Der Anfang
Daniel schlug die Augen auf.
Verwirrt sah er um sich, fragte sich, wo er gelandet war. Er tastete den Boden ab, um von Steinen und Krabbeltieren zu seiner Brille zu gelangen. Nachdem er sie aufgesetzt hatte, musterte er seine Umgebung und staunte nicht schlecht: Da erinnerte er sich noch, wie er in seinem warmen Bett in der BVB-Kuscheldecke eingenickt war und - zack! - fand er sich auf schroffem Fels von der Sonne geblendet wieder.
Daniel saß in einer Art Schlucht, deren Seiten aus zwei himmelnahen Bergwänden bestand, die Sonne schien genau zwischen den Gipfeln herab zu leuchten. Das Seltsamste an der Höhle waren jedoch die zahllosen Diamanten, die das Licht in alle erdenklichen Farben brachen und der Höhle eine funkelnd-magische Atmosphäre verliehen.
Fassungslos stand Daniel auf, ließ einen Schrei los und setzte sich wieder - er hatte sich an einem Felsvorsprung angestoßen.
"Daniel", sprach er zu sich selbst. "Du träumst. Jetzt atmen wir ganz tief ein und aus und im Nullkommanichts bist du wieder daheim. Hattest wahrscheinlich nur zu viel Kaffee."
Doch auch wenn er keine andere Erklärung fand, erschien ihm das nicht wie eine Folgeerscheinung des "Milfina 3,5 % Fett" - Getränkes. Allein die Tatsache, dass er beim Gedanken an das Wort "MILFina" kichern musste, war Beweis genug.
Nachdem er sich dazu entschlossen hatte, dass herumsitzen und Löcher in die Luft starren ihn nicht aus seiner Lage befreien würde, wagte er erste Schritte, fast ohne sich nochmal anzustoßen. Er ging den diamantbesetzten Gang entlang und fiel beinahe zum zweiten Mal um, als er den Ausgang erreichte: Vor ihm erstreckten sich weite, saftige Wiesen, tiefgrüne Wälder, ein hellblaues Meer und hohe, anmutige Berge. Das Land schien ihm frei, idyllisch und fern jeden menschlichen Einflusses.
Was ihn jedoch am meisten aus der Fassung brachte war ein kleiner, wuscheliger Kuschelbär, der ihn mit zotteligen Augenbüscheln anstarrte: Ein Koala.
Daniel konnte spüren, wie seine Augen zu Herz-Emojis wurden. Mit verstellter Stimme sagte er: "Naw - hallo du kleiner süßer..."
Weiter kam er jedoch nicht, denn, völlig unerwartet, fiel der Koala Daniel ins Wort: "Bist du meine Mama?"
Daniel war sprachlos, rief sich dann aber in Erinnerung, dass er von seinem Bett in eine Diamanthöhle gelangt war - er nahm den plaudernden Koala hin. "Nein, ich bin nicht deine Mama, Kleiner. Weißt du vielleicht, wo wir hier sind?", fragte Daniel den Bären.
"Nicht im Wald"
"Musst du etwa in den Wald?"
"Da wartet meine Mama."
Daniel sah zuerst den Koala, dann das weite Land vor sich an, fasste sich schnell ein Herz und antwortete: "Na gut, kleiner Kumpel, ich bring dich zu deiner Mama. Komm, steig auf!"
Er ließ den zögerlichen Bären auf seine Schultern klettern, hörte nach all dem Denken auf, über seine Situation zu grübeln (denn nachzudenken erschöpfte ihn) und machte sich auf den Weg ins Tal.
Die Reise zog sich über mehrere Stunden, in denen Daniel Zeit zum Philosophieren hatte, und als sie im Tal angekommen waren, mussten sie sich erstmal ausruhen.
Daniel setzte sich und den kleinen Koala an einen Baumstamm, der wie ein einziger Ast aus dem Boden schoss und grüne, scheinbar köstliche Blätter trug.
"Wie soll ich dich eigentlich nennen, Kleiner?" Er schaute zu dem bis dato namenlosen Bären, überlegte einen kurzen Augenblick und beschloss: "Ich weiß! Du heißt ab jetzt Eddie."
"Blätter mmmm", mampfte Eddie, sichtlich anderswo in Gedanken.
Beim Zuschauen noch merkte Daniel, dass ihm auch der Magen grummelte. Und bevor er den Gedanken zu Ende denken konnte, fiel ihm etwas auf den Schoß: Eine Pizza Margherita mit dreifach Käse.
Daniel schaute auf und staunte nicht schlecht, als in Sekundenschnelle ein neues Blatt wuchs, wo eben noch die Pizza geflogen kam. Er legte diese zu seinem eigenen Erstaunen zur Seite und musterte den Baum an den er sich lehnte.
"Uno momento, por babor", rief er triumphierend, als er eine Inschrift auf dem Baum entdeckte: Wie aus Lippenstift stand hellrot und doch fein geschrieben: "CANTONIVM ARBOR".
Natürlich hatte Daniel keinen blassen Schimmer, was das zu bedeuten hatte, auf jeden Fall war es nichts zu essen, jedoch erinnerte es ihn an einen Zauberspruch.
Er näherte sich mit der Hand dem Ast, und in dem Moment als er ihn berührte, verdrehten sich seine Augen und Daniel stand mitten in einem Dorfplatz, umgeben von vielen verschiedenförmigen Hütten. Heges Treiben herrschte vor, so saßen drei Mädchen an einer Feuerstelle und gaben motivierende Zeilen zum Besten: "Leb deinen Traum, denn er wird wahr!" Ein Junge und ein Mädchen, der eine sichtlich jünger als die andere, spielten gemeinsam mit Pokémon-Karten und eine Gruppe von bunt gemischten Menschen spielte Fußball, die anderen sahen zu. Es herrschte Einklang und Friede.
Szenenwechsel: Dieselbe Feuerstelle wie vorhin, nur dass inzwischen tatsächlich auch Feuer brannte. Einige Menschen saßen drumherum, lachten, aßen, umarmten sich. In der Mitte brutzelten Marshmallows, einige brutzelten bereits zu lange, andere waren bereits mit Schokolade zwischen zwei Butterkekse geklemmt, und im Hintergrund liefen Harry Potter Soundtracks. Es herrschte eine Stimmung wie in einem Festival-Zeltdorf. Vor allem jedoch fielen Daniel zwei Leute ins Auge: Er bemerkte, wie sie sich in die Augen starrten, und Daniel konnte etwas spüren, das lauter knisterte als das Feuer. Die Bindung dieser Augen zeugte von purem Vertrauen, von purer Zugehörigkeit, von purer Liebe. Und als die beiden gleichzeitig lächelten spürte Daniel, wie lang es her sein musste, dass die beiden so ehrlich lächeln konnte. Es war, als gab ihnen dieser Ort Kraft zum Lächeln. Es war, als sei Daniel für diesen Ort verantwortlich.
Zuletzt fand sich Daniel an einer Bucht wieder, das Wasser hellblau leuchtend, zu einem Haus zog sich eine lange, in der Mitte zerrissene Brücke. Auf der Wiese saßen zwei Personen, die sich umarmten, und er sah, dass hier etwas passiert sein musste. Sie umarmten sich so kräftig, als wäre das ihr letzter Tag, ihre letzte Umarmung, oder, als wäre eben alles verloren gewesen. Nach und nach fielen sich auch die Umstehenden in die Arme, weinten und lachten, waren erleichtert und waren todmüde, schätzten die Zeit, die sie hatten.
Das alles schien Daniel so ganz und gar nicht nach der echten Welt: Denn da gibt es keinen Raum für spontane Umarmungen. Dort drüben wird verpönt, was glücklich macht, und das System verdreht die Augen, sobald man ihm entflieht.
Daniel war zu Hause angekommen, so sah er jetzt.
Und in diesem Moment fasste sich Daniel wieder, fand sich unter dem Baum liegend, an dem er zusammengesackt war, der Koala schaute besorgt auf ihn herab.
"Ich habe Mama gehört", sagte er. "Ich glaube, sie sucht mich. Bitte, Papa, gehen wir, bitte, Papa."
"Eddie", antwortete Daniel, er merkte schon, dass der Hobbyphilosoph sich jetzt zeigen wird, "Wir werden deine Mama finden. Und wir werden nicht nur deine Mama finden, wir werden Gestrandete finden und andere Tiere und vielleicht Antworten. Spring auf!"
Auch wenn Eddie nicht alles verstanden hatte, sprang er auf Daniels Schulter und Daniel dachte an den Baum, mit dessen Hilfe man es sich hier sicher gemütlich machen konnte, er dachte an all die tollen Menschen die er in seiner Vision gesehen hat, und er dachte an das Lagerfeuer, an dem er sich schon bald sitzen sah.
Daniel hatte zum ersten Mal seit Langem, und zum ersten Mal seit er der echten Welt entflohen war, eine Vision.
Er drehte sich ein letztes Mal zu dem Baum um, auf dem jetzt "CANTONIVM ARBOR - FVTVRVM, VALE!" geschrieben stand, und machte sich auf, in die idyllische Welt.
Anhang und so
Ähm - hi! Wenn das irgendjemand liest und für Verwirrung gesorgt haben sollte - Ich weiß, eigentlich sollte die Idylle mit "Gleichgewicht" und dem glücklichen Überleben aller Protagonisten zu Ende gehen (schließlich kann ich keine hunderte Teile über glückliches Weiterleben schreiben), jedoch fand ich vor Kurzem wieder richtig den Spaß am Schreiben und dachte mir, es wäre doch spannend, auf die Entstehung unserer Insel einzugehen und - Voilà! - hier ist das Ergebnis. Ich hatte sehr, sehr viel Spaß und hoffe, euch gefällt es :)
PS: Seit dem letzten Idylle-Part hat sich einiges geändert. Auf Twitter folgen mit 3 RL-Freunde, weshalb ich das hier kaum dort posten können werde (beim letzten Mal ging das nicht gut aus). Ich wäre euch allen, den Bewohnern dieser Insel, deshalb sehr, sehr dankbar, wenn ihr das teilen könntet, das würde mir unglaublich weiterhelfen. Danke schonmal im Voraus :)
Bạn đang đọc truyện trên: Truyen247.Pro