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Ben Vessinger war der größte in seiner Klasse. Mit seinen vierzehn Jahren überragte er bereits jeden Menschen, dem er begegnete. Seine Persönlichkeit war anders.
Nicht anders, aber gewöhnungsbedürftig.
Diesen Nachmittag zum Beispiel lag er in einem Vorgarten 15 km vor Oakland auf der nassen Erde. Ein Vorgarten. Nicht sein Vorgarten.
Mit einem Fernglas schien er das Treiben auf der Straße zu beobachten. Insofern man es Treiben nennen konnte. Die Straße war gähnend leer. Einzig ein Spatz tänzelte auf dem Bordstein herum. Aber dieser interessierte Ben nicht. Nein. Ben wollte durch die Fenster der Häuser sehen. Ein Spanner war er nicht, nur interessiert an Inneneinrichtungen. Jeden Tag dieser erdrückenden Ferien lag er in einem anderen Vorgarten. Die Leute aus dem Ort kannten das schon und unternahmen längst nichts mehr gegen den Jungen in ihren Blumenbeeten.
Bis auf Eine.
Besonders gerne lag Ben in Veruca Renées Vorgarten. Veruca Renée war eine Dame von etwa siebzig Jahren. Sie konnte Ben nicht ausstehen und er sie auch nicht. Jedes Mal, wenn sie ihn entdeckte, holte sie einen Besen und schlug damit auf ihn ein. Natürlich war dies nicht sehr angenehm, dennoch fand sich Ben mindestens zwei Mal in der Woche zwischen Veruca Renées Rabatten liegend.
Von keinem anderen Ort der Welt hatte man eine bessere Sicht auf die neuesten Flachbildschirme und die darauf laufenden Filme. Renées Nachbarn waren steinreich und das machte sich für ihn bezahlt. Bens weitere Leidenschaft war es nämlich, sämtliche Klassiker in - und auswendig zu kennen. Nun hatte sein Vater nicht den best bezahltesten Job und seine Mutter sogar überhaupt keine Arbeit, weshalb er sich über die Schwerhörigkeit des Hausbewohners und die daraus resultierende Nutzung von Untertiteln freute
Sein Bruder Quentin hingegen war von zu Hause ausgerissen, als Ben acht Jahre alt gewesen war. Mit ihm wäre das Geld in heutigen Zeiten knapper geworden, als ohnehin schon. Außerdem war Quentin ein Arschloch gewesen. Eine Auffassung, wie sie unter Geschwistern halt üblich war.
Die Sonne war längst untergegangen, als Ben sich auf den Heimweg machte. Ben mochte sein Zuhause. Sehr sogar. Es war zwar eng und geruchsmäßig auch nicht ganz angenehm, aber immerhin hatte es nach dem gestrigen Sturm noch ein Dach. Ben schob die Tür auf und trat ein. Es war so klein, dass er direkt in der Küche stand. Der Ofen qualmte. Ben schaltete ihn aus und versuchte das verkohlte Häufchen in der Backform zu identifizieren, scheiterte jedoch. Er ging zum winzigen Kühlschrank und beugte sich tief runter, um dessen Tür aufzumachen und den Inhalt zu begutachten. Er kniff die Augen zusammen, konnte aber kaum etwas erkennen.
Sein Vater hatte, um Strom zu sparen sämtliche Glühbirnen rausgeschraubt und wo es möglich war mit Kerzen ersetzt. Im Kühlschrank natürlich schwierig. Ben richtete sich wieder auf und schlurfte ins Wohnzimmer.
Der Kamin war zur Zeit die einzige Wärmequelle im Haus. Das Feuer knackte und knisterte und erhellte das kleine Zimmer in einem warmen Schein. Inmitten von Prospekten und Zeitungen saß Cheryl Vessinger, Bens Mum, und versuchte angestrengt die Worte auf dem Blatt in ihren Händen zu entziffern.
Mrs. Vessinger war ebenso anders, wie ihr Sohn. Sie liebte es Reiseprospekte, Werbungen, Flugblätter und Ähnliches aus den Mülleimern zu sammeln und zu Hause zu lesen. Ihre zweite Leidenschaft waren die, meist halbfertigen Kreuzworträtsel, die sich häufig auf der Rückseite der Prospekte befanden. Immer, wenn sie eines geschafft hatte, schickte sie die Lösungswörter ein, in der Hoffnung, eines Tages irgendetwas zu gewinnen.
Bisher hatte das nicht funktioniert.
Ben schob einige Papiere beiseite und quetschte sich neben seine Mum. Sie gab das Lesen auf, zerknüllte das Blatt und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Bens Haare waren hellblond. Keiner in seiner Familie hatte solche Haare, er war der einzige, was ihn früher häufig an seiner Abstammung hatte zweifeln lassen.
Seine Mum stand mühsam auf und gähnte. "Also", sagte sie mit müden Augen. "Ich geh' ins Bett." Und sie verschwand im Hinterzimmer, wo seinen Vater schon leise schnarchen hörte. Als Ben wieder alleine war, hob er eines der Flugblätter auf. "Gewinnen Sie eine Reise auf dem traumhaftesten Schiff dieser Erde: die Queen of the seas!"
Abgeneigt schüttelte er den Kopf. Er konnte die Reiselust seiner Mum nicht verstehen. War sie wirklich so unglücklich, hier in dem kleinen Ort, 15 km vor Oakland? Ben hatte sein ganzes Leben hier verbracht, Langeweile gab es für ihn nie.
Er blickte auf die kahle Wand über dem Kamin, wo sich ein Fernseher nicht schlecht gemacht hätte, wären sie in der Lage gewesen den Preis für einen solchen zu bezahlen, und erinnerte sich lächelnd an den letzten Sommer. Auch diesen hatte er in fremden Gärten verbracht.
John Hammond hatte gerade stolz Jurassic Parc präsentiert, als Veruca Renée mit ihrem Besen auf ihn zugestürmt war. Ben war hastig aufgesprungen und weggerannt, hatte jedoch aus dem Augenwinkel noch sein Fernglas gesehen, welches er im Beet hatte liegen lassen. Später am Abend war er wieder gekommen, um es sich zu holen. Blöderweise saß Veruca Renée mit ihren Poker-Damen am Gartentisch, direkt an der Hecke. Also hatte Ben sich auf den Bürgersteig legen müssen, um von dort durch das Gestrüpp nach seinem Fernglas zu greifen.
Ja, es war hart gewesen, aber nach etlichen Versuchen hatte er es endlich zu fassen bekommen. Ben musste unwillkürlich lachen, als er sich die Situation noch einmal vorstellte. Da ihm nichts Besseres einfiel, begann er im Flackerlicht des Kaminfeuers ein Kreuzworträtsel zu lösen. Schließlich verließ auch er das Wohnzimmer, nachdem er das Feuer gelöscht hatte. Gähnend kletterte er die krumme Treppe empor und duckte sich unter dem Deckenbalken weg.
Das Bildnis der Queen of the Seas ließ ihn nicht los. Ein majestätischer Ozeanriese, der über alles in der Umgebung hinausragte. So wie er.
Nur dass Ben nicht die Verantwortung für tausende Menschen trug. Tausende Menschen, die mit einem Mal von den Wellen verschluckt werden könnten. Majestätisch war er auch nicht. Seine Haltung glich eher der, eines skolioseerkrankten Rentners.
Ben gähnte wieder, da durchzuckte ihn ruckartig und unangekündigten ein Gedanke. Sein Leben lief schon viel zu lange viel zu gut. Die gewöhnlichen Probleme, mit denen er suchtagtäglich herumschlagen musste, Schlafstörungen, Rückenschmerzen...das alles hatte ihn seit einiger Zeit verlassen. Er war nicht abergläubisch und trotzdem spürte er plötzlich eine nie da gewesene Angst.
Der kleine Flur des oberen Stockwerkes verschwamm vor seinem Blick und kurz hatte er weißen Sand und riesenhafte Felsformationen vor den Augen.
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