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P.O.V. Bradyn
Ich stürme die Treppe zur Veranda hoch.
Ohne zu überlegen, drücke ich die Klinke herunter. Die Tür ist offen und ich stolpere in den Flur.
Es riecht wie immer.
Liz muss wieder gebacken haben.
Verdammt!
Ich drehe mich wieder zur Tür um. Ich bin sowieso zu spät.
Dieser Emil sitzt schon im Auto und wartet auf seinen Liebsten. Ich werde keine Gelegenheit mehr bekommen, mit Mica zu reden.
Wenn ich seiner Mutter doch nur gesagt hätte, dass ich gestern zu lange gefeiert habe und deswegen nicht kommen kann!
Aber Liz hätte das nie akzeptiert. Und tief in mir, will ich ihn noch einmal sehen.
Ich will ihm in die Augen schauen und ... Ich weiß es nicht.
Beinahe auf Zehenspitzen bewege ich mich durch den Flur.
Oben höre ich Stimmen. Das Wohnzimmer scheint leer.
Da höre ich ein Geräusch in der Küche.
Ich muss Micas Seufzen nicht hören, um zu wissen, dass er es ist.
Mein ganzer Körper signalisiert mir, dass er sich in diesem Raum befindet.
Ich lehne mich gegen den Türrahmen und betrachte Micas schmale Schultern.
Sein Kopf hängt, dann hebt er ihn und blickt aus dem Fenster.
Für einen kuren Moment sehe ich das Blau seiner Augen aufblitzen, als das schwache Sonnenlicht in sein Gesicht fällt.
Sein perfektes, makelloses Gesicht, das ich in meinen Händen halten will.
Es kostet mich eine ganze Menge Selbstbeherrschung, nicht auf ihn zu zustürmen und mein Gesicht in seinen Haaren zu vergraben.
Ich will nicht, dass er geht. Und doch habe ich ihn davon geschickt.
Ich räuspere mich und lasse damit eine Welle des Schocks durch den zierlichen Körper vor mir laufen.
"Hey."
Meine Stimme klingt fremd in meinen Ohren.
Mica fährt herum. Entsetzen und Ekel zieren seine Züge. Er klammert sich an der Arbeitsfläche fest, während ich alles daran setzte, ihn nicht an mich zu ziehen.
"Was willst du hier?", spukt er mir entgegen.
"Deine Mutter hat mir gesagt, dass ihr heute abfahrt."
Du und dieser Strich in der Landschaft, füge ich in meinem Kopf spöttisch hinzu.
"Ich sollte vorbeikommen und mich verabschieden."
Er weicht vor mir zurück, angespannt und mit diesem Glimmen in den Augen.
Er weicht vor mir zurück, während ich meine Füße dazu zwingen muss, an Ort und Stelle zu verweilen, um ihn nicht anzufallen.
Ich versuche meine Stimme wiederzufinden. Ich versuche, den Mut aufzubringen, den Mund aufzumachen und ihm endlich zu sagen, was ich sagen will.
Was ich sagen muss.
"Ich weiß, das ist nicht gerade ... angepasst. Aber ich konnte schlecht Nein sagen. Unter welchem Vorwand?"
Ich beiße auf meine Zunge.
Etwas Besseres fällt mir nicht ein?!
Ich wünschte, Mica würde mich ansehen, mich noch einmal in seine Augen blicken lassen.
Aber er starrt abweisend aus dem Fenster. Seine Brust hebt und senkt sich schwer und langsam. Fast so, als ob er sich auf seine Atmung konzentrieren würde.
Jedes kleine Detail an ihm fällt mir auf.
Es überfordert mich beinahe, weil ich jede Einzelheit an ihm in mich aufsauge.
Jede Bewegung mit den Fingern, jedes Zucken der Augenbrauen fällt mir auf und ich sehen mich danach, seinen Körper mit meinen Fingerspitzen entlangzufahren.
Ich bemerke, wie der feine Stoff seines lilafarbenen Pullovers über seine linke Schulter rutsch.
"Vielleicht hättest du einfach mal gelogen? Dir was ausgedacht? Ich dachte, dass kannst du so gut."
Micas Worte treffen mich wie harte Schläge.
Ich balle die Fäuste und sammle meine Worte.
Ich muss ihm sagen, dass es mir leid tut und dass ich all das meiner Mutter und meinem Vater zu liebe mache. Ich muss ihm sagen, dass ich nicht stark genug bin.
"Das waren deine letzten Worte. Danke und Tschüss", schnaubt er.
Ich bin wie gelähmt. Mica ist so anders. Er hasst mich.
"Können wir nicht einfach -"
"Reden?", unterbricht er mich.
Seine Lippen bewegen sich weiter, aber ich höre nicht auf die Laute, die über sie kommen.
Ich will sie nicht hören.
Doch sein letzter Satz ist laut genug, um zu mir durchzudringen.
"Der Zug ist abgefahren, Harris."
Ich hasse es, wenn er mich so nennt.
Es erinnert mich daran, wer ich bin und von wem ich diesen Namen habe.
Von meinem Vater. Und seinetwegen kann ich Tiffany nicht aufgeben.
Ich blinzele nicht einmal, als sich Mica an mir vorbeidrückt.
Es ist vorbei. Ich habe ihn verloren - genau das wollte ich schließlich.
Dennoch greife ich nach seinem Handgelenk und versuche ihn aufzuhalten.
Zu meiner Verwunderung lässt er es zu und dreht sich wieder zu mir.
"Bradyn ..."
Seine weiche Stimme küsst mich und ich lasse seine Hand fallen.
"Dir tut gar nichts leid."
Ich reiße die Augen auf, will widersprechen, versinke aber in Micas Augen.
"Mir tut auch nichts leid", haucht er dann auf mich herunter.
"Außer vielleicht, dass ich auf dich reingefallen bin. Aber ... du hast mir gezeigt, wie gut zwei Menschen zusammen sein können."
Mit diesen Worten holt er mich zurück nach New York, zurück in unser Zimmer, zwischen unsere Bettlaken.
Aber dann steht da plötzlich wieder Mica vor mir, angezogen und im Flur seiner Eltern und sagt mir, dass er sich geoutet hat.
Panik überfällt mich.
Wenn es seine Eltern wissen, werden sie verdacht schöpfen, sie werden hinterfragen, was wir in New York gemacht haben!
War das der Grund, warum Liz wollte, dass ich herkomme? Weil ich mich konfrontieren will?
Micas Stimme holt mich zurück in die Wirklichkeit.
"Wahrscheinlich habe ich nur durch dich den Mut dazu gefunden. Weil ich so unglaublich sauer war."
"B - Bist du das denn jetzt nicht mehr?", frage ich verunsichert.
"Doch. Ich werde dir dieses Spiel auch nie verzeihen, aber ich werde meine Zeit nicht an dich verschwenden. Du musst wissen, wo dein Leben hinführen soll. Ich weiß nur, dass ich mein Leben nicht auf so vielen Lügen aufbauen will, wie du es tust."
Ich wanke zurück.
Mica scheint nicht zu bemerkten, was mir seine Worte antun.
Aber ich habe es verdient. Ich habe all diesen Schmerz verdient.
Ich will ihm genau das sagen, aber er kommt mir zu vor und seine Lippen teilen sich erneut.
"Wahrscheinlich waren wir von Anfang an dazu bestimmt, uns für immer voneinander zu verabschieden."
Er entfernt sich von mir.
Jeder Muskel in mir spannt sich an. Ich will die Hand heben und ihn berühren, ihn aufhalten, ihn küssen.
Aber Mica geht und redet mit seiner Mutter, die an der Treppe aufgetaucht ist. Wie lange hat sie dort schon gestanden?
Alles zieht an mir vorbei, ich sehe nur Mica und die Art und Weise, wie sich sein Oberkörper bewegt, wenn er spricht.
Ich fühle rein gar nichts mehr, bis Mica die Haustür hinter sich zuzieht.
Warum mache ich immer nur alles falsch?
Ich folge ihm mit langen Schritten, ignoriere seine Mutter und seine Brüder.
Ich muss ihm noch ein letztes Mal in die Augen sehen.
Ich bin schon immer schneller als Mica gewesen. Aber heute fällt es mir schwer ihn einzuholen.
Es wirkt beinahe so, als ob er vor uns davon läuft und ich zurückgezogen werde.
"Warte!"
Micas Gesicht dreht sich wieder zu mir und für eine Sekunde scheint alles gut.
"Ich musste dich nur nochmal ansehen", sage ich leise.
Mehr kann ich nicht tun.
Der Schmerz in mir hat alles absterben lassen und ich glaube, in diesem Moment ist das hilfreich.
Micas Augen schimmern.
Hoffnung und etwas anderes blitzen darin auf, aber ich wage es nicht, es als Liebe zu bezeichnen.
Ich will ihn bitten zu bleiben. Ich will ihn zum Auto schieben, damit wir das hier hinter uns bringen können.
Doch ich bleibe still stehen und bebe innerlich, als Micas Daumen einen kleinen Kreis auf meinen Handrücken malt.
"Hier lebt ein alter Mann mit einer Geschichte, die deiner sehr ähnlich ist, Bradyn ... Er heißt Jo."
Mein Name aus seinem Mund lässt mich beinahe auf die Knie sinken.
Ich halte die Nähe kaum noch aus, doch Mica redet weiter über diesen alten Mann, draußen am Rande Schenectadys.
Mica verstummt.
Ich habe seine letzten Worte nicht gehört.
"Mica ..."
"Mach's gut, Bradyn."
Er lässt meine Hand los und entfernt sich.
Mit einer fließenden Bewegung dreht er mir den Rücken zu und geht.
Meine Hand hängt nutzlos neben meinem Körper und der kalte Wind nimmt mir die Wärme, die Mica mir gegeben hat.
Er dreht sich nicht um.
Er steigt in sein Auto und fährt aus der Einfahrt.
Er lässt mich hier zurück. So wie ich es wollte.
So wie es richtig ist.
Mica verlässt mein Leben auf die gleiche Weise, wie er gekommen ist.
Unerwartet, leise, ohne großes Aufsehen.
Plötzlich und ohne einen Blick zurück.
Ich schaue seinem Wagen noch lange nach. Diesem großen, schwarzen Auto, das gar nicht zu Mica passt.
Lange nachdem er aus meinem Sichtfeld verschwunden ist, stehe ich immer noch im Vorgarten seiner Eltern und wünsche mir, dass sein Auto wieder am Horizont erscheinen würde.
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Song: Touch - Sleeping At Last
:(
Hoffe, ihr habt dieses Kapitel trotzdem enjoyed hrhr
Es liegt wieder Schnee! Zwar nur sehr wenig, aber ... Schnee hehe
Seid ihr eine Person, die Abschiede gut wegsteckt oder ist das jedes Mal schwer für euch?
Bei mir kommt es drauf an. Abschied von etwas toxischem - Tschau I'm happy! Abschied von etwas/jemandem wo Gefühle, Erinnerungen dranhängen & dann auch noch ein Abschied für immer ... ganz schlecht xD
Genießt noch den Rest-Sonntag <3 macht es euch gemütlich <3
All my Love,
Lisa
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