29. Reeperbahn Festival
Am nächsten Tag beschloss ich gleich nach dem Aufstehen, einen neuen Brief an John zu schreiben. Ich erzählte ihm von meinen letzten Tagen in der Schule und wie sehr Stephan mich nervte. Ich überlegte zum Schluss ernsthaft, ob ich ihm von der Stalkeraktion berichten sollte. Aber ich ließ es doch besser. Ich wusste, wozu John fähig war und wenn er sagte, er käme vorbei dann würde er das strikt tun. Selbst wegen so einer Situation wie gestern.
Heute war ein schöner Frühlingstag und auf der Reeperbahn wurde ein kleines Frühlingsfest verantstaltet. Thomas hatte meine Mum und mich zu diesem Event eingeladen. Gleich nach dem Frühstück machten wir uns soweit fertig. Teddy kam zu meiner Freude auch mit. Da wir es nicht weit hatten, spazierten wir auf dem Hinweg. Ich ließ meiner Mum und ihrem Freund etwas Freiraum und ging mit Teddy voran. Es faszinierte mich, wie er wirklich in jeder Ecke rumschnüffeln musste. Bis er dann wie angewurzelt stehen blieb und seine Ohren spitzte. Ich schaute nach vorne, und wäre am Liebsten wieder umgedreht. Warum muss der Typ überall sein?
" Na hallo. So schnell sieht man sich wieder ".
" Ich bin ehrlich gesagt nicht wirklich erfreut darüber ".
" Nana, nun wollen wir nicht unfreundlich werden, Kleine. Wen hast du denn als Begleitung mitgebracht?".
Er hockte sich vor dem Hund hin, der ihn aufgeregt anhechelte. Ich erkannte in Stephans Gesichtsausdruck einen Hauch von Freude, als er Teddy streichelte. So wie es aussah, war er Tierlieb. Ich musste leicht lächeln und als er dies bemerkte, setzte ich wieder meine kalte Maske auf.
" Hab ich da gerade ein Lächeln gesehen?"
" Ich glaube, du musst dich verguckt haben ".
Meine Mum und Thomas kamen von hinten an uns heran und Stephan begrüßte beide freundlich und steckte seine Hände in die Hosentaschen. Meine Mutter schaute mich mit einem vielsagenden Blick an. Ich nickte nur, in der Hoffnung das sie wusste, dass es der Stephan ist. Thomas und Stephan redeten eine Weile, bis Thomas ihm eine Frage stellte, für die ich ihn am Liebsten geohrfeigt hätte.
" Hast du nicht Lust, mit uns zum Frühlingsevent auf der Reeperbahn zu gehen?".
" Klar, ich hab eh nichts zu tun. Aber werden auch die Damen damit einverstanden sein?".
Meine Mutter kicherte neben mir und nickte, während ich genervt auf den Boden schaute. Thomas als auch der Blick von meiner Mutter lag auf mir, wartend auf eine Antwort. Ich murmelte schließlich ein kleines " Okay", welches Stephan zu einem frechen Grinsen verleitet. Er ging die gesamte Strecke neben mir her. Und da Teddy an der Leine zog, waren wir von meinen Erziehungsberechtigten etwas entfernt. Ich hatte das Gefühl, dass Stephan immer dichter an mir herankam. Mir wurde das ziemlich unangenehm und so wich ich aus, bis ich knapp auf der Straße ging.
" Ich würde an deiner Stelle aufpassen. Wenn ein LKW kommt...".
" Ach, was. Du brauchst nicht den Aufpasser zu spielen. Ich bin alt genug ".
Teddy zog in die linke Richtung, was mich dazu verleitete, ebenfalls nach links zu gehen. Und da war die Straße. Hinter mir hörte ich das Schreien meiner Mutter gemixt mit einer tiefen, lauten Hupe. Bevor ich ansatzweise reagieren konnte, packte mich Stephan am Arm und zog mich zurück auf den Bürgersteig. Perplex landete ich in seine Arme und krallte meine Finger automatisch in seine Jacke. Wir blieben so lange in dieser Position, bis Thomas und meine Mutter angerannt kamen.
" Mensch Kind. Was machst du nur für Dummheiten?".
" Hast du dich verletzt?".
" N-Nein, alles gut ".
Meine Mutter nahm mich erleichtert in den Arm, während Thomas meinen Klassenkamerad für die schnelle Reaktion unaufhörlich lobte. Aus reiner Geste umarmte meine Mutter auch Stephan, der das mit Humor nahm und mir lächelnd zuzwinkerte. Ich stand immer noch etwas unter Schock und merkte nur, wie Teddy neben mir winselte. Er hatte ebenfalls einen gehörigen Schreck bekommen. Thomas nahm mir die Leine ab und ging mit meiner Mutter vor, während Stephan und ich das Schlusslicht bildeten. Als die beiden ausser Hörweite waren, traute ich mich wieder zu sprechen.
" Danke ...".
" Keine Ursache. Zum Glück ist nichts passiert ".
" Ja..danke ".
Lässig legte Stephan einen Arm um meine Schulter und drückte mich an sich heran, bevor er wieder von mir abließ. Vielleicht hatte ich ihn doch falsch eingeschätzt. Ach was, ich sollte nicht auf so komische Gedanken kommen. Er war bestimmt nur in der Laune, mir zu helfen. Sonst hätte er mich gewiss abkratzen lassen.
Als wir das Fest betraten, war die komplette Meile voll mit Fressbuden und es gab sogar einen Kandies Shop. Es wurde Musik gespielt und allein der Geruch zog Menschenmassen auf die Reeperbahn. Ich fühlte mich etwas fremd zwischen den vielen Leuten, die sich anscheinend alle dutzen. Jeder kannte jeden, es kam das gebürtige Hamburger Platt zu Ohren. Der Geruch der Candys, der Würste und der Zigaretten luden zum Fest ein. Wir drängelten uns zwischen den vielen Mensche, die mit Bier oder alkoholfreien Getränken ihren Tag genossen. Fasziniert musterte ich jedes Gebäude und jeden Menschen. Jeder, der meinen Blick teilte, lächelte mich freundlich an. Sogar manche Jugendliche, darunter auch Jungs. In diesem Moment konnte Stephan sich einen Spruch natürlich nicht verkneifen und musste damit jegliche gute Laune zerstören.
" Lass dich mal nicht auf irgendwelche Jungs ein. Du willst doch deinem englischen Freund treu bleiben ".
" Sein Name ist John, und mach dir keine Sorgen. Ich werde hier mit niemanden etwas anfangen ".
" Auch nicht mit mir?".
" Träum weiter ".
Thomas kaufte uns allen eine Portion Pommes mit Bratwurst und als Present eine Tüte Candys von Kandies Shop. Obwohl ich gedacht hätte, Stephan würde seinen Manieren freien Lauf lassen, verhielt er sich sichtlich anständig. Ich war ziemlich überrascht von seiner harmlosen Seite, abgesehen von vereinzelten Sticheleien mir gegenüber. Viele Stripclubs und Eroticbars waren tagsüber geschlossen, ausser allgemeine Kneipen für Jung und Alt. Wir ließen uns im Gretel und Alfons nieder und tranken zur Feier eine Flasche Bier. Für viele das Grauen am Morgen, doch für die Hamburger ein Klacks. Am Tisch fragte meine Mutter Stephan etwas aus über Schule, Familie und was er gerne in der Freizeit machte. Ich kam mir vor wie auf einem Blind Date. Stephan musste sich natürlich neben mich setzten und jetzt saß ich da, den Blick abgewendet auf die Juckbox, die gerade Bill Hailey mit Rock Around the Clock spielte. Wenn John und seine Mates hier wären ... den hätte es bestimmt gefallen.
" Hallo? Erde an Dani?".
" Ehm ... was?".
" Ist alles okay, Liebes? Bist bestimmt noch etwas unter Schock wegen vorhin. Wir können Stephan danken, der er in dem Moment gerade bei dir war ".
" Ja ... ich habe ihm auch schon gedankt ".
" Das ist ja auch richtig so, Dani ".
Meine Mutter unterhielt sich weiterhin mit Stephan, während Thomas versuchte ebenfalls ein Gespräch mit mir aufzubauen. Es erschien mir eher wie eine Diskussion .. über eine Person. Er beugte sich leicht über den Tisch, damit die anderen beiden nichts mitbekamen.
" Ich weiß, du magst Stephan nicht besonders. Hier hattet vielleicht einen schlechten Start, aber schau doch. Er ist doch ein netter Kerl und er hat dir das Leben gerettet ".
" J-Ja das gebe ich auch zu ... aber er ist so unberechenbar. Seine Art provoziert total. Sein Ego ist gar nicht auszuhalten. Ich weiß nicht, was ich von ihm halten soll ".
" Da habe ich eine grandiose Idee!".
" W-Was..?".
Er wendete sich mit einem Lächeln zu Stephan, der mit meiner Mum anscheinend viel Spaß hatte. Ich verzog das Gesicht und nippte an meinem kalten Bier. Sein Blick einfach ... der provozierte mich jetzt schon. Und er hat nicht mal einen Ton zu mir gesagt.
" Stephan, was hälst du davon, wenn ich dich heute abend zum Essen einlade? Dann könntet ihr beide euch doch besser kennen lernen ".
Ich verfluche dich, Thomas. Ich verfluche dich!
" Das ist total nett von dir. Klar, ich komme gerne. Dani besser kennenzulernen kann bestimmt nicht schaden ".
Er gab mir einen flirtreichen Blick, den ich mit verdrehten Augen abturnte. Ich warf Thomas einen verärgerten Blick zu. Dieser beachtete mich gar nicht und scherzte mit meiner Mum und Stephan herum. Waren nun wirklich jeder von allen guten Geistern verlassen? Bin ich die einzig Normale hier in dieser Stadt?
John, hilf mir..!
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