
Kapitel 57
Am Vorabend
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Lavinia
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Als Paget sich ankündigte, ließ ich meine Haare flechten und mir ein frisches, hochgeschlossenes Nachtkleid geben. Der Status unserer Ehe war nicht geklärt – das lag auch daran, dass ich nie gemeinsam mit ihm aufgetreten bin. Paget hatte es ausgesprochen schnell geschafft, mich aus seiner Schussbahn zu befördern. Aber zumindest konnte ich in der Gewissheit sterben, dass sein Einfluss bald auf eine griechische Insel beschränkt sein würde. Ich lächelte grimmig.
„Majestät", Paget verbeugte sich vor mir, als er den Raum betrat und ich nickte ihm huldvoll zu. Er mochte mich verspotten, aber er konnte mir nicht meine Würde nehmen. Das hatte er noch nie. „Ich will mit Ihrer Majestät alleine sein", fordert er entschlossen und meine Mundwinkel zuckten. Weg war seine Untergebenheit.
„Ich will, dass diese Hetzreden aufhören und das diese wahnwitzige Griechenlandmission abgesagt wird", keifte er und wanderte vor meinem Bett auf und ab. „Sonst noch etwas?", fragte ich ironisch. Dorian war zwar meine Zugbrücke nach Malheur, aber leider funktionierte die Zusammenarbeit zwischen dem Ministerrat und Malheur am besten, wenn Dorian nicht beteiligt war. Dieses Hindernis ist weggefallen und damit die neue Generation die Beziehung endlich retten konnte, wollten sie zuerst mit der Vergangenheit aufräumen. Das schloss Pagets Kriegsverbrechen und meine Gefangenschaft mit ein. Man begann zu vergeben. Nach all den Jahren konnte ich es glaub ich auch.
„Du vergisst, dass auch du dich nicht ausschließlich heldenhaft in dieser ganzen Angelegenheit verhalten hast"
„Mag sein, aber Novel hält Informationen dieser Art dankenswerterweise zurück"
„Ich werde nicht so großzügig sein"
Hustend gab ich meine aufrechte Haltung auf und ließ mich tiefer in die Kissen sinken. Jeden Tag sollte ich zwei Mal kurz das Bett verlassen, aber mittlerweile passierte das meistens bereits im Rollstuhl. Ich war geschlagen.
„Ich bin deine Drohungen leid"
„Ich habe dir nie gedroht!"
„Nein, du hast mich betrogen, verlassen und erpresst und nichts davon wird die Welt vergessen"
„Du bist so selbstgefällig"
Paget wandte ich sich schnaubend von mir ab. Ich wäre gerne aus diesem Bett gesprungen und hätte ihm eine heftige Ohrfeige verpasst. Wie ich sie vom Minister, Kenneth und Sean erfahren musste. Pagets Lungen dehnten sich unter einem tiefen Atemzug und er wandte sich lächelnd zu mir um.
„Du bist so gut wie tot, Lavinia. Egal wie zuwider ich dir sein mag, ich werde dein Vermächtnis beeinflussen"
„Mein Vermächtnis ist Novel. Das reicht mir"
Mathew hätte beinahe alles verloren in seinem Taumel als heldenhaft in die Geschichte einzugehen. Ich gebe zu, dass auch ich immer danach gestrebt habe, als gute Herrscherin in Erinnerung behalten zu werden. Danach habe ich mein Leben lang gehandelt und mein Nachruf liegt in der Macht der Überlebenden. Jedes Einzelnen von ihnen.
„Ich lasse nicht zu, dass du mir wieder alles wegnimmst!", schrie Paget und stapfte auf das Bett zu. Zufrieden ließ ich mich in mein Kissen zurücksinken. „Ich bin so gut wie tot", wiederholte ich seine Worte und setzte verächtlich hinterher, „und ohnehin hast du mir eine solche Macht nie zugetraut"
Paget blieb grimmig vor meinem Bett stehen.
„Du verdankst deine Macht alleine deiner Fähigkeit dir alle Männer in deiner Umgebung hörig zu machen"
„Das ist nicht wahr!"
„Nemours liegt dir zu Füßen, genauso wie der halbe Ministerrat dir aus der Hand frisst und für dich regiert. Mit den Männern, die dich allerdings nicht verehren, liegst du im Konflikt wie mit dem Oberkommandierenden. Mein eigener Bruder hat dich mehr geliebt als mich!"
„Mathew hielt große Stücke auf dich"
„Aber als er die Wahl hatte, mich nachhause zurückzuholen oder dich für sich selbst zu behalten, entschied er sich für dich"
Ich schwieg und starrte betreten auf meine Hände. Es schien mir paradox, dass Mathew Paget nicht zurückhaben wollte, aber es war offensichtlich, dass er mich begehrte. Immerhin waren wir verlobt und das auf seinen alleinigen Wunsch.
„Aber du hast niemanden dieser Männer geliebt", redete sich Paget in Rage und funkelte mich wütend an. „Ich habe dich geliebt", erwiderte ich leise, worauf Paget schnaubte.
„Der einzige Mann, den du je an dich herangelassen hast, war Dorian und ihn ...", Paget setzte sich zu mir an die Bettkannte und ich rutschte unwillkürlich von ihm ab. Ich hatte mir Mühe gegeben mit ihm auszukommen. Dorian war fort und die Kinder wollen ihren Vater kennen lernen, hatte ich mir immer wieder gesagt. Aber dieser Mann hatte es nicht verdient irgendjemanden von uns kennenzulernen.
„.... ihn hast du vertrieben", endete Paget und lächelte mich selbstgefällig an. Sofort schüttelte ich den Kopf. „Dorian ist gegangen, weil du ihn in eine Falle gelockt hast", empörte ich mich und richtete mich ein Stückchen auf. „Hast du dich nie gefragt, warum er mit mir zusammengearbeitet hat – wo er sich doch immer für überlegen hielt" – „Er ist der bessere Mann, Paget"
Die Augen meines ersten Mannes blitzten bei diesen Worten wütend auf, bevor er sich wieder im Griff hatte. „Mag sein", äffte er mich nach und erhob sich im selben Moment, „Er hat mit mir zusammengearbeitet, obwohl ihm klar war, dass ich ihm daraus einen Strick drehen würde. Weil ich etwas Belastendes gegen euch beide in der Hand hatte", er starrte verächtlich auf mich hinunter, „Ich habe den Brief, in dem Dorian deine Gefangenschaft schildert und auch alle Informationen auflistete, die er von dir erhalten und weitergegeben hatte, nie vernichtet"
Ich starrte zu ihm auf. Realisierte einen Moment später, dass Dorian die geheime Zusammenarbeit nicht frei gewählt hatte und es dauerte noch einen weiteren Moment bis mir klar wurde, dass meine Schwäche und Angst diesen Brief erst entstehen ließen. Ich schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen und atmete hektisch gegen diese Enge in meiner Brust an.
„Du willst Novel schützen, weil er dein Vermächtnis ist? Dann verhindere, dass diese Fülle an Informationen veröffentlicht wird, indem du endlich diese Hetzkampagne stoppst"
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