
In another life
Langsam bringe ich mich in eine andere Position, darauf bedacht meinen Fuß nicht einschlafen zu lassen. Seit fast vier Stunden, warte ich nun schon auf ihn, die Sonne geht unter und bald wird die Dunkelheit das Licht verdrängen. Früher war das einer meiner liebsten Momente, denn die Dunkelheit gehörte nur uns beiden. Hier, bei unserem Platz, unter den Sternen. Nein...halt. Es gibt kein uns mehr. Hat es noch nie gegeben. Wird es nie geben, denn dafür bin ich hier falsch, aber glaubt mir, an einem anderem Ort, in einem anderem Leben, würde ich für immer ihm gehören . Leider sind wir im Hier und Jetzt. Langsam wird es kälter, ich fange an mir die Hände aneinander zu reiben, um wenigstens etwas Wärme abzubekommen. Früher hat er mir dann immer seine Jacke geliehen, mich angesehen und gelächelt:,, Na ist da jemanden kalt?" Aber auch das war vorbei. Und es war meine Schuld. Nun fängt es auch noch an zu regnen. Kleine Tropfen treffen auf meine Haare und Gesicht. Die Bank auf welcher ich sitze ist kalt, beklemmend und nass, ähnlich wie meine Laune. Die Tropfen auf meinen Wangen werden mehr. Für kurze Zeit denke ich, dass es stärker regnet, ehe ich erkenne, das es meine Tränen sind. Ich streiche sie mir aus dem Gesicht um wenigstens etwas von der, eigentlich schönen, Aussicht auf das Meer zu erhaschen.
3 Jahre zuvor
,,Hey, Kauri-man!" Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht als ich den schwarzhaarigen Jungen rufen hörte. ,,Mika!" Als er auf mich zu rannte und seine starken Arme um mich legte, fühlte ich mich geborgen. Sicher. Für einen kurzen Moment erlaubte ich mir, meinen Kopf in seiner Schulter zu vergraben, seinen bittersüßen Duft einzuatmen und glücklich zu sein. Mika war mein bester Freund seit der High-School und wir beide waren einfach unzertrennlich. Nach unserem Abschluss hatten wir entschieden gemeinsam in das Collage zu gehen und hier waren wir! Es war der erste Tag nach zwei Wochen ohne einander, da ihn seine Eltern mit nach Sizilien geschliffen hatten. Er war schon neunzehn, wurde aber trotzdem noch behütet, als ob er ein Kleinkind wäre. Ich kicherte leise. Ich erinnerte mich gerne daran, wie er mich an meinem achtzehnten Geburtstag überrascht hatte, den Schnaps seiner Eltern hatte er gestohlen und gemeinsam haben wir uns auf dem Weg zu unserem geheimen Platz gemacht. Eine alte Holzbank am Meer, direkt unter dem Sternenhimmel. Danach beschlossen wir kurzfristig mit dem Auto seiner Eltern zu einem Tatoostudio zu fahren. An diesem Abend, hatten wir uns beide einen halben Stern stechen lassen, dasselbe Zeichen welches wir Stunden zuvor in die alte Bank geritzt hatten. Nur gemeinsam waren wir ein ganzes, gemeinsam konnten wir leuchten. Eigentlich war der Abend scheiße, denn als wir irgendwann, mitten in der Nacht, sturzbetrunken bei ihm einschleichen wollten, waren seine Eltern schon dabei uns von der Polizei suchen zu lassen. Noch dazu hatte der Alkohol, echt eklig geschmeckt. Aber die Zeit mit ihm war es wert. Und das Versprechen, welches wir uns damals gaben auch: Niemals ohne den anderen.
Ich bemerkte erst, dass ich schon sehr lange still war, war als Mika sich von mir löste. Seine Wärme fehlte mir. ,,An was denkst du?" er legte den Kopf schief und ignorierte die um uns herum strömenden Schüler. ,,Ach nichts...lass uns rein gehen." Er nickte und fing an zu laufen, während er mich zu sich winkte ,,Wettrennen bis zur Klasse!" Ich wurde nun auch schneller und fing an zu lachen ,,Ey das ist nicht fair!" Bis in die Gänge kamen wir, als der Größere aprubt stoppte. Mit Schwung rannte ich direkt in ihn hinein und wir fielen kichernd zu Boden. Ich hatte vermutet, dass er wegen einem Lehrer oder einer Aufsichtsperson gebremst hatte, aber er flüsterte nur:,,Ja das Leben ist nicht fair Kauri." Sein Blick war in die hinterste Ecke des Ganges gerichtet als er traurig nickte. Dort entdeckte ich ein rothaariges Mädchen, welches einen blonden unbeholfenen Jungen abknutschte. Melissa. ,,Man Miiiikaaaa, es ist unser erster gemeinsamer Collage Tag, also trauer der Tussi nicht hinterher!" ,,Ich weiß..." Grinsend sah er nun wieder zu mir und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. ,,Aber findest du sie nicht auch wunderhübsch?" Schnell presste ich mir eine Hand vor den Mund, um nicht kotzen zu müssen, was mir einen mahnenden Blick von Mika einbrachte. Melissa, war seit der High-School, das einzige Mädchen für ihn, aber noch nie hatte er sich getraut, sie anzusprechen. Ich fand es gut so, und ja auch nicht zuletzt, da er bei mir selbst Schmetterlinge im Bauch auslöste.
In diesem Moment rappelte der Gleichaltrige sich auf und hielt mir einladend die Hand als Aufstiegshilfe hin. ,,Aber ich glaube du kleiner Schwuli, wirst das wohl nie verstehen. Hattest ja noch nicht mal einen Freund." Wie jedes Mal versuchte ich nach seinen Worten tapfer zu lächeln, statt in Tränen aufgelöst zu fliehen. Ich wusste doch, dass er es nicht böse meinte, er hielt immer zu mir, aber trotzdem waren es genau die Worte welche ich mir Tag für Tag von meinen Mitschülern anhören musste. Schwuchtel. Nerd. Feigling. Gefühlloser Looser. Andererseits konnte ich Mika ja auch verstehen, immerhin dachte er, dass ich nicht wusste wie sich Liebe anfühlt. Wie er gerade fühlt. Leider wusste ich ganz genau wie er sich fühlte. Es tat schrecklich weh ihn jeden verdammten Morgen über Melissa schwärmen zu hören, es fühlte sich jedes Mal aufs Neue an, als ob mir jemand langsam und qualvoll mein Herz Stück für Stück aus dem Körper reißen würde, um mir anschließend mit heißem feuchtem Atem Beleidigungen ins Ohr flüstern zu können.
Auch jetzt hörte ich diese Stimme wieder hämisch kichern
,,Du bist es nicht wert."
,,Du bist nutzlos"
,,Du stehst nur im Weg"
,,Niemand wird dich je lieben"
Oder am Abend, wenn ich müde und erschöpft ins Bett gefallen war, langsam die Augen schließen und endlich abschalten wollte.
" Heute hätte er bei Melissa sein können. Er hätte glücklich werden können. Warum stehst du ihm im Weg Lauri? Warum bist du nur so verdammt egoistisch?"
Ich bemerkte erst, dass Mika schon in der Klasse war, als ich die starrenden Blicke meiner Mitschüler im Nacken spürte. Das trauten sie sich nur wenn ich alleine war, hilflos im Schatten meiner Selbst. Seufzend fuhr ich mir durch die Haare und folgte meinem besten Freund in unser neues Klassenzimmer.
Nächster Teil kommt bald ^^
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