
Chapter Six
I lost my mind
But I'm doing just fine
Yeah, I'm doing just fine
I don't need my mind
"Hey." Ich sah von meinem Block auf. Aiden setzte sich an den Tisch neben mir und legte sein Geschichtsbuch auf die Tischplatte. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe und er sah müde aus, aber seine Mundwinkel zogen sich in einem aufmunterndem Lächeln hoch. "Hey." Ich legte den Stift beiseite und verschränkte meine Arme auf der vollgemalten Hinterseite des Blocks.
"Wie geht es dir? Ich hab versucht, dich anzurufen, aber du bist nie ran gegangen. Und vorbeizukommen habe ich mir wegen deiner Mutter schwierig vorgestellt." Ich seufzte. "Jep. Sie hat mir das Handy weggenommen, weil ich meine Ruhe brauchte oder so."
"Aber du bist hier." Ich nickte. "Weil ich den Psycho-Test bestanden habe und ich irgendwann wieder hier hin gehen muss." Meine Finger spielten gelangweilt mit einer Haarsträhne. Es war warm, ich hätte sie am liebsten in einen Dutt gesteckt, damit ich nicht so schwitzte, aber meine dunkle Mähne war mein eigener persönlicher Vorhang, der mich von der Außenwelt abschottete. So konnte ich die Blicke und das Starren der anderen einfach ignorieren und mich hinter meinen Haaren verstecken.
"Psycho-Test?", fragte Aiden und legte den Kopf schief. "Ich musste zu einem Therapeuten, um zu sehen, ob es mir geistig gut geht", erkläre ich und er nickte. Mein Rücken berührte die Lehne des Stuhls, als ich mich in eine bequemere Position brachte. "Und... geht es dir gut?" Er griff etwas unsicher nach meiner Hand und verschränkte seine Finger mit meinen. Seine Berührung tat gut und hatte eine beruhigende Wirkung auf mich. "Ich hatte schon bessere Tage. Aber ich werde damit klarkommen." Aus dem Augenwinkel sah ich sein Nicken, während ich auf unsere Hände hinab sah. "Du hast dich verändert in den Ferien", sagte er nach ein paar Sekunden. "Du redest mehr über deine Gefühle."
"Was du mitbekommen hättest, hättest du nicht so getan, als würde ich nicht mal existieren." In meine Stimme hatte sich ein kalter Unterton gemischt und mein Blick blieb auf unsere Hände fokussiert. Er seufzte. "Jewel, ich... es tut mir Leid. Ich hatte nur viel zu tun."
"So viel zu tun, dass du keine Zeit für deine sogenannte Freundin gehabt hast?" Ich sah auf. "Ich habe dich gebraucht. Und du warst nicht da."
"Es tut mir Leid", sagte er schnell. "Entschuldige, aber... wie soll ich das wieder gut machen? Was soll ich machen?" Er zog seine Hand zurück, während sein Blick mich durchbohrte. Meine Antwort war kurz und brachte es auf den Punkt. "Zeit mit mir verbringen, anstatt dich immer nur zu entschuldigen."
Er sah mich ein paar Sekunden lang schweigend an. Dann tat sich irgendwas in ihm, ich konnte es in seinen Augen sehen, und er nickte. "Okay. Wie wäre es mit heute Nachmittag nach der Schule? Wir können zu mir gehen." Ich strich mir meine Haare hinters Ohr und lächelte leicht, während ich spüren konnte, wie ich mich wieder beruhigte. Ich wollte nicht streiten. "Heute Nachmittag ist schlecht. Meine Oma kommt. Aber morgen wäre ganz gut."
"Dann können wir morgen mit meiner Familie essen und danach noch hoch gehen", schlug er vor und ich nickte zustimmend. Dann würde ich morgen wohl auch den mysteriösen Kyle wieder treffen. Darüber musste ich Aiden noch ausfragen. Jedoch begann der Unterricht gleich. "Wieso kommt eigentlich deine Oma?"
"Wegen der Beerdigung von meinem Onkel. Die ist in ein paar Tagen."
"Wenn du dich mal aussprechen willst, dann sag Bescheid." Ich nickte lächelnd. Da war der Aiden, den ich kannte. "Weißt du eigentlich, wieso er ausgerechnet dich angerufen hat? Ihr hattet doch nicht so viel Kontakt." Ich zuckte die Schultern. "Keine Ahnung. Und er meinte auch, dass ich keine Polizei rufen soll. Aus welchem Grund auch immer."
"Hat die schon irgendetwas raus gefunden? Wer der Täter war oder so?"
"Sie haben Fußabdrücke gefunden. Von mir und von Ruben. Aber sonst nichts. Und Zeugen gibt es außer mir ja auch nicht." Und der einzige, der eine Ahnung hatte von dem, was an jenem Abend passiert war, war tot.
"Ich hab gehört, dass sie dich für-"
"Verrückt gehalten haben?", beendete ich seinen Satz und atmete zischend die Luft ein. "Ich weiß, was ich unter meinen Händen angefasst habe. Es hat sich nicht menschlich angefühlt."
"Vielleicht ein Tier?", rätselte er, was dazu führte, dass ich eine Augenbraue hochzog. "Mit Federn, Schuppen und Stoff?" Er zuckte die Schultern. "Aber tierische Elemente sind vorhanden. Vielleicht eine Mutation?" Er lachte und ich verdrehte die Augen, musste aber trotzdem mitlachen.
"Weißt du, vielleicht ist es nicht so wichtig, was oder wer es war. Wichtig ist nur, dass du da lebend wieder raus gekommen bist." Wir wurden wieder ernst und ich nickte. "Ja, vielleicht ist es das. Bleibt nur die Angst, dass er zurückkommt und es wieder tut."
"Das wird er nicht", versicherte mir Aiden und drückte meine Hand beruhigend. "Und wenn doch, dann beschütze ich dich."
"Du gegen einen Mörder? Ich will dich ja jetzt nicht beledigen, aber..."
"Hey! Diese Muskeln, die ich letztes Jahr im Fitnessstudio aufgebaut habe, sind immer noch da!"
"Jetzt fühle ich mich sicher, du großer, starker Mann." Ich lehnte mich leicht lächelnd vor und küsste ihn. Gott, seine Lippen auf meinen fühlten sich so unfassbar gut an. Wir lösten uns voneinander und ich warf einen Blick auf die Uhr. Noch ein paar Sekunden bis Unterrichtsanfang. An der Tür erschienen zwei Mädchen, die noch schnell ins Zimmer geeilt kamen. Als sie mich erblickten, warf die eine der anderen einen bedeutungsvollen Blick zu, bevor sie sich an ihren Platz weiter hinten im Raum begaben.
Ich atmete laut zischend ein. "Ignoriere sie", meinte Aiden, der meine Anspannung mitbekommen hatte und drehte sich zur Tafel. "Sie haben nichts besseres zu tun, aber bald bist du Schnee von gestern."
"Hoffentlich", knirschte ich. Als ich mich ebenfalls Richtung Tafel drehte, konnte ich die Blicke der Leute hinter mir spüren, wie sie mir Löcher in den Rücken starrten. Einfach ignorieren...
"Was ist das eigentlich, was du da gemalt hast?" Aiden legte den Kopf schief und deutete auf meinen Block, der nun nicht mehr von meinen Armen verdeckt wurde. Ich sah runter. Auf der braunen Pappe befand sich ein Strichmännchen.
Mit Kreuzen als Augen und an einem Galgen hängend.
"Nichts." Ich drehte ihn schnell um und verschränkte meine Arme darauf. Ich konnte mich nicht daran erinnern, so etwas gezeichnet zu haben.
*
"Ich wusste gar nicht, dass du einen Cousin hast", sagte ich, während ich einen Zweig vor mir weg kickte. Aiden sah mich verwirrt an. "Ich war neulich bei dir zuhause, um mit dir zu reden. Du warst nicht da, aber ein gewisser Kyle schon." Bei meiner Erklärung seufzte er und schloss für einen Moment die Augen. "Kyle. Dieser Mistkerl."
Der Wind fuhr mir durch die Haare. Es war ein wenig kühler als gestern, was ich schade fand, da ich die Hitze eigentlich gemocht hatte. Eine Angewohnheit aus Mexiko, die ich wohl nie ablegen würde. "Was hat er denn getan, dass du ihn so hasst?"
"Ich hasse ihn nicht, ich will nur so wenig wie möglich mit ihm zu tun haben", meinte er mit zusammengepressten Zähnen. Ich legte den Kopf schief. "Aiden?" Wir bogen um eine Ecke. "Jewel?"
"Ich weiß, wenn du lügst." Er zuckte die Schultern und seufzte erneut. "Ist doch egal. Ich mag ihn nur einfach nicht."
"Aber wieso denn?", hakte ich unnachgiebig nach. "Es muss doch einen Grund geben."
"Familienstreitigkeiten. Sein Vater und meiner hatten Streit um das Erbe meines Großvaters. Das ist alles." Er kickte einen Stein vor sich her; das Geräusch des harten Materials auf dem Bürgersteig klang laut in der Stille der frühen Abendsruhe. "Und deswegen magst du Kyle nicht? Weil sein Vater Streit mit deinem hatte, wofür er eigentlich gar nichts kann?"
"Ich weiß es klingt komisch, aber ja. Ich bin aufgewachsen mit der Ansicht, dass mein Onkel ein schlechter Mensch war, also ist es sein Sohn ebenfalls", sagte er. "Das ist aber sehr beschränkt, weißt du. Ich dachte, du magst kein Schubladendenken?", gab ich zu bedenken und fasste meine Locken in einem Pferdeschwanz zusammen, da der Wind ziemlich nervte. "Ich wurde so erzogen. Ich kenne es nicht anders. Und jetzt gib mir nicht wieder diesen Blick." Er sah mich warnend an.
"Welchen Blick?"
"Den, den du jetzt gerade drauf hast. Der, der mir ein schlechtes Gewissen machen soll."
"Ich habe keinen-", ich unterbrach mich selbst. "Ich habe nur gesagt, dass du ihm vielleicht eine Chance geben solltest." Er blieb abrupt stehen und sah mich mit einer in Falten gelegten Stirn an. "Du findest Kyle nett? Ernsthaft?"
"Was? Nein!", widersprach ich ihm und schüttelte den Kopf. "Und wieso setzt du dich dann so für ihn ein?"
"Weil es ums Prinzip geht! Wäre er dein Bruder oder was weiß ich würde ich dasselbe machen." Ich wollte Aiden nur vom Schubladendenken abhalten. Ich konnte es nicht leiden und ich wusste, dass er manchmal dazu neigte und versuchte seit Jahren, es ihm abzugewöhnen. Es war auch schon besser geworden, aber ganz abgelegt hatte er es nicht und würde es wohl auch nie wirklich tun. Dafür sorgten seine engstirnigen Eltern.
"Es geht mir nicht um Kyle, es geht mir um dich", fügte ich hinzu, als er mich nur wortlos ansah. Ein weiterer schlechter Aspekt von ihm war seine Eifersucht. Er wurde wirklich schnell neidisch und ließ dann den übertriebenen Beschützer raushängen. Es war zwar manchmal ziemlich niedlich und sorgte dafür, dass ich mich sicher bei ihm fühlte, aber es konnte einem auch auf die Nerven gehen. Und das tat es gerade, da ich anhand seiner funkelnden Augen ganz genau erkennen konnte, was in seinem Dickkopf vor sich ging.
Ich legte eine Hand an seine Wange. "Aiden, ich liebe dich. Und das weißt du. Kyle war ein Arsch, als wir uns getroffen haben." Es ging mir nicht um Kyle. Von mir aus konnte er mir gestohlen bleiben. Er sah gut aus, aber von dem bisschen, was ich von ihm gesehen hatte, brauchte ich nicht mehr zu erfahren. Vielleicht konnte er ja ganz nett sein, aber ich brauchte keine neuen Leute in meinem Leben, sondern welche, denen ich vertrauen konnte.
Er ging einen Schritt rückwärts und entzog sich meiner Hand. "Wirklich? Was hat er getan?" Ich seufzte. Beschützerinstinkt. "Nichts. Es ist einfach nur seine Art."
"Ja, das habe ich von vielen Leuten gehört", murmelte er und setzte sich wieder in Bewegung. "Lass dir einfach nichts von ihm einreden, okay?"
"Tue ich nicht", antwortete ich. "Wieso ist er eigentlich niemals zuvor aufgetaucht?", wollte ich nach ein paar Sekunden der Stille wissen. "Wieso gerade jetzt?"
"Er hat die Schule beendet und bevor er studiert oder keine Ahnung was macht, reist er erstmal und hat beschlossen, meine Eltern und mich zu nerven. Das ist in Europa so üblich", sagte er auf meine hochgezogenen Augenbrauen hin. Ich nickte verstehend. Hier in Amerika war es üblich, direkt nach der Schule zu studieren oder zumindest den Sommer abzuwarten. In Europa war das anscheinend anders. "Also lebt er mit seinen Eltern in Frankreich?" Aiden nickte. Erklärte, wieso er vorher nie im Haus seiner Verwandten war.
Aidens Familie kam aus Frankreich. Sie waren zwei Jahre vor der Flucht meiner Mutter nach Oklahoma gezogen. Das war auch der Grund, wieso wir uns auf Anhieb verstanden hatten - er kannte die Rolle des Neuen, der von weit weg in eine Kleinstadt gezogen war, und hatte mir geholfen, mich einzuleben.
"Und was sagen deine Eltern dazu? Könnten sie ihn nicht einfach rauswerfen?"
"Sie sind genervt, genauso wie ich. Mein Vater mehr, als meine Mutter, die ihn einfach nur unerzogen findet", beantwortete er meine Frage. "Aber ich denke, es reicht nicht aus, um ihn rauszuwerfen. Meinen Onkel hat seinen Vater immer mehr gehasst als dessen Sohn." Ich wusste, dass sein Vater zu seinem Bruder kein gutes Verhältnis hatte, aber dass es so schlimm war, hatte ich nicht gewusst. "Und weißt du schon, wie lange er voraussichtlich bleibt?"
Er schüttelte den Kopf. "Nein. Aber wieso reden wir eigentlich die ganze Zeit über meinen nervigen Cousin? Es gibt so viel wichtigere Themen."
"Die da wären?"
"Wie war der Besuch deiner Großmutter gestern?" Ich verdrehte die Augen. Das hielt er für wichtig? "Wie soll er schon gewesen sein? Ich kann sie nicht leiden. Sie ist kompliziert, das ist alles. Sie nimmt jetzt das Gästezimmer in Anspruch und reist ein paar Tage nach der Beerdigung wieder ab. Ich kann ja verstehen, dass sie trauert, aber das bedeutet nicht, lauter Extrawünsche zu äußern und sich über alles mögliche zu beschweren. Und dann diese Blicke", fuhr ich fort, "so als hätte ich Ruben persönlich umgebracht. Ich meine, ich hab mir das ja nicht ausgesucht." Ich schüttelte den Kopf. "Alte Schlange..."
"Pass auf, sie kann dich bestimmt hören. Sie ist überall..." Aiden sah sich gespielt vorsichtig um und brachte mich damit zum Lachen. Er hatte meine ach so liebe Oma erst einmal getroffen, aber das hatte schon ausgereicht, um sie ihm unsympathisch zu machen. Und meine Erzählungen von ihr hatten ihren Ruf auch nicht wirklich verbessert. "Sie steht bestimmt heute Nacht an meinem Bett und will mich umbringen, weil ich über sie gelästert habe."
Wir kamen endlich am Haus an und blieben vor der Haustür stehen. "Nicht, wenn du die Nacht in meinem Bett verbringst." Er küsste mich und diesmal mit Zunge. Ich erwiderte den Kuss und ließ meine Hand in seine hellbraunen Haare wandern, während seine Hand zu meiner Hüfte wanderte. Er ging ein paar Schritte vorwärts und schob mich vor sich her, bis mein Rücken gegen den Stein der Mauer neben der Tür gepresst wurde. Seine Hände und sein Körpergewicht hielten mich gegen die Wand gedrückt, während der Kuss schneller und leidenschaftlicher wurde.
Als er sich von mir löste und stattdessen meinen Hals bearbeitete, bildete sich mir eine Gänsehaut im Nacken und ein Schauer lief mir über den Rücken. Während ich den Kopf zurücklegte, konnte ich spüren, wie er meine Beine um seine Hüfte schlang und mich nur noch mit seinen Händen stützte, von denen er eine von meinem Bauch über meine Brust bis zu meinem Hals wandern ließ, den er sanft festhielt, während sein Mund an der anderen Seite saugte und mir einen Knutschfleck verpasste.
Ich seufzte leise und ließ meine Hände über sein dunkelblaues T-Shirt wandern. Das letzte Mal, als wir miteinander geschlafen hatten, war irgendwann vor den Ferien gewesen. Also schon viel zu lange her. Mir war es egal, dass seine Eltern und sein Cousin sich drin befanden, ich wollte ihn einfach nur fühlen.
Und gerade, als ich meine Hand zu Aidens Gürtel wandern ließ, hörte ich ein Räuspern.
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