sechsundvierzig
,,Es schneit", murmelte sie, als sie aus dem Fenster sah. Eigentlich hatte sie keine Zeit dafür, sie hatte noch sehr viel mehr zu Planen, denn heute war der 24. Dezember. Allerdings verzauberte das Schauspiel der weißen Flöckchen sie mehr, als sie es zu Glauben gewagt hatte. Es würden weiße Weihnachten werden, ein wundervolles Fest für wahrscheinlich jeden Menschen, der diesen Tag im Jahr mit seiner Familie oder seinen Freunden um einen reichlich gedeckten Tisch verbringen durfte.
Sie selbst kam bisher nur einmal in den Genuss eines solchen Abends. Und zwar als sie fünfzehn war. Wenn sie die Augen schloss erinnerte sie sich an den wunderbaren, tiefen Geruch des Essens, der schweren Tanne, die im hinteren Bereich des Esszimmers gestanden hat. Sie erinnerte sich an den sechzehnjährigen Taehyung, der ihr damals eine Kette geschenkt hatte. Diese lag seit nun acht Jahren auf dem Grund des Hangang, der quer durch Seoul verlief.
Sunny öffnete die Augen, der Geruch aus ihrer Erinnerung verflog. Wie die restlichen Weihnachtsfeste waren, war ihr entfallen. Besonders, da sie ab ihrem fünften Lebensjahr nicht mehr wirklich an einem beteiligt war, seitdem von Familie zu Familie gereicht worden war, wie ein Gegenstand, eine Puppe, die lediglich niedlich auszusehen hatte.
Sie fragte sich, was passiert wäre, wenn ihr biologischer Vater nie gegangen wäre. Dann wäre sie nie alleine gewesen, als ihre Mutter verstarb und die Fünfjährige damals alleine ließ. Aber andererseits hätte sie auch nie Taeyang kennengelernt, oder Taehyung, seinen Sohn. Nur weil sich ihre Mutter damals in Taeyang verliebt hatte und aus der anfänglichen Affäre etwas mehr geworden war, hat sie wenigstens eine Bezugsperson in ihrer Vergangenheit gehabt, die sie durch alle Pflegefamilien hindurch irgendwie begleitet hat und für sie da gewesen war. Und jetzt würde sie das achte Weihnachtsfest ohne den Mann verbringen müssen, der in ihrem Leben am ehesten die Vaterrolle übernommen hatte.
,,Bin wieder daaaa", rief Jimin durch die Halle und kurz darauf halten schnelle Schritte von den Wänden wieder, ein dampfender Becher und eine Brötchentüte wurden vor ihr abgelegt.
,,Fröhliche Weihnachten", grinste sie der junge Mann an und zwinkerte ihr zu: ,,Heute gab es gratis Weihnachtsgebäck in der Bäckerei."
,,War es wirklich kostenlos-gratis oder gratis in dem Sinne, dass du es mitgehen hast lassen?", fragte Hoseok resigniert, der sich zu ihnen gesellte und von einem genervten Zugenschnalzen begrüßt wurde.
,,Nur weil ich schon des öfteren etwas geklaut habe, bedeutet es nicht dass ich nicht vernünftig bezahlen kann oder Alles klaue, statt kaufe."
,,Sicher? Wenn nicht musst du nur Bescheid sagen, dann gehe ich Alles wirklich bezahlen."
Jimin war nun richtig genervt, weshalb er die für Hoseok gedachten Dinge zurück zu sich zog und sich auf der Sessellehne neben Sunny nieder ließ: ,,Wenn du nicht anders kannst , als mich an zu meckern, dann werde ich dein Gratisgebäck eben selber essen. Geh' dir doch selbst was kaufen."
,,Ist ja gut, hör auf herum zu heulen", zischte Hobi und schnappte sich seinen Kaffeebecher und sein Essen aus Jimins Händen, setzte sich danach zu ihnen.
Sunny seufzte leise, nippte an ihrem Becher. Dass sie ohne ihre Eltern Weihnachten feiern würde, bedeutete aber nicht, dass sie alleine war. Sie hatte eine Familie; Hoseok, Jimin. Bis vor wenigen Tagen wären es auch Jin und Jeongyeon gewesen, aber das war nun ein abgeschlossenes Kapitel für sie.
,,Seid ihr aufgeregt? Wegen heute Abend?", fragte der Schattenprinz und biss genüsslich in sein Croissant, sein Blick pendelte zwischen ihr und ihm hin und her.
,,Was denkst du denn?", stellte Hoseok die Gegenfrage und hob seine Augenbraue: ,,Du etwa nicht?"
,,Doch natürlich, aber.. es ist irgendwie noch viel zu unwirklich für mich. Ich meine wir sind zu dritt. Und heute werden wir etwas verdammt Illegales machen."
,,Das du ein Problem damit hast", lachte Hoseok trocken und Jimin warf ihm seine zerknüllte Papiertüte an den Kopf.
,,Diesmal bin ich nicht alleine! Mir egal, ob du verhaftet wirst, aber ich mache mir Sorgen um Sunny. Was alles passieren wird und kann..", sein Blick fuhr zu Sunny, die die Schultern zuckte und dann aufstand, ihre Maske vom Tisch nahm, die sie bis eben dekoriert hatte. Jede ihrer Masken machte sie sich selbst. Und die Erste galt Sunny, das Rot stand für die Liebe und den Hass, den Zorn und die Leidenschaft, der aus ihren Tiefen in diese Rolle hineinspielten und sich mit ihr verbunden haben. Die weißen Elemente waren für die Leere der Maske, die Sachlichkeit und Kälte, mit welcher sie anfangs vorhatte, alles zu meistern. Trotzdem würde sie sagen, Sunny sei mehr sie selbst gewesen, als sie selbst eigentlich sie selbst war. MAYA war von Anfang an ein Mittel zum Zweck, etwas Illegales, etwas Gefährliches, welches mit einer unfassbaren Eleganz die Wahrheit zum Geheimnis zu machen verstand.
Mithilfe dieser Farbpsychologie waren selbst die unscheinbarsten, unwichtigsten Dinge ihres Lebens bis zum Schluss durchdacht. Aus diesem Grund war ihr letztes Kostüm, war ihre letzte Maske in einem schweren Goldton. Die letzte Show, in welchem sie sich offenbaren würde, nicht mehr als MAYA zu spielen bräuchte. Das Gold, dass sich ihrer Haut, ihrem eigentlichen Wesen anpasste und ihre Zuversicht verkörperte. Die Erlösung, die Heilung von ihrem jahrelangen Leiden lag nahe.
,,Um mich braucht ihr euch keine Sorgen zu machen. Sobald das heute vorbei ist, machen wir einen Neuanfang, von Anfang an. Wir werden Alles hinter uns lassen wir-", sie drehte sich zu den beiden Jungen: ,,Wir bekommen die zweiten Chancen, die wir verdient haben."
In Jimins Augen fand sie die Bestätigung, die Zusage der Unterstützung, die sie brauchte, ehe er den Raum verließ, um sich ebenfalls langsam fertig zu machen.
,,Und jetzt - wie geht es dir wirklich?", fragte Hoseok leise, stand vor ihr und legte seine Hände auf ihre Hüfte, zog sie sanft zu sich heran. Sie sah zu ihm hoch und wusste nicht zu antworten, fürchtete sich vor der möglichen Antwort.
,,Wenn das heute vorbei ist, dann wird es wirklich besser werden. Vielleicht nicht sofort, aber mit der Zeit werden wir weitermachen können, wie wir es doch immer wollten", flüsterte er und seine Lippen pressten sich vorsichtig auf ihre Stirn.
Tränen traten ihr in die Augen und sie klammerte sich an ihn, erlaubte sich einen letzten Trauermoment bevor sie auch diese Gefühle hinter sich lassen würde. Hoseok dachte, sie hätte Angst vor der Show, sah diese Bedürftigkeit seiner Partnerin als gutes Zeichen, als Fortschritt und drückte sie nur noch fester gegen sich, strich ihr sanft über ihr Haar.
Dabei weinte sie, weil sie sich schämte, für ihr Herz. Sie lag in seinen Armen und wünschte er wäre ein Anderer. Sie hörte seine Worte und wünschte es wäre nicht seine Stimme. Sie liebte jemand Anderen und wünschte sich verzweifelt, dass sich das noch änderte. Ansonsten würde die rosige Zukunft, von der sie träumten vielleicht sogar noch sehr viel schlimmer sein, als die Gegenwart es war.
Jung Hoseok
Die Abmachung mit Eunjin, die Info die er geheim glaubt, wiegen ihn in Sicherheit. Ein Luxus, der ihm nicht zusteht.
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