
FÜNFTENS
Link weinte.
Ich hatte ihn noch nie weinen sehen.
Ich trat leise einen Schritt näher, nachdem ich die Tür vorsichtig geschlossen hatte. Nicht jeder sollte das mitbekommen. So hätte auch ich es nicht tun sollen. Ich knetete den Brief in meiner Hand uns setzte sorgsam an: „Link?" Wie auf Kommando verstummte der Held, der weinend auf dem Boden saß und mir den Rücken zugewandt hatte. Scheinbar hatte er mich erst jetzt bemerkt. Ich trat noch einen Schritt näher. Er drehte sich um und schaute zu mir hoch. „Zelda...", flüsterte er meinen Namen, wie er es damals immer getan hatte. Ich hielt den Brief nun ersichtlicher in meiner Hand. Sein Blick lag darauf. „Du solltest das vielleicht lesen", sagte ich und tat so, als hätte ich das, was ich gerade gesehen hatte, nicht wahrgenommen. Link wischte sich mit seiner Hand quer über das Gesicht und stand auf. Er wusste, dass er als Ritter keine emotionalen Gefühle zeigen durfte. Doch konnte er seine geröteten Augen nicht mehr vor mir verstecken. Als ich ihm den Brief überreichte, berührten sich kurz unsere Finger. Ich zuckte. Er faltete den Brief auseinander und begann sachte zu lesen. Ich erkannte, wie seine die Worte etwas in ihm auslösten. Seine Mimik veränderte sich, je weiter seine Augen nach unten sanken. Seine Augenbrauen lagen streng mittig im Gesicht. Es bildeten sich Falten an der Stirn und eine Wasserschicht über seine Augen. Es war eine Mischung aus Trauer und Wut. Und Enttäuschung und Zorn. Er ließ den Brief sinken und sah mich an. Sein Blick sagte so vieles aus und doch konnte ich ihn nicht lesen. Wusste nicht, was er fühlte. „Link", sprach ich seinen Namen erneut fast flüsternd aus. Er schüttelte leicht den Kopf und schloss für einen Moment die Augen. Er wollte es sich nicht anmerken lassen, dass der Text ihn berührte. Doch ich sah, dass es ihn innerlich zerriss. Ich wollte ihn an mich ziehen, ihm sagen, dass ich für ihn da war. Doch ich konnte es nicht. Vielleicht wollte er seinen Freiraum, seine Ruhe? „Zelda", wiederholte er meinen Namen, bevor er sich auf den Boden sacken ließ.
Da waren sie wieder. Seine Tränen. Er hielt sich die Hände vor sein Gesicht, damit ich sie nicht sehen konnte. Doch es brachte ihm nichts. Ich setzte mich zu ihm auf den Boden. „Lass es raus", flüsterte ich ihm in sein Ohr und strich ihm mehrmals leicht über den Rücken. In der Ecke konnte ich das Master-Schwester herausblitzen sehen. Das Hylia-Schild war an einem Fuß seines hölzernen Bettes angelehnt. „Ich kann nicht mehr...", hatte er gesagt, als er die Hände wieder von seinem Gesicht genommen hatte. „Ich kann nicht mehr...", wiederholte er kurz danach wieder. „Lika, ich vermisse sie so sehr. Nordin versucht ein guter Ersatz für sie zu sein, aber es ist nicht so wie damals. Es fühlt sich so komisch an ohne sie", gab er wimmernd zu. „Dieser Brief. Ich kann dir nicht beschreiben, welchen Hass ich empfinde, wenn ich an meinen Vater denke. Wie kann man das einzige Mitglied seiner Familie, seinen eigenen Sohn, so ignorieren und alleine aufwachsen lassen?" Er schluchzte. „Der Druck. Jeder einzelne Hylianer hier hat vollstes Vertrauen und legt alle Hoffnung auf mich. Da lastet so viel Gewicht auf meinen Schultern. Ich kann es nicht mehr tragen. Es ist zu viel", setzte er fort. „Dieses Leben. Ich halte das alles nicht mehr aus. Ich kann einfach nicht mehr", räumte der Held seine Seele frei und ließ damit einen Teil meines Herzens zerbrechen. Selten erging es mir so, dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Wortlosigkeit. Es war so seltsam. Ich wollte ihn beruhigen. Ihm sagen, dass er gut ist, so wie er ist. Doch ich fand keine Worte. Also nahm ich seine Hand, flüsterte: „Ich bin da, Link. Immer. Für dich". Und war ihm wieder nah.
Kein Zweifel, wir hatten beide die Lasten unserer Leben zu tragen. Wir waren beide unzufrieden... mit allem. Doch konnten wir unsere Schicksale, unsere vorherbestimmten Leben, nicht verändern. Wir mussten sie zu leben lernen. Und das am besten gemeinsam.
„Du hättest das nicht sehen sollen", meinte Link leise und strich mit seinem schroffen Daumen über meine Hand. „Das gehört sich als Ritter nicht... Gefühle zeigen. Schwäche zeigen. Weinen". „Link, das ist doch in Ordnung", beruhigte ich ihn einfühlsam. „Gefühle sind menschlich". „Ich bin für dich da. Das weißt du". Pause. „Kommst du mit mir?", fragte er mich fest entschlossen. Er drückte meine Hand fester. Unsere Blicken trafen sich. Sie waren sich einig. Dann rannten wir.
Davon.
Weg von diesem Ort.
Weg von diesem Leben.
» «
Da war diese Tiefe. Diese unendliche Tiefe. Dieser freie Fall. Link stand vor mir.
Er sprang.
Also tat ich es auch.
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