
Was?
"Und dann hat sie WAS gesagt?", rief Scarlett spitz und ich hielt das Handy von meinem Ohr weg. Mein Trommelfell war vermutlich gerade gerissen, aber es tat gut mich mal wieder mit ihr zu unterhalten. Ich saß in der Lobby des Hotels und starrte gedankenverloren auf die Aufzugtüren, die matt golden schimmerten und verzerrte Bilder des Eingangs widerspiegelten. Auf und zu. Auf und zu. Etliche Klassen checkten ein und checkten aus. Dieses Hotel schien ziemlich beliebt bei Rentnern und Schulklassen zu sein, da es bezahlbar und eigentlich ziemlich hübsch war. Ich meine, die Lage war unwiderstehlich und die Zimmer auch ganz annehmbar.
"Ich will das echt nicht nochmal wiederholen", antwortete ich und konnte sie mir bildlich genau vorstellen, wie sie in ihrem roten Samtsessel lümmelte, die Beine angezogen, das Handy zwischen Schulter und Ohr geklemmt und sich die Fußnägel lackierte.
"Am liebsten würde ich dieser Bitch ihre Locken einzeln rausreißen", meinte sie und pustete. Ich grinste und blätterte in einer Zeitschrift.
"Ich weiß nur nicht, wie ich jetzt mit der Situation umgehen soll", sagte ich und drehte eine Strähne um meinen Zeigefinger.
"If you can't beat 'em, kill 'em with kindness", philosophierte sie und pustete wieder.
"Welche Farbe?", fragte ich sie und schaute Mr Ford hinterher, der mit der Dame an der Rezeption redete.
"Rot. Du weißt doch, dass meine Nägel immer rot werden", sagte sie und schnalzte mit der Zunge. Mr Ford lehnte mit dem rechten Ellbogen auf der Theke und zwinkerte, ZWINKERTE!, der blonden, ungefähr 25 - jährigen Frau zu.
"Bah", flüsterte ich und konnte förmlich spüren, wie sie aufhorchte.
"Was? Was? Was? Was?", rief Scarlett aufgeregt und ich hörte, wie sie ihre Position veränderte.
"Mr Ford, der Dinosaurier, du weißt schon. Er flirtet mit einer Rezeptionistin, die quasi ein Fötus im Vergleich zu ihm ist. Und dabei zwinkert er und streckt seine Brust hervor."
"Das ist ja das reinste Balzverhalten", brummte sie und kicherte. Ich starrte weiter auf meinen Lehrer, der anscheinend Frühlingsgefühle hatte, obwohl es bereits Sommer war. Die Aufzugtüren öffneten sich mit einem Pling und Cameron trat heraus. Sein Blick fand mich und er kam auf mich zu.
"Oh, oh", murmelte ich und Scarlett stöhnte auf.
"Was ist denn nun schon wieder? Wir spielen hier doch kein Quiz. Sag mir doch nur einmal-", begann sie, doch ich unterbrach sie.
"Hey, Cam. Was ist los?" Er schaute auf mein Handy und wieder zu mir.
"Oh mein Gott. Du musst mir aaaaalles erzählen. Ich leg jetzt auf. Bye!" Und weg war sie. Entgeistert starrte ich auf den Bildschirm und murmelte vor mich hin. Sehr unauffällig, Scarlett.
"Probleme?", fragte Cam und ich rückte ein wenig auf dem Sofa zur Seite, damit er sich zu mir setzen konnte.
"Ich weiß es nicht. Sag du's mir", entgegnete ich und stieß ihn mit meiner Schulter an. Cam grinste schwach und ich runzelte die Stirn.
"Hey, ist alles okay?"
Er knetete seine Hände und kaute auf seiner Unterlippe. Ich legte die Hände an seine Wangen. Sie fühlten sich rau an meiner Haut an und ich schaute ihm tief in die blauen Augen. "Was ist los, Cameron? Sprich doch mit mir", forderte ich und er tat seine großen Hände über meine kleinen.
"Zuhause ist die Hölle los", flüsterte er und ich rückte etwas von ihm ab. Mein Magen zog sich zusammen und ein ungutes Gefühl staute sich in mir auf.
"Wieso?" Er schluckte schwer und mein Herz rutschte mir in die Hose.
"Ich kann es immer noch nicht glauben", murmelte er und schaute an mir vorbei ins Leere. Er machte mich verrückt. Verdammt, wann rückte er denn endlich mit der Sache raus.
"Cameron!", rief ich und sein verirrter Blick fand meinen ängstlichen. "Sind es wieder die, die die Rinder getötet haben?"
"Nein." Ich atmete erleichtert aus.
"Wie Nein? Was ist denn dann los?"
"Jules. Ich... Es war keine gute Idee herzukommen", flüsterte er und seine Augen glänzten. Jetzt hatte ich erst recht Angst.
"Cam. Was soll das heißen?", fragte ich mit zitternder Stimme. Eine einzelne Träne stahl sich hervor und kullerte meine Wange hinunter. Er wischte sie mit dem Daumen weg und fuhr mir über die Unterlippe.
"Das soll heißen, dass ich dich da nicht mit reinziehen möchte", murmelte er leise und lächelte matt. Mein Magen krampfte sich zusammen und mein Herz überschlug sich.
"Hat es was mit Drogen zutun?", fragte ich ihn und strich ihm ein paar seidige Strähnen aus der Stirn. Er lachte resigniert auf und zog sich ein bisschen zurück. Er nahm meine Hände von seinen Wangen und hielt sie auf seinem Schoß.
"Ich habe nie welche genommen, Barbie. Das war alles nur Brody. Wann kommst du endlich davon los?" Ich verschluckte mich fast an dieser Erkenntnis und warf ihm einen misstrauischen Blick zu.
"Und warum hast du es mir nie erzählt?"
"Stolz. Wut. Keine gute Mischung", meinte er und zuckte mit den Schultern. Er wollte aufstehen, doch ich hielt in fest.
"So einfach kommst du mir nicht davon", zischte ich und funkelte ihn an. "Du kannst nicht einfach so herkommen, mir eine scheiß Angst einjagen und dann freudestrahlend in den Sonnenuntergang reiten!" Cameron lächelte wieder. Doch es kam nicht in seinen Augen an. Egal was da so an ihm zerrte, es ging ihm näher, als er zugeben wollte.
"Manchmal ist es besser über einige Dinge nicht zu reden", sagte er und hauchte mir einen Kuss auf die Wange. Ich gab ihm einen leichten Klaps und schob ihn von mir weg.
"Was. Ist. Passiert?" Ich betonte jedes einzelne Wort und ignorierte sein dämliches Grinsen. Er wollte seine Gefühle hinter dieser arroganten Fuckboy-Fassade verstecken. Aber dafür war ich nicht blond genug. Mich täuschte er nicht.
"Du bist süß, wenn du sauer bist", sagte er und zwinkerte.
"Und du bist gleich einen Kopf kürzer", entgegnete ich ungeduldig. Ich war nicht nur verdammt neugierig, sondern machte mir auch noch große Sorgen. Da wurde ich immer harscher.
"Dann kann ich dir aber nicht mehr erzählen, was mir auf der Seele liegt." Stöhnend verdrehte ich die Augen und rüttelte an seinen breiten, muskulösen Schultern.
"Spuck's aus!" Eigentlich erwartete ich keine Antwort mehr, doch er senkte den Blick und seine langen Wimpern berührten beinahe seine hohen Wangenknochen.
"Mein Vater ist zurück."
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