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Kapitel 11

[Eine Geschichte von Beginn an]

~Alles beginnt irgendwo und bestimmt so den Verlauf der weiteren Geschichte~

„Dies sind die freiwilligen Testobjekte" verkündete eine Stimme und die 15 Jugendlichen standen stramm und ordentlich in einer Reihe. Alle in dieselben Sachen gekleidet. Eine weiße, lockere Hose, ein weißes T-Shirt und eine hellgraue Jacke. Dazu noch weiße Schuhe, weiße Socken und ein Armband, dass ihre Daten zeigte. Man konnte ihre Brandnummern, die sie auf dem Rücken hatten, zwar nicht sehen, aber sie mussten Schilder halten, auf denen ihr Name sowie ihre Brandnummer geschrieben war.

Freiwillig. Pah. Niemand von diesen 15 Jugendlichen war freiwillig hier. Sie alle hatten ihren Grund, aber sie wollten nicht hier sein. Das alles versprach nur Schmerzen und den Tod denn so sah die Zukunft für Phoenixe wie sie es waren eben aus.

„Oh ja. Freiwillig. Ich freue mich schon auf die Folter und die Versuche, die an uns durchgeführt werden. Wird sicher witzig" meldete sich da eine Stimme und die dunkelblauen Augen des kleinen Jungen richteten sich langsam auf das Mädchen neben sich. Cassiopeia Tripe. Seine Schwester.

Sofort wurde sie von dem Wärter, von dem jeweils einer hinter jedem der „Objekte" stand, geschlagen doch der alte Mann hielt ihn auf, bevor er ihr noch größeren Schaden anrichten konnte.

„Fahren Sie fort" befahl er Mann, den Casmiel nur zu gut kannte. Es war der Präsident und auch sein Onkel. Er kannte nicht einmal seinen Namen und doch war er „Familie", wie sein Vater ihm gesagt hatte. Casmiel hasste seine Familie und dieser Mann war nur ein weiterer Grund dafür.

„Brandnummer 1, Polan McNive. Abstammung, Irland. Blutgruppe B positiv. Fähigkeit: Gesteigerte Körperfunktionen" sagte die monotone Männerstimme und er ging zur Nächsten.

„Brandnummer 2. Eira Meradis. Abstammung, unbekannt. Blutgruppe 0 negativ. Fähigkeit: Elemetarmanipulation" fuhr er fort und kam zum Nächsten.

„Brandnummer 3. Cassiopeia Tripe. Abstammung, England. Blutgruppe A positiv. Fähigkeit: Gefühlsmanipulation" stellte er das freche Mädchen vor, die ihm nur den Mittelfinger entgegenstreckte und sofort wieder geschlagen wurde. Aber selbst das konnte ihr das Lächeln nicht von den Lippen verbannen.

Doch Casmiel hatte keine Zeit seine Schwester weiterhin für ihren Mut zu bewundern, denn der Wächter, der die Namen vorlas, packte ihn unsanft am Arm und zog ihn auf seinen eigentlichen Platz, weg von Cassiopeia, die ihm nur ermutigend zunickte.

„Brandnummer 4. Leoda Evans. Abstammung, Amerika. Blutgruppe B negativ. Fähigkeit: Schutzschilderschaffung. Brandnummer 5, Arthur Flemming. Abstammung, Deutschland. Blutgruppe AB positiv. Fähigkeit: Holzskelett. Brandnummer 6. Eliot Heading. Abstammung, Amerika. Blutgruppe A negativ. Fähigkeit: Erschaffung"

Der Mann zählte sie alle nacheinander auf und plötzlich stand er vor Casmiel, der versuchte perfekt dazustehen, wie es ihm beigebracht wurde, mit einem geraden, emotionslosen Blick und geradem Rücken. Die Angst stieg in ihm auf, aber er unterdrückte sie sofort wieder. Nichts fühlen. Nichts fühlen. Das bläute er sich immer wieder ein.

„Brandnummer 7. Casmiel Tripe. Seine Daten bleiben unbekannt auf Befehl des Vaters" sagte der Wächter nur und Casmiel bemühte sich nicht verwirrt zu wirken. Wieso wurden Cassiopeias Daten einfach veröffentlich aber die seinen nicht? Lag das etwa daran, weil Cas das Erbe der Tripes war und somit eine eigene Art von Staatsgeheimnis?

Und so fuhr der Wärter ohne weitere Spezialfälle fort. Es folgten noch April Lesque, Jaque Lorbeer, Victoria Harrington, Tania Carda, Thomas Callan, Blue Bloodclaw, Antoine LeClair und Ares Hopeseek. Die ersten Versuchsobjekte, wie die Arena sie nannte. Objekte. Hier waren sie tatsächlich noch weniger als Ratten in Käfigen. Sie waren Gegenstände, die man entbehren konnte.

„Perfekt. Vielen Dank. Ihr seid die Zukunft. Ihr seid die einzige Hoffnung der Phoenixe. Aber glaubt nichts, das das bedeutet wir würden euch alles verzeihen. Besonders du solltest aufpassen, Cassiopeia Tripe. Dein Vater mag Macht haben, aber mir gehört einfach alles, so auch das Tripe-Imperium. Also bevor du das nächste Mal deinen Mund öffnest, denke lieber daran, dass ich dich und deine Bruder einfach töten könnte. Verstanden?" fragte er der Mann, als würde er ihnen nur eine normale Schullektion einbläuen, und Cassiopeia starrte ihn hasserfüllt an.

„Ich habe gehört Zwillinge sind immer zusammen. Also vielleicht sterbt ihr auch zusammen. Hier, in eurem neuen Zuhause" säuselte er nur zuckersüß und er tätschelte sie noch einmal, als wäre sie nur ein Hund. Casmiel konnte spüren, wie sehr Cas diese Mann die Fresse einschlagen wollte, denn er wollte das auch. Er wollte diesem Mann zeigen, dass er nicht dieser Arena gehörte.

Also tat er etwas, dass nicht einmal Cassiopeia erwartet hatte. Casmiel, ihr kleiner Bruder der normalerweise eher ängstlich und still war, manchmal etwas aufbrausend, wenn man die falschen Worte vor ihm äußerste, aber sonst immer sehr überlegt und strategisch handelte, lachte. Er lachte, nur leicht und eher spöttisch, herablassend, als würde er den Präsidenten selbst auslachen. Denn genau das tat er gerade und jeder im Raum hielt die Luft an.

„Der Tod? Damit drohen Sie uns also? Ihr Gehirn ist ja noch kleiner als ich zuvor erwartet hätte, aber was kann man schon von einem aufgeblasenen Mann erwarten, dessen Arroganz sogar seinen Gestank nach Inkompetenz überdeckt?" erwiderte er nur frech, wenn nicht sogar noch herablassender als sein Gelächter. Jetzt war wirklich jeder verwundert und alle Blicke lagen auf Casmiel Tripe, der den Präsidenten selbst so charmant anlächelte, als würde er für einen Schönheitswettbewerb kandidieren. Dieses Lächeln, das auch Charon Tripe trug, zu jedem Anlass.

Mit langsamen, bedrohlichen Schritten näherte sich der Präsident dem Jungen und sah auf ihn herab. Seine Augen glühten vor Kälte aber da war noch etwas anderes. Etwa...Entzücken?
„Du solltest deinen Platz kennen, Mr. Tripe. Ihr Leben und das Ihrer Schwester liegt ganz allein in meinen Händen" drohte der deutlich ältere und bedrohlichere Mann dem jungen Tripe, der ihn noch immer locker lächelnd musterte.

„Oh ich vergaß. Sie sind ja der Präsident. Entschuldigen Sie, einen kurzen Moment dachte ich Sie wären ein Angestellter von mir. Die sind auch immer dümmer als ich, aber das selbst Sie so dumm sind, hatte ich nicht erwartet. Wirklich enttäuschend" seufzte Casmiel bedauernd und sofort packte der Präsident den Jungen am Kragen und zog ihn hoch, sodass gerade noch seine Zehen den Boden berühren konnten. Aber das Lächeln verschwand nicht aus seinem engelsgleichem Gesicht.

Es war wie ein Rausch, der Casmiel antrieb und ihn seine Ängste vergessen ließ. Denn der Präsident, diese Arena, dieses neue Leben, das Casmiel anfangen würde, war nichts im Vergleich zu seinem Vater. Nur er konnte Casmiel in die Knie zwingen und vielleicht war genau das Charons Ziel gewesen. Nun war Casmiel eine Waffe, kein gewöhnlicher Junge mehr. Er war eine Gefahr und das wusste Charon genau.

„Hüte deine Zunge, junger Tripe, bevor ich sie dir herausschneide" zischte der Präsident bedrohlich leise und Casmiel legte nur den Kopf leicht schief, so gut es ging, denn sein Kragen wurde noch immer von den Händen des Mannes hochgezogen.

„Na los. Töten Sie mich endlich. Ich habe nichts mehr zu verlieren. Sie im Gegensatz-" Casmiel lachte leicht während er den Kopf schüttelte und seine eigenen Hände auf die des Präsidenten legte, „-Sie verlieren alles"

Langsam bekam Casmiel wieder den Boden unter seine Füßen zu spüren und der Mann ließ ihn tatsächlich wieder los.

„Wir werden die Pläne ändern. Ich will das er anfängt" Der Präsident hatte auf Casmiel gezeigt und er wurde sofort von einigen Wachen gepackt und in eine andere Richtung geschleift als die anderen.

„Seht nur. Der Präsident hat Angst vor einem Kind. Wie rührend. Ich fühle mich ehrlich geehrt" höhnte Casmiel nur weiter während er sich getrost von den beiden Wachen tragen ließ, die ihn nur mit Mühe und Not von den anderen wegtransportierten.

Nie hatte sich jemand so gegen den Präsidenten gestellt. Noch nie in seinem gesamten Leben war jemand so schamlos gewesen, so selbstlos. Nein. Das war nicht selbstlos gewesen. Casmiel hatte genau gewusst welche Worte er benutzen durfte und welche nicht. Dieses Gespräch war genau so verlaufen, wie Casmiel es geplant hatte und der Präsident hatte auch noch nachgeholfen dieser Richtung zu folgen.

Es war dieser Moment gewesen, der allen Anwesenden eines bewiesen hatte:
Casmiel Tripe war kein gewöhnlicher Mensch. Er war eine Gefahr.

Ein Jahr verging. Immer mehr Leute kamen in die Arena, die nun zu einem großen Spektakel in der Welt dort draußen geworden war. Sie waren so etwas wie Stars, die aber nicht nur in den Filmen starben, in denen sie mitspielten. Es standen echte Leben auf dem Spiel, doch dieses Verständnis war für die Menschen dort draußen verschwunden. Phoenixe waren nur Akteure und wenn sie verschwanden, konnten sie mit Leichtigkeit ersetzt werden.

Doch nicht für die Phoenixe.
Von den „Gründern" waren kaum noch Mitglieder übrig. Es stellte sich heraus, das genau das der Plan der Arena war. Die 15 Phoenixe, die anfangs noch gegeneinander gekämpft hatten und sich nur im Ernstfall wirklich töteten waren beinahe ausgerottet worden und die Welt sah die Spiele immer mehr als Unterhaltungsprogram.

Doch mit einem Tod hatte niemand gerechnet. Es war, als würde das Grundgerüst endgültig zusammenfallen denn am 13. März starb Tania Carda. Casmiel hatte damals nicht gewusst, wieso ihr Tod ihm so ans Herz ging, schließlich pflegte er so wenig Kontakt zu seinen Kontrahenten wie nur möglich, bis auf seine Schwester. Aber Tanias Tod war ein Schock.

Sie konnte in die Zukunft sehen und war deshalb ruhig wie ein sanfter Gebirgsbach, als sie mit der schweren Bauchwunde auf dem Platz lag. Es war ein Unfall gewesen. Der Gegner von Tania hatte nicht beabsichtig sie so tief zu treffen, doch jetzt sickerte das Blut durch ihr hellbraunes T-Shirt und der dunkle Fleck breitete sich immer weiter aus. Sie lächelte noch, als sie schließlich vor Erschöpfung und Schmerzen zusammenbrach.

Das war der Moment, als Cassiopeia, Casmiel und Eliot, drei der überlebenden Gründer, auf sie zustürzten, die Wachen einfach ignorierten und sich neben dem Mädchen fallen ließen, um sie mit aller Kraft zu retten.

Eliot erschuf ein Handtuch, das war seine Fähigkeit. Erschaffung. Er konnte aus den einzelnen Partien seines Körpers verschiedene Gegenstände erschaffen und diese dann frei nutzen. Wenn er sie wieder mit seinem Körper verschmelzen ließ, bekam er sein ausgewähltes Körperteil wieder zurück und es war so, als wäre nicht passiert.

Doch bald schon war auch das frische Handtuch blutdurchtränkt und Casmiel wusste, das Tania es nicht überleben würde. Er hatte eine Art Wall um sie erbaut, damit die Wächter sie nicht stören konnten und auch Cassiopeia half ihm dabei, sodass die Gefühle doppelt so stark und aggressiv waren.

„Tani...du darfst nicht sterben. Bitte" flehte Eliot verzweifelt, während er mit der einen Hand das Tuch auf die Wunde presste und mit der anderen Tanias Hand hielt. Tränen flossen über seine geröteten Wangen und sie tropften auf Tania, die ebenso weinte, aber dennoch ein leichtes Lächeln auf den Lippen trug.

„Es ist okay, Eliot. Ich habe diesen Moment bereits erwartet. Du weißt, ich kann das Schicksal nicht ändern. Aber hört zu. Ich muss euch etwas wichtiges sagen" bat sie angestrengt. Sie ertrug wohl schreckliche Schmerzen, während sie ihnen diese Nachricht überbrachte aber sie alle hörten geduldig zu, während außerhalb des Schutzwalls mehrere Wachen sie umstellten und warteten, bis dieses Drama vorbei war.

„Eine Weissagung...sie ist wichtig. Also...merkt sie euch gut. Überlebt unbedingt und teilt sie mit den anderen. Versprecht mir, das ihr lebt. Ganz besonders du, Casmiel Tripe. Ich sehe schwarze Wolken in deiner Zukunft und was dahinter ist, steht in den Sternen. Du musst es herausfinden. Für mich. Für alle, die sterben mussten, wegen der Angst der Menschen. Versprich es mir!" zwar versuchte Tania tapfer zu sein, doch sie konnte das schluchzen nicht verhindern und immer mehr Tränen flossen aus ihren hoffnungsvollen, hellbraunen Augen, die direkt auf Casmiel gerichtet waren.

Ein Mann oder ein Monster
Friede oder Krieg.
So gleich und doch so verschieden,
doch es wird durch ihre Hände entschieden.
Jeder Kampf und jede Schlacht,
jeder Mann, jede Frau, jeder Mensch wird wählen müssen.
Leben oder Tod.
Wenn der Engel seine Flügel verliert, die ihn doch so weit getragen hatten,
Wenn der große König der Worte seine goldene Krone verliert, in die Augen des Todes blickt und sieht, das er verloren hat, dann und nur dann wird ein Mann, ein Mann aus Fleisch und Blut kommen, der dem Tode immer entrinnt.
Er trägt den Fluch des Lebens auf seinen Schultern, der Sick Boy.
Der unsterbliche, der Untote. Der Unbesiegbare.
Falsche Entscheidungen und falsches Spiel,
Verrat und Intrigen, das Vertrauen ist rar.
Niemand wird jemals verstehen, bis jeder sieht.
Doch, wenn die Legende seinen letzten Wimpernschlag erlebt und er den letzten Atemzug nimmt, er langsam stirbt in den Armen seiner Folgenden,
wenn der gefallene Engel den letzten Flug antritt,
der Jäger zum Gejagten wird,
das Herz seinen Platz einnimmt,
und der schwarze König seine weiße Dame verliert, dann ist der Krieg vorbei.
Dann haben sie gewonnen, die, die man Monster nennt.
Sie verbrennen. Doch werden sie wieder neu und besser aus der Asche entstehen und mit Feuer und Wind über die Erde herrschen.
Sie werden fliegen. Das sagt die Prophezeiung des Sick Boys"

Mit diesen letzten Worten, die weder ein Gedicht noch ein sinnvoller Satz ergaben, verblasste das Licht aus Tanias Augen und ihre Lächeln erschlaffte. Ihre Hand, die Eliot zuvor noch gehalten hatte, fiel nun locker zu Boden. Sie hauchte ihre Leben aus, starrte gedankenverloren in den Himmel, als würde sie Tagträumen. Doch sie würde nie wieder aufwachen.

Das sagt die Prophezeiung des Sick Boys.

Casmiel hatte Tania etwas versprochen. Er würde leben und den Sick Boy finden. Er würde ihn finden und die Phoenixe so vor der Ausrottung bewahren. Er würde leben, für all die Verstorbenen.

Wenn er damals nur gewusst hätte, wie schwer leben war, wenn er alle die er liebte, sterben sehen musste. Hätte er damals nur gewusst, dass das Leben in ihm sterben konnte, obwohl sein Körper weiterlebte. Hätte er damals nur gewusst, das er dieses Versprechen nicht halten konnte...

Die Arena zerfraß die Seelen der Leute. Sie zerstörte ihren Glauben, durchbohrte ihre Herzen und ließ sie zuerst innerlich sterben, bevor ihr Körper langsam zerfetzt wurde. Irgendwann konnte man der psychischen und physischen Folter nicht mehr widerstehen und man wollte nicht mehr weitermachen. Man wollte nicht mehr kämpfen, nicht mehr töten und nur die Wenigsten hatten noch wirklich Respekt vor dem Tod. Er war eher ein Level-Up. Eine Befreiung von den ewigen Qualen, die man in der Arena erlebt hatte.

Casmiel wäre schon längst in dieses Loch der Verzweiflung gefallen, wenn er nicht den größten Fehler seines Lebens begangen hätte. Wenn er nur nicht diesen großen Fehler und zugleich seine beste Chance ergriffen hätte. Dann wäre vieles vielleicht anders gewesen.

Denn anstatt zu kämpfen, schloss er sich den Wissenschaftlern der Arena an und statt gegen sie zu kämpfen, kämpfte er mit ihnen auf einer Seite gegen seine eigene Art.

Er sah zu, wie die Phoenixe die Test vollzogen, er selbst folterte sie auf die grausamste Weise und flößte ihnen die schrecklichsten Gefühle ein, die er kannte und von diesen hatte er reichlich. Er half dabei, die perfekten Kampfwaffen zu erstellen, wie Eira eine war. Denn ohne seinen letzten Schliff, hätten sie nie so viel Macht erlangt.

Durch seine Fähigkeit konnte er ihnen jegliche Gefühle nehmen und sie stattdessen in sich selbst aufnehmen. Er spürte all den Schmerz, die Furcht, die Verzweiflung, die früher durch die Seele dieser Menschen geflossen war und diese Gefühle stemmten sich auf ihn, als würden sie versuchen ihn immer weiter nach unten zu drücken.

Er fühlte sich wie Sisyphus, der gezwungen war, einen riesigen Stein einen Hügel hinaufzurollen. Aber immer wenn er fast am Ziel war, verließ ihn seine Kraft und der Stein rollte zurück. Es war seine ewige Aufgabe den Felsen nach oben zu schieben und sich dann wieder und wieder von ihm zerquetschen zu lassen. Keine Pause. Keine Ruhe. Nur eine unmögliche Aufgabe, die sein einziger Weg in die Freiheit war.

Casmiel war es schon gewohnt, seine eigenen Gefühle zu tragen, die jedoch schwerer waren, als jede andere Last, die er je tragen musste. Er schliff sie mit sich, als hätten sie sich an sein Bein geklammert, um ihn zu nerven und seine Arbeit zu behindern. Diese Last vervielfachte sich durch diese Experimente und er nahm den Versuchen ihre Gefühle ab um sie sich selbst auf den Rücken zu hieven.

Es war ein Wunder, dass er noch nicht zusammengebrochen war, aber durch die Erziehung seines Vaters war er es gewohnt sich so lange wie nur möglich auf den Beinen zu halten. Er konnte die Gefühle einfach ausblenden, selbst die Freiheit der Emotionslosigkeit genießen. Aber trotz allem war Casmiel Tripe nur ein Mensch, der ebenso Bedürfnisse hatte, wie andere Lebewesen. Irgendwann musste er schlafen und sich seinen größten Ängsten stellen.

Doch eines Nachts veränderte sich alles.

Er schlief, die Gefühle, Alpträume und Schuldgefühle jagten ihn durch seine Gedanken bevor er von irgendjemanden geweckt wurde und Cassiopeia mit einem Messer bedrohte, das er immer unter seinem Kissen lagerte. Seine Paranoia nahm mit jedem weiteren Tag zu, er fühlte sich nirgendwo sicher. Nicht einmal von Cassiopeia ließ er sich mehr umarmen. Er konnte es nicht, die Angst war zu mächtig.
Er analysierte Schrittmuster, merkte sich Stimmlagen und Gewohnheiten anderer, um sicher zu gehen, das sie es wirklich waren. Cas zögerte den Schlaf so weit wie nur möglich heraus, setzte sich immer mit dem Rücken zur Wand und achtete darauf, das er alles und jeden im Blick hatte. Es war anstrengend, ermüdend und eigentlich nicht nötig, aber je länger er umgeben war, von der Gefahr, den Risiken und den bedrohlichen Mauern der Arena.

„Beruhig dich, Cassy. Wir müssen hier weg. Jetzt sofort. Komm" zischte sie so leise wie möglich und ohne weitere Anweisungen zog sie den 15-jährigen Casmiel auf die Beine und zog ihn mit sich. Er hatte diesen Tag erwartet, er hatte ihn sogar erhofft. Aber jetzt, da er hier war, fürchtete er sich davor. So viel konnte schief gehen. So viel stand auf dem Spiel, aber wenn nicht jetzt, dann nie.

Ohne einen Mucks von sich zu geben schlichen sie durch die Gänge. Ihre nackten Füße waren kaum zu hören, eine Taktik der Assassine, die sie von einem Freund der Familie, Helios Tripe, gelernt hatten. Das Training machte sich eben doch bezahlt, aber dennoch würde Casmiel sich niemals dafür bedanken. Helios war kein Mensch, dem man danken sollte. 

„Das...das ist nicht der Plan gewesen, Cassy..." zischte Casmiel nervös, aber leise, während Cassiopeia sich ihren Weg durch die Gänge suchte und ihren kleinen Bruder fast schon zornig hinter sich herzog. Generell wirkte sie sehr aufgebracht. Ihre dunkelblauen Augen waren von einem dunklen Schatten umgeben und doch glühte sie so, wie Funken in der Dunkelheit. Ihre Lippen waren geschürzt und sie knabberte wohl an dem Inneren ihres Mundes herum. Etwas das sie zwar öfter tat, aber nicht so...gewalttätig. Casmiel brauchte nicht einmal seine Gabe um zu erkennen, das Cassiopeia sehr wütend war.

„Ich scheiß auf den verdammten Plan! Diese Bastarde können mich mal" zischte sie nur bissig zurück, doch diese Aussage verwirrte Casmiel nur noch mehr. Der Plan war doch perfekt. Schließlich hatte seine Schwester ihn entworfen und er vertraute ihr bedingungslos, aber dennoch verwarf sie ihn einfach und ging das Ganze destruktiv an.

„Aber-", begann er fast schon schüchtern, aber Cassiopeia unterbrach ihn sofort:
„Halt die Klappe, Casmiel und hör endlich auf mich zu nerven!" fauchte Cassiopeia und die Intensität und Wut in ihrer Stimme ließ Casmiel zusammenzucken. Kurz sah er in ihren Augen dieselbe Kälte, die auch Charon Tripe ausstrahlte, wenn er seine Kinder ansah.

Er riss seinen Arm panisch von ihrem steinharten Griff los und ließ sich ein paar Schritte zurückfallen. 

Aber Cassiopeia schien ihren Fehler nicht einmal zu bemerken und ging weiterhin lautlos, aber deutlich wütend, ihren Weg entlang, während Casmiel versuchte mit ihr Schritt zu halten. Er wollte hier nicht alleine sein, auch wenn er kurz zögerte und zurück gehen wollte.
Wieso fühlte er sich ihr nun so fremd?

Als Casmiel bemerkte, das noch jemand in der Nähe war, hielt er Cassy sofort auf und deutete in die Richtung, in der er die seltsamen, metallischen Schritte hörte. Es klang, als würde Metall auf dem Boden aufkommen, aber nur einen sanften, gedämpften Laut von sich geben.

Aber als auch Cassiopeia dies bemerkte, verdunkelte sich ihr brennender Blick noch mehr und sie ging einfach weiter.

„Hallöchen, du Blechhaufen-Bitch. Wollen wir es endlich beenden?" Casmiel blieb zitternd hinter der Ecke stehen. Bechhaufen-Bitch? Es musste also sie sein. Eira Meradis. Der Cyborg, der für die Scena arbeitete und scheinbar Cassiopeias Feindin, wenn er ihre neu-auflodernde Wut korrekt deutete.

Er atmete tief ein und schaltete die Angst aus. Er musste sich zusammenreißen, für seine Schwester und auch für sein eigenes Wohl.

„Das ist eine dumme Idee, Cassy. Du kannst diesen Kampf nicht gewinnen" flüsterte er leise, in der Hoffnung, das Eira es nicht hören würde.

„Ich werde dich besiegen und dann sehen wir endlich, wer von uns beiden wirklich die Nummer 1 ist! Ich werde dir nie verzeihen, was du ihm angetan hast. Ich werde dir nie verzeihen, was du bist. Ich werde dich umbringen!" zischte sie wütend und sie streckte einfach ihre Hand aus.

Nichts geschah. Jedenfalls dachte Casmiel das, aber dann rann auf einmal Blut aus Eiras Mund und sie schien ehrlich verwirrt, als sie die rote Flüssigkeit wegwischte.

„Gefällt dir das? Du hast keine Chance gegen mi-" eine Wand aus Flammen erhob sich direkt vor Cassiopeia und wenn Casmiel sie nicht rechtzeitig weggezogen, wäre mehr verbrannt, als nur ihre weiß-goldene Haarpracht, die nun schwelte und an den Spitzen schwarz war.

„Das wirst du mir büßen!" knurrte sie bedrohlich, sie war ihrer Rage verfallen und Casmiel wusste nicht was er tun sollte. Kämpfen? Wegrennen? Cassiopeia einfach mit sich ziehen und wegrennen? Er wusste es nicht. Alles ging so schnell und es schien nicht so, als würde Eira mit sich reden lassen. Er wusste auch warum. Sie hatte keine Emotionen, keine Gefühle. Egal welche kreativen Beleidigungen Cassiopeia ihr an den Kopf werfen würde (denn davon kannte sie viele), sie würden niemals Eiras Herz erreichen. 

Sie griffen sich weiterhin an, und keiner der beiden schien wirklich zu verlieren oder zu gewinnen. Es war ein Tanz, der aus Schlägen und Ausweichmanövern bestand. Niemand traf den anderen, es war nur eine Frage der Zeit und Casmiel musste tatenlos zusehen. Seine nächste Entscheidung könnte alles verändern.

Aber wieso war es überhaupt dazu gekommen? Cassiopeias Blick hatte ihm verraten, das sie sogar gehofft hatte, auf Eira zu treffen. Etwas war passiert, aber was?

Plötzlich hörte er einen erstickten Laut und er sah panisch um die Ecke. Eira hatte es irgendwie geschafft Cassiopeia zu packen und nun lag ihre metallische Hand um den zierlichen Hals seiner Schwester. Sie trat und schlug. Versuchte sich irgendwie aus dem stählernen Griff zu befreien und sich aus der hoffnungslosen Situation zu winden, aber gegen Eira war sie machtlos.

Ihr Atem ging stoßmäßig, aber sie schien noch genügend Luft zu bekommen.

„Hast du etwa Schiss mich zu töten?" fragte sie nur spöttisch lächelnd, aber Eira beachtete sie nicht wirklich und schlug ihr einfach in den Bauch. Cassiopeia würgte und hustete, was aber durch den Würgegriff von Eira mehr wie ein hilfesuchendes Krächzen klang.

Doch ihr Blick blieb eiskalt und sie spuckte Eira ein Gemisch aus Speichel und Blut ins Gesicht, dass Eira nur desinteressiert wegwischte.

„Ich werde dich töten, Cassiopeia Tripe. Aber ich will das er dabei zusieht" sagte Eira monoton und Casmiels Herz setzte einen Moment aus, bei diesen Worten. Sie hatte ihn also bemerkt. Er war so ein Idiot.

„Nein! Zieh ihn nicht da mit rein! Das ist eine Sache zwischen uns beiden, Schlampe!" krächzte Cassiopeia hasserfüllt, doch Casmiel konnte ihre Angst spüren.

Er beruhigte seine aufkommenden Gefühle und trat mit einem spöttischen Lächeln um die Ecke, um Eira nun anzusehen.

Scheinbar hatte Cassiopeia sie doch getroffen, doch das hatte nicht wirklich viel Wirkung gezeigt. Jetzt war sie in Eiras Gewalt.

„Casmiel! Renn sofort weg!" zischte Cassy wütend aber ihre Augen verrieten Casmiel alles, was er wissen musste. Sie wollte seine Hilfe. Sie wollte nicht sterben. Aber noch weniger wollte sie ihren Bruder als Leiche sehen.

Doch Cas schnaubte nur amüsiert aus und schüttelte den Kopf.
„Oh Schwesterherz. Wir beide wissen, das ich schon immer der klügere von uns beiden war. Aber eine solch impulsive Entscheidung hatte ich nicht erwartet. Du bist eben der einzige Mensch, der mich jeden Tag aufs neue überrascht" wechselte er das Thema, doch das alles war eine Lüge. Naja. Jedenfalls fast alles. Sie überraschte ihn tatsächlich jeden Tag. Normalerweise war es ihre Genialität, doch heute war es ihre Dummheit. 

„Du kannst sie töten, Darling. Dann verliere ich zwar meine Dame, aber dafür wird dich der König stürzen. Ein klassischer Damentausch" berichtete er Eira nur lächelnd, als wäre er ihr tatsächlich einen Schritt voraus, doch sie hob nur unbeeindruckt eine Augenbraue.

„Wie hast du vor mich zu stürzen? Deine Schwester ist stärker als du" meinte sie nur monoton, als könnte sie keine andere Stimmlage annehmen.

„Ich weiß nicht ob du dich erinnerst, aber ich habe deine Emotionen, Darling. Ich habe sie alle hier" er legte seine Hand auf sein Herz, eine romantische Geste, mit einer bedrohlichen Botschaft, „und ich kann sie dir einfach so wiedergeben. Die Arena verliert ihre beste Kriegerin, du wirst wieder ein pathetisches Mädchen, dass Angst vor dem Töten hat und ich kann dich einfach so mit einem Fingerschnipps umbringen" um seiner Aussage mehr Ausdruck zu verleihen, schnippte er lässig mit seinen Fingern.
„Ich gebe zu, Cassiopeia war immer die bessere Kämpferin. Aber ich habe andere Mächte in meinen Händen, von denen meine Schwester nicht einmal träumt" beendete er spöttisch, als würde er nicht nur Eira, sondern auch Cassiopeia auslachen.

Es war erschreckend, wie gut er seine Emotionen verbergen konnte.

Um ihr zu zeigen, wie ernst seine Drohung war, gab er ihr einen geringen Prozentteil ihrer Emotionen zurück. Eiras Augen weiteten sich in Furcht und Casmiel konnte ihr den Schock ansehen, wieder etwas zu fühlen, Tränen in den Augen zu haben und ein Herz in der Brust. 

Eira schien sogar kurz zu zögern, bevor Cassiopeia plötzlich gurgelte und Wasser aus ihrem Mund und ihrer Nase rann, als wäre sie ein lebendiger Wasserfall. Eira füllte ihre Lungen mit Wasser und ließ sie so ertrinken.

„Cas...lauf...weg..." gurgelte sie schwach und sie konnte ihre Angst nicht mehr verstecken. Aber sie konnte ihre Hand heben und ihre stark zitternden Finger zu einer Faust pressen.

Als ihre Finger sich letztendlich schlossen, brach Eira keuchend zusammen und war gezwungen Cassiopeia loszulassen.

Erschrocken entließ Casmiel Eira aus ihrem Angst-Stadium und nahm ihre Gefühle wieder in sich auf. Es war keine Absicht, aber er machte sich gerade größere Sorgen um seine Schwester als um Eiras Emotionen. 

Die beiden Frauen lagen nur beide schwach am Boden, atmeten stoßartig und Cassiopeia würgte das ganze Wasser hervor, das zuvor noch ihre Lungen überschwemmt hatte.

Sofort stürzte Casmiel zu ihr und half ihr sich aufzusetzen, als sie scheinbar das ganze Wasser ausgespuckt hatte.

„Cassy..." wisperte sie noch immer heißer. Ihr Hals trug noch immer ein dunkler werdendes Mal von Eiras Metallhand und Casmiel konnte sich vorstellen, wie unfassbar schmerzhaft das war.

Doch als seine Schwester ihm ihre Hand auf die Wange legte, spürte er etwas klebriges, warmes. Es war Blut aber woher...?

„Cassiopeia! Dein Bauch...!" schrie Casmiel entsetzt auf, auch wenn seine Stimme sich vor Schreck nicht wirklich erheben konnte und es war mehr ein erstickter Schrei.

An Cassiopeias Bauch klaffte eine große Wunde, das Blut tropfte auf den Boden und färbte ihn rot, die Lache verbreitete sich schnell und Cassiopeia konnte es nicht stoppen, obwohl sie ihre Hand dagegen presste.

„Das ist der Nachteil meiner Fähigkeit" seufzte sie nur leicht lachend, doch kein Ton entwich ihren trockenen Lippen. „Ich kann alles an einem Menschen kontrollieren, nicht nur ihre Gefühle. Aber wenn ich das mache, dann reagiert mein Körper darauf und eine meiner alten Wunden reißt auf. Vater nannte meine Kraft Karma weil ich sie nur einsetzen kann, wenn mein Opfer mir dieselbe Wunde zugefügt hatte" berichtete sie nur und nun flossen Tränen über ihre Wangen.

„Ich habe Eiras Herz beinahe zerquetscht, doch bevor ich das tun konnte, hat meine Kraft es mir heimgezahlt. Ich wollte dich beschützen...also geh jetzt, Casmiel. Flieh und mach die Welt für alle Phoenixe zu einem besseren Ort...büße nicht für meine Fehler," flehte Cassiopeia schluchzend. Ihre Stimme war nicht mehr als ein Krächzen, aber Casmiel verstand jedes Wort deutlich.

Sie legte ihre Stirn gegen die Seine und schloss ihre dunkelblauen Augen.
„Ich liebe dich, Idiot. Und jetzt geh...mach die Welt für die Phoenixe zu einem besseren Ort...finde den Sick Boy. Tu es...nicht nur für mich. Sondern auch für Tania, Caspian, all jene, die uns am Herzen lagen und gestorben sind. Tu es für dich...und jetzt renn!"

Er würde niemals rennen. Das könnte er nicht, nicht wenn Cassiopeia in diesem Zustand war. Doch sein Körper lag nicht mehr in seiner Gewalt und er rannte einfach los, ohne den Blick einmal von seiner Schwester abzuwenden. Er rannte und rannte, bog links und rechts ein, fand seinen Weg, las ihn von seiner imaginären Karte ab, die er gespeichert hatte.
Casmiel wehrte sich gegen diese unsichtbare Macht, aber es funktionierte nicht. Cassiopeia schien ihn irgendwie zu kontrollieren. Sie opferte ihr Leben, um Casmiel in Sicherheit zu bringen. Er ließ sie nicht für ihre Fehler büßen.

Immer mehr ihrer alten Wunden und Narben rissen auf und das Blut durchnässte ihre Kleidung. Blaue Flecken waren auf ihrer blassen Haut verteilt, ihre Haare flogen um sie herum und etwas zerrte an ihnen. Man konnte ihr schönes Gesicht beinahe nicht mehr sehen, so viel Blut rann aus Wunden und sogar aus ihren Augen. Sie weinte Blut.
Gerade als sie ihre letzte Tat vollbrachte und einen Teil von Casmiels Erinnerungen löschte, thronte Eira über ihr und sah auf die traurigen, blutigen Gestalt herab.

Ohne irgendwelche Emotionen zu zeigen stieß sie Cassiopeia ihre Hand in die Brust und riss ohne Probleme ihr Herz heraus. Man konnte es nicht einmal Rache nennen. Eira hegte keine derartigen Gefühle. Sie besaß generell keine Gefühle mehr und hatte nicht die Intention gehabt, Cassiopeia das Herz herauszureißen. Es war Karma gewesen. Auge um Auge. Zahn um Zahn. Herz...um Herz.


Casmiel war auf der Mauer angekommen, nun hieß es entweder springen oder wieder in Gefangenschaft geraten. Wieder an diesen schrecklichen Ort zurück, an dem seine Schwester gerade gestorben war, oder es versuchen und frei sein? Diese Fragen stellte sich Casmiel in dem Moment, als er auf der riesigen Mauer stand.

Die Sonne ging gerade auf und er hielt eine Hand hoch, das Blut glitzerte, als die ersten Sonnenstrahlen darauf trafen und Tränen bildeten sich in Casmiels Augen. Tränen, die kein bestimmtes Gefühl verrieten. Wut, Trauer, Glück, Verwirrung, Hoffnung. All diese Dinge gingen in Casmiel Körper vor sich und er fühlte sich wie berauscht. Alles war so schön, hier oben war er der König der Welt. Alle mussten sich ihm beugen!
Er wollte dieses Gefühl nie wieder verlieren. Er wollte sich immer fühlen, als würde alles in seiner Hand liegen. Als würde er tatsächlich einen Unterschied machen. 

Er wollte nie wieder kontrolliert werden. Nur weil er die Kontrolle über sich selbst verloren hatte, war seine Schwester gestorben. Er hätte etwas tun können. Irgendetwas! Aber sie hatte ihn gezwungen loszurennen.
Wieso eigentlich? Er wusste es nicht, wie Cassiopeia ihn dazu überredet hatte. Vielleicht dank ihrer Kraft, der Gefühlsmanipulation.
Aber Casmiel hatte nur noch eine Erinnerung an das Gefühl. Hoffnungslosigkeit. Hoffnungslos, weil er nichts gegen diese Macht hatte tun können. Weil er nicht die Kontrolle gehabt hatte. Nur deswegen.

Er hatte sie umgebracht. Er war der Grund, wieso Cassiopeia gestorben war. Es war allein seine Schuld und diese Schuld wollte er nicht tragen. Er konnte nicht. Es war zu schwer. Viel zu schwer.

Und trotzdem lächelte er. Wieso lächelte er, obwohl er weinen wollte? Wieso konnte er nicht seine wahren Gefühle zeigen? Was war nur los? Wo war seine Kontrolle?

Er konnte auf die Stadt sehen, wie sie langsam erwachte. Wie die ersten Leute ihren Tag begannen und nicht auf den kleinen Jungen achteten, der gerade diese Mauer erklommen hatte und seine blutige Hand gen Himmel streckte. Er wollte fliegen. Frei sein, wie ein Vogel. Fliegen, weil er mit seinen Beinen nicht weit kam. Fliegen, weil das Wasser ihn nach unten drücken würde. Er wollte fliegen, weil er dann alle anderen zurücklassen konnte und endlich nicht mehr gejagt werden würde. Gefangenschaft wäre ihm dann fremd.

Cas stürmte los. Es war ihm egal. Er wollte fliegen. Unbedingt.
Würde er einen Sturz aus dieser Höhe überleben? Niemals. War es ihm egal? Ja. Das war es, denn er würde sein letzten Sekunden mit dem Fliegen verbringen und seinen größten Traum leben. Er würde Flügel bekommen und endlich frei sein.

Also nahm er Anlauf, schloss die tränenden Augen und kurz vor der Kante stieß er sich kräftig ab und drehte sich um, sodass sein Gesicht dem Himmel zugewandt war. Er wollte nicht das Ende sehen, sondern sein Ziel. Den Himmel. Den Himmel, der von den Vögeln beherrscht wurde.

Ein Grinsen lag auf seinem Gesicht. Das ehrlichste Grinsen, das dieser fünfzehnjährige Junge jemals auf seinen schmalen Lippen getragen hatte. Ein Lächeln, das vor Selbstbewusstsein nur so strotzte und das in seinen letzten Sekunden, die er mit dem Fliegen füllte. Endlich flog er. Ob in seinen Tod oder in den Himmel war ihm egal, denn er flog. Frei. Endlich frei. 


Wäre vor fünfzehn Jahren dort nicht ein weiterer Phoenix gewesen, der zufälligerweise eine schwächere Art der Telekinese als Gabe gehabt hätte, dann wäre diese Zukunft niemals geschehen. 
Wenn Casmiel nicht, vor fünfzehn Jahren, von der Mauer gesprungen wäre, hätte die Arena ihn wieder geschnappt und eingesperrt. Er hätte weitere perfekte Waffen erschaffen und somit das Ende der Phoenixe bestimmt. 
Wäre vor fünfzehn Jahren nicht alles so passiert, wie es war, dann hätte es diese Gegenwart niemals gegeben. 

Denn nur ein Schritt, nur eine Entscheidung, nur fünf Minuten konnten alles verändern. 
Nur fünf Minuten. 

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