Der Weihnachtsabend, den es nie gab
Es war der Morgen nach Heilig Abend als die Tardis in einem der kleinen, verwilderten Vorgärten Leadworths landete. Um genau zu sein war sie bereits einmal hier gestrandet, doch damals war das kleine Gartenhäuschen weder mit weihnachtlichen Lichterketten geschmückt, noch der Boden mit Schnee bedeckt gewesen. Passenderweise war es ausgerechnet der Schnee in dem die Spuren ihrer Gummistiefel deutlich zu erkennen waren. Fußspuren, die sie vor nicht allzu langer Zeit schon einmal hier hinterlassen hatte.
Der Doctor erinnerte sich nur allzu gut daran, als ihm Amelia Pond zum ersten Mal über den Weg gelaufen war. In Nachthemd und Gummistiefeln und mit einer Taschenlampe bewaffnet hatte sie ihm von dem furchteinflößenden Riss in ihrer Wand berichtet, ehe er diesen mit Hilfe seines Schallschraubenziehers geschlossen hatte. Ein Riss durch Raum und Zeit, der zwei völlig verschiedene Welten miteinander verband und dafür sorgte, dass Amelia immer wieder die Worte Prisoner Zero ist ausgebrochen hörte.
Amelia hingegen erinnerte sich vor allem an Fischstäbchen mit Vanillesauce oder, wie der Doctor es genannt hatte, Vanillefisch. Daran, dass er ihr versprochen hatte wenige Minuten später wieder zu kommen, als er in seine große blaue Kiste gestiegen war, und nie wieder zurückgekehrt war.
Sie hatte die ganze Nacht auf ihn gewartet – jedenfalls bis ihre Tante sie am nächsten morgen schlafend im Garten gefunden hatte - , doch es war vergebens gewesen. Ihr Doctor hatte sie nicht mit zu den Sternen genommen. - Bis er am Weihnachtstag zurückgekommen war.
Die Tardis landete beinahe sanft und mit dem üblichen Geräusch neben dem Gartenhäuschen, wofür der Doctor ihr geradezu dankbar war. Er hatte Amelia für heute bereits genug erschreckt, auch wenn sie selbst alles Geschehene nur allzu faszinierend gefunden hatte. Im Gegensatz zu ihrem ersten Zusammentreffen trug sie dieses Mal kein Nachthemd, sondern ihren blauen Mantel mit der bunten Mütze und eine paar Handschuhen. - Und sie war älter. Ein ganzes Dreivierteljahr sogar.
Der Doctor schmunzelte, während er Amelia die Tür aufhielt. „Willkommen zurück in Leadworth."
Amelia musste unwillkürlich lächeln, hoffend, dass er ihr nach draußen folgte, anstatt sofort wieder zurückzufliegen. Sie hatte den Mann mit der blauen Kiste – ihren Doctor – so viele Male gemalt, so viele über ihn geschrieben, dass ihre Tante ihr einen Termin bei einer der städtischen Psychologen gemacht hatte. Die Frau war nett gewesen und hatte sogar Kekse gehabt, aber ähnlich wie ihre Tante glaubte sie Amelia kein einziges Wort.
Amelia runzelte die Stirn. „Wir haben Leadworth nie verlassen."
„Nein", Sorgsam drehte der Doctor seinen Tardis-Schlüssel im Schloss herum, ehe er seine neu gewonnene Fliege zurecht rückte. „Aber wir haben einen Riss in Raum und Zeit geschlossen, den Kandyman in sein eigenes Universum zurück katapultiert und ganz nebenbei noch Weihnachten gerettet."
Der Doctor sah fast schon zufrieden aus, so wie er das sagte, doch sie wussten beide, dass das nicht vollständig der Wahrheit entsprach. Der Schnee brachte eine gewisse Kälte mit sich und sein neues Hemd, dass er zusammen mit seinem Jackett, der Fliege, Hose und Stiefel aus dem Kaufhaus entwendet hatte, zwickte aus irgendeinem Grund geradezu unangenehm. Hinzu kam, dass Amelias und sein Eingreifen in die Ereignisse von Raum und Zeit nicht ohne Folgen geblieben war.
„Und was ist, wenn der Kandyman einen neuen Riss entdeckt?" Es kam ihr vor wie eine Ewigkeit als der Doctor ihr wenige Stunden vor dem eigentlichen Weihnachtsabend erneut über den Weg gelaufen war.
Ihr zerlumpter Doctor, der sie gerade noch rechtzeitig vor dem Kandyman – einem Roboter aus Süßigkeiten - gerettet hatte.
Eigentlich hatte ihre Tante mit ihr nur letzte Weihnachtseinkäufe machen wollen, doch Amelia hatte es nicht wirklich lange in der Porzellanabteilung ausgehalten und war prompt in die Küche des weihnachtlichen Süßigkeitengeschäfts gestolpert. Sie hatte nicht einmal genau gewusst wieso, denn bereits im Laden selbst waren die Regale voller Schokoladen-Nikoläuse, Lebkuchen-Männchen und Zuckerstangen kaum zu übersehen gewesen, aber der Doctor hatte behauptet, sie hätte vermutlich so etwas wie einen sechsten Sinn. Einen Gefahrensinn.
„Keine Sorge, dass wird er nicht." Der Doctor schien sich geradezu sicher zu sein. „Um genau zu sein wird er mich in nicht allzu langer Zeit wieder sehen."
Die Erinnerung an seine Zeit auf Terra Alpha war nur allzu deutlich. Trotz all der Jahre, die inzwischen vergangen waren, all den Begleitern und all den heiligen Abenden, wusste er noch wie es gewesen war mit Ace gegen die Fröhlichkeitspolizei zu rebellieren und den Kandyman mit Hilfe eines Brennstabs und Limonade außer Gefecht zu setzen. Ace, Grace, Rose, Martha, Donna, Jack – Sie alle waren Vergangenheit. Nicht so die kleine Amelia und dieses Mal würde er es definitiv richtig machen, selbst wenn er noch nicht genau wusste wie.
„Aber Sie sagten doch gerade, dass er nie wieder kommen wird." Jetzt war Amelia erst Recht verwirrt. „Warum wollen Sie den Kandyman dann auf seinem Planeten besuchen?"
Das Lächeln des Doctors wurde breiter, auch weil er endlich jemanden gefunden hatte, der die richtigen Fragen stellte.
„Ehrlich gesagt habe ich genau das schon getan. Mein früheres Ich." Der Mann mit der blauen Kiste drehte sich mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck halb um die eigene Achse, nur um sich dann zu Amelia hinunter zu beugen. „Doctor Nummer Sieben mit der Unterstützung meiner Begleiterin, einer Portion Zuversicht und einem Glas Limonade."
Amelia konnte nicht anders als ihn erstaunt anzustarren. Sie wusste, dass der Doctor nicht nur eine blaue Kiste besaß und Risse in Raum und Zeit schloss. Doch die Tatsache, dass diese Kiste auch durch Raum und Zeit reisen konnte, war noch ziemlich neu für sie.
„Sie wussten von der Limonade?" Langsam fing sie an zu frieren.
Der Himmel war erstaunlich klar und auch die Tatsache, dass es zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit weiße Weihnachten gab, sorgten nur dafür, dass Amelias Lächeln umso breiter wurde. Ihre Gedanken wanderten zu ihrem Stiefel vor dem Kamin, den sie glücklicherweise bereits vor ihrem Ausflug ins Einkaufszentrum aufgehangen hatte. Sie hoffte inständig, dass der Weihnachtsmann schon durch ihren Kamin geklettert war, obgleich ihr größter Weihnachtswunsch bereits erfüllt worden war.
„Selbstverständlich." Eine Hand des Doctors ruhte auf ihrer Schulter, während der Ausdruck auf seinem Gesicht eine Mischung aus Sorge und Aufrichtigkeit widerspiegelte. „Aber wie könnte ich den Kandyman in seine Welt zurückschicken ohne die Hilfe der großartigen Amelia Pond?"
„Sie meinen wenn er versucht die Welt mit Hilfe seines großen Ofens in Süßigkeiten zu verwandeln?" Amelia lächelte.
„Ganz genau." Ehe sie sich versah, hatte er sich schon wieder aufgerichtet. Manchmal fragte Amelia sich, wie er es schaffte sich so viele einfache Dinge zu begeistern und ganz nebenbei noch Roboter wie den Kandyman zu vertreiben. Es gab Momente in denen der Doctor geradezu vor Energie zu strotzen schien und gleichzeitig hatte er manchmal seinen Blick in die Ferne gerichtet, als wünschte er sich irgendwo anders zu sein.
Die Tardis schien gewusst zu haben, dass Amelia in Schwierigkeiten gesteckt hatte. Sie hatte sich beinahe selbstverständlich in der Zuckerküche des Kandymans materialisiert, während dieser Amelia von seinem Plan, die Welt passend zu Weihnachten mit Hilfe eines Ofens und einer interdimensionalen Zuckerkanone in eine einzige Süßigkeit zu verwandeln. Der Riss hinter ihm war verschlossen und doch sichtbar gewesen, was ihn jedoch nicht davon abgehalten hatte weitere Drohungen auszustoßen. Erst als der Doctor ihm seinen Namen verraten hatte, erst als er ihm gesagt hatte, dass er ihn aufhalten würde, hatte er Inne gehalten. - Zumindest solange bis er es sich anders überlegt und der Doctor mit Amelia gerade noch rechtzeitig in der Tardis verschwunden war.
Den Rest des Abends hatte er sich nicht nur neue Kleidung und mehrere Kisten Limonade besorgt, er hatte Letztere auch gemeinsam mit Amelia in mehrere Wasserpistolen und Eimer gefüllt, bevor sie den Kandyman ein weiteres Mal aufgesucht hatte. Alles hatte damit geendet, dass die Limonade den aus Süßigkeiten bestehenden Kandyman am Boden festgeklebt und der von ihm geöffnete Riss den Roboter schließlich endgültig verschluckt hatte.
„Sie sind zu spät, wissen Sie?", riss Amelia ihn schließlich aus seinen Gedanken. Sie fror inzwischen auch ein wenig, aber das hielt sie nicht davon ab ihn aufmerksam zu mustern. „Sie haben gesagt fünf Minuten."
„Fünf Minuten." Der Doctor seufzte. Allein die Tatsache, dass sie die ganze Nacht auf ihn gewartet hatte, bereitete ihm ein schlechtes Gewissen. Doch es würde nicht der einzige Grund bleiben.
Der Riss in Raum und Zeit hatte eine alternative Zeitlinie geschaffen. Eine Zeitlinie in der Amelia erneut auf den Mann in der blauen Kiste getroffen war und die verschwinden würde, sobald sich der Riss in wenigen Stunden vollständig schloss. Amelia würde ihren Weihnachtsabend vergessen haben, sobald sie ihre Geschenke aus ihrem Strumpf holte, doch er würde sich erinnern.
Er musterte Amelia geradezu aufmerksam, ihr zufriedenes Lächeln und der Glaube daran das beste Weihnachten in ihrem Leben erlebt zu haben.
„Und jetzt können Sie Weihnachten mit mir feiern."
„Nun", erwiderte er und kratzte sich zögernd am Kopf. „Ich habe eigentlich noch einen Mond zu suchen. Den verlorenen Mond von Poosh, Medusa Kaskade und ein Magnet für Risse in Raum und Zeit."
Er hasste es sie zurückzulassen, auch weil ihre Bemühungen ihre Enttäuschung zurückzuhalten ihm einen weiteren Stich versetzten.
„Hey", Der Doctor kniete sich ein weiteres Mal hin, sah sie an, wobei beide Hände auf ihren Schultern ruhten. Er wollte sie ermutigen, ihr zeigen, dass dies nicht das Ende der Welt war, obwohl sie sich daran womöglich nie wieder erinnern würde. „Ich werde wiederkommen. Nicht heute, aber vielleicht morgen. Wie wäre es mit morgen? Schließlich habe ich eine Zeitmaschine."
Amelias Lächeln wurde breiter und es er sich versah, hatte sie ihre dünnen Arme auch schon um ihn geschlungen.
„Danke, Doctor." Ihre Stimme waren kaum mehr als ein Flüstern und dennoch reichte es aus, um ihm endlich das Gefühl von Weihnachten zu geben. Das Gefühl irgendwo gebraucht zu werden, irgendwo willkommen zu sein, selbst wenn er nur ein Verrückter mit einer blauen Kiste war, der ganz nebenbei zwischen den Welten wanderte.
Er würde dieses Weihnachten vermissen und zugleich gegen die verblassenden Erinnerungen daran ankämpfen. Das war er Amelia schuldig.
„Danke, dass du gekommen bist."
Vorsichtig löste sie sich von ihm, bereit endlich zurück ins Haus zu schleichen, nur einen Blick auf die Geschenke zu erhaschen, die der Weihnachtsmann für sie da gelassen hatte.
Amelia drehte sich um, sah ihren Doctor ein letztes Mal an, ehe die Worte Frohe Weihnachten, Doctor und ihre Fußspuren im Schnee alles waren, was von ihr blieb.
Sein Blick wanderte von dem verschneiten Vorgarten zu den Sternen und schließlich zu seiner Tardis zurück, deren Tür er in wenigen Sekunden öffnen würde, um in Richtung Medusa Kaskade aufzubrechen.
„Frohe Weihnachten, Pond." Es war sein Flüstern, dass die Stille schließlich unterbrach.
Amelia würde in dieser Zeit bereits ihre Geschenke ausgepackt habe und mit ihrer Tante den Weihnachtsmorgen zelebrieren, ohne auch nur zu ahnen, dass sie gemeinsam mit ihrem Doctor die Welt gerettet hatte. - Und dennoch wurde er das Gefühl nicht los, dass es das beste Weihnachten seit Langem gewesen war. Dass er sie eines Tages wiedersehen würde, um mit ihr Raum und Zeit zu erkunden.
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