Kapitel 84
Auch mein viertes Erwachen war ganz einfach zu beschreiben: Erschreckend. Denn als ich dieses Mal die Augen öffnete, sah ich nicht nur den schnarchenden Kim an meinem Bett sitzen, sondern hinter ihm die Seele von Nialls Dad stehen. Grants Stuhl war leer. Nialls Dad hatte noch nicht bemerkt, dass ich wach war, weswegen ich mir die Zeit nahm und ihn eingehend musterte. Sein Blick lag auf Kim, so verabscheuend und niederträchtig, dass ich es selbst mit der Angst zutun bekam. Ich räusperte mich, lenkte seine Aufmerksamkeit somit auf mich, anstatt auf die Feindseligkeit zum besten Freund seines Sohnes. Weil Kim in unweigerlicher Nähe war und den Anschein erweckte zu schlafen, schwieg ich, starrte Nialls Dad bloß auffordernd an. Er ließ sich auf Grants Stuhl fallen, legte ein Bein über das andere und verkreuzte die Hände. Wieso kam er erst jetzt? Unseren Deal hatte ich vor Ewigkeiten erfüllt. "Cherubyn. Du siehst...nicht gut aus."
Seine leeren Augen, die womöglich einmal vor Selbstliebe gestrahlt hatten, glitten über mein Gesicht. Obwohl ich bislang nicht das Bedürfniss gehabt hatte, einen Spiegel zur Hand zu nehmen, wünschte ich, an der gegenüberliegenden Wand wäre einer befestigt. Hoffentlich sah ich nicht so schlimm aus, wie es seinem Blick nach zu urteilen, der Fall sein musste. Aber das trug nichts zur Sache. Am liebsten hätte ich ihn angebrüllt, beschimpft. Er verkrümelte sich mit seinen Informationen, die möglicherweise Corines Leben gerettet hätten. Nialls Dad wusste genau, wer ihn ermordet, wer die Barista verunstaltet und wer Corine das Leben genommen hatte. Er würde dafür bezahlen, dass er es mir nicht rechtzeitig gesagt hatte.
Doch Kimberley glänzte mit seiner Anwesenheit und mir blieb nichts anderes übrig, als Nialls toten Vater mit meinen Blicken ein zweites Mal zu töten. Nutzlos. "Schau mich nicht aus deinen riesigen Äuglein an wie ein Reh!", sagte er und zog die Schultern hoch. Wie ein Reh? Ernsthaft jetzt? Konnten diese Augen nicht einmal helfen, jemandem einen Schrecken einzujagen? Ich verfluchte mich selbst dafür, sie geerbt zu haben. Alles, was ich geerbt hatte, brachte mir in irgendeiner Art und Weise einen Nachteil ein. Und das gefiel mir so gar nicht. Ich deutete auf Kim. Nialls Vater sollte meine Frage richtig deuten und mir sagen, ob das Arschloch schlief oder nur so tat. Doch er runzelte die Stirn und zeigte von Kim auf sich. Ich schüttelte den Kopf. Dieser Mann war zu nichts zu gebrauchen. Er konnte mir ja nicht mal sagen, wer ihn getötet hatte. "Du musst schon mit mir reden. Ich kann keine Zeichensprache." Enttäuschung breitete sich in mir aus. Solange ich mir nicht sicher sein konnte, ob Kim mithörte, nutzte mir die Anwesenheit der Seele nichts. Ich öffnete den Mund...und schloss ihn wieder. Dieses Risiko wagte ich nicht, einzugehen. "Na schön. Wenn du nicht mit mir redest, kehre ich ein andermal zurück", sagte Nialls Dad. Ich schlug mir die Hand gegen die Stirn. Jetzt wusste ich, wie sich Stumme fühlen mussten. Man schien mich für verrückt zu halten. Ich versuchte mit allen Mimiken und Gestiken Griffin zum Bleiben zu überreden, aber er reagierte lediglich mit einem verwirrten Augenaufschlag. Seelen konnten so dumm sein. Sowohl die Barista als auch Nialls Dad besaßen wohl kein Gehirn mehr seit sie umgekommen waren - natürlich wusste ich nicht, inwiefern sie überhaupt mal eines gehabt hatten. Irgendwann reichte mir das sich bietende Schauspiel.
"Warte!", krächzte ich, um einen Tonfall bemüht, der Kim, wenn er denn schlief, nicht aufweckte. Nialls Dad legte den Kopf schief. "Keine Sorge. Ich verschwinde ja nicht für immer", spottete er. Erneut schüttelte ich den Kopf um ihn am Gehen zu hindern. Er sollte mir endlich sagen, wer der Täter gewesen war. Damit ich Corine rächen konnte. Koste es, was es wolle. Sie hätte das selbe für mich getan. "Wann?", fragte ich, während ich Kimberley einen Blick zu warf. Nialls Dad schien zu überlegen, dann antwortete er: "Bald." Das war nicht fair. Bei Gelegenheit würde ich Niall sagen, von was für einem Menschen er abstammte. Niall. Der Gedanke an ihn war verschwommen. Irgendwie waren all meine Erinnerungen verschwommen.
Als ich darüber nachdachte, was in jener Nacht geschehen war...fielen mir nur Bruchstücke ein. Ich zweifelte nicht daran, dass dies etwas mit Grants Mittel zutun hatte. Dabei musste ich mich erinnern! Das einzige, das ganz klar in meinem Gedächtnis war, war Corines Tod. Ihr Leichnam, dessen Kopf einen Biss davon getragen hatte. Ich schauderte. Als ich zurück zu Nialls Dad schaute, war er längst über alle Berge. Kim räkelte sich und gähnte. Ich hätte meinen Ring darauf verwettet, dass er nicht geschlafen hatte. Kim spielte ein Spiel. Irgendeines. Und ich würde noch herausfinden, um welches Spiel es sich handelte. Keine Minute, nachdem er gegähnt hatte, kam Grant zur Tür herein. Als er sah, dass wir beide wach waren, platzte er sofort mit einer Neugikeit heraus. "Die Cops wollen mit dir reden, Ruby."
Er wechselte einen Blick mit Kim. "Warum?", fragte ich. Ich konnte ihm nicht folgen. Weshalb sollten die Cops nach einem Gespräch mit mir fragen? "Es geht um Samstagnacht. Sie wollen es geschildert bekommen. Aus deinem Mund. Diese Frau - wie war ihr Name noch gleich - meinte, sie könne nicht mehr länger warten." Aber...Ich schlug mir die Hände vors Gesicht. Ich konnte mich nicht erinnern. "GGG", sagte ich, um Fassung bemüht. "Das alles ist...weg." "Wie...weg?", wollte Kim wissen. Er stand auf und ging um den Stuhl herum. "Einfach weg. Ausgelöscht. Meine Erinnerungen." Grant wirkte, als sei ihm das nahezu bewusst. "Das hast du mit Absicht getan", stellte ich fest. Dann kniff ich die Augen fest zusammen. "Warum? Warum nimmst du mir das?" Tränen traten mir in die Augen, weil ich beim besten Willen keine Ahnung hatte, was zu Corines Tod geführt hatte. Und das grämte mich. Wie sollte ich ihren Mörder entlarven, wenn ich nicht mal das Vorspiel ihres Todes wusste? "Zu deiner eigenen Sicherheit. Sie werden nicht immer fort bleiben, deine Erinnerungen. Irgendwann...kehren sie zurück." Irgendwann? "Und was soll ich der Polizei erzählen? Tut mir leid, mein Pflegevater hat mir all meine Erinnerungen an diese Nacht genommen, bis auf den Tod meiner besten Freundin!" Ich raufte mir die Haare. Die würden mich doch ins Irrenhaus bringen. Oder schlimmer, zurück ins Waisenheim. "Du sagst die Wahrheit. Dass du dich nicht erinnern kannst." Ahja. Die Wahrheit. So sah die Wahrheit in seinen Augen aus? Sollte ich jetzt eigentlich lachen oder weinen?
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