Kapitel 21
"Wo hast du vorher gelebt? Also bevor du in diese riesige neue Stadt zu deinem Internetfreund gezogen bist." Corine hatte die Neugier im Blut. Das merkte ich. Aber mir machte es nichts aus. Ich musste nicht verheimlichen, wo ich herkam, wo ich aufgewachsen war. Jeder, der nicht unbedingt Niall mit Vornamen hieß und riesen groß war, sowie lange Haare und Piercinge hatte, bildete sich nichts weiter darauf ein, wenn ich erzählte, dass ich im Waisenheim gelebt hatte. "Irgendwann hat man mich ins Heim gebracht und dort bin ich bis vor vier Tagen geblieben", antwortete ich. "Wahnsinn!" Ich konnte mir vorstellen, dass ihre Augen in dem Moment kugelrund wurden. Weshalb konnte ich nur erahnen. "Glaub mir, die Filme im Fernsehen vermitteln einem Außenstehenden ein völlig falsches Bild vom Leben im Waisenhaus." Ein Schlürfgeräusch ertönte, anscheinend war ihre zweite Cola ebenfalls leer. Das Mädchen trank Mengen! "Echt? Jetzt ist meine kindliche Vorstellung getrübt", grummelte sie. Ich grinste. Dann stellte ich die leere Tasse Kakao auf den Tisch. Es war warm hier, dennoch hatte die Tasse mich irgendwie gewärmt. Sobald ich sie wegstellte, erfüllte mich ein Gefühl der Beklemmung. Bibbernd legte ich mir meinen Schal enger um den Hals.
Ich ließ den Bick wieder zur Bar schweifen, wo die Barista sich mittlerweile den nächsten Kerl geangelt hatte. Und gleich darauf fiel mein Blick aus dem Fenster hinaus in die freie Wildbahn. Das rote Cabrio wirkte einsam und verlassen. Außer ihm waren dort keine Autos. Doch was meine Aufmerksamkeit viel mehr auf sich zog, war der Himmel. Die untergehende Sonne tunkte ihn in ein lilafarbenes Licht. Keine einzige Wolke erschien auf der Bildfläche. Irgendwie...magisch. "Der Himmel sieht unglaublich aus", meinte ich. "Stimmt. Nicht mal die Orte, an denen ich früher gewohnt habe, hatten so einen schönen Sonnenuntergang", sagte Corine. "Was für Orte waren das denn?", hakte ich nach. Während meine Augen der Sonne folgten, fing sie an zu erzählen. "Die verschiedensten. Als ich ganz klein war, wohnten wir in Island, dort war es vielleicht kalt! Aber die Sonnenuntergänge, an die ich mich erinnere, waren wundervoll. Danach zogen wir nach Norwegen, genauso schön, wenn nicht noch toller - erst recht die Polarnächte. Griechenland, England, New York, hier. Du wirst es nicht glauben, in dieser Stadt fühle ich mich am wohlsten. Ich habe das Gefühl, dass ich zuhause bin, weißt du?" Das verstand ich gut. Ich hatte solange kein richtiges Zuhause gehabt, wusste nicht, was das überhaupt sein sollte. Aber dieses Gefühl, angekommen zu sein, hatte mich gleichermaßen eingenommen wie sie. Von plötzlicher Wärme erfüllt, begann ich zu schwitzen und legte den Schal doch wieder ab. Er kratzte furchtbar. "Ich weiß, was du meinst. Geht mir absolut genauso. Bloß, dass ich vor heute noch keinen einzigen Sonnenuntergang sehen konnte." Ich konnte nicht ändern, dass ich melancholisch in die Ferne blickte. Für ein paar Sekunden war Melancholie erlaubt, dachte ich. "Filme über Waisenhäuser haben mir wirklich ein abnormal falsches Bild gegeben." Corine seufzte. Ich seufzte auch.
Nachdem die Sonne komplett hinter dem Horizont verschwunden war, zahlten Corine und ich und ungefähr gleichzeitig mit der Barista trat Kim an unseren Tisch. Wodka hatte er wohl nicht dabei, oder er hatte ihn draußen angeleint. Ich tippte auf letzteres. Wodka und er waren schließlich ein Herz und eine Seele. Ha ha. "Hallo, die Damen", grüßte Kim. Corine kicherte. "Ich habe ihr alles über dich erzählt. Von den Windeln, die du nachts trägst, bis hin zu der merkwürdigen Eigenschaft, das Alphabet aufzusagen, wenn du im Halbschlaf bist." Natürlich hatte ich diese Sachen gerade erfunden. Wer wusste schon, was Kim im Halbschlaf aufsagte oder wann er seine Windeln trug? Corines Kichern erhöhte sich. Aber Kim war anscheinend nicht zum Scherzen zumute. Er stieß ein tiefes Seufzen aus, das bestimmt bis nach China gehört wurde. "Du kannst also ganz du selbst sein und musst nichts verbergen." Meine Stimme klang wie die eines Kleinkindes. "Schluss mit den Witzen, mein Onkel hat mich ernsthaft drum gebeten, dich heil nach Hause zu bringen, bevor man uns schon wieder in einen Mord verwickelt." Er setzte kurz aus, wandte sich dabei an Corine. "Frag erst gar nicht." Zu mir sagte er dann nur noch: "Deshalb schlage ich vor, wir beeilen uns." Ich schauderte bei der Vorstellung, der Polzei einen weiteren Besuch abstatten zu müssen. Die Sitzung heute reichte mir für mein restliches Leben. "Ihr habt einen Mord begangen?", fragte Corine. Die kugelrunden Augen mussten wieder in Erscheinung getreten sein. Bisher hatte ich nicht vorgehabt, jemals hinein zu blicken. Ich empfand ein merkwürdiges Vertrauen zu Corine, das ich mir nicht kaputt machen wollte. Unwissenheit konnte auch ein Segen sein.
"Wir haben es nur versucht!", protzte Kim. Corine blieb stehen. "Nimm ihn nicht allzu ernst", riet ich, "Manchmal übertreibt er." Kimberley hob die Hände über den Kopf. "Ist doch aber so! Wenns nach der Polzei ginge, säßen wir im Knast!" "So schlimm auch wieder nicht", log ich. Tatsächlich quälten mich selbige Gedanken. Die Polzei dachte wirklich, wir wären die Tiere gewesen, die den Mann zuerst ausgezogen und dann zur Strecke gebracht hatten. Eine Frechheit. Wir verließen die Kneipe. Ich warf einen Blick zurück zu der Barista, die ihren vermutlich fünften Kunden an diesem Abend bezirzte. Auweiha, gab es denn keinen Chef? Ich verdrehte die Augen und schloss zu den beiden anderen auf. Wie sich herausstellte musste Corine in unsere Richtung. Das rote Cabriolet stand noch dort, als wir davon liefen. "Und was habt ihr nun verbrochen? Ich glaube kaum, dass Ruby was geklaut hat." Ich lachte verlegen auf. Die Zeiten gehörten der Vergangenheit an. "Mit Mord hätte das wenig zu tun", schloss Corine. Kim räusperte sich. "Du klaust?", fragte er mich. Er ging nicht auf Corines Frage ein, weswegen ich es selbst tat. "Wir haben Samstag eine Leiche gefunden." Im nächsten Augenblick stolperte ich. Blöde Pfützen. Ich verwettete den Köter, den Kim tatsächlich erneut mitgenommen hatte, darauf, dass er sie eigenhändig erschaffen hatte, damit ich durchfiel. Ein Windhauch streifte meinen Nacken. Ich wollte mir den Schal enger um die Schultern legen, aber er war nicht da. Mist! Ich hatte das doofe Ding vergessen!
"Halt", sagte ich. Die zwei drehten sich zu mir um. "Ich muss zurück. Mein Schal ist noch in der Kneipe." Ein Stöhnen kam von Kim. Zumindest nahm ich an, dass Corine nicht so männlich stöhnte. "Na gut." Wir waren bereits auf halber Strecke gewesen, eilten den Weg aber doch zurück. Als wir bei der Kneipe ankamen, die ich irgendwie in mein Herz geschlossen hatte, stockte mir der Atem. Nicht nur mir. Kimberley hielt die Luft an. Die Kneipe brannte. Und das rote Cabrio war weg.
Uhhhhhhh gruselig. Was nun? Holen sie den Schal? Holen sie die Polizei? Muhaha ich liebe sowas. xxx
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