
Elysium
Ein letztes Mal strich Maria ihr Kleid glatt, bevor sie sich aus dem Taxi schwang und die dreihundertsechzig Meter hohe Fassade des Wolkenkratzers emporblickte, in dessen obersten Etagen das Elysium auf sie wartete. Die Luft heute Abend war mild, erfüllt vom Klang der allgegenwärtigen, immerwährenden New Yorker Geschäftigkeit, dennoch überkroch eine scheue Gänsehaut ihren Nacken und träufelte hinab bis auf ihr Steißbein. Sie atmete tief durch, bevor sie sich einen Ruck gab und das Foyer betrat. Die Absätze ihrer High Heels klackten über die schwarzen, modernen Schieferfliesen.
Ich kann dir so eine Einladung beschaffen. Ashtons Worte hallten in ihrem Kopf nach, während sie mit wackeligen Beinen zu den Aufzügen marschierte. Es dauert eine Weile, und eine Garantie besteht natürlich nicht, aber wenn es für deine Schwester geklappt hat, dürfte es auch für dich funktionieren. Das ist nicht das Problem. Ich halte es einfach für keine kluge Idee, Maria. Ich halte es sogar für eine strunzdumme Idee. Es bringt nichts, wenn du jetzt denselben Fehler wie Julie begehst. Du weißt, was die Leute über diesen Club erzählen.
Sie spürte Augen auf sich, als sie in eine offene Kabine trat und das Knöpfchen für die neunzigste Etage drückte. Man hatte sie bereits auf dem Schirm. Ihr Atem beschlug die spiegelnde Kunststoffwand, während der Fahrstuhl sie nach oben beförderte. Sie lehnte sich an die Haltestange und dachte noch einmal an das Gespräch mit Ashton zurück. Es war bereits über einen Monat her, seit sie zu ihm ins Loft in der Upper East Side gekommen war, um ihm Druck zu machen, und am Ende waren sie im Streit auseinandergegangen, weil er sich geweigert hatte, sie zu begleiten. »Wenn dich ihr Verbleib nicht schert«, hatte sie ihm hinterhergerufen, »wenn es dir wirklich scheißegal ist, ob deine Verlobte überhaupt noch lebt, dann schwöre ich dir, sobald sie wieder aufgetaucht ist, werde ich alles tun, um dich von ihr fernzuhalten. Du hast sie dorthin geschickt, Ashton. Du und dein aufgeblasenes Mundwerk. Du hättest ihr niemals von diesem Ort erzählen sollen.«
Er war auf sie zugekommen, mit einem gebrochenen Ausdruck im Gesicht. »Woher hätte ich ahnen sollen, dass so etwas passiert? Maria –«
»Besorg mir einfach diese beschissene Einladung. Denk nicht mal dran, dich vorher zu melden.«
Zumindest diese Pflicht hatte er erfüllt. Doch ansonsten herrschte seitdem Funkstille zwischen ihnen. Hatte er sie tatsächlich noch einmal warnen wollen, so hatte er sich nicht über seine Scham – oder vielleicht auch seinen Stolz – hinweggewagt. Maria war es egal. Auf Ashtons Warnungen gab sie inzwischen so viel wie auf Ashton selbst. Sollte der Typ weiter durch seine gehobenen, pseudohippen und ach so exzentrischen Kunstkreise wandern, weiter Cocktails auf Galaveranstaltungen und Ausstellungen schlürfen und sich mit vermeintlichen Wichtigtuern und Kritikern in Anzügen über Hieronymus Bosch und Vincent van Gogh unterhalten. Seine dämlichen Kontakte in diese Welt hatten ihnen all das überhaupt erst eingebrockt.
Fahr zur Hölle, Ashton. Die Kabine hielt an und die Fahrstuhltüren glitten auf.
Unten im Foyer hatte nur wenig Trubel geherrscht. Als Maria nun auf den dunklen, mit Spiegeln ausgekleideten Flur trat, erfüllte die Leere sie mit Unbehagen; kein Wachpersonal, keine anderen eintrudelnden Partygäste. Nur ein entferntes, tiefes Wummern kündete davon, dass überhaupt Menschen anwesend waren. Maria schlug das Herz bis an die Rippen. Sie ging voran und redete sich ein, sich nicht von all den Gerüchten verunsichern zu lassen, die über diesen Ort kursierten und die sie in Julies Unterlagen immer wieder rauf und runter gelesen hatte. Es war allgemein bekannt, um welche Art Club es sich handelte – man kannte keine Namen, aber es gab Bilder von Leuten, die das Gebäude in Latex verließen und sich bemühten, ihr Gesicht zu verbergen, ganz zu schweigen von all den skandalträchtigen Geschichten über vermeintliche Promi- und Politikerbesuche –, und schon häufiger war es vorgekommen, dass Journalisten oder selbsternannte Wahrheitsfinder sich auf verschiedenste Weise reingeschlichen hatten, nur um dann angeblich nie wieder aufzutauchen. Darauf wiederrum bauten die wildesten Theorien auf. Das Repertoire reichte von Klassikern wie schwarzen Messen und satanischen Orgien, über Treffen von Geheimbünden, bis hin zu fadenscheinigen Versammlungen von Mafiabossen und Konzernmagnaten, die in dunkler Nachtclubambiente über Attentate und krumme Deals plauderten. Eine Theorie war haarsträubender als die andere. Maria glaubte nicht eine einzige davon – je abstruser die Erklärungsversuche waren, als desto banaler stellte sich am Ende zumeist die eigentliche Wahrheit heraus. Julie jedoch hatte sich wie so häufig von ihrer Neugierde lenken lassen, bestärkt von den dummen, protzigen Anmerkungen ihres Verlobten, der aus seinen noch dümmeren und protzigeren Künstlerkreisen wusste, dass dieser Club tatsächlich ein Ding in der New Yorker High Society war. Julie war hin und weg gewesen und hatte nach immer mehr Informationen gelechzt – und dann schon bald nach einer Einladung, die Ashton versprochen hatte, ihr »selbstredend und mit Leichtigkeit« geben zu können (während er mit der anderen Hand unzweifelhaft sein dämliches Ego gestreichelt hatte – Maria hoffte, dass der Mistkerl nun an seinen Schuldgefühlen ertrank). Hätte sie im Vorfeld von Julies Entschluss erfahren, hätte sie es unterbunden – zumindest redete sie sich das ein –, aber nun war es zu spät. Von ihrem ersten und bisher einzigen Besuch im Elysium vor fünf Wochen war Julie nie wieder zurückgekehrt. Die Follower ihres Blogs, denen sie versprochen hatte, die Wahrheit zu liefern, fragten sich inzwischen, ob das ein lang angelegter Scherz von ihr war, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Maria wünschte sich, dass es so wäre.
Ich finde dich, kleine Schwester. Sie erreichte die doppelflügelige schwarze Tür am anderen Ende des Ganges und atmete ein letztes Mal tief durch. Als sie anklopfte, spürte sie das Vibrieren der Musik bis in ihre Knöchel.
Es gab keine Antwort. Stattdessen wurde eine Art Briefschlitz in der Tür aufgestoßen, den Maria in der schummrigen Dunkelheit erst jetzt bemerkte. Für einen Moment fragte sie sich, ob das ein schlechter Scherz war oder sie sich vielleicht in der Adresse geirrt hatte, doch dann wurde ihr klar, wonach man verlangte. Sie nestelte die Einladung aus der Seitentasche ihres Kleides – ein schwarzes Couvert mit türkiser Schrift – und schob sie durch den Spalt. Sofort schnellte die Klappe wieder zu. Maria wartete und blickte nervös den Flur hinab.
Als die Tür aufschwang, schien sie es wie von allein zu tun. Das Wummern der Musik klang jetzt beunruhigend näher, und Maria leckte sich über die Lippen, bevor sie eintrat. Die Eingangshalle war schwarz und von noch mehr Spiegeln ausgekleidet; ein Aroma von Kunstnebel und Rauch schwängerte die Luft.
Das ist es. Das ist das Elysium. Ich bin tatsächlich hier.
Sie schaffte einen Schritt, bevor jemand sie am Arm packte und festhielt.
»Hey –!«
Eine zweite Person tauchte vor ihr auf und tastete sie ab. Es war ein Typ ganz in schwarz, und tatsächlich war es so schummrig im Raum, dass sein blasser Schädel in der Luft zu schweben schien und Maria Mühe hatte, ihn zu erkennen. Er trug kristallweiße Kontaktlinsen.
»Ein Besuch verpflichtet Sie zur Verschwiegenheit«, sagte der Typ, der ihre Arme umklammerte, mit monotoner Brummstimme. »Sollte irgendetwas von dem, was Sie heute Nacht erleben oder sehen, nach außen dringen, hat das Konsequenzen schwerwiegender Natur. Haben Sie das zur Kenntnis genommen?«
»Begrapscht ihr jeden eurer Besucher so unverschämt?« Sie konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen. »Oder nur die Frauen, hm?«
Zu ihrer Überraschung drückte der Typ noch fester zu, bis es wehtat und sie die Zähne zusammenbiss.
»Haben Sie das zur Kenntnis genommen?«, wiederholte er.
»Verflucht, ja.« Sie schüttelte sich los und richtete den Träger ihres Kleids. Die Typen starrten ihr ausdruckslos hinterher. Beide trugen Kontaktlinsen.
»Wir wünschen einen angenehmen Aufenthalt«, sagte der schwebende, sich dutzendfach in den Wänden spiegelnde Kopf des einen.
Maria erwiderte nichts und ging weiter. Bei dem Personal war sie nicht überrascht, dass man zur Verschwiegenheit verdonnert wurde.
Der Bass wurde lauter. Der Raum verdichtete sich zu einem tunnelartigen Gebilde, an dessen Ende grünlicher Kunstnebel waberte. Überall waren Spiegel, akzentuiert von rechtwinkligen Neonlichtern; wie Adern durchzogen giftgrüne und türkise Linien die gläsernen schwarzen Oberflächen und tauchten den Durchgang auf diese Weise in ein dezentes, unterwassergleiches Farbspiel. Auf der jeweils gegenüberliegenden Seite reflektierten sie sich und generierten so ein diffuses, höhlenartiges Gebilde aus Farben und Dunkelheit, das beim Durchqueren die Illusion erzeugte, eine endlose Horizontale zu bilden. Maria bereitete es ein leichtes Schwindelgefühl. Als sie das Ende des Tunnels erreichte und durch den Nebel trat, drang ein beißender Geruch aus Kunststoff in ihre Nase.
Und dann stand sie plötzlich im eigentlichen Club. Stroboskoplicht raubte ihr im ersten Moment die Orientierung und tauchte sie in ein Gewitter aus smaragdgrünen Blitzen. Dröhnende, unglaublich dunkle Technomusik malträtierte ihre Ohren und ließ ihre Eingeweide vibrieren. In der Halle schien ein kosmischer Sturm zu wüten. Es war ihr unmöglich zu sagen, wo der Raum endete, wo überhaupt die Decke war. Mindestens drei Etagen hoch erstreckte sich die Halle und bildete so ein riesiges, von Lichtern durchzucktes Atrium. Schillernde, übergroße Metallketten und Leuchtstäbe hingen wie Stalaktiten herab, brachen die Lichtströme und -bögen und warfen sie in neue, verzackte Winkel über die gesamte Menge. Überall zierten schwarze Spiegel die Wände, Decken und stellenweise sogar den Boden. Überall zuckten und bewegten sich geisterhafte Silhouetten menschlicher Körper im harten Rhythmus der Musik.
Maria staunte widerwillig. Sie kämpfte sich voran und hielt auf die Mitte der Halle zu, wo sich das weiße und grüne Licht auf einen rechtwinkligen Bereich konzentrierte – dort vermutete sie die Tanzfläche. Es war voll und heiß und eng; Leute musterten sie, während sie an ihnen vorbeitrat, Männer und Frauen, die allesamt dunkle Kleidung trugen – Latex und Leder, Netzstrümpfe und Korsetts. Der harte Bass brachte den Inhalt in Marias Magen zum Schwappen, und sie verzog das Gesicht, um die androhende Übelkeit runterzuschlucken. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn und erneut leckte sie sich über die feuchten Lippen.
Als sie das weiße Licht erreichte und ein Geländer zum Anlehnen fand, hatte sie das Gefühl, einen halben Kilometer durch knietiefen Morast gewatet zu sein. Ihre Beine schmerzten und ihr komplettes Sichtfeld drehte sich. Sie senkte den Kopf und rang nach Atem.
Oh Julie ... wo hast du mich nur hingeführt ...
»Das erste Mal da, was?«
Maria sah auf. Ein Mädchen von vielleicht zwanzig Jahren lehnte am Geländer neben ihr und lächelte sie vergnügt an. Sie trug ein kurzes, enges Kleid, das die ansehnlichen Rundungen ihres Körpers betonte, und hatte schulterlanges, strohblondes Haar. Ihre Augen strahlten in einem intensiven kristallgrün ... oder sahen die im blitzenden Licht nur so aus?
Das Mädchen trat auf sie zu und deutete mit einem Nicken auf ihre gekrümmte Haltung. »Man unterschätzt gern, wie überbordend der erste Eindruck ist.«
Ihre Stimme war samtig und überraschend klar über die Musik zu hören. Maria wandte sich ihr zu. Die filigrane, zierliche Gestalt der jungen Frau strahlte eine seltsame Anmut aus; es schien fast, als würde ihr Kleid Teile des Lichts einfangen und in einem eigenen dezenten Glühen wieder aussondern. Sogar ihre Haut schien zu leuchten, als würde Sonnenlicht durch eine Wasserdecke brechen und auf sie hinabstrahlen. Zum zweiten Mal war Maria widerwillig beeindruckt.
»Ich bin Nicki«, sagte das Mädchen. »Ich heiße dich im Elysium willkommen.«
Sofort erkannte Maria, dass Nicki kein gewöhnlicher Gast war. Es wäre also nur von Vorteil, mitzuspielen. »Hi. Ich bin –«
»Maria Gruber.« Nickis Lächeln wurde breiter. »Wir kennen unsere Gäste, zumindest im Normalfall. Wie ist dein erster Eindruck?«
Maria fiel die Halskette auf, die Nicki trug; etliche kleine, ineinandergreifende Steinchen, die wie Kristallglas leuchteten und einen Schimmer von Grün in sich trugen. Ein schwarzer Armreif zierte ihr rechtes Handgelenk und ihre Fingernägel waren lang und spitzgefeilt, in demselben dunklen Ton.
»Erschlagend«, gestand sie ehrlich.
Nickis Mundwinkel zuckten, als hätte sie genau das hören wollen. »Möchtest du etwas trinken?«
»Klar.« Sie ließ sich von Nicki herumführen und zur Bar dirigieren, überrascht, dass ihr die Orientierung plötzlich wie aus dem Nichts leichter fiel. »Bist du hier Mitarbeiterin?«
»So ähnlich.« Nicki lachte. »Ich bin Stammkundin, die inzwischen einen guten Draht zum Personal hat. Wenn du auch so weit bist, bekommst du so etwas hier.« Sie deutete auf den Armreif. »Das verschafft dir Zugang zur VIP-Lounge. Dann bist du Mitglied des festen Zirkels.«
»Wow.« Heimlich rollte Maria mit den Augen. Ein solch dämlicher Ritus passte genau zu den Geschichten, die man sich über diesen Ort erzählte.
An der Bar lehnte Nicki sich vor und hob lediglich zwei Finger. Maria erwischte sich dabei, wie sie dem Mädchen währenddessen auf den Hintern glotzte. Sofort wurden ihre Wangen heiß und sie wandte den Blick ab. Was war los mit ihr? Sie war nicht zum Vergnügen hier. Ganz zu schweigen davon, dass sie an Frauen nicht einmal Interesse hatte.
Quetsch sie aus. Mach dich bei ihr warm.
Als Nicki ihr den Drink reichte, deutete Maria mit einem Nicken auf die Halle. »Ich habe nicht erwartet, dass der Laden so imposant ist. Glamourös ja, aber nicht so ... ästhetisch.«
»Er ist ein Kunstwerk«, sagte Nicki. Ihre strahlenden grünen Augen leuchteten noch mehr. »Ein dreidimensionales, Gemälde, ein konstantes Happening, wie du es nirgendwo anders auf der Welt findest. Alles hier ist Kunst«, fügte sie hinzu, und nippte an ihrem Drink.
Maria tat es ihr gleich. Gekühlter, klarer Wodka. »Deshalb die vielen Spiegel, nicht wahr? Die Illusionen und Täuschungen.«
»Die Illusionen und Täuschungen liegen in der Realität«, sagte Nicki lächelnd. »Die Illusionen und Täuschungen sind die Realität – nicht andersherum. Aber das wirst du im Laufe des Abends noch verstehen.«
Das bezweifle ich, dachte Maria.
»Komm mit mir nach oben.« Nicki nahm sie bei der Hand und führte sie weiter, einer Treppe entgegen. »Ich will es dir begreiflich machen, bevor wir anfangen.«
Auf einmal trat ein dicker Kloß in ihren Hals. Anfangen? Womit anfangen?
Sie erreichten die oberste Stufe und fanden sich in einem verspiegelten Korridor wieder, dessen Wände Einbuchtungen und Kerben aufwiesen, wie in einer Kletterhalle. Ein seltsames Aroma von Schweiß und Eisen hing in der Luft. Sofort wurde Maria stutzig.
»In der unteren Etage herrscht nur das Vorspiel«, sagte Nicki. »Ein Anheizen der Masse, sozusagen. Hier beginnt der eigentliche Club – sein eigentlicher Zweck.«
Der Klang der Musik wurde von den verwinkelten Wänden verschluckt und hallte als dumpfes Echo wider, so als befänden sie sich plötzlich kilometerweit von der Haupthalle entfernt. Das Licht brach sich noch verzwickter und chaotischer, Neonstrahlen schossen wie nadeldünne Stäbe durch die Luft. Etwas in Marias Kopf wollte weder begreifen noch einsehen, was sie sah, wollte es nicht mit ihrem bisherigen Weltbild und ihren Moralvorstellungen in Einklang bringen. Aus einem Impuls heraus wich sie zurück, doch Nicki drückte ihre Hand fester und hielt sie bei sich.
»Schau zu.« Sie führte Maria weiter, vorbei an den zuckenden, nackten Leibern, die sie überall in der Dunkelheit um sich herum ausmachte. »Du sollst alles sehen.«
Ihre Beine waren wabbelig, doch gleichermaßen gehorchte sie. Überall um sie herum fickten die Leute – als miteinander schlafen konnte sie diese primitiven, selbstvergessenen Akte, derer sie hier oben Zeuge wurde, nicht bezeichnen. Animalität schwang in den Stößen der Frauen und Männer mit, in dem Stöhnen und Keuchen, in dem Aneinanderklatschen verschwitzter Körper. Ein Mann lutschte den Schwanz eines anderen, eine Frau grub blutige Striemen in den Rücken ihres Partners, während eine weitere Dame über ihnen stand und mit verzweifelter Hektik masturbierte. Ein anderer Kerl ließ sich ins Gesicht schlagen und anspucken. Je weiter sie voranschritten, desto heftiger wurde es. In tieferen, kammerartigen Ausbuchtungen des Flurs tauchten Andreaskreuze und Streckbänke auf, das Knallen von Paddeln und Floggern echote scheinbar ursprungslos durch die Schwärze, und der Ausruf von Qualen mischte sich in die langgezogenen, allgegenwärtigen Schreie, so als befänden sie sich in einem Kreis der Hölle. Maria schwitzte am ganzen Leib; es war befremdlich, erschaudernd, beunruhigend zugleich. Trotzdem konnte sie nicht wegschauen.
»Weide dich ruhig«, sagte Nicki. »Nimm alles auf. Es ist ein Konzentrat aus psychosexueller Kraft, und diese Kraft strömt durch die Hallen des Elysiums und steigert sich mit jeder neuen Seele, die hier heute Nacht Verlangen spürt. Du bist bereits ein Teil davon.«
Einer Frau wurden die Beine gespreizt, und ein Mann mit Peitsche trat vor ihr. An der Peitsche hingen metallene Haken. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Maria tatsächlich, sie läge in ihrem Bett und träume. Dann schnellte die Peitsche durch die Luft und klatschte der Frau auf die entblößten Schamlippen. Sie schrie und strampelte und bäumte sich unkontrolliert auf, ein Flehen schlich sich in ihre Stimme und Tränen strömten über ihre Wangen. Der Mann holte noch stärker aus und geriet förmlich in Rage. Maria sah Blut, das bis an die Knie der Frau spritzte.
Mein Gott. Ein Teil von ihr wollte dazwischengehen, ein anderer sich verkriechen, noch einer einfach weiter zuschauen. Als spitze, schwarzlackierte Fingernägel an ihrer Hüfte hinabstrichen und mit dem Saum ihres Kleides spielten, ließ sie es für einen kurzen, schwachen Moment geschehen – zu gebannt, zu entsetzt war sie von dem Spektakel vor sich –, bevor sie blinzelte und einen dezenten Schritt von Nicki wegtrat. »Es, äh ...«
»Überbordend ... nicht wahr?« Nickis Blick war fahrig.
»Zum Teil sieht das echt brutal aus.« Sie schluckte. »Ist das alles wirklich einvernehmlich?«
»Lust und Schmerz sind mächtige Empfindungen.« Maria entging, dass Nicki die letzte Frage überhaupt nicht beachtete. »Hier an diesem Ort versuchen wir sie zu bändigen, zu vereinen und zu kanalisieren, um im Kollektiv einen höheren Sein-Zustand zu erfahren.«
»Ich ... verstehe.« Vielleicht lag es am Alkohol. Doch trotz ihrer Beunruhigung, trotz der Dinge, die um sie herum geschahen – oder vielleicht auch gerade deshalb –, musste sie sich plötzlich auf die Lippe beißen, um nicht einfach laut loszulachen.
Nicki schien das zu wittern und legte den Kopf schief. »Findest du das lustig?«, fragte sie, ohne einen Funken Humor in der Stimme.
»Nein, keinesfalls.« Die Antwort kam zu schnell, und beide merkten sie es. »Ich frage mich nur ... wozu? Was bringt das?«
Nicki seufzte. »Was ist die Erde, verglichen mit unserer Galaxie, und was ist unsere Galaxie verglichen mit dem Rest des Universums? Des überschaubaren Universums, wohlgemerkt?« Entfernte Schreie schienen ihre Worte zu untermalen. »Wir sind winzig. Wir sind Nichts, und alles, was wir tun, ist vergänglich. Auch die Kunst. Die gewöhnliche Kunst. So vieles liegt außerhalb unseres Spektrums – Formen, Farben, sogar Empfindungen. Die meisten Dinge können wir nicht wahrnehmen, und die meisten von uns werden es auch niemals tun.« Sie sah Maria an. »Aber stell dir vor, wir könnten es. Und würden es dann auf eine Leinwand malen.«
Mitspielen, Maria. Reiß dich am Riemen. »Ihr wollt also ein höheres Sein erfahren, um die Dinge begreifen zu können, die ... außerhalb liegen? Und sie in eine neue Kunstrichtung einbringen?«
»Es würde jeden Uneingeweihten um den Verstand bringen. Man würde uns anhimmeln. Uns vergöttern. Wir würden mit Wahnsinn regieren.«
Oh, Herr im Himmel. Das war es also? Der Grund zur Verschwiegenheit, das große Geheimnis des Clubs Elysium? Maria wusste nicht, ob sie belustigt oder verängstigt sein sollte. Ein Treffpunkt wahnwitziger Möchtegernkünstler, eine Sekte esoterischer Pinselschwinger, die ihre Musen und Inspirationen verzweifelt in ... was für Gefilden suchten? Nur, um dem gewöhnlichen Menschen erhaben zu sein?
Der Wille zur Macht hat offenbar viele Facetten. »Das kann ich mir kaum vorstellen«, sagte sie, weiterhin um Ernsthaftigkeit bemüht.
»Das ist der Punkt.« Nicki nippte an ihrem Drink. »Wir müssen lernen, es zu verstehen, bevor wir es benutzen können.«
Widerwillige Neugierde überkam sie. »Wie stellt ihr das an? Besinnungsloses Rumvögeln und Auspeitschen kann ja unmöglich euer einziges Konzept sein, oder?«
Der Sarkasmus in ihrer Stimme troff so deutlich durch wie Nickis Stimme klang. »Wir besitzen das Wissen. Die Formeln. Der Meister weiß, wie man in Kontakt tritt.«
»Und woher weiß euer Meister das?« Maria grinste; sie konnte nicht anders.
Nicki überraschte sie, indem sie diese Frage ins Leere gleiten ließ und sie mit ausdruckslosem Gesicht ansah. »Was glaubst du, warum du heute hier bist, Maria Gruber?«
In Maria wurde alles taub. Etwas an der Art, wie Nicki diese Worte aussprach, wie sie diese Frage betonte und ihr dabei weiterhin so gelassen in die Augen sah, bereitete ihr einen kalten Schauer auf dem Rücken.
»Ich suche meine Schwester.« Es wurde Zeit, reinen Tisch zu machen.
Nickis linker Mundwinkel zuckte bloß. Jetzt schien sie diejenige zu sein, die ihr Gegenüber nicht ernst nahm. Sie wandte sich ab und leerte in aller Ruhe ihren Drink.
Maria machte einen Schritt auf sie zu. »Julie Gruber. Sie war vor fünf Wochen hier. Bitte. Falls du oder jemand der Angestellten weiß, was mit ihr passiert sein könnte ... ob sie vielleicht jemanden kennengelernt hat oder ihr was ins Getränk gemischt wurde ...«
»Oh, hör dich an.« Nicki deutete mit dem Glas auf sie. »Um keinen Preis der Welt willst du dir eingestehen, dass es was mit dem Elysium zu tun haben könnte – selbst jetzt nicht, oder? Mit all den Gerüchten, die sich um den Club ranken ... um uns ranken ...«
»Ich weiß, dass die eine Hälfte davon Humbug und die andere Marketing ist. Ich bin nicht naiv.«
»Du bist es. Sogar gewaltig.«
»Wo ist meine Schwester?«, fragte sie.
Nicki sagte nichts. Maria spürte, wie sich allmählich Hitze in ihrem Bauch sammelte. Wut.
»Euer komischer Sexclub interessiert mich nicht«, sagte sie. »Mich interessiert nicht, was ihr vorhabt, oder anstrebt, oder glaubt, zu sein. Ich bin nicht darauf aus, etwas an die Öffentlichkeit weiterzugeben oder euch auffliegen zu lassen. Ich will nur meine Schwester finden, die zuletzt hier, bei euch, gesehen wurde.«
Jetzt hob sich auch der andere Mundwinkel. »Trink aus«, sagte Nicki. »Und dann stell das Glas beiseite, damit ich deine Hände festhalten und dich küssen kann.«
»Ich werde einen Teufel tun.«
Nicki machte einen gespielten Schmollmund. Sie bugsierte ihr eigenes Glas auf einer Hervorhebung in der Wand, wandte sich Maria zu und beugte sich so dicht an sie heran, dass sich ihre Lippen fast berührten.
»Als hättest du eine Wahl.«
Mit ihrer Zungenspitze leckte sie den Schweiß von Marias Kinn. Bevor diese wusste, was überhaupt geschah, drängten heiße, weiche Lippen die ihrigen auseinander. Maria verlor jeglichen Widerstand. Mit ihren langen, schwarzen Nägeln strich Nicki quälend langsam ihre Wirbelsäule hinab, sandte heiße Schauer durch ihre Nervenbahnen, bis Maria stöhnend ihren Rücken durchbog und sich noch enger an ihre Gespielin drängte. Ihre Zungen liebkosten sich in einem feuchten, heißen, immer schnelleren Tanz.
Sie umwebt dich. Die Stimme war in ihrem Hinterkopf, kaum mehr als ein Echo. Sie entwaffnet dich.
Mit einem erschrockenen Schmatzen löste sie sich von Nicki, als diese gerade ihre Pobacke umgriff und ein Knie zwischen ihre Beine schob. Maria taumelte zurück, hinaus aus der Sphäre, die das fremde Mädchen zauberte.
Nicki lächelte ihr nach. »Du hast tatsächlich Kraft. Das ist gut.«
Maria fuhr herum und stolperte zur Treppe. Etwas stimmte hier gewaltig nicht. Alles drehte sich, ihr Gehirn schien plötzlich in Wackelpudding zu schwimmen. Noch immer spürte sie die Wallungen von Nickis Berührung in ihrem Knochenmark.
Raus. Raus, raus, raus. Sofort hier raus.
Sie erreichte das Ende der Treppe, als sich plötzlich etwas hartes, rasselndes um ihren Hals schloss und man sie nach hinten riss. Würgend taumelte Maria zurück und japste nach Luft. Eine zweite Kette wurde um ihren Kiefer geschlungen, grub sich zwischen ihre Zahnreihen und schnitt in ihre Mundwinkel; wie durch eine Apparatur beim Zahnarzt wurde ihr Kiefer offengehalten. Grobe Hände umfassten sie an Armen und Beinen, sie winselte und blickte ziellos Richtung Decke.
»Schafft sie zur Tanzfläche.« Im Vorbeigehen strich Nicki ihr über die Hüfte. »Der Meister wartet bereits. Das Ritual beginnt.«
Maria wurde herumgerissen. Sie schüttelte sich und schrie gegen die Ketten an, die ihren Kopf in den Nacken pressten und sich in die Innenwände ihrer Wangen gruben, doch jeder Widerstand war zwecklos. Sie spürte Blicke auf sich, Hände, die über ihren Körper tasteten und ihre Arme und Beine befummelten. Smaragdgrüne Lichtblitze zuckten über ihr, als sie plötzlich ein paar Stufen hinabgedrängt und von Nebelschwaden umhüllt wurde. Keine Körper mehr, nur eine große, leere, einsame Fläche. Sie wurde auf eine Art Podest gehoben und flach auf den Rücken gedrückt.
»Zieht sie aus.«
Man riss ihr das Kleid vom Leib, gefolgt von ihrer Unterwäsche. Maria weinte und wand sich verzweifelt auf dem kalten Spiegelboden. Während man ihre Glieder spreizte und sie mit weiteren Ketten an dafür vorgesehene Riemen fesselte, machte sie in dem Nebel über sich Gestalten aus – Schaulustige, die in das Innere einer Arena blickten. Sie kniff die Augen zusammen, um gegen das Licht anzusehen, und meinte noch weiter höher – auf der dritten Eben des Clubs – eine Silhouette zu erkennen, die sich klar und schwarz von ihrem Umfeld abhob. Sie schien unerreichbar, wie ein Gott im Himmel.
Verreckt! Verreckt alle, ihr durchgeknallten Wichser! Sie wünschte, sie könnte es hinausschreien.
»Es tut mir leid, dass es so läuft.« Nicki half dabei, die Ketten, die um ihren Hals und Mund lagen, am Podest zu befestigen, wodurch der Druck nur noch schmerzhafter wurde. »Unsere eigenen Leute können wir nicht als Brücke verwenden, nicht mehr – zu viele von uns haben den Prozess bereits versucht und es nicht geschafft. Hin und wieder brauchen wir Leute wie euch, Leute, die sich von den Gerüchten locken lassen und als Außenstehende um Einlass betteln. Wenn sie scheitern, bleiben sie verschwunden, und das lockt wiederrum eine neue Welle von Euresgleichen an – so wiederholt sich der Zyklus schon seit Jahren. Es würde enden, fänden wir endlich jemanden, der stark genug ist, die Verbindung permanent zu halten. Aber es ist schwer.«
Sie überprüfte das letzte Paar Riemen und strich Maria dann zärtlich mit dem Handrücken über die Wange. »Wir hoffen, dass es bei dir besser läuft. Die erste Wahl aus eurem Geschlecht war bereits sehr stark ... aber eben nicht stark genug. Man hat uns versichert, dass du das entscheidende Quäntchen Kraft hättest, das noch fehlt.«
Wie um es zu untermalen, tauchte in diesem Moment ein zweiter Kopf neben Nickis auf. Diesmal gehörte er einem Mann. Und diesen Mann erkannte Maria, mit dämmender Erkenntnis und einer unglaublichen Leere, die durch ihren Körper jagte.
»Ich hatte dich gewarnt.« Ashton grinste auf sie herab.
Er brachte sie zum Schnaufen. Die Überheblichkeit in seinem Blick, dieses widerwärtige, selbstzufriedene Grinsen ... Er und Nicki standen auf und beschauten Maria wie ein Insekt, das sie studierten.
»Wenn sie es schafft ...«, begann Nicki. »Du hättest dir endlich deinen Platz im festen Zirkel verdient.«
»Sie wird es schaffen. Unter deiner guten Leitung.«
Nicki errötete und lächelte geschmeichelt. »Möchtest du es tun?«
»Ich hatte sie schon oft genug vor Augen, während ich ihre Schwester gevögelt hab. Julie war nicht ganz so attraktiv wie sie. Ich schaue lieber zu.«
Nicki grinste, und Ashton grinste auch. Dann drückten sie ihre Lippen aufeinander und küssten sich, eng umschlungen und lange, ohne Marias Geschrei und Gestrampel unter sich zu beachten.
Die Musik um sie herum schwoll ab, und plötzlich wurde alles Licht diffuser, dunkler. Ein letzter, kurzer Kuss folgte, bevor Ashton sich von Nicki löste und ein letztes Mal auf Maria hinabsah.
»Blamier mich nicht, klar?«
Er zog davon. Nicki streifte sich das Kleid über den Kopf, positionierte sich splitternackt zwischen Marias Beinen und sah hinauf. Marias Atmung wurde flach, sie wagte kaum mehr sich zu rühren.
In der Unkenntlichkeit über ihren Köpfen begann eine tiefe, sonore Stimme zu sprechen. Die Stille, die sich plötzlich über der Menge legte, erlaubte Maria die fremden Silben zu hören – unkenntliche Formulierungen und Worte, die für sie keinen Sinn ergaben, die für sie klangen, als kämen sie aus einer gänzlich anderen, einer gänzlich falschen Welt. Nicki kniete sich zwischen ihre Schenkel, hielt sich an ihren Knien fest und leckte mit der Zunge über ihren Venushügel. Maria zuckte zusammen und winselte. Andere Stimmen mischten sich zu der Ersteren hinzu, wiegten sich in einen sinisteren Chor, zu dutzenden und dann zu hunderten, und Nicki bewegte ihre Zunge bei jedem neuen Vers schneller. Die Härchen auf Marias Armen richteten sich auf, ein seltsames Vibrieren legte sich über die Menge ...
Und dann drang Nicki mit der Zunge in Maria ein. Die Berührung war, als würde Strom durch sie geschossen werden. Sie bäumte sich auf, halb in Qual und halb in Wonne, als zugleich Schübe aus Schmerz und Lust durch ihren Körper zuckten. Die Ketten rasselten, als sie sich verkrampfte. Ihre Knochen schienen zu schmelzen. Nicki stöhnte, liebkoste mit ihren filigranen Fingern Marias Schenkel und trank ihre austretenden Säfte, während der Chor Salve um Salve die angestaute Energie in der Luft einfing und zu ihnen hinab transportierte, auf diese Weise ein langes, tropfendes, waberndes Band spannte, das sie alle miteinander verknüpfte und Maria mehr und mehr befüllte. Die Worte des Meisters durchdrangen die eintretenden Kräfte, bändigten sie auf schmerzhafte Weise, um in Marias Verstand einen Turm zu erbauen, eine Brücke. Säure schien ihre Nerven zu beträufeln, Glut über ihr Rückgrat zu fließen. Maria stöhnte laut, während sie ihren Rücken durchbog und ihre Zehen verkrampfte und die Augen nach innen verdrehte. Sie sabberte, der Saft aus ihrer Fotze floss in Strömen über Nickis Mundwinkel, Blitze zuckten immer heftiger durch ihre Venen und die geballte, orgiastische Kraft des Elysiums, eines jeden einzelnen Teilnehmers, einer jeder einzelnen geschundenen und erquickten Seele, alles beförderte sie immer weiter über einen schwarzen, kalten, wasserlosen Ozean, staute sich immer mehr zu einer drohenden Explosion in ihrem Innern, bis sie glaubte, jeden Moment zu zerreißen –
Und dann schien der gesamte Raum auf einmal zu kippen. Nebelfetzen und Lichterstrahlen verwirbelten, kristallisierten sich und zersprangen erneut zu Scherben, in denen sich der Raum spiegelte und dutzendfach erneut auftat und wieder kippte – ein endloses, nicht stillstehendes Kaleidoskop. Spiegel zerschellten und offenbarten neue Spiegel, pulsierende schwarze Welten, die sich aufeinander und ineinander projizierten und miteinander verschichteten, zu Realitäten und Illusionen, die sich in einer endlosen Kette aneinanderreihten, zu Universen in Universen, und mit einem Mal gelang Maria der Blick dahinter: Eine abgründige, unendliche, widerliche
(atmende)
Geometrie, ihren Verstand zerschellende Farben und grausame, verworrene, nichteuklidische Fundamente. Monolithen, die dunkler waren als schwarze Löcher und in ihrer Größe Sonnen und Planeten übertrumpften, Tore und Türme, die sich in unmöglichen, chaotischen Winkeln knickten und gleichermaßen splitterglatt waren, kristalline Sterne, die in endlosen Explosionen zerschellten und aneinander raspelten und Klänge überirdischen Ausmaßes erzeugten, wie das blecherne, entfernte Grölen von Ungeheuern. Sie ertrug es nicht. Sie spürte, wie die Risse in ihrem Verstand ansetzten und die Dinge brachen, und sie wusste, dass sie loslassen musste, dass sie sich lösen musste von
(Nicki)
ihrem letzten Halt, der sie noch im Ganzen hielt, damit die Pforte ins Schloss fiel und nichts von all dem durchsickerte. Es war zu mächtig. Es lebte. Es war zu unverstellbar und nicht für sie bestimmt.
Aber dann war da der Gedanke.
Der eine Gedanke.
Das eine, letzte Wort.
Rache.
Und sein Grinsen. Seine Selbstzufriedenheit. Ihre Selbstzufriedenheit.
(Julie)
Und in einem letzten, finsteren Akt ließ Maria die schwarze Grausamkeit durch sich hindurchbrechen. Es zerriss sie im Bruchteil einer Sekunde, zerfetzte ihr Bewusstsein schneller als ihren Körper, aber dennoch vernahm sie die Schreie, das süße Echo des Chaos, das ihr von der anderen Seite mit brachialer Gewalt entgegenschallte, und sie lächelte; lächelte ihr eigenes triumphierendes Lächeln in dem Wissen, das keiner von ihnen so mächtig war wie sie, und dass selbst der Tod sie nicht würde retten können, keinen einzigen von ihnen. Nicht vor dem, was dort zu ihnen kam.
Ein letztes, kolossales, weltenumspannendes Brüllen erklang – dann Gnade und Stille.
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