-19-
Kat
Der ganze Raum ist dem Duft nach frischer Wandfarbe gehüllt und ich bin von oben bis unten mit Farbklecksen voll. Aber nicht, weil ich unfähig zum Malen einer Wand bin, sondern weil Luke ein Idiot ist.
Die ganze letzte Woche, wurden im neune Cafe von Luke die Möbel herausgerissen und neue Installationen verlegt. Und heute sind die Wände dran. Luke meinte, er will das selbst machen. Und ich als seine irgendwie feste Freundin muss da natürlich helfen, obwohl ich hundert andere Dinge zu tun habe. Wie zum Beispiel, einen Blogeintrag zu schreiben, Fotos zu schießen und die letzten Bilder von den Cupcakes zu bearbeiten und hochzuladen, oder einfach mal was für die Uni zu tun. Aber Luke hat mich so unschuldig angesehen, da konnte ich nicht abschlagen. Und ich will einfach Zeit mit zu verbringen.
Zwischen uns läuft es wirklich gut. Wir machen uns keinen Druck, wir lassen uns treiben und sehen was passiert. Ich gebe es zu, anfangs war es komisch mit seinem besten Freund Dinge zu tun, die man eigentlich mit seinem festen Freund macht. Aber Luke und ich sind uns so vertraut, dass es gar nicht lange komisch war. Im Gegenteil. Manchmal kann ich einfach nicht die Finger von ihm lassen und würde im am liebsten sofort ins Bett zerren. Aber so weit sind wir noch nicht. Ich glaube, wir müssen uns erst auf diese neue Art und Weise kennen lernen, bevor wir ins Bett hüpfen.
„Dir ist klar, dass ich die Klamotten jetzt wegschmeißen muss, oder?", erkläre ich ihm ernst. Ich sehe ihm zu, wie er auf der Leiter balanciert und den oberen rest der großen Wand hinter der Theke streicht.
„Baby, jeder weiß, dass man zum Streichen keine schönen Klamotten anzieht. Du bist also selbst schuld.", sagt er völlig ernst und zuckt bloß mit den Schultern.
Hätte er mich nicht Baby genannt, würde ich ihn jetzt von der Leiter runter schmeißen. „Wie witzig. Heute Morgen wusste ich noch nicht mal, dass ich zum Arbeiten auf einer Baustelle eingeteilt werde.", protestiere ich.
„Über die Phase einer Baustelle sind wir schon längest hinweg.", sagt er. „Kannst du mir das mal abnehmen?" Ich schnaube, gehe aber zu ihm und tue was er von mir will. Luke steigt von der Treppe und grinst mich an, während er die Leiter schnappt. „Nur noch eine Wand, dann bist du von deinen unmenschlichen Qualen erlöst."
Ich erwidere sarkastisch sein Grinsen und verschränke die Arme vor der Brust. Im nächsten Moment drückt er mir einen Kuss auf den Mundwinkel, aber nur kurz. Dann geht er an mir vorbei und macht sich an die letzte Wand.
„Ach ja, die Mädels kommen dann kurz vorbei.", sage ich und mache mich ebenfalls ans Werk. Ich habe ihnen erzählt, dass Luke und ich in seinem neuen Laden sind, und Alice meinte sofort, dass sie und Rose vorbeischauen. Die beiden hätten mal früher kommen sollen und uns helfen können. Aber genau wie ich, sind sie Verweigerer von körperlicher Aktivität.
Luke hält plötzlich in seiner Arbeit inne und sieht zu mir hinab. „Habt ihr den Nonnen-Pakt wieder verworfen?"
„Nein, warum?"
„Na ja, ich bin zwar kein Spezialist was solche Verschwörungen zwischen besten Freundinnen angeht, aber soviel ich weiß, verstößt du in allen Punkten.", sagt er nüchtern und zieht eine Augenbraue hoch.
Ich seufze. „Ich weiß. Aber ich möchte ihnen noch nichts von uns erzählen. Erstens weil die Abmachung noch ungefähr 11 Monate dauert und zweitens, weil wir erst rausfinden sollten, wie es mit uns läuft." Ich fühle mich schlecht, weil ich meine beiden besten Freundinnen so belüge und hintergehe. Aber ich konnte nicht anders. Das zwischen Luke und mir muss geklärt werden. Ich will herausfinden was das zwischen uns ist und was daraus werden kann. Und Luke geht es genauso. Er zeigt mir, dass er sich Mühe gibt, dass zwischen uns alles gut läuft.
„Glaubst du, die anderen beiden halten sich daran?", fragt er und streicht weiter.
Ich zucke mit den Schultern. „Ich weiß nicht, aber ich glaube schon. Beide hatten niemanden als wir das beschlossen haben. Alice ist aus einer Beziehung in einem One-Night-Stand gelandet wo sie gesagt hat, dass sie diesen Kerl nie wieder sehen will. Und Rose ...", aber ich stoppe mitten im Satz, weil Luke seinen Roller fallen lässt und mich überrascht ansieht. Ich sehe ihn an und runzle die Stirn.
„Warte, was? Alice hatte einen One-Night-Stand? Ich wusste gar nicht, dass sie diesen Begriff überhaupt kennt."
„Tja, ob du es glaubst oder nicht. Wir waren auch sehr überrascht.", sage ich und gebe Luke den Roller zurück.
„Hat sie erzählt, wer der Kerl war oder wie der aussah?", hakt Luke weiter nach. Er fixiert mich und wartet gespannt auf eine Antwort von mir. Kurz bin ich irritiert, warum es sich für Alice One-Night-Stands so interessiert, aber dann neige ich den Kopf schief und sehe ihn an. „Du kannst gerne nächstes Mal bei unserem Mädels Tag dabei sein, wenn du so gerne über das Aussehen von Jungs sprichst.", sage ich zuckersüß und grinse ihn an.
Luke lässt die Schultern hängen. „Nein, Quatsch. Am Ende bekomme ich auch noch meine Tage und klage über Bauchkrämpfe. Jetzt sag schon."
Ich zucke mit den Schultern. „Nein, nur dass sie ihn in einer Bar kennen gelernt hat, mehr nicht." Ich beobachte Luke wie er an mir vorbeisieht und leicht mit dem Kopf nickt. Ich will in fragen, ob er etwas weiß, weil er inzwischen auch mit Rose und Alice gut befreundet ist, aber in dem Moment öffnet sich die Türe.
Ich drehe mich um und sehe Alice und Rose hereinkommen. Beide lassen ihren Blick durch den Raum schweifen, während ich auf sie zu gehe.
„Luke, das sieht echt gut aus.", platzt es aus Rose heraus und nickt eifrig.
„Und ihr wart verdammt schnell mit den anstreichen.", meint Alice und steckt ihr Handy in die hintere Hosentasche.
Bevor ich etwas erwidern will, kommt mir aber Luke zuvor. „Wenn ich kurz korrigieren darf. Ich habe gestrichen, was Kat gemacht hat kann ich nicht sagen."
„Jetzt hör aber schon auf. Ich war dir eine gute Assistentin.", protestiere ich und verschränke die Arme vor der Brust. Mein ganzes Shirt klebt mir am Rücken. Wenigstens ist es jetzt schon trockener, vorhin war es noch unangenehmer. Luke tritt neben mich und ich sehe im Augenwinkel, dass er den Kopf schüttelt. Alice und Rose lachen darauf hin und ich gebe meinem Freund einen Klaps auf die Schulter.
„Was macht ihr heute Abend? Wir wollten etwas essen gegen und fragen ob ihr beide mitkommt?", fragt Rose.
Eigentlich wollten es Luke und ich auf seiner Couch gemütlich machen, weil hier nicht mehr viel zu tun ist und er darauf vertraut, dass in seinem anderen Café alles gut läuft. Ich freute mich schon die ganze Woche darauf, mit Luke endlich alleine sein zu können. Aber mit den Mädels essen zu gehen hört sich ebenfalls gut an. „Ja klar, warum denn nicht.", sage ich und sehe zu Luke. Ich sehe es ihm an, dass er am überlegen ist, ob wir den gemeinsamen Abend absagen und mit den beiden essen gehen sollen. Vor den beiden können wir bloß beste Freunde sein und das ärgert mich irgendwie.
Aber er nickt zögerlich. „Okay, hört sich gut an."
„Ich muss mich aber noch vorher umziehen. So kann ich nicht raus.", stelle ich fest und ziehe an dem klebrigen Shirt.
„Aber Kat, so kauft man dir wenigstens ab, dass du geschuftet hast, so wie du aussiehst.", meint Alice lachend.
Ich sehe sie schief an und verkneife mir ein Grinsen. „Ja ja, glaubt ja nicht ich habe mich selbst so bekleckert. Der Idiot hier hat sich einen Spaß daraus gemacht."
Alice und Rose verlassen den Laden wieder und wir machen uns aus, dass wir uns später im Lokal in der Innenstadt treffen. Luke läuft inzwischen nach Hause und holt ein altes Shirt für mich, dass ich wenigstens nach Hause fahren kann. Während ich auf ihn warte, ziehe ich mir mein bekleckertes Shirt aus und setzte ich mich in BH und Jeans auf die abgedeckte Theke des Ladens. Ich hole mein Handy hervor und checke ein paar Mails, aber als ich es wieder wegstecken will, ruft meine Mutter an.
Seufzend hebe ich ab. „Hallo Mum."
„Liebes, endlich erreiche ich dich mal.", sagt sie mit ihrer hohen Stimme in das Handy, jedoch dezent gereizt.
„Wie oft hast du denn schon angerufen?", frage ich und wundere mich gleichzeitig, da ich keinen einzigen Anruf von ihr habe.
„Nicht wichtig. Ich habe morgen Abend einen Tisch reserviert. Wir gehen morgen, essen weil ich dir etwas mitteilen muss.", sprudelt es in einem Atemzug aus ihr heraus.
Ich verdrehe die Augen, Typisch Mum. Wenn sie etwas festlegt, müssen sich alle daranhalten, egal ob gerade Welt untergeht. Sie denkt nicht daran, mich vorher zu fragen, ob ich denn Zeit habe. „Und du könntest nicht vorher fragen, ob ich schon etwas vorhabe?"
Kurz ist es still am anderen Ende. „Hast du denn etwas vor?"
Ich schnaube. Ich habe tatsächlich noch nichts vor. „Nein.", sage ich kleinlaut. In dem Moment öffnet sich die Türe und Luke erscheint wieder. Sein Blick fliegt auf mich, dann nimmt er meinen Oberkörper in Augenschein. Auf seine Lippen legt sich ein freches Grinsen, während er auf mich zukommt. Ich nehme im grinsend das Shirt ab und konzentriere mich wieder auf meine herrische Mutter.
„Gut. Ich erwarte dich morgen pünktlich. Und ziehe dir bitte etwas Anständiges an, das Restaurant ist sehr gehoben.", sagt sie und legt im nächsten Moment auf.
Ich stecke das Handy zurück in meine Hosentasche und schnaube laut auf. Luke tritt zwischen meine Beine, legt seine Hände um meine Taille und sieht mich an. „Lass mich raten. Du hattest gerade das Vergnügen mit der bissigen und gefühlslosen Mrs. Evans zu sprechen?"
Ich ziehe mir das alte Shirt von Luke über den Kopf und nicke dann. „Ganz genau."
„Und was wollte sie?"
„Sie erwartet mich morgen Abend, aufgeputzt und aufgetakelt in einem Restaurant. Sie muss mir anscheinend etwas sagen.", erzähle ich Luke und stutze die Lippen. Ich freue mich jetzt schon auf diesen Abend.
„Soll ich mitkommen?", fragt er und zieht mich näher an sich. Die Vorstellung Luke an meiner Seite zu haben, währen dich über zwei Stunden meine Mutter gegenübersitzen muss, hellt meine Stimmung wieder.
„Würdest du das tun?" Ich strahle ihn an und lege meine Arme um seinen Hals.
Luke zuckt mit den Schultern. „Ich weiß, dass du mit deiner Mutter nicht alleine sein willst. Also will ich für dich da sein."
Statt ihm zu antworten, nehme ich sein Gesicht in beide Hände und küsse ihn. Luke erwidert es sofort und ich genieße die Zeit, in der wir ungestört sind. Wo wir bloß Luke und Kat sein können, die endlich irgendwie zueinander gefunden haben.
Ich muss zugeben, dass ich nie darüber nachdachte habe, wenn Luke und ich ein Paar wären. Wir sind seit zehn Jahren beste Freunde und das war für mich okay. Wir hatten beide immer wieder Beziehung oder kurze Affären, aber zwischen uns kam so etwas nie auf. Aber seit dem wir uns geküsst haben, muss ich immer wieder darüber nachdenken, ob Luke derjenige ist, der mich immer glücklich machen kann. Die Menschen suchen doch nach jemanden, der sie für den Rest des Lebens glücklich macht. Vielleicht habe ich diesen jemand schon vor zehn Jahren getroffen, nur war immer zu blind um das zu kapieren. Ich denke über Luke jetzt völlig anders nach, als davor. Zuerst hatte ich Angst, dass wir etwas tun, dass für uns beide nicht bestimmt ist. Aber wenn mich Luke so küsst, bin ich mir sicher, dass wir keinen Fehler begehen. Wir müssen zwar erst rausfinden, ob das mit uns funktioniert, aber bis jetzt klappt es einfach nur zu gut. Ich fühle mich ihm noch näher und manchmal habe ich das Gefühl vor Glück zu zerplatzen, wenn er mich ansieht und dabei lächelt.
Ich löse mich von ihm und sehe ihn an. „Du bist der Beste, weißt du das?"
Luke grinst frech und überlegt kurz. Dann nickt er und sieht mich an. „Ja."
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