
13.
"Wir haben den Jeep schon längst abgehängt."
Ich nehme Kyles raue Stimme fast gar nicht war. Zu sehr bin ich in meinen Gedanken vertieft und den Tränen vor Angst fast nahe. Noch immer sitze ich auf Kyles Schoß und hatte noch gar nicht die Möglichkeit auf den Beifahrersitz zu steigen.
Aber wie denn auch, wenn mich Kyle von allen Seiten einsperrt. Meine Hände befinden sich auch noch am Steuer, doch lenken tue ich schon lange nicht mehr. Nachdem wir so schnell vor dem Jeep geflüchtet und ihm entkommen sind, hat Kyle sofort die nächste Ausfahrt genommen, um den Typen endgültig abzuhängen. Nun fahren wir wieder im normalen Tempo auf irgendeiner Landstraße in der Finsternis.
Auf einmal hält Kyle an dem Straßenrand an und stellt den Motor ab. Ich erwache wieder aus meiner Starre ins Nichts und Blicke mich um, ohne irgendeinen Plan zu haben, warum wir plötzlich anhalten. Ich fange wieder an in meine Gedanken zu versinken in dieser Stille, als mich Kyles Stimme ganz nah an meinem Ohr davon abhält.
"Willst du jetzt mal wieder runter von meinem Schoß?"
Sofort schießt mir die Röte ins Gesicht und ich fange an zu stottern, unfähig einen richtigen Satz heraus zu bringen.
"Ähh...ja-a. K-klar."
Ich zappele mich hin und her, doch plötzlich halte ich abrupt inne in meiner Bewegung.
Warte mal. Warum reagiere ich jetzt eigentlich so verlegen und er wieder so kalt und arschig?! Immerhin war ER derjenige, der sich einfach unter mein Schoß gesetzt hat. Ich saß nicht freiwillig auf ihm.
Doch wie auf einem Mal verschwindet diese Aufregung über ihn in mir und die schlechte Laune macht sich wieder breit, weil seine Worte von vorhin wieder in meinem Kopf hallen. Ich sei kindisch und es ist unglaubwürdig, dass ich einen Freund haben könnte...
Die Wut und die Trauer kommt wieder hoch und ich öffne sofort die Fahrertür, um von seinem unbequemen Schoß runterzugehen.
Ok, das war gelogen.
Sein Schoß ist sehr wohl bequem.
Ich gehe um das Auto herum, um mich wieder auf den Beifahrersitz zu setzen und dabei spielen sich auch noch zusätzlich die Szenen von vorhin wieder ab. Wie das Auto uns angefahren hat und uns umbringen wollte. Wir hätten verdammt nochmal einen Unfall bauen können!
Mit einem Kloß im Hals setze ich mich auf den Beifahrersitz und kann meine aufkommenden Tränen nicht mehr zurückhalten. Viel zu viele Gefühle spielen sich in meinem Körper ab. Angst vorm Sterben, Trauer über Kyles verletzende Worte, Wut über seine arschige Art, aber auch dieses unbeschreibliche Gefühl, das immer nur auftritt, wenn Kyle mich berührt...
Anscheinend hat Kyle meine Tränen bemerkt, denn er setzt sich aufrecht und zu mir gedreht hin.
"Warum weinst du?"
Wow, seine Stimme hört sich ja gar nicht genervt an. Die Ironie lässt grüßen.
Ich ignoriere einfach seine Frage und will mir gerade die Tränen wegwischen, als er mir zuvorkommt und es mir übernimmt. Überrascht über diese Geste, blicke ich ihm in die Augen um festzustellen, dass er mich wieder einmal intensiv anschaut.
"Du brauchst keine Angst haben, Grace."
"Ach echt nicht? Der Typ hat uns vorhin ja nicht versucht umzubringen!"
"Du brauchst keine Angst zu haben, solange ich da bin." Augenblicklich bin ich überrascht, über seinen sanften Ton. Das ist jetzt das erste Mal, wo er nicht genervt wirkt, außer als wir bei der Raststätte waren und ich mich über sein Bild lustig gemacht habe. Da hatte er sogar ein wenig mit gelacht. Kann man sich das vorstellen?
"Tzz, dass ich nicht lache. Gleich morgen früh wirst du mich irgendwo absetzen und ich bin dann alleine auf mich gestellt."
"Nein, nicht mehr."
"Was meinst du damit?"
Ich schaue ihn verwirrt unter den Tränen an, während er seinen linken Arm am Lenker stützt und mit den Fingerkuppen seine Stirn massiert und nachdenklich die Augen zukneift. Plötzlich schaut er wieder auf und blickt mich an.
"Du wirst ab jetzt mit mir kommen, wenn du leben willst." Und da ist schon wieder der genervte Unterton und seine zuvor sanfte Art ist wieder wie weggeblasen. Man merkt sofort, dass er gar keinen Bock auf mich hat und mich am liebsten aus dem Auto absetzen würde.
"Was?!"
"Der Typ hat dein Gesicht gesehen. Er wird alle Informationen über dich herausfinden und dich auch zu töten versuchen. Deshalb musst du bei mir bleiben, wenn du halbwegs sicher sein möchtest."
"Was heißt halbwegs?"
"Naja, egal wo wir sind, sind wir nicht immer zu 100% sicher. Immerhin sind wir auf der Flucht." Er rollt mit den Augen und spricht die Dinge so aus, ob wäre es das natürlichste der Welt.
Mein Herz zieht sich vor Angst zusammen und ich habe das Gefühl, ob würde mir jemand den Atem rauben. Heißt das jetzt etwa, ich komm in nächster Zeit nicht mehr nach Hause?
Aber was passiert dann mit Granni? Sie macht sich doch bestimmt schon Sorgen!
Ich werde auf einmal ganz panisch und fahre mir mit der Hand über mein Gesicht.
"Wann kann ich wieder nach Hause?" Meine Stimme hört sich unglaublich zittrig an und kurz vorm Brechen.
"Weiß nicht."
"Was passiert mit meiner Oma? Darf ich sie wenigstens mal anrufen?"
"Mal sehen. Du kannst sie anrufen, wenn wir angekommen sind."
"Wo fahren wir denn hin?"
"Kleine, du stellst eindeutig zu viele Fragen."
"A-aber-...."
"Schlaf jetzt einfach. Wir müssen noch lange fahren. Den Rest sehen wir morgen."
Er hört sich mal wieder sehr erschöpft von meiner Anwesenheit an und dreht sich wieder um, um den Motor zu starten. Warum zum Teufel kann er mich nicht leiden? Was habe ich ihm getan?
Pff, soll er doch genervt sein. Jetzt hat er mich nun mal an der Backe und muss mich, keine Ahnung für wie lange, ertragen. Warum kann er nicht einfach immer so nett sein wie vorhin?
Och Gott. Wie soll ich es denn bitte nur mit diesem komplizierten Arsch aushalten, der sich wie ein Mädchen, das ihre Tage hat, verhält?!
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