Kapitel 2
Kimberley und ich kannten uns aus dem Internet. Für mich war er immer bloß irgendein Junge gewesen, dem ich alle meine Geheimnisse erzählte. Natürlich, immerhin existierte der Gedanke, ihn jemals zu treffen, gar nicht. Doch nun stand ich dort, wurde förmlich zerquetscht von ihm, und brachte es nicht über mich, einen Laut von mir zu geben. Ich wusste mehr über ihn als über mich selbst und hatte dennoch keine Idee, was ich sagen sollte. Hi Kimberley, wie geht's?, war mir ein bisschen zu schräg. Aber ich musste gar nichts sagen. Das erledigte Kimberley nämlich zuerst. "Schau mir in die Augen, Ruby", forderte er. Seine Stimme klang von Nahem ziemlich tief und erwachsen. Ganz anders als ich sie mir vorgestellt hatte. "Kimberley, du weißt...", murmelte ich. Er war der einzige, dem es je zu teil geworden war, von meiner Gabe zu erfahren. "Deshalb bitte ich dich drum." Ich hielt den Kopf weiterhin gesenkt. Niall müsste irgendwo im Hintergrund stehen und sich fragen, wieso Kim ein fremdes Mädchen derart lange in einer innigen Umarmung hielt. "Und ich bitte dich deshalb darum, mich nicht darum zu bitten", sagte ich. Würde ich ihm ein mal in die Augen schauen, würde ich es womöglich für mein restliches Leben bereuen. Wer sagte mir, dass der Kimberley, den ich im Internet kennen gelernt hatte, wirklich so war wie er es hatte aussehen lassen? "Ich möchte, dass du mir vertraust."
Das gab mir den ausschlaggebenden Schub. Während eine leise Stimme in meinem Kopf mich zur Vernunft bringen wollte, hob ich den Blick. Das erste, was ich sah, war sein Gesicht. Doch ehe ich mich gar auf die scharfen Wangenknochen konzentrieren konnte, übermannte mich völlige Weiße. Ich landete in einem Raum, dessen Wände fensterlos und ohne Dekör waren. Ihr Weiß ließ den Raum strahlen. Rechts von mir befand sich Kim, wie ich annahm. Sein durchaus trainierter Körper steckte in einem weißen Anzug, komplett komisch, bedachte man die Jogginhose, in der er in Wirklichkeit vor mir stand. Blonde Haare, die ihm normalerweise vermutlich in die Stirn fielen, waren nach hinten gekämmt, sowie gegelt worden und seine schmalen Lippen bildeten ein hinreißendes Lächeln. Das Lächeln verbarg keine Spur von Hintergedanken, es war echt. Alles an ihm schien echt.
Die blonden Haare, die türkisblauen Augen, der weiße Anzug - mit zugehörigen weißen Lackschuhen - sie alle bedeuteten Aufrichtigkeit, Höflichkeit und das rührendste, Loyalität. Es gab nicht viele Menschen, deren Seele ich in solch einem Aufzug gesehen hatte. Eigentlich erinnerte ich mich an niemanden. Normalerweise fand ich mich jedes Mal in einem komplett bunten Raum wieder, gefangen mit einer Person, deren Anzug genauso bunt war wie besagtes Zimmer. Kimberleys Seele überraschte mich.
Die Szene verschwamm vor meinen Augen und Sekunden bevor ich zurück in der Gegenwart landete, stellte sich ihm eine vereinzelte Haarsträhne auf. Witzbold. Ich schmunzelte. Selbiges hinreißendes Lächeln erwartete mich bereitsin der Realität. Für kurze Zeit war mir schummrig zumute, aber nur solange, bis er anfing zu sprechen. "Also?" "Das Weiß deines Anzugs hat mich erblinden lassen", sagte ich. Sein Lächeln wurde breiter, wenn das überhaupt ging. Obwohl ich ihm beinahe alles erzählt hatte, wusste er nicht, wie es in den Filmen, die ich sah, aussah. Weiß war überall als gut bekannt - oder? "Das heißt, du vertraust mir? Und du weißt auch, wer ich bin?" Da ich es gewohnt war, den Blick Richtung Boden zu halten, betrachtete ich seine Schuhe. Die waren nicht mehr weiß, sondern schwarz. Keine Lackschuhe, viel mehr hochangesagte Markenware. "Ja und nein", antwortete ich.
"Ja, du vertraust mir und nein, du weißt nicht wer ich bin?" Seine Stimme hörte sich verwirrt an. Das konnte ich ihm nicht verübeln. Ich war mir selbst nicht sicher, was ich momentan mit meinem Gehirn anfangen sollte. "Zumindest weiß ich nicht, ob du der Kimberley bist, den ich mir vorgestellt habe", gab ich zu. Er stieß, offensichtlich erleichtert, angehaltene Luft aus. "Willst du nicht mit rein kommen?", fragte er folglich. Aus dem Augenwinkel heraus konnte ich eine Gestalt hinter ihm ausmachen, die auf und ab ging. Niall wirkte wie ein verschrecktes Huhn. "Naja, ich bin immer noch hier, weil ich einen Staubsauger brauche. Grant braucht einen." Über die ganze Sitution hinweg hatte ich vollkommen vergessen, weshalb ich geklingelt hatte. "Richtig. Niall kannst du kurz in das Schlafzimmer meiner Eltern gehen und den Staubsauger aus dem Kleiderschrank holen?" Ein Grummeln erklang. Offenbar hatte Niall keine Lust, den Laufburschen zu spielen. Er musste ein enger Freund von Kimberley sein. Einmal hatte er mir erzählt, dass nur wenige seiner Kumpels ihn zuhause besuchten.
"Linke oder rechte Tür?", hallte es Minuten später zurück. "Versuch es rechts." Ich räusperte mich verlegen. Dass sie so ein Trara machten und wahrscheinlich die halbe Nachbarschaft aus dem Mittagsschlaf rissen, hatte ich nicht gewollt. "Warum weißt du, wer ich bin?", platzte es aus mir heraus. Das interessierte mich wahnsinnig. "Grant ist mein Onkel." Oh. In wiefern stellte das eine Antwort auf meine Frage dar? "Ich habe ihm von dir erzählt, als ich letztens bei ihm war." "Und weil er sich immer schon eine nervige Pflegetochter gewünscht hat, dachte er wohl, er befreit mich aus dem Waisenhaus", vollendete ich. Kimberleys Füße schienen ein Eigenleben zu führen. Der eine watschelte nach rechts, der andere nach links. Er war nervös.
"Ehrlich gesagt musste ich ihm versprechen, dass du keinen Dreck machst." Da ich gerade auf den Staubsauger eines anderen wartete, damit besagter Kerl, dem ich keinen Dreck machen sollte, eine Spinne samt Netz entfernen konnte, befand ich dieses Versprechen als hinfällig. "Schon klar, dein Onkel ist ein Putzfanatiker." Ehe er etwas erwidern konnte, stahl sich eine Hand in mein Blickfeld. Nialls Hand stellte den Staubsauger vor mir ab. "Wow, der ist riesig", sagte ich, weil mir nichts besseres einfiel. In der Tat, das Ding wog bestimmt Tonnen. Und ich hatte die Ehre, ihn zwei Stockwerke die Treppe hinauf tragen zu dürfen. Vielen Dank auch. "Der war links", meinte Niall an Kimberley gewandt, ohne auf mich einzugehen. Ich konnte nicht anders, ich musste einfach grinsen. "Entschuldigt mich, ich werde dann mal wieder gehen." Betretendes Schweigen entstand, als ich den Staubsauger an einem seitlichen Griff packte und ihn hinter mir her zog. So schwer war er dann doch nicht. Ich nahm die erste Stufe in Angriff, wissend, dass mich zwei Jungs dabei beobachteten. Alles auf Anfang, dieser Staubsauger wog mehr als ein paar Tonnen. Seufzend pausierte ich auf der ersten Stufe. Sollte es so weiter gehen, würde ich morgen früh noch dort stehen, schoß es mir durch den Kopf.
"Ruby", erklang auf einmal Kimberleys Stimme. Fast schon hegte ich die Hoffnung, er könne anbieten, mir zu helfen. Ich drehte den Kopf in seine Richtung. Er lächelte immer noch. "Bitte sieh mir doch die nächsten Male ins Gesicht, wenn wir mit einander reden, ja?" Tja, hinfort war die Hoffnung. "Einverstanden", sagte ich. Entgegen aller Vorsätze wanderte mein Blick weiter, streifte Niall... Seine Augen waren wunderschön. Es war zu spät, als ich endlich begriff, dass ich ihm in die Augen schaute.
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