Kapitel 49
Nachdem wir etwa eine halbe Ewigkeit darüber diskutiert hatten, wie unmoralisch(oder nicht) sein Verhalten gewesen war, probierten wir, die Tür von außen zu öffnen. Aber auch Nialls Superkräfte funktionierten nicht. Also legten wir uns auf den Boden des Balkons und versuchten zu schlafen. Es war bereits Abend, doch weder er noch ich hatten eine Uhr an, weshalb wir immer noch nicht wussten, wie spät genau es war. Der Platz machte mir zu schaffen. Hallo? Dieser Kerl hatte mich Minuten zuvor befummelt und nun lag ich keinen halben Meter von ihm entfernt auf dem Boden! Das klang so absurd. Es klang nicht nur absurd, es war auch absolut absurd. Ich drückte kein Auge zu. Jede Minute fürchtete ich, er könne sich auf mich stürzen. Hoffentlich kehrte Grant diese Nacht noch zurück. Ich klammerte mich fest an die Hoffnung, obwohl ich wusste, dass es Irrsinn war. GGG stand vermutlich derzeitig noch nicht mal vor Gericht. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie es ihm ging.
Als ich es irgendwann aufgab, Schlaf zu finden, setzte ich mich auf. Dabei achtete ich darauf, keinen Lärm zu machen um den Idioten nicht zu wecken. Ich zog den Karton, den wir auf einen der Plastikstühle gestellt hatten, zu mir heran. Wenn ich die Möglichkeit hatte, ihn alleine zu durchsuchen, fühlte ich mich wohler. Ich legte die Fotos beiseite und betrachtete die beiden Ringe eine Weile. Ausgelöscht. Meine Eltern waren ausgelöscht. Es mussten ihre Ringe sein. Etwas anderes konnte ich mir nicht einreden. "Schade", wisperte ich in die Nacht hinaus. Mit der Kälte kam ich nicht gut zurecht. Ich trug zwar meinen Pyjama und eine dicke Decke und man sollte im Herbst nicht mit dem Erfrieren rechnen, doch ich zweifelte stark daran, dass ich die Nacht überleben würde. Ich fror wie sonst was und mein Magen knurrte quasi durchgehend, während Niall dort neben mir lag, vor sich hin schnarchte und den Eindruck erweckte, vollkommen zufrieden zu sein. Allmählich empfand ich mehr als Hass für ihn. Alles schien ihm zuzufallen. Er konnte komische Dinge, fror nie, versteckte seine Seele und irgendwie sah er auch noch gut aus. So vieles konnte ein normaler Mensch doch nicht unter einen Hut bringen. Ich seufzte, atmete warme Luft in meine Hände, ehe ich nach einem Zettel griff, der ganz unten im Karton lag. Jemand hatte in kleinen Buchstaben einen Text darauf geschrieben. Zuerst überflog ich ihn nur. An der unteren Ecke standen die Namen der Verfasser, was mich dann jedoch dazu brachte, genauer zu lesen.
Im Namen des Verbundes für Begabte: Hunahuna, Iawas, Kalag.
Ihre Namen amüsierten mich immer noch. Kurzzeitig taten sie mir sogar leid. Wer nannte sein Kind schon Hunahuna? Ich blieb bei Humbalumba. Das hörte sich doch viel besser an. Der Verbund für Begabte? Also kein Stamm. Sie waren ein Verbund. Gab es da Unterschiede? Als Antwort auf meine eigene Frage zuckte ich mit den Schultern. Darum würde ich mich kümmern, sobald Grant wieder da und offen für meine neuen Fragen war. Der Zettel fühlte sich alt und spröde unter meinen Fingern an. Ich erinnerte mich an eine Geschichtsstunde im Waisenheim, in der man uns erklärte, die alten Ägypter hätten auf Papyros geschrieben. Wir durften Papyros anfassen. Genau so fühlte sich der Zettel an. Waren Humbalumba und seine Freunde womöglich Anhänger des alten Ägypten? Klar, ich sollte mich nicht unbedingt über die Menschen lustig machen, die mich tot sehen wollten, schon gar nicht in Anwesenheit eines Angehörigen derer(Niall), aber das war eben meine Art mit Stress umzugehen. Entweder ich lachte darüber oder ich...zerbrach. Seufzend lehnte ich mich an das Geländer, schloss für einen Moment die Augen, bevor ich sie über das Papier gleiten ließ und jedes Wort in mich aufnahm:
"Ein roter Ring, mit Gold vereint. Feuer mit der Einsamkeit. So sind es zwei, die einst verstoßen, zwei, die schwarze Rosen, langsam in den Abgrund stürzen. Und immer mehr, die einst verstoßen, immer mehr, die schwarze Rosen, langsam hinterfragen. Je mehr der Widerstand heran wächst, der einst Verstoßenen, der Widerstand wird siegen. Ein goldner Ring, mit Rot vereint. Sonne mit der Stoigkeit. - aus den Prophezeihungen der Ann Jean"
Irgendetwas sagte mir, dass dies die Prophezeihung war, die Niall suchte. Die wir beide suchten. Und ich wusste ihren Inhalt. Ein roter Ring? Ein goldner Ring. Zitternd schielte ich zu Niall, dessen Hand auf dem Boden, ein kleines Stück entfernt von mir, lag. Der Ring an seiner Hand schimmerte sogar in völliger Finsternis golden. Trotz der Tatsache, dass Niall leicht sabberte und sein Schnarchen immer lauter wurde, konnte ich nicht mehr lachen. Es war mir vergangen. Ich widmete mich meinem eigenen Ring, zog ihn an der Kette aus meinem Ausschnitt. Das Rot wirkte noch strahlender als gestern. Fast so, als wolle es sagen: Du hast es erfasst. "Hmm", machte Niall. Er grummelte unverständliches Zeug und ehe ich mich versah, saß er hellwach neben mir. "Was zum...", stammelte ich, doch da hatte er mir den Zettel schon abgenommen.
"Warum schläfst du nicht?", murmelte er, während er sich des Textes besah. "Könnte ich dich auch fragen." Ich war total verstört. Hatte er die ganze Zeit nur so getan, als ob er schlief? "Du denkst doch nicht ernshaft, dass ich bei diesen Temperaturen schlafen kann?", spottete er. "Naja, immerhin bist du ein eiskaltes Arschloch. Warum also nicht?" Er drehte den Zettel um. Anscheinend schockte ihn die Prophezeihung nicht im geringsten so sehr wie mich. "Weißt du, dass du ziemlich fies bist?" Stöhnend raufte ich mir die Haare. "Das liegt in meiner Natur", sagte ich nur. Jetzt gerade wollte ich alles, nur nicht mit ihm reden. Diese Prophezeihung. Sie handelte von einem...Begabten mit rotem Ring und einem mit goldenem Ring. So viel verstand ich jedenfalls. Und sie würden einen Widerstand wecken und schwarze Rosen in den Abgrund stürzen. Was bedeuteten die schwarzen Rosen? "Niall?" "Ruby." Idiot. "Erklär mir die Prophezeihung." Er hörte auf, das Blatt Papier durch die Luft zu wedeln, warf es unachtsam in den Karton. Schließlich fing er an, an seinem Ring zu knibbeln. "Kein 'bitte'?" Er konnte mich mal. "Ich finde das fair. Du hast vorhin auch nicht bitte gesagt."
Irgendwie mag ich Ruby. Hab ich das schon mal gesagt? Ja am Anfang haha. Egal, ich find sie immer noch gut. Darf ich das als Autor überhaupt? Wegen Parteien unso... Egal. Versteht man den letzten Satz? Ich frage mich das gerade wirklich, weil er dreckig gemeint ist. Mittlerweile kennt ihr mich gut genug, dass ihr das vllt vermutet habt. Also versteht man ihn? xxx
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