Kapitel 77
Wir führten einige Minuten lang Smalltalk über dies und das. Seine Schulwoche? In Ordnung. Grant? Dem ging es gut. Wodka? Schlief seit ein paar Tagen gut. Corine? Zu diesem Zeitpunkt musste ich ernsthaft nachdenken. Was war mit Corine? Ich beschloss, dass es auch ihr ziemlich gut gehen musste. Sie beschwerte sich jedenfalls nicht und machte auch nicht den Eindruck, als sei sie tieftraurig. Dann gab ich mir einen Ruck. Irgendwie musste ich meine Fassade als ahnungsloses Häschen ja aufrecht halten. "Wegen Freitag...Was genau wolltest du denn?" Ich hielt den Pappbecher immer noch in der Hand und sein Inhalt stank abartig. Ich musste mich praktisch daran hindern, ihn aus Versehen aus zu kippen. Kim trank von seinem Becher. "Ist nicht wichtig." Er schüttete sich den Rest seines Bechers in den Rachen. Widerlich. "Wirklich", meinte er nachdrücklich, als ich die Augenbraue hob. "Okay", sagte ich gedehnt und musterte währenddessen die Partikel, die in meinem Getränk schwammen. Mit jeder Sekunde, die ich den Sud anstarrte, wurde mir übler zumute. Nicht nur wegen dem Alkohol. Das alles hier.
Es störte mich gewaltig, dass ich auf Niall und Corine gehört und hierher geradelt war. Ansonsten hätte ich nun gemütlich auf meinem Bett gelegen und gelesen. Aber nein. Ich befand mich auf dieser Lichtung und wartete darauf, dass die Uhr zwölf schlug, ganz wie Cinderella. Mit dem leisen Unterschied, dass Cinderella nicht wollte, den Glockenschlag zu hören. Ich eben schon. "Trinkst du das noch?", wollte Kim wissen. Er lallte leicht. Was war in diesem Getränk drinne? Also außer dem Alkohol. "Nein-", setzte ich an. Ehe ich mich versah, hatte er mir den Becher aus der Hand genommen und sich ebenfalls in den Hals gekippt. Zum Glück fiel ihm dann auf, dass er nichts mehr zu trinken hatte und er marschierte mit einem: "Wir sehen uns", davon um sich den nächsten Becher zu holen. Kim: Abehackt. Den würde ich so schnell nicht mehr treffen, wenn ich mich von jeglichen Getränkeständen fern hielt.
Ich wanderte abseits von den Feiernden ein wenig durch die Gegend. Der Abend war absurd. Niemals hätte ich es in Betracht gezogen, einmal ein Aufnahmeritual zu durchleben oder der Grund für eine viel zu laute und viel zu nervige Party zu sein. Partys waren nichts für mich. So viel stand fest. Eigentlich hatte ich das bereits vorher gewusst. Ich las gerne, ich schlief gerne und ich liebte Parks, den Himmel und das Gold...der Sonne. Aber ich feierte grundsätzlich nicht. Noch hatte ich nämlich nicht verstanden, wozu das gut sein sollte. Amüsieren konnte ich mich genauso gut daheim. Ich kickte einen Stein zur Seite und sprang über einen Stock. Erst danach fiel mir auf, dass der Stock eine Zigarette war. Gott, die Jugendlichen hier schienen sich für wenig zu interessieren, das nichts mit Unanständigkeit zutun hatte.
Ich ließ den Blick über die Massen gleiten. Weit und breit keine Spur von Corine. Wo steckte sie nur? Einmal hätte ich es genossen, ihr beim Reden zuzuhören und nicht zu Wort zu kommen. Einmal wäre ich ihr dafür unglaublich dankbar gewesen. Und einmal verschwand sie komplett, wenn ich sie brauchte. Anstatt Corine fand ich Niall, der ebenfalls abseits stand und die Tanzenden beobachtete. Ich stellte mich neben ihn. Die Fakeln an den Seiten verliehen der Lichtung Lagerfeuerstimmung und Menschen, die von weiter weg zuschauten, mussten denken, hier feierten die Indianer. "Was ist der wirkliche Grund für dieses Ritual?", fragte ich. "Wollen sie uns demütigen? Oder knebeln und lebendig begraben?"
Niall sah mich nicht an, als er antwortete. "Sie machen es jedes Jahr. Wir machen es jedes Jahr. Eigentlich geht es den meisten nur ums Feiern. Was denkst du, wieso Kim hier ist? Oder Daizys Freund, dieser Nik." Ahja. Deshalb trank Kim gleich zu Anfang mehrere Becher von diesem Zeug. "Haben sie denn keine andere Möglichkeit, ihre Partylaune zu stillen? Schmeißt ihr keine anderen Feten?" Ich trat einen Schritt zurück und hob den Kopf. Das Baumhaus lag verborgen in den Ästen. Achtete man nicht darauf, konnte man vergessen, dass es überhaupt existierte. Vermutlich genauso wie ich. "Doch, aber diese hier ist das Highlight jedes Junkies und jedes Flittchens. Diese Party ist nichts für schwache Nerven", lachte er. Und das hatte wahrscheinlich wenig damit zu tun, dass eine Mutprobe bevorstand.
"Sag mir einfach, was wir tun müssen. Das wäre für uns alle von Vorteil", maulte ich. Endlich schenkte er mir seine Aufmerksamkeit. Sein Blick war so intensiv, dass ich tief Luft holte. Bloß nicht in Ohnmacht fallen, Ruby, beschwor ich mich. Die Teile in meinem Herzen, die sich so mühsam von selbst wieder angeklebt hatten, gerieten ins Wackeln. Mein Herz geriet ins Wackeln. Ich fürchtete, jeden Moment den Boden unter den Füßen zu verlieren. Bloß wegen einem dämlichen Blick in seine Augen. Das war nicht fair. Wieso richtete er das mit mir an? "Nein." Er feixte. "Komm schon!", nörgelte ich. Es war mir egal, wie kindisch ich mich benahm, sofern er mir doch verriet, was mich erwartete. "Nein bedeutet Nein." Verdammt.
Alle wussten es. Das Mädchen, das keine zwei Meter von uns mit einem Typen im blauen Sako tanzte. Der Typ im blauen Sako. Die beiden Mädchen in pinken Tops, deren Anblick mich frieren ließ. Jeder von ihnen wusste es. Die einzigen, die keinen blassen Schimmer hatten, waren Corine und ich. Nicht zu vergessen, der komische Matthew. "Unfair." Ich verschränkte die Arme vor der Brust und seufzte so theatralisch, wie ich es noch nie zuvor getan hatte. Er sollte merken, dass mir das unter den Strich ging. Aber Niall lachte nur, entgegnete, meine Stimme nachahmend: "Das Leben ist nicht fair." "So rede ich nicht", platzte es aus mir heraus. Idiot. Blödmann. Ewiger Schmarotzer. Mir fielen derzeit sehr viele Wörter ein, die ihn beschrieben. "Oh doch, Ruby. Das tust du." Nein, tat ich nicht!
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