Kapitel 50
"Ruby, ich hab mich entschuldigt", meinte Niall. Entschuldigungen reichten nicht aus um Taten rückgängig zu machen. Vor allem machten Entschuldigungen es nicht rückgängig, dass ich seine Berührungen genossen hatte. "Außerdem hast du nicht den Eindruck gemacht, als ob du es so schlimm fändest." Ha ha. Wie viele Schimpfwörter hätte ich ihm denn noch an den Kopf werfen sollen? "Bild dir das nur ein", empörte ich mich. "Wieso sollte ich?" "Weil Einbildung die beste Bildung ist." Ich zog die Beine an und schlang meine Arme darum. Die Kälte war unaustehlich. "Erklärst du mir die Prophezeihung jetzt?" Widerwillig fügte ich hinzu: "Bitte?" Ich spürte, dass er grinste, doch als ich zu ihm schaute, hatte sich das Grinsen wieder verselbstständigt. "Na siehst du." Er legte den Deckel auf den Karton. "So schwer war das nicht." Hoffentlich gelangten wir bald wieder nach drinnen. Ich hatte nämlich nicht vor, neben ihm zu erfrieren. Mein Tod sollte an einem anderen Ort, zu einem anderen Zeitpunkt und mit einer anderen Person statt finden. Vor allem wollte ich nicht hier draußen sterben, ohne zu wissen, was Grant angestellt hatte und ob er den Prozess überlebte. Ich traute Humbalumba, Goldlöckchen und dem Sklaven alles zu.
"Also?", fragte ich. "Was genau hat GGG dir denn über uns erzählt?" Ich dachte nach. "Einiges." Das stimmte. Es waren so viele Dinge gewesen, dass ich nichts bestimmtes hätte herauspicken können. "Du weißt von seinem Ring?" Ich nickte. "Natürlich. Du hast gesagt, ich solle ihn fragen", meinte ich. "Der ist schwarz", sagte Niall, umging meine Aussage einfach. "Nein, grün-weiß-gestreift", ätzte ich. Seine Mundwinkel hoben sich Millimeter. Doch, was er sage, unterschied sich sehr von seiner Mimik. "Bist du fertig damit, dich lustig zu machen? Das ist eine ernste Sache." Um ihn ein bisschen zu ärgern, erwiderte ich nur: "Jo, my lord." Er schnaubte, bevor er fort fuhr. "Die schwarzen Ringe stehen für die schwarzen Rosen. Die einst Verstoßenen, das sind wir. Die mit den goldenen und roten Ringen. Und es wird zwei geben, mit diesen Ringen, die den Weltuntergang herbei rufen." Aha. Ich begutachtete den Ring, der ausnahmsweise nicht in meinem Ausschnitt rumlungerte. Sein Rot leuchtete immer noch wunderschön. Jemand mit selbigem Ring würde den Weltuntergang bringen. Ich verstand es irgendwie aber anders.
"Wenn du mich fragst, hört es sich eher nach Erlösung an", sprach ich meine Gedanken laut aus. Der Widerstand würde siegen. Das hieß, wir würden siegen, indem wir die schwarzen Rosen in den Abgrund stürzten. "Nein." Niall schüttelte den Kopf. "Wieso nicht? Bist du allwissend? Oder lautet dein zweiter Name Ann Jean und die Prophezeihung ist deinem Hirn höchstpersönlich entsprungen?" Er strich sich die Haare aus dem Gesicht, wobei sie nur so durch die Gegend flogen. Ich erkannte, dass er sich auf die Lippe biss. War er nervös? Oder verunsichert? "Nein." Einsilbiger klappte nicht? "Ich habe bitte gesagt", maulte ich. Diese Blöße würde ich mir nie wieder geben. "Wir wurden unterrichtet. Laut den Ältesten bedeutet die Prophezeihung die Auslöschung der Menschheit. Was denkst du, wieso sie Deinesgleichen umbringen?" Ich nahm das als rethorische Frage. "Aber du kannst doch lesen. Mensch Niall, diese Worte bedeuten alles, nur nicht den Untergang der Menschheit." Meiner Meinung nach, hatte sich jemand einen Scherz daraus gezogen, diese Prophezeihung zu erstellen. Sowas wie Hellseher gab es nicht, zumindest nicht außerhalb meiner Bücherwelt. Und diese Ältesten erzählten einfach herum, was sie wollten, damit alle ihnen gehorchten. Ende der Welt blabla. Das ging zum einen Ohr rein und zum anderen raus. Sie verklickerten ihren Angehörigen, dass rote und goldene Ringe Unheil brachten, töteten erstere, bloß wegen einer dämlichen und überflüssigen Prophezeihung. Bald würde ich auch eine erstellen. Sie würde den Titel tragen: "Das Ende des Marmeladenglases - aus den Prophezeihungen der Cherubyn."
Niall seufzte. "Sie haben dir auch beigebracht, eine Pistole zu benutzen, wenn du... Moment. Wann genau bist du verpflichtet, die Pistole einzusetzen?" Er hatte mir gar nicht genau erklärt, wann er diese Aufgabe hatte. Wieder seufzte er. Ich hatte bitte gesagt, verdammt. Er senkte den Kopf und stützte ihn auf seine Hände. Wurde dem allmächtigen, gefährlichen Niall auch mal alles zu viel? Vielleicht sollte ich nicht so begeistert von dieser Tatsache sein. Aber ich war es. Niall besaß menschliche Schwächen. Manchmal fragte ich mich wirklich, ob er überhaupt menschlich war. "Ich soll mich erschießen, wenn ich potentielle Weltenzerstörer treffe." Fast hätte ich losgeprustet. Er hatte in mir einen potentiellen Weltenzerstörer getroffen. "Und ich bin ein potentieller Serienkiller, weil ich einen roten Ring um den Hals trage." Ich klatschte in die Hände. Wow. Sehr kreativ. Eins musste man ihnen lassen, sie hatten eine Geschichte erfunden, die faszinierend war. "Ruby. Du bist für mich ein Weltenzerstörer, weil du einen roten und ich einen goldenen Ring trage. Tu doch nicht so, als wärst du hirnamputiert." Ach so. "Pardon, ich vergaß, dass du es bist", verbesserte er sich selbst. "Mein Hirn funktioniert prima. Deins spackt", entgegnete ich.
"Du musst doch selbst einsehen, dass es Schwachsinn ist, was sie dir eintrichtern", sagte ich dann. Jetzt stieß er ein Lachen hervor. Eines, das mir durch Mark und Bein ging, so freudlos war es. "Eingetrichtert haben. Meine Ausbildung ist beendet." Bei dem Wort Ausbildung malte er Anführungszeichen in die Luft. Ich gähnte. "Eigentlich hatte ich nichts besseres zutun, als mich direkt nach dem Abschluss strafbar zu machen", sagte Niall, mehr zu sich selbst, als zu mir. Oh. Ich trieb mich nur mit Verbrechern rum. Erst Grant und dann Niall - nicht zu vergessen, ich selbst. Was er wohl getan hatte. Unauffällig rückte ich ein Stück von ihm ab. Er bemerkte es. "Du brauchst gar nicht von mir wegzurücken. Schließlich hast du das größte existierende Verbrechen begangen." Erneut lachte er. "Was hast du denn gemacht?", hakte ich nach. "Dasselbe wie du." Und was hatte ich gemacht? "Das ist das, was ich dir die ganze Zeit versuche zu erklären. Wir leben. Unser Verbrechen besteht darin, dass wir leben. Aber damit noch nicht Schluss. Wir reden auch noch mit einander. Zwei Verbrechen pro Person und wenn wir nicht bald etwas dagegen tun, werden sie uns töten. Sofern sie noch niemanden auf uns angesetzt haben."
50. Peepz. 50. Heilige Scheiße, wie Ruby jetzt sagen würde xxx
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