Kapitel 82
Als ich zu mir kam, war das erste, das ich sah, Blut. Ich wusste, dass ich in einer Blutlache lag, bevor ich an der Flüssigkeit gerochen hatte - ehrlich gesagt, hatte ich auch nicht vor, an ihr zu riechen. Fast sofort traten mir Tränen in die Augen, weil ich mich zurückversetzt fühlte in die Nacht, in der...Das tote Schwein. Doch, dass ich mich erinnern konnte, bedeutete, dass ich lebte. Ich war nicht gestorben. In einem Versuch, mich aufzusetzen, spürte ich einen stechenden Schmerz in meiner Schulter, also blieb ich liegen. Die Farbe des Blutes brannte sich in mein Sichtfeld ein wie eine Brandwunde. Alles, was ich sah, wurde in rötliches Licht getunkt. Es gab kein Entkommen. Das zweite, das ich wahrnahm, war noch schrecklicher. Corine.
Sie lag neben mir, kaum einen Meter. Ich horchte auf ihren Atem - hörte ihn nicht. Versuchte, zu ihr zu robben, nach ihrem Puls zu schauen - vergeblich. Ehe ich einen Zentimeter von der Stelle kam, fiel mir ihre komische Lage auf. Der Kopf schien komisch verdreht, viel mehr, als es einem Menschen möglich gewesen wäre. Außerdem zeichnete sich ein Biss an der einen Hälfte ihres Schädels ab. Gott, bitte...nein. Weitere Tränen bildeten sich und ich kämpfte nicht länger gegen sie an. Corine war tot. Gestorben. Nur wegen dieser Mutprobe. Man hatte sie so getötet wie Nialls Dad und die Barista. Einen schlimmeren Tod wollte und konnte ich mir nicht vorstellen. Ich schluchzte, während mir die Tränen über das Gesicht liefen, unaufhaltsam. Wie ein Wasserfall. Gleichzeitig hatte ich so starke Schmerzen, dass ich würgen musste. Mein Magen rebellierte. Nie wieder würde mir jemand Geschichten über seine komischen Verwandten erzählen. Nie wieder würde ich mit jemandem über Schnurbärte ablästern können, Claudine verfluchen oder einfach nur... Ich würde nie wieder mit Corine reden können. Weil sie umgekommen war. Jede Sekunde, die verging, brachte mir diese Information näher. Jeden Atemzug, den ich tat, bereute ich. Corine verdiente es zu leben. Ich nicht.
Sie hätte den Sturz aus der Höhe überleben müssen. Ich nicht. Die Trännen rannen mir sowohl über das Gesicht, als auch über meinen Hals, die Arme entlang, bis sie auf dem ausgetrockneten Boden unter mir ankamen. Ich wandt den Blick von meiner einst besten Freundin ab und suchte nach Matthew und den Trümmern des Baumhauses. Verkokelte Wände lagen kreuz und quer herum, aber keine Spur von Matthew. Das war beinahe noch schlimmer, als wenn er ebenfalls gestorben wäre. Im nächsten Moment kam mir die Galle hoch. Ich musste mich aufsetzen um mich zu übergeben. Meine Schulter weigerte sich partou den Befehlen zu gehorchen, die ich ihr gab. Sie war steif und irgendwie unbeweglich. Ich hatte das Gefühl, alles verloren zu haben, was einen Sinn in meinem Leben gemacht hatte. Sogar in der eisigen Kälte im Baumhaus hätte ich im Augenblick lieber gesessen, als dort inmitten der kaputten Einzelteile jenen Baumhauses, das ich zuvor mit Niall besucht hatte. Ich atmete tief durch, schluckte die hochkommende Galle hinunter und besah mich der Blutlache. Tatsächlich lag ich quasi in ihr wie in einer Badewanne. Ich hatte nicht die nötige Kraft mich aufzuhalten. Ein nervenzerreißender Schrei hallte durch die Nacht. Er gehörte zu mir. All dieser Schmerz, der mich innerlich zerrissen, mein Herz zerstört, hatte, war in diesem einen Schrei zu hören. Selbst in New York mussten die Leute meinen Schrei gehört haben. Ich schluchzte, Rotz lief mir aus der Nase und die Tränen versperrten mir die Sicht. Ein Vorteil, wenn man bedachte, dass vor mir Corine und hinter mir das Baumhaus lag. Corine.
Und da steigerte ich mich noch mehr in die Heulattacke, als sowieso schon. Das Gefühl, das ich empfunden hatte, als ich das Foto meiner Eltern betrachtete, war nichts im Vergleich dazu. "Corine", flüsterte ich. Meine störrische Schulter ignorierend, die Zähne zusammen beißend, krabbelte ich auf die Leiche meiner Freundin zu. Ich umfasste ihren Kopf mit beiden Händen. Aber der Blick in ihre Augen verriet mir, was ich längst wusste. Corine war nicht mehr. Wieder und immer wieder spielte sich das Geschehene in meinem Geiste ab. Ich konnte nicht fassen, dass es wirklich zu ihrem Tod gekommen war. In ihren Augen stand die Angst geschrieben, obgleich sie von einem schwachen Schatten, der Leere, überschrieben wurde. Corine hatte sich gefürchtet, in den letzten Momenten ihres Lebens. Waren wir gleichzeitig gefallen? Oder sie vor mir? Oder ich vor ihr? Ich hatte jegliches Zeitgfühl verloren. Wie viel Uhr wir wohl hatten. Und hatte irgendwer womöglich bemerkt, was hier passiert war? Ein Krankenwagen, die Polizei. Jemand musste kommen und Corine retten. Zwar schien sie tot, doch...die Chance bestand, dass...Es bestand keine Chance. Meine Gedanken überschlugen sich. Corine war tot. Keine Chance. Ich lebte. Matthew war verschollen. Das Baumhaus zerstört.
Die Trümmern des Baumhauses erinnerten mich an mich selbst. In meinem Herzen sah es bestimmt ähnlich aus. Einzelne Teile verkokelt, andere beschädigt und am schlimmsten: Der Großteil fehlte. Ein riesiges Loch klaffte in meinem Herzen. Auf einmal fiel mir das Atmen schwer. Ich betastete ein letztes Mal Corines Brust, die sich weder hob noch senkte. Ein letztes Mal hielt ich das Ohr an ihren Mund. Kein Lebenszeichen. Nicht das geringste Geräusch von menschlichem Atem. Meine Tränen fielen auf ihren toten Körper, vermischten sich mit dem Blut, das aus der Wunde an ihrem Kopf geflossen kam. Ich ließ nach. Ließ dem Widerstand nach und gab mich ganz dem Schmerz hin, der mich durchzuckte. Kreischend vor Schmerz robbte ich weg von Corine, weg von der Blutlache, deren Blut aus dem Nichts gekommen sein musste. Ich blutete nicht. Und das Blut aus Corines Wunde reichte niemals um eine solche Menge...Matthew. Was machte er durch? War er tot? Immer wieder stellte ich mir die selben Fragen.
Gefangen in einem Teufelskreis, schrie ich den Wald zusammen und fiel irgendwann erschöpft in Ohnmacht. Und ich dachte, mir einzubilden, dass Corine nach mir rief.
endlich omg ich sterbe vor Aufregung xxx
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