
Kapitel 8
„Ich...ich... du...wer waren diese Leute?" Fragen stellen galt doch immer noch als die beste Ablenkung.
„Das tut hier nichts zur Sache." Er war anscheinend echt wütend. „Du bist mir gefolgt!" Bingo. „Das kann einem das Leben kosten, wenn man an die falschen Leute gerät!" Er kam näher und ich war vor Schreck wie erstarrt und konnte mich nicht bewegen.
„Das wollte ich nicht, ehrlich! Aber deine Frage hat mich einfach neugierig gemacht." Er blieb stehen, nur noch einen Meter von mir entfernt und endlich konnte ich mich aus meiner Schockstarre lösen und trat einen Schritt zurück. Dieser Typ war bestimmt gefährlich und ich war so dumm gewesen, ihm zu folgen. Umso überraschter war ich, als er nicht weiter auf meine Beschattung zu sprechen kam, sondern es einfach überging.
„Dann stelle ich meine Frage noch einmal. Kannst du etwas Besonderes?"
„Ich kann kämpfen."
„Wer bei uns mitmachen will, muss bereit sein, neu anzufangen. Sein bisheriges Leben aufzugeben."
„Wer ist uns? Und bei was mitmachen?"
„Du stellst mit eindeutig zu viele Fragen..."
„Gabriella."
„...Gabriella. Wenn du es ernst meinst, sei morgen Abend auf dem Markt. Stell dich zu Georgio, ich finde dich dort. Wenn nicht, vergiss das alles und du wirst mich nie wieder sehen." Ich war zu perplex, um zu antworten. Und als ich endlich meine Sprach wiederfand, war es zu spät, er hatte sich bereits umgedreht und war in einem der Schatten verschwunden, die sich alle zehn Meter zwischen den Lichtkegeln der schwachen Straßenlampen intensivierten.
„Warte doch! Du kannst doch nicht glauben, dass ich mich auf so etwas einlasse, wenn du nicht bereit bist etwas darüber zu erzählen. Ich meine, du
könntest sonst wer sein, ein Mörder, ein Verbrecher, ein...äh... bekannter Schauspieler?" Ich bezweifelte, Wasser mein Nachrufen überhaupt zur Kenntnis genommen hatte. Ich blieb unschlüssig zurück, vielleicht auch etwas schockiert über die eben stattgefunden Unterhaltung. Wie naiv war ich, ich konnte doch nicht ernsthaft sein Angebot in Erwägung ziehen, nicht, nachdem er sich mit diesen finsteren Gestalten getroffen hatte und offensichtlich Leute mit besonderen Fähigkeiten suchte. Ich schloss die Augen und verdrängte den Wunsch, seinem Angebot nachzugehen. Das konnte ich nicht tun, das wäre glatter Selbstmord!
Ich wandte mich von der Bar ab und machte mich auf den Heimweg. Ich war sowieso schon viel zu lange weg. Andererseits, wen würde das schon stören? Mum sicher nicht. Ich hielt mich an die Straßen, die auch zu dieser Tageszeit noch belebt waren, auch wenn ich dadurch einen Umweg machte. Ich hatte mein Glück heute schon genug herausgefordert.
Als ich zu Hause ankam, fertig mit den Nerven und dieser Welt, wunderte es mich nicht, dass ich keinen Lichtschein unter dem Garagentor sah. Sie war bestimmt mal wieder weg. Ich war nicht überrascht, keine Begrüßung zu bekommen als ich das Tor so weit aufschob, dass ich darunter hindurchmusste. Als ich die Kerze anzündete, deren Schein den Raum gerade so erhellte, sah ich den Zettel auf dem Tisch liegen. Ich spürte sofort, dass das nichts Gutes bedeuten konnte. Dann erkannte ich Mums Handschrift, selbst in dieser Situation so ordentlich wie immer, die Schnörkel auf den Buchstaben, die so ganz sie waren. Jedenfalls früher.
Gaby, las ich. Nichts von liebe, liebste oder meine. Einfach nur Gaby. Ich weiß, dass das hier das Beste für uns beide ist. Es ist besser, wenn ich für eine Weile verschwinde, mein Leben ordne. Du kommst alleine besser zurecht als mit mir, das weiß ich. Such nicht nach mir. Mum.
Ich zerriss den Zettel. Sie wollte ihr Leben ordnen. Zu dem ich anscheinend nicht mehr gehörte. Und das besser... glaubte sie das wirklich? Das war Quatsch, totaler Quatsch.
Da kam es mir. Das hier war es, hier, in diesem Moment. Mit Mum war das einzige verschwunden, das mich noch hier an diesem Ort gehalten hatte. Und jetzt hatte ich nichts mehr zu verlieren.
Ich hatte mich immer noch nicht entschieden. Aber es war ein gutes Gefühl, sich diese Option freizuhalten, einen Plan B zu haben. Meine Tasche, eher ein kleiner Rucksack mit meinen Habseligkeiten, stand gepackt auf dem Tisch. Ich würde mich heute Abend entscheiden. Spontan. BIs dahin hatte ich nicht viel mehr zu tun als darüber nachzudenken, was Mum sich dabei gedacht hatte. In den letzten Wochen war sie eine Fremde geworden, der Alkohol hatte sie zu dieser Fremden gemacht. Und ich konnte zusehen, wie sie sich Tag für Tag von mir entfernt hatte, vielleicht nicht physisch, aber mental. Und jetzt war sie wirklich weg. Würde sie jemals zurückkommen? Und was würde sie davon halte, wenn ich mich doch entscheiden würde, diese waghalsige Aktion durchzuziehen und heute Abend am Treffpunkt zu erscheinen?
Ich seufzte. Aber sie konnte mir die Entscheidung nicht abnehmen, wenn ja hatte sie mich eher dazu ermutigt. Und jetzt waren es nur noch acht Stunden und ich war noch keinen Deut weiter.
Eine unbekannte Kraft zog mich wenige Stunden später auf die Straße und von dort weiter zum Markt. Allein in der Garage war mir fast die Decke auf den Kopf gefallen und ich hatte auch nur die Vorstellung schrecklich gefunden, dass das die nächsten Tage, Wochen, Monate so weitergehen könnte. Man könnte wohl sagen meine Entscheidung wäre wirklich spontan gewesen, aber ich hatte es eigentlich seit dem Augenblick, als er mir das Angebot gemacht hatte, gewusst. Ein Leben ohne Jacob und Mum war kein Leben, also suchte ich mir jetzt ein Neues, genauso wie Mum.
Meinen kleinen Rucksack über der Schulter stand ich in der Nähe von Georgios Stand, genau wie verabredet und hielt Ausschau, obwohl ich mir bewusst war dass ich viel zu früh war. Ich genoss den Trubel, der am späten Nachmittag auf dem Markt herrschte, die vielen Menschen und die Vielfältigkeit, die sie mit sich brachten. Aber das Warten brachte auch Zweifel mit sich. Würde er überhaupt kommen? Oder hatte er mich hereingelegt, wollte mir Angst einjagen? Beides Möglichkeiten, die ich durchaus in Betracht zog. Die Alternative konnte ich mir einfach nicht vorstellen.
Ich schielte zu Georgio, der mit Eifer seine Ware verkaufte und bei jedem Geldstück, das über den Tresen wanderte, ein bisschen fröhlicher wurde. Er musste doch auch Bescheid wissen, es hatte gestern eindeutig so gewirkt als hätten die beiden sich gekannt. Ohne viel darüber nachzudenken marschierte ich zu seinem Stand und drängte die wartenden Kunden beiseite, die sich lautstark darüber beschwerten.
„Georgio, wer war der Typ von gestern? Bitte, ich muss es wissen!" Der alte Mann sah mich genervt an, machte aber keine Anstalten, mit der Sprache herauszurücken. „Ich kaufe das hier. Und das! Und das auch!" Ich zeigte auf eine Schale mit Erdbeeren, Kartoffeln und den gesamten Vorrat an Orangen, den Georgio lagerte. Er steckte fordernd seine Hand aus und ich kramte meine letzten Münzen aus der Tasche. Aber verdammt, das war es mir wert! Nach erfolgreicher Übergabe der Ware wartete ich auf die einzigen Worte, die ich wohl jemals von Georgio hören würde.
„William ist gefährlich, halt dich von ihm fern wenn dir dein Leben lieb ist, Mädchen." Na toll. Das war alles? Aber wenigstens wusste ich jetzt, wie er hieß. Fragte sich nur, inwiefern mir das wirklich weiterhelfen würde. Mit der Ausbeute von Georgio, die meinen Rucksack erheblich beschwerte und nach unten zog, kehrte ich zu meinem Ausgangspunkt zurück, von dem aus ich einen guten Überblick über den gesamten Markt hatte. Die Zeit schien wie im Schneckentempo zu vergehen und ich dachte ernsthaft darüber nach, die Sache abzublasen und wieder nach Hause zu gehen. Aber dann wurde mir klar, dass dieser Ort wieder mein Zuhause war. Ich hatte meine Entscheidung getroffen und egal, ob ich morgen tot war oder nicht, ich würde wohl damit leben müssen. Was für eine Ironie.
Ich hatte unserer Vermieterin den Schlüssel in die Hand gedrückt, alle verderbbaren Sachen, die auf der Straße vor unserer Unterkunft gesessen hatte. Jetzt umzudrehen wäre außer feige auch dumm. Die Dunkelheit kroch von Osten nach Westen und überzog den Himmel mit leuchtenden Sternen. Und ich stand immer noch da.
Plötzlich sah ich aus dem Augenwinkel einen Schatten auf mich zuhuschen und drehte mich geistesgegenwärtig nach links, um mögliche Angreifer abzuwehren. Ich kickte ein Bein nach oben und mein Angreifer stolperte nach hinten. Als ich meine Fäuste nach vorne schnellen ließ packte er mich und ich wollte gerade zu einem Backkick ansetzten, als...
„Du bist besser als ich gedacht habe." Er war es, William.
„Sorry, ich-"
„Was ist das?" Er zeigte auf meinen Rucksack.
„Der Eingang zu Narnia." Er sah mich verwirrt an. Entweder er kannte die Geschichte nicht oder er hatte keine Humor, Mum und Jacob hatten immer über meine Witze gelacht. „Das war ein Witz, das ist ein stinknormaler Rucksack mit meinen Sachen." Seine Miene verfinsterte sich und meine Nackenhaare stellten sich auf. War das der Moment, in dem er ein Messer zog um mich um die Ecke zu bringen? Die letzten Händler und Kunden waren lange verschwunden, einzig und allein der Mond wäre Zeuge dieser Tat gewesen.
„Ich hatte dir doch gesagt, ein neues Leben. Da ist kein Platz für Erinnerungskrimskrams!"
„Hey, das ist kein Erinnerungskrimskrams!" Außer die Fotos von meiner Familie, damit hatte er recht. Ehe ich mich versah hatte er mir den Rucksack entrissen und schleuderte ihn weg, in die Dunkelheit.
„Was soll das?", rief ich entgeistert. „Entweder das oder aus deinem neuen Leben wird nichts. Da du aber hier bist denke ich dass du dich davon trennen kannst." Ich sagte nichts, besser so. Wenn ich wütend war sagte ich oft Dinge, die ich hinterher bereute.
„Okay." Er zeigte auf eine Gasse die vom Markt abzweigte, in die entgegengesetzte Richtung als die aus der ich gekommen war.
„Wenn wir uns beeilen schaffen wir es noch bis Sonnenaufgang aus der Stadt."
„Wohin?"
„In die Wüste, zu unserer Gruppe. Den Rebellen."
Bạn đang đọc truyện trên: Truyen247.Pro