Kapitel 94
Die Pistole fiel zu Boden, zerfiel dort in all ihre Einzelteile. Mein Blick wanderte von ihr zu Hunahuna, dem Goldenen und dem Roten. Ihre Namen hatten sich mir nicht eingeprägt, weil ich sie bewusst Goldlöckchen und den Togatypen nannte. Ich schluckte hörbar, ging einige Schritte zurück. Auch heute trugen sie ihre Farben. Hunahuna glänzte in seinem schwarzen Anzug. Er sah mächtiger aus, als ich ihn in Erinnerung hatte. Goldlöckchen trug zur Ausnahme mal keine Strumpfhose, sondern einen gold-gelben Hosenanzug. Seine Haare bildeten eine Art Kranz. Ich war mir nicht sicher, ob ich deshalb weinen oder lachen sollte. Der Togatyp wirkte auf mich wie beim letzten Mal. Er war keinen Tag gealtert, seine Langeweile nach wie vor mehr als sichtbar, lediglich seine rote Toga war ein Stück verrutscht. Ansonsten strahlten sie dieselbe Macht aus wie beim letzten Mal - allen vorneweg natürlich Hunahuna. "Cherubyn", sagte dieser. Plötzlich stand er vor mir und nahm meine Hand in seine, küsste sie leicht. Ich starrte ihn perplex an. "Wir hatten beim letzten Mal kaum Zeit, uns miteinander bekannt zu machen." Er lächelte. Sein Lächeln verriet mir eines: Er wusste etwas, von dem ich nichts wusste. Super. Das minderte meine Angst nicht im geringsten. Im Gegenteil! Ich zitterte noch viel stärker als ich es getan hatte, bevor sie aufgekreuzt waren und meinen perfekten Plan zerstört hatten. Insgeheim war ich allerdings auch erleichtert, da sie mich daran gehindert hatten, die Pistole zu benutzen. Niall hatte definitiv richtig gelegen. Ich wollte nicht so schlecht sein wie Kim. Das fiel mir früh ein, ich weiß.
"Du zitterst ja", stellte Humbalumba fest. Er drehte sich zu seinen Anhängern um. "Sie zittert!" Er lachte gespielt amüsiert auf. Wozu zog er diese Show ab? Hoffte er darauf, vor ihnen gut darzustehen, wenn er mich zuerst bezirzte? Auf sowas fiel ich nicht rein. Ich rückte von ihm ab, entriss ihm meine Hand förmlich. Dieser Mann sollte seine Finger bei sich behalten. Ich spürte Nialls Hände an meinem Rücken. Er stützte mich und sofort entstand eine ungewohnte Wärme an dem Punkt, an dem er mich berührte. Beinahe wäre ich rot angelaufen. "Du brauchst dich nicht fürchten." Humbalumba deutete meinen Rückzug anscheinend falsch als Angst. Eigentlich fürchtete ich mich zwar schon, aber ich ekelte mich mindestens genauso sehr. Diese Menschen brachten Niall dazu, sich selbst zu töten. Sie brachten Kim dazu, andere zu emorden - unschuldige Menschen, die nichts damit zutun hatten. Sie töteten Babys, bloß weil sie eine Gabe erbten, die vermeindlich das Ende der Welt bedeutete. Andernorts hätte man sie dafür gehängt. Wie funktionierte es? Wie schafften sie es, diese ganzen Leute zu töten und ungeschoren davon zu kommen?
"Ich fürchte mich nicht", gab ich zurück. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Das Lächeln auf seinen Lippen verlor keine Sekunde an Höflichkeit. Elender Mistkerl. "Das solltest du aber", murmelte Togatyp. Er runzelte die Stirn, starrte unentwegs Hunahunas Rücken an. Ich schätzte, der Togatyp arbeite als Sklave für ihn. Schnaubend fuhr ich mir durch die Haare. Diese Geste sollte selbstbewusst und mutig wirken, aber sie wirkte überflüssig. Nialls Hände wanderten zu meiner Taille. Er zog mich an sich, kaum merklich. Niemand außer mir konnte es bemerken. Doch es gab mir ein Gefühl der Sicherheit. Seine Nähe, seine Wärme, seine Berührung - Niall insgesamt in meinem Rücken. "Wieso schnaubst du?", fragte Hunahuna. Wirklich? Das fragte er noch? "Was denn, wollen sie nicht irgendein Messer zücken und uns erstechen?" Ich konnte nichts an dem Hohn in meiner Stimme ändern. Endlich verrutschte sein Grinsen einen Millimeter. Der Punkt ging an mich. "Versuch, dich ein bisschen zu zügeln", raunte Niall mir ins Ohr. Er hatte leicht reden. Wer hielt sich denn aus allem raus und überließ mir die Drecksarbeit? "Der Junge hat recht", warf Togatyp wieder ein. Er war wohl zuständig für total hilfreiche Kommentare. "Kalag!", zischte Hunahuna. "Wenn du etwas sagen sollst, erteile ich dir den Befehl dazu." Oh. Sklaverei. Hunahuna gehörte hinter schwedische Gardinen. Er brach mehr Regeln, als ich mir jemals ausgemalt hätte. "Und was dich angeht, Niall." Nialls Hände an meiner Taille verkrampften sich. "Zuerst einmal, lässt du dieses Mädchen los. Dann bitte ich dich darum, zu mir zu kommen." Er tat wie ihm befohlen.
Meinen Körper durchfuhr ein Zucken, als er mich losließ und ein zweites Zucken als er neben dem Monster höchstperönlich stand. In seinen Augen stand kein Gefühl geschrieben, nichts, das darauf schließen ließ, dass er Angst hatte. Hunahuna bewegte die Hand. Es knirschte neben meinen Füßen, während die Pistole sich wieder zusammenbaute. Nein. Ich stieg mit einem Fuß darauf. "Stopp", sagte ich und schaute ihm direkt in die Augen. Niall wandte den Blick ab, ehe er: "Ruby, das geht in Ordnung", erwiderte. "Nein", entgegnete ich. Absolut gar nichts ging hier in Ordnung. Was bildeten sie sich ein? Mit dem Tod spielte man nicht. Sogar Monster wie sie es waren, forderten den Tod nicht heraus. "Niall soll nur erledigen, was er längst hätte tun müssen." Humbalumba umfasste Nialls Handgelenk, so fest, dass dieser leicht zusammenzuckte. Er hatte Schmerzen. Vielleicht erkannte das niemand außer mir, weil Niall es beherrschte, seine Gefühle zu verstecken. Doch ich sah es in all seinen Bewegungen. Selbst in den klitzekleinen. "Und was dann? Bitte, das ganze ist doch so lächerlich. Ihr seid lächerlich! Was bringt es euch, wenn er sich umbringt? Es wird das Risiko nicht senken, dass ihr irgendwann die Macht verliert." Meine Stimme klang fremd. Für einen Moment schienen sie alle sprachlos. Auch Kim stand reglos da und brachte keinen Ton hervor. Hatte ihnen etwa noch nie jemand doe Wahrheit gesagt? Es war doch so! Sie würden letzten Endes verlieren. Ob Niall nun lebte oder nicht. Das trug nichts dazu bei. Er verdiente es genauso wie Hunahuna, Kalag und Goldlocke zu leben.
Wir alle verdienten es zu leben. Von den kleinen Babys, die in den See geworfen wurden, bis hin zu Kim und all seinen Auftragsmörderkumpels. Egal, was sie getan hatten und tun würden. Niemand verdiente den Tod. Mir kam diese Erkenntnis beinahe zu spät. Doch diesen drei Monstern von Oberhäupern oder wusste der Kuckuck was, würde die Erkenntnis das Leben retten - ironisch, nicht?
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