wie Navarra das Tütchen wieder zurück steckte, wandte ich mich den beiden wieder zu.
„Merkwürdig", murmelte Cyrion und ließ seinen Blick abwesend umher gleiten, offensichtlich tief in Gedanken versunken.
„Was passiert denn nun mit Brax? Was für Auswirkungen hat denn das Gift auf ihn?", erkundigte ich mich besorgt bei Navarra, der nur den Kopf schüttelte. „Das kann ich nicht genau sagen. Ich hoffe, dass ich alle Giftreste aus der Wunde entfernt habe – ich weiß nur nicht, welche Auswirkungen das Gift auf Abraxas hat und wie viel sich davon mit seinem Blut vermischt hat. Einer sollte rund um die Uhr bei ihm bleiben, und ihn mit Blut versorgen, bis wir mit Sicherheit sagen können, dass er es schafft. Im Augenblick braucht er jedoch etwas Ruhe. Das Entfernen der Splitter war schmerzhaft für ihn."
„Ich übernehme das", erklärte sich Cyrion sofort bereit und ich nickte heftig als Zeichen, dass auch ich ihn unterstützen würde.
Ein kleines Schmunzeln legte sich trotz Navarras sorgenvollem Ausdruck auf seine Mundwinkel. „Ich weiß euren Tatendrang zu schätzen, aber du, Cyrion, solltest noch wenigstens heute an Lehrstunden teilnehmen und du, Serena, solltest deine schulischen Pflichten ebenfalls ernst nehmen."
Widerwillig fügte sich Cyrion den Anweisungen des höchsten Professors und auch ich sah irgendwo ein, dass er recht hatte. Dennoch gab ich Brax' Pflege ungern in die Hände eines anderen, auch wenn ich wusste, dass ich mit meiner Abneigung gegen Blut nicht gerade die beste Pflegerin war.
Am Ende verließen Cyrion und ich den Trakt und traten ins Freie, nachdem wir Navarra mitgeteilt hatten, dass wir uns zumindest morgen und übermorgen um Brax kümmern würde – an den Tagen würde der layphische Unterricht ausfallen und auch ich wollte mir eine dringend benötigte Pause gönnen.
Mit wenigen Worten verabschiedete sich der lockenköpfige Layph von mir und zog von dannen. Ich sah ihm ein paar Augenblicke hinterher und ließ währenddessen den Wind über meine nackten Arme und Beine streichen. Mit einem Mal fiel die Anspannung der Nacht von mir ab, auch wenn ich wusste, dass Brax nicht über dem Berg war und seine Zukunft ungewiss war. Aber Navarra trieb mit Sicherheit jemanden auf, der sich um ihn kümmern würde.
Bleierne Müdigkeit machte sich in mir bemerkbar und mit schleppenden Schritten begab ich mich auf mein Zimmer. Ich gähnte herzhaft, fiel so, wie ich war, auf mein Bett und schlief augenblicklich ein. Meist Geist dankte mir mit einem erholsamen Nickerchen, den Strapazen und Schwierigkeiten des Tages für kurze Zeit zu entkommen.
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