
Kapitel 27
»Das war wirklich... unverschämt«, murmelt Sten in einem feststellenden Tonfall. Ich pruste los. »Ach, was du nicht sagst!«
Pikiert wandern seine Brauen ein Stück nach oben. »Ich finde es verwunderlich, wie diese Frau auf die Idee kam, mir versteckt Avancen zu machen – oder es zumindest deutlich erkennbar vorhatte. Schließlich sitze ich ja bereits mit einer Frau hier.« Er deutet in einer eleganten, dennoch fast nebensächlichen Bewegung zu mir. Ich runzele die Stirn. »Deswegen war ich ja so angepisst. Sie kann ja nicht wissen, dass wir nur als Freunde hier sind.«
Ich bin mir sicher, dass der Schatten, der über Stens Gesicht wandert, nur meiner Einbildung entspringt. Dass er mit absolut ungerührter Stimme »Ja, du hast vollkommen recht« sagt, bestätigt meine Annahme nur.
»Willst du eigentlich auch was essen?«, fragt er jetzt und scheint nun sehr tief in die Betrachtung der Speisekarte versunken zu sein. Grinsend reibe ich mir die Hände. »Da fragst du genau die Richtige. Frittiertem Zeug kann ich nie widerstehen.«
Stens dunkle Augen scannen die Karte ab, dann nickt er. »Volltreffer, es gibt nicht nur eine Option, die frittierten Gerichte betreffend.«
»Das erfreut mich in unvorstellbarem Maße«, trällere ich, bezweifle dabei jedoch, dass er kapiert hat, dass ich ihn verarschen wollte. Er ist zu sehr damit beschäftigt, die Aufmerksamkeit des Personals zu suchen. Als ein Kellner schließlich Blickkontakt mit Sten herstellt, winkt Sten ihn mit einer subtilen Geste zu uns, wie ich es bereits zuvor sehen durfte.
»Sie wünschen?«
Sten sieht mich fragend an, doch ich bedeute ihm, mit seiner Bestellung zu beginnen. Er ordert eine Platte gegrilltes Gemüse mit diversen Dips und dazu einen Teller Auflauf. Ich entscheide mich für Pommes mit Zwiebelringen und gebackenem Käse.
Als uns der Kellner verlässt, kommt direkt eine andere Person und bringt uns unsere Getränke. Ich stelle fest, dass es nicht die Frau von vorhin ist und kann mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen. Sten sieht das und grinst ebenfalls, was die Schmetterlinge in meinem Bauch gefährlich aufscheucht. Verdammtes Magenflattern.
»Tja, dann... auf uns.« Sten hält mir seinen bunten Drink entgegen und ich stoße mit meinem vergleichsweise schlichten an. Eigentlich wollte ich auf Stens Erfolg anstoßen, doch sein intensiver Blick hält mich so gefangen, dass ich kein Wort über die Lippen bringe. Es klirrt leise, als unsere Gläser gegeneinander stoßen. Ich kann mir ehrlich keinen Reim darauf machen, warum Sten den Blickkontakt zu mir einfach nicht abbrechen will, als er ansetzt und trinkt. Mir ist es jedenfalls unmöglich, den Blick abzuwenden.
Schließich schaut er doch weg und ich atme erleichtert auf. Was war das denn bitte?
»Schmeckt gut!«, krächze ich ein paar Tonlagen zu hoch. Ein leises Lächeln spielt um Stens Mundwinkel und ruft ein Grübchen auf seiner Wange hervor, von dessen Existenz ich bis vor kurzem nichts wusste.
»Mein Piña Colada ist auch gut. Wollen wir mal tauschen?«, fragt er. Verwundert blinzele ich. So abenteuerlustig kenne ich Sten gar nicht. Bereitwillig schiebe ich ihm mein Glas rüber und bekomme im Gegenzug dafür seins. Ich ziehe am pinken Strohhalm und stelle fest, dass er recht hat, was sein Getränk angeht. Doch als ich Sten gegenüber betrachte, sieht er nicht so aus, als würde er meine Meinung über den Gin Tonic teilen.
»Wie kann man so ein Zeug überhaupt trinken?«, stößt er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Ich werfe den Kopf zurück und lache. »Wenn du keinen Gin magst, solltest du vielleicht die Finger von Gin Tonic lassen, nicht?«
»Ich habe ganz vergessen, dass mir dieser Drink so verhasst ist.«
»Dachtest du, dass sich das wie durch Zauberhand einfach ändert?«
Er hebt die Schultern. »Nicht unbedingt. Aber es ist unbestreitbar, dass sich er Geschmack über die Jahre auch ändern kann.«
»Unbestreitbar?«, frage ich mit gehobenen Brauen und einem Tonfall, der nur so vor Sarkasmus trieft. Ich muss mir eingestehen, dass ich Stens Ausdrucksweise mittlerweile echt mag, trotzdem ist es einfach zu witzig, um ihn nicht damit aufzuziehen.
»Naja, wissenschaftlich belegt eben.«
Mit einem wissenden Lächeln nicke ich. Sten sieht daraufhin ein wenig irritiert aus. »Ist was? Habe ich etwas falsches gesagt?« Ich schüttle den Kopf. »Nein, nein, absolut nicht.«
In diesem Moment wird das Essen gebracht, sodass Sten wieder abgelenkt ist. Ich möchte mich direkt auf meine Zwiebelringe stürzen, doch sie sind noch viel zu heiß. Unter Schmerzen schlucke ich meinen ersten Bissen herunter und bereue es bitterlich, so beherzt in den Ring gebissen zu haben. Stens Essen scheint ebenfalls noch ein wenig zu heiß zu sein, denn er zögert auch noch.
Ich nutze den Moment, um zu fragen: »Warum hast du mich eigentlich gerade hierher gebracht?« Ich blicke mich um, bevor meine Augen zurück zu Sten wandern. Er wirkt verunsichert.
»Gefällt es dir etwa nicht?«
»Doch, doch! Ich war einfach nur neugierig, wie du auf die Idee gekommen bist«, versichere ich ihm sofort. Er grinst in sich hinein. »Schwer zu sagen. Ich finde einfach, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis echt gut...« Er unterbricht sich selbst, als er meinen ›Dein Ernst?‹-Blick sieht. Schließlich seufzt er kapitulierend. »Okay, die Wahrheit ist, dass ich dir diese Aussicht zeigen wollte. Der Rest spielt eher eine untergeordnete Rolle.«
Mir wird bei Stens Antwort ganz warm ums Herz und ich kann mir ein gerührtes Lächeln nicht verkneifen. »Ach, Sten... das ist... toll.« Für gewöhnlich bin ich ganz und gar nicht um Worte verlegen. Doch jetzt ist meine Kehle so eng wegen den ganzen Gefühlen, die wie im Rausch durch meinen Körper pulsieren. Ich fühle mich restlos überfordert von Stens rührenden Gesten, netten Worten... ich weiß einfach nicht, wie ich damit umgehen soll. Es fällt mir so verdammt schwer, das alles nicht falsch zu verstehen. Ich weiß, dass er es einfach nur nett meint, nicht mehr!
Wenn er Freunde schon so behandelt, wie geht er dann mit seiner Partnerin um?
Diesen Gedanken vertreibe ich so schnell aus meinem Kopf, wie er gekommen ist.
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